Renn | Adel im Untergang | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 383 Seiten

Renn Adel im Untergang


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8412-0727-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 383 Seiten

ISBN: 978-3-8412-0727-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Leutnant Arnold Vieth von Golßenau, letzter Sproß eines uralten Adelsgeschlechts, der sich später den Namen Ludwig Renn gibt, will als junger, strebsamer Offizier in seinem Leben vorwärtskommen. Ihm gefällt die Welt der schönen Uniformen, der glänzenden Paraden, des lässigen militärischen Alltags. Er mag die meisten seiner draufgängerischen Kameraden, man trinkt und tanzt zusammen, besteht Mutproben und macht sich lustig über die im Dienst ergrauten Chargen. Alle rechnen mit einem Krieg, den aber niemand fürchtet, im Gegenteil. Doch irgendwann wird das Inferno der Grabenschlachten alles verändern. Vorbei sind die Zeiten der prunkvollen Bälle und der ausufernden Offiziersgelage, der kleinen und großen Intrigen, der freundlichen Anekdoten - ein Zeitalter ist zu Ende.

Als sich Ludwig Renn 1944 daranmacht, seine Erinnerungen an diese widerspruchsvoll-glückliche Vorkriegszeit mit der Genauigkeit des Offiziers und dem Humor eines großen Schriftstellers aufzuschreiben, lässt er den Dresdener Hofstaat jener Jahre noch einmal erstehen: Das Freundlich-Morbide dieses gesellschaftlichen Endzustandes atmet eine südliche Fin-de-siècle-Stimmung, gleich der, die damals im habsburgischen Wien herrscht. Je unbeschwerter der Vordergrund des Geschehens bei Hofe, in den Kasernen und Kasinos erscheint, desto deutlicher zeichnen sich die tiefen Klüfte im Hintergrund ab.



Arnold Friedrich Vieth von Golßenau, 1889 in Dresden geboren, begann eine Offizierslaufbahn und war im Ersten Weltkrieg an der Westfront stationiert. 1920 quittierte er den Militärdienst und nahm umfangreiche Studien auf. 1928 trat er in die KPD ein. Von den Nazis verfolgt, gab er seinen Adelstitel auf und nannte sich fortan Ludwig Renn. Er floh nach Spanien und beteiligte sich am Bürgerkrieg. Von 1941 bis 1947 lebte er im mexikanischen Exil, anschließend kehrte er in seine Heimat zurück, wo ihm zahlreiche Ehrungen zuteilwurden, darunter der Nationalpreis der DDR und die Ehrenpräsidentschaft der Akademie der Künste. Ludwig Renn starb 1979 in Berlin.

Renn Adel im Untergang jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Adlige Fräulein um 1900


Bei uns verkehrten Leute sehr verschiedner Art. Ich besinne mich, wie wir als Kinder allen möglichen Damen die Hand küssen mußten, die Visite machten, wie man das damals vor 1900 nannte. Da war vor allem eine ältere Dame in einem schwerseidenen Kleid, das rauschte, sobald sie sich bewegte. Sie sprach meistens französisch mit scharfem russischem R und hatte die ganze Liebenswürdigkeit des vorigen Jahrhunderts. So ähnlich sprach auch meine Mutter, die glücklich war, wenn sie uns zwei Jungen von ihrer Heimatstadt, dem bunten Moskau, erzählen konnte. Aber sobald mein Vater erschien, schwieg sie.

Ich konnte meine Mitschüler nicht verstehen, weil sie nicht backen und packen unterscheiden konnten. Aber das waren ja alles reine Sachsen. Mein Vater aber rühmte sich, ein halber Ire zu sein, und las fast nur englische Bücher. Von deutschen ließ er Schiller gelten. Und meine Mutter las Goethe mit tiefer Inbrunst und Moskauer Akzent.

Noch unsächsischer war die Atmosphäre bei ihrem Vater. Da gab es jeden Sonntagmittag große Tafel, zu der die meisten seiner sieben Kinder, unsre Familie und einige Gäste erschienen. Unter ihnen war Herr Taube, ein zierlicher junger Mann, von dem man wohl hoffte, daß er eine meiner Tanten heiratete.

»Stellen Sie sich vor«, rief Herr Taube über die Tafel hin, »jemand wollte auf sächsisch große Gedanken ausdrücken!«

Meine Tanten lachten, und mein Großvater lächelte durch seine goldne Brille meinen Vater an, der nicht gern zugab, daß er sächsisch sprach.

»Große Gedanken?« rief mein Vater mit blitzenden Augen. »Das kommt mir vor wie die Spießbürger vor fünfzig Jahren!«

»In der Tat«, erwiderte mein Großvater herablassend, »damals erklärte man die Seele noch nicht mit dem Sauerstoff.«

»Aber«, rief Herr Taube, »man hatte noch eine Seele!«

»Seele ist Unsinn!« schrie mein Vater.

Mein Großvater öffnete die sauber rasierte Mundöffnung in seinem großen Bart. »Ich glaube ja auch nicht an die Seele in dem Sinne, daß man sie irgendwo finden und in einem Reagenzglas analysieren könnte. Aber ich sehe nicht recht, wie ich mich freuen könnte, wenn ich keine Seele hätte.«

»Und Sie könnten auch keine edlen Gedanken haben!« rief Herr Taube.

Mein Vater, der den zierlichen Mann nicht leiden konnte, wandte sich jäh zu ihm. »Und Sie meinen, daß da ein Zusammenhang zwischen Mangel an edlen Gedanken und der sächsischen Sprache bestünde?«

Herr Taube erhob begeistert seine beiden dünnen Hände. »Ja, Herr von Vieth! Großartig haben Sie das ausgedrückt!«

»Und Sie meinen, daß auch ich sächsisch spräche?« fragte mein Vater mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Ja, ohne Zweifel.«

Ich fürchtete schon, mein Vater würde wieder einmal so brüllen, daß es einem angst und bange würde. Aber da sah ich, wie mein Großvater in seinen Bart hineinkicherte und anfing, heftig zu husten.

»Ist dir nicht gut, Papa?« rief meine Mutter ängstlich.

»Im Gegenteil«, flüsterte er, von seinem Husten unterbrochen. »Mir ist zu gut. Und ein bißchen Freude schadet meiner Lunge nicht.«

Die Großmutter lächelte am anderen Ende der Tafel mit ihrem dünnen russischen Munde und ihren Schlitzaugen. »Was redet ihr da wieder für Unsinn!«

»Unsinn?« rief eifrig Herr Taube. »Große Gedanken sind kein Unsinn! Und man kann das Erhabne doch nicht auf sächsisch ausdrücken! Oder wollen Sie etwa auf der Bühne deklamieren:

Verlassen hab ich Feld und Auen,

Die eine diefe Nachd beteckt,

Mit ahnungsvollen heilchen Krauen

In uns die pessre Saele weggd?

Es kann doch keine Seele ohne Form geben!«

Der Bart meines Großvaters wackelte vor Lachen, während mein Vater schrie: »Als ob Sachsen nicht Dichter, und vor allem Maler, hervorgebracht hätte!«

»Eben das ist es«, rief meine Tante Manja. »Es gibt wenige sächsische Dichter und viele Maler und Komponisten. Vor lauter Verzweiflung über ihre Sprache griffen sie zur Farbe und zum nicht gesprochenen Ton!«

Jetzt redeten alle durcheinander. Ich hörte meinen Vater empört schreien: »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Herr Taube, daß in Deutschland alles schlecht wäre?«

»Nein«, sagte mein Großvater, »nicht schlecht. Aber dumm. Rußland ist korrupt und um Jahrhunderte zurück. Aber man ist dort viel gescheiter als in diesem spießigen Deutschland oder gar in Sachsen.«

»Da fehlt wirklich nur noch«, rief mein Vater, »der Angriff auf unser Königshaus!«

»Aber, Herr von Vieth!« rief Herr Taube. »Ich habe von Ihnen sonst immer nur gehört, wie Sie Ihr Königshaus, die Wettiner, als verkommen und maßlos hochmütig bezeichnet haben!«

»Das ist es eben, was Sie als Russe nicht verstehen.«

»Doch, gerade das verstehe ich. Wir haben selbst einen Zaren ...«

»Und Sie haben auch den Anarchismus und Nihilismus!«

»Erlauben Sie, ich bin weder Anarchist noch Nihilist!«

»Ach, alle Russen haben diesen Geist der Auflehnung und Zersetzung!«

»Hansi!« sagte meine Mutter beschwichtigend.

Aber er ließ sich nicht beruhigen. »Natürlich taugt unser Königshaus nicht viel. Und der Kaiser in Berlin, dem fehlt es wieder an Takt. Und trotzdem dürfen wir den Geist der Zersetzung nicht aufkommen lassen. Denn wenn das Volk diese Gedanken in sich aufnimmt, so wird es rebellisch!«

Mein Großvater lachte wieder in seinen Bart hinein. »Das Essen wird dir auf dem Teller kalt vor lauter Nihilismus und Königshäusern. – Ich glaube übrigens, daß gerade du unter uns allen der am wenigsten Konservative bist.«

Nach dem Essen drängte meine Mutter zum Aufbruch.

Als wir nach Hause kamen, meldete das Stubenmädchen: »Graf und Gräfin Bülow sind im Salon.«

»Sind sie schon lange da?« fragte Mama.

»Schon zwei Stunden, gnäd’ge Frau.«

»Ach, wie schade«, und Mama flüsterte meinem Vater zu: »Sie haben sicher bei uns zu Mittag essen wollen.«

»Warum essen sie nicht zu Hause?« fragte mein Bruder.

»Still, Viktor! Sie sind sehr arm.«

»Bitte«, sagte Papa, »erspare mir diesen Besuch. Nachher komme ich zum Kaffee für ein paar Minuten hinüber.«

Wir Kinder mußten mit Mama in den Salon gehen. Die beiden erhoben sich von den Polsterstühlen unter den großen Ölbildern eines unsrer Vorfahren, der da in rotem Samt und mit langer gestickter Weste saß, und seiner Frau in weißem Atlaskleid und dicken Ohrgehängen aus vielen Perlen. Die Gräfin kam meiner Mutter mit zuckenden Augen entgegen. Wir küßten ihr die Hand und wandten uns dem Grafen zu, von dem wir wußten, daß er blind war. Wir faßten nach seiner Hand, und er sagte freundlich in falscher Richtung: »Guten Tag.«

Meine Mutter beugte sich vor. »Liebe Komtesse, es tut mir so leid, daß wir nicht da waren. Ich habe angeordnet, daß sofort etwas bereitet wird – was wir gerade im Hause haben. Bitte, gedulden Sie sich noch ein halbes Stündchen!«

Wir setzten uns. Die Gräfin erzählte etwas vom preußischen Hof, was uns Kinder nicht interessierte. Ihr Ton war nicht angenehm. Ich wußte nicht weshalb, aber ich fürchtete mich vor ihr. »Kinder!« sagte Mama, »Geht und sucht eure Freunde! Und wenn ihr sie zum Kaffee herüberbringen wollt, so könnt ihr das tun.«

Wir zwei Brüder gingen über die Straße, um Viktors Freund, Otto von Erdmannsdorff, zu treffen. Als wir die Treppe hinaufstiegen, kam er uns entgegengestürzt. »Wißt ihr schon, daß der Prinz Friedrich August zu uns kommt? Mit seiner Frau! Sie ist eine Erzherzogin.«

»Warum kommen sie denn zu euch?« fragte ich.

»Nu, fressen!« rief Otto. »In drei Tagen kommen sie! Mein Vater ist verrückt geworden vor Aufregung! Ich sage euch, den solltet ihr herumbrüllen hören. Kommt mit rauf! Da könnt ihr sehen, wie er mit umgebundener Schnurrbartbinde die Polsterstühle hin und her schiebt! Fein, sage ich euch!«

Meine Mutter behielt die Geschwister Bülow auch zum Abendessen da. Bei uns wurde zu allen großen Mahlzeiten serviert. Zuerst reichte man der Komtesse, dann dem Grafen. Da er aber nicht sah, legte ihm meine Mutter alles vor. Seine Schwester beherrschte mit meinem Vater zusammen das Gespräch. Sie sprach von einem Besuch bei ihrem ältesten Bruder, dem Majoratsherrn von Grünhoff.

Mein Vater unterbrach sie: »Glauben Sie, daß die Einrichtung der Majorate gut ist?«

»Wir jüngeren Geschwister können wohl kaum von gut sprechen. Denn von der Auszahlung, die wir erhalten haben ...«

»Bitte nicht!« sagte ihr Bruder.

»Gut, eben nicht. Aber, Herr von Vieth, selbst wenn Sie den Punkt der jüngeren Geschwister nicht berühren, so ist das System nicht gut. Der älteste Sohn erbt doch alles. Zuerst geht er zum Militär und wird Leutnant, natürlich im teuersten aller Kavallerieregimenter. Dort gewöhnt er sich das hemmungslose Schuldenmachen an, weil ihm jeder in Voraussicht der kommenden Erbschaft pumpt. Wenn dann der Vater stirbt, zieht er sich mit den ungeheuren Ansprüchen, an die er sich gewöhnt hat, auf sein Schloß oder Herrenhaus zurück. Außerdem versteht er nichts, absolut nichts von der Landwirtschaft und den Geschäften. Er wird zu einem ...«

»Bitte nicht!« sagte der Graf und wandte sich freundlich an meine Mutter. »Der Käse ist ganz ausgezeichnet. Darf ich noch um etwas bitten?«

Es klingelte. Vom Flur her hörte ich laute Frauenstimmen, darunter die der Schwester...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.