E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reitzer unter uns
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-7017-4209-7
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-7017-4209-7
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Angelika Reitzer, geboren 1971 in Graz, lebt als Schriftstellerin in Wien. Diverse Auszeichnungen, u. a. manuskripte-Förderungspreis, Hermann-Lenz-Stipendium 2007, Robert-Musil-Stipendium 2008, Reinhard-Priessnitz-Preis 2008. Ihr erster Roman, 'Taghelle Gegend' (2007), war für den aspekte-Literaturpreis nominiert. Zuletzt erschienen: 'Frauen in Vasen' (2008)
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Die Rehe sind stehen geblieben, ganz natürlich, sehr ruhig. Die Kitze äsen und halten sich dicht an die Böcke und Ricken. Plötzliche Geräusche machen ihnen nichts aus, Autos stören sie nicht. Sie wissen nichts von Gefahr. An alles können sie sich gewöhnen, schauen genau. Wer die Zuschauer sind und wer Darstellende, ist nicht mehr eindeutig zu erkennen, schon gar nicht für Clarissa. Aug in Aug und Aug in Aug. Eine Familie von mindestens zwei Dutzend Rehen. Wer würde sich zuerst bewegen? Dann macht sie einen Schritt, und die Gruppe zieht sich zurück, vorsichtig, immer noch. Ein Schritt nur, ein Schritt. Der Wald liegt hinter ihnen, das Fest beginnt in dem Moment, als alles schon hinter ihnen liegt, aber es erinnert in nichts an die Feste von früher.
Die Kinder sind mit Sport- und Spielgeräten ausgestattet, ein Mädchen, Lina oder Lena, posiert auf ihrem Roller. Ein bisschen ermattet wirken sie, vielleicht haben sie im Wald Ball gespielt, oder sie haben mit ihren Softbällen ein Turnier veranstaltet, wie früher : Familytennis. Der Garten hier ist fantastisch, mit einem uralten Kastanienbaum in der Mitte, um den herum eine alte Holzbank, einmal im Kreis, und einem großen, morschen Holzbrett, das schon Generationen als Schaukel dient. Auf den Tischen bunte Tücher, und wenn sich die eisernen Sesselbeine in den Kies bohren oder hin und her geschoben werden, knirscht es laut und leise im Kopf, und die jungen Frauen, die immer wieder nachschenken und ununterbrochen neue Speisen auftragen, lächeln die ganze Zeit, aber das strengt sie anscheinend nicht an. Das Essen ist gut und ausreichend, wenngleich die Portionen nicht so riesig sind wie zuhause, der Salat ist frisch, und der Wein schmeckt. Alle bemühen sich um eine halbwegs ausgelassene Stimmung, die Unterhaltung setzt sich eher schleppend in Gang, nur die Eltern amüsieren sich blendend.
Der Vater isst die Hälfte von früher, was die Mutter sichtlich mit Stolz erfüllt und ihm Zärtlichkeiten von ihr verschafft, die Clarissa an sehr viel früher erinnern. Aber diese Erinnerung hat auf der Stelle etwas Verlogenes, unzutreffend, macht alle anderen, die am Tisch sitzen, zu zufälligen Fremden. Ein Wir ist auf diese verzweifelten Menschen, die sich unbedingt gut unterhalten wollen, nicht anwendbar. Der Vater hat nicht nur ein bisschen abgenommen, aus der Nähe sieht man sein faltiges Gesicht und dass ihm sein Anzug jetzt bestimmt zwei Nummern zu groß ist. Das macht Clarissa stutzig, dass er für diesen Anlass nicht einen Anzug gekauft hat, der ihm passt. Noch immer kein Gefühl für die richtige Größe; er wird ja nicht von gestern auf heute so viel Gewicht verloren haben. Sein Hals verliert sich in dem Kragen, und die Krawatte gibt ihm den Rest. Ihr Vater ist alt geworden, wann ist das passiert? Er macht Pausen zwischen den Sätzen, manchmal wirkt es, als würde er mitten im Reden vergessen, was er gerade sagen wollte. Dann holt er wieder aus und spricht einfach weiter, fast wie früher. Er war fremd in dieser Gastwirtschaft, und das gefiel ihm, ließ ihn auch ein bisschen unsicher erscheinen. Zu den Kellnerinnen ist er höflich, wie er es niemals zu einer seiner Angestellten war. Er fragt Clarissa, wie es ihr geht, will, dass sie ausführlicher erzählt. So unvermutet steht er plötzlich neben ihr, dass sie sich umschauen muss, ob sein Erscheinen sonst noch jemandem auffällig vorkommt. Sie bemerkt nichts : später, sie wolle ihm nicht die Party verderben. Gleich ist er wieder verschwunden, und da versteht Clarissa, was sie so nervös gemacht hat : ihr Vater ist nie auf sie zugekommen.
Wenn sie Klärchen und den Vater in einem Restaurant am Nebentisch sehen würde, als Fremde, dann würden sie ihr wahrscheinlich nicht besonders auffallen : ein Paar, dem man zutraut, dass sie ein volles Leben hinter sich haben und noch ein paar fidele Jahre vor sich. Wenn. Sie hätte sich ausmalen können, wie sie am nächsten Tag die Enkelkinder von der Schule oder vom Kindergarten abholen und mit ihnen in ihr Wochenendhaus fahren. Ins Schwimmbad. Mit einem Kind Mathematik üben, mit dem anderen Pferdezeichnungen ausmalen, Kinderserien auf DVD anschauen, was auch immer. Das macht sie so aggressiv, dass sie aufstehen muss, und sie geht hinters Haus, wo ein privater Garten verwaist daliegt, nur eine nackte Glühbirne leuchtet schwach auf die Plastikmöbel und den Spieltraktor, der halb auf den Steinplatten, halb in der Wiese steht. Auf einem Trampelpfad, der zu einem eingezäunten Gemüsebeet führt, liegen Gummistiefel und ein Schlauch. Neben einem steinernen Podest stapeln sich Ziegel, ein Rost liegt daneben. Der Grill war bereits in Betrieb, obwohl er noch gar nicht fertig gemauert ist. Sie werden wohl niemals Enkelkinder haben, denkt Clarissa, sie geht davon aus, dass sie keine wollen. Ihre Eltern und kleine Kinder, die etwas mit ihnen zu tun haben, es ist undenkbar.
Sie geht auf ihr Zimmer und sucht das Telefon in der Tasche, niemand hat angerufen. Aus dem Garten ist jetzt Musik zu hören, Clarissa kommt sich vor wie ein kleines Mädchen, das auf dem Bett seiner Schwester sitzt und nicht mitfeiern darf, weil es zu klein ist. Im Bett der Schwester darf es nicht schlafen, aber mitten in der Nacht kriecht es unter die kalte Decke. Nach einer Weile hat es sich durchgesetzt, und die Eltern räumen Clarissas Bett aus dem Zimmer. Etwas fehlt. Niemand sagt ihm, dass die Schwester nicht wieder kommt, keiner sagt irgendetwas, nur der Onkel beruhigt es, dass es alles verstehen wird, wenn es einmal größer ist, doch daran glaubt das Mädchen nicht, an dieses Größer-Werden.
Anders als damals will sie jetzt nicht feiern, da unterscheidet sie sich nicht so sehr vom Rest der Familie, die Eltern immer ausgenommen. Denn die haben sich ja bereits verabschiedet aus diesem Verband, sie haben sich distanziert und wollen, dass sie alle mit ihnen die Gläser darauf erheben. Sie geht wieder zu den anderen, setzt sich zu Onkel Heinz an den Tisch. Sie reden wie Erwachsene miteinander, was vor allem heißt, dass er von seinen Frauen erzählt, den vergangenen und der jetzigen, von der Jugend, die er hinter sich lassen musste. Dabei ist er ein alter Mann jetzt. Und dann besinnt er sich und fängt an, auf sie einzureden, ihr gut zuzureden, Mut zuzusprechen und Durchhaltevermögen, so wie meistens eigentlich. Clarissa zeigt ihm, dass er so nicht mit ihr reden kann, beruhigt ihn, was ihr gut gelingt, denn er wolle seine Nichte nicht zum Weinen bringen; aber Tränen sind das Letzte, was er ihr bescheren würde. Sie trinken auf Vergangenes und Kommendes und tanzen zur Musik, die die Zwillinge abwechselnd aussuchen und auflegen, zwei Plattenteller gibt es. Als DJs bleiben sie akkurat, rotes und grünes und blaues Licht fällt auf ihre gegelten Seitenscheitel.
Der Ausstieg von Clarissas Eltern ist präzise geplant, dass der Vater Gewicht verloren hat, ein Detail im großen Ganzen. Ihr Gasthof ist seit über einem Jahr verpachtet, nun haben sie alles verkauft. Wohin sie gehen werden, wollen sie nicht verraten, weil sie zu dem Zeitpunkt noch nicht sicher sind, ob sie überhaupt noch Kontakt zu irgendjemandem haben wollen. Wenig Kopfschütteln von ihren Schwestern und Brüdern, von den Freunden und ihren Nachfolgern, die auch unter den Gästen sind. Spät am Abend macht die Mutter Clarissa mit ihnen bekannt, sie duzen einander, aber der Tochter tut es weh zu sehen, wie die Eltern an ihrer Anwesenheit leiden und wie sehr sie gleichzeitig bemüht sind, ihnen das Gefühl zu geben, zur Familie zu gehören. Diese Freundlichkeit, je entfernter das Verhältnis, desto freundlicher, wem sollte das gut tun, sie versteht es nicht. Und Clarissa? Sie kümmert sich doch nur mehr um sich. Um ihr Fortkommen, um ihre unmittelbare Zukunft, die kommenden paar Stunden. Die neuen Besitzer sind höfliche, vielleicht auch lustige Leute, aber sie sind fehl am Platz, vollkommen überflüssig in dieser Runde. Dass ihnen die ganze Sache gar nicht unangenehm ist, kann Clarissa nicht verstehen, will kein Wort mit ihnen wechseln, was ihr die Mutter gleich in strengem Ton vorhält. Zumindest davon sind sie dann unangenehm berührt, am nächsten Tag sind sie nicht mehr dabei. Ein letztes Mal, so der Vater, seid ihr alle meine Gäste, und ab dann bin ich der Gast, ausschließlich. Ich habe das Interesse an all dem, was rund um mich ist, immer auch ein bisschen gespielt, nein, das ist nicht wahr. Es war genau so, wie es sein musste, nicht? Wir haben doch alle unsere Pflicht getan, wir haben doch jede Verantwortung, ohne zu fragen, auf uns genommen, so sind wir. So hat man uns erzogen oder eigentlich wir uns selbst. So sind wir groß geworden, das war die Zeit. Zwischendurch winkt er dem einen Zwilling am DJ-Pult, der stellt die Musik aus, mitten im Lied wird unterbrochen, die Tanzenden stehen auf der Tanzfläche herum und hören zu. Bald geht die Musik wieder an, und er spricht einen Toast aus, die Gläser klirren, bleischwer. Ein paar Mal geht das so, niemand murrt, aber es unterbricht ihn auch niemand im Scherz, keiner ruft in diese Monologe hinein, dass er weitertanzen will, dass niemand hier Reden hören will. Niemand will Reden hören, sie tanzen aber auch nur, um sich die Zeit einigermaßen zu vertreiben. In kleineren Gruppen, wenn die Eltern nicht dabei sind, wird über ihren Plan gar nicht gesprochen,...




