Renz | Der Beamte Wieler | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 302 Seiten

Renz Der Beamte Wieler

Protokoll einer Karriere
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-948696-97-9
Verlag: Molino Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Protokoll einer Karriere

E-Book, Deutsch, 302 Seiten

ISBN: 978-3-948696-97-9
Verlag: Molino Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Der Beamte Wieler taucht nach der Wahl an der Seite der vielversprechenden Parteipolitikerin auf. Gebogen wie ein Kleiderbügel sieht man ihn der Chefin des Hohen Hauses nacheilen. Niemand kennt ihn. Keiner weiß etwas. Die Spekulationen über den Neuen schießen ins Kraut. Als Wielers Blitzbeförderung ruchbar wird, gerät der biegsame Verwaltungskarrierist unversehens in ein parteipolitisches Scharmützel. Nicht nur in der Ökopartei, die alles anders machen will als das Ancien Régime, regt sich Widerstand. Der Apparat schlägt zurück. Ein Roman über opportunistische Postenjäger, über Mobbing, Intrigen und die Verführung von Macht und Geld. Die Grünen, aber auch die Union als gefühlte Staatspartei geben die Folien ab.

Gabriele Renz, geboren in Konstanz, studierte Slavistik/russische Literatur und Politikwissenschaften bevor sie 28 Jahre als Tageszeitungsredakteurin (Südkurier) arbeitete, davon 17 Jahre als landespolitische Korrespondentin in Stuttgart. In dieser Zeit begleitete sie journalistisch nur einen Hauptbahnhof, aber gleich vier Ministerpräsidenten. Mit dem vierten, Winfried Kretschmann, tanzte sie als Vorsitzende der Landespressekonferenz den Eröffnungswalzer des Landespresseballs. 2017 der Wechsel als Pressesprecherin zum Landtag von Baden-Württemberg. Heute leitet sie die Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit der Architektenkammer Baden-Württemberg. Mit Mann und zwei Kindern lebt und arbeitet sie in Stuttgart. Geschrieben wird im Schwarzwald und am Bodensee - in jeder freien Minute.
Renz Der Beamte Wieler jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Wieler, der Neue


Wieler konnte seine Art nicht verbergen. Nach vorne gebogen wie das Obere eines Kleiderbügels, rannte er hinter seiner Chefin her. Das Nacheilen folgte einer Choreografie, von der manche annahmen, dafür gebe es eine Vorschrift, ja es sei im Protokoll geregelt. Was die Leute sich so vorstellten, hoheitliche Sphären betreffend.

Wieler dagegen meinte, ein Laufen und Hetzen vorgeben zu müssen als Ausweis seiner Beflissenheit, indem er den Kopf weit vorstreckte und den Allerwertesten mit einigem Abstand nachfolgen ließ. Vermeinte er Augen auf sich gerichtet, konnte der Winkel, den sein Körper formte, an eine chinesische Dreiviertelverbeugung heranreichen. Aber wir wollen nicht übertreiben, es reicht zu wissen: Jener Wieler beeilte sich unter fremdem Blick doppelt, seine Chefin einzuholen, um wichtige Geschäfte vorzuschützen.

Der Anzug, in dem er steckte, glich dem Zweiteiler seiner politischen Anfänge – das war gerade zwei Jahre her – wirklich nur in diesem dunkelgrauen, für lange Tragestrecken angelegten Farbton. Aber die Passform! Welten! Obwohl Wieler gut gebaut war und in jungen Jahren sicher etwas hergemacht hatte mit seinem Körper: einem V aus breiten Schultern und schmalem Becken, waren Hose und Jackett, in denen er seine neue Arbeitsstelle angetreten hatte, mehr schlecht als recht an ihm gehangen. Der Anzug, den er in die ersten Wochen seines neuen Lebens hinüberrettete, war entschieden zu weit, zu schlabberig, der Stoff zudem ohne Qualität, an manchen Stellen mehr Netz als Gewebe, was darauf schließen ließ, dass er ursprünglich dazu auserwählt war, seinem löchrigen Ende auf dem alten Stuhl in Zimmer RB II 3.4 entgegenzuwetzen.

Doch nun war Wieler in der politischen Institution angekommen. Und mit ihm ein neuer Zweiteiler, der trefflich seine Dienstbarkeit und sein Bestreben im Hohen Haus anzeigte, denn der nicht mehr ganz junge Mann hatte Fährte aufgenommen und steuerte auf ein Ziel zu, das höchstens er selbst kannte. Vielleicht nicht einmal das.

Doch wen interessierte schon die Karriere eines x-beliebigen Beamten, der die Stufen zur Pension nimmt, so sicher wie das Amen in der Kirche? Im Laufe dieser Geschichte werden sich manche zuerst wundern und sich am Ende vielleicht mit der flachen Hand auf die Stirn schlagen vor Erstaunen, denn der Neuzugang überraschte sie alle.

Wieler war von einem Tag auf den anderen da. Woher er kam, was ihn angetrieben hatte, den Schritt zu wagen ins Gefolge der Chefin, blieb für die meisten Kollegen im Unklaren. Wir können jedoch auf allerhand Unterlagen und Materialsammlungen zurückgreifen, die belegen, dass es Wieler ziemlich genau zwei Wochen nach der Wahl herausdrängte aus der geschützten Stube des alten Amtes, wo die Pflanze neben dem Heizkörper gleichsam mit ihm, seinem Besitzer, Jahr für Jahr, ein wenig mehr eintrocknete.

Mehr als zwanzig Jahre tippte Wieler in einer Regionalbehörde am Rande der Stadt nach, was andere errechnet hatten, er war, ohne ihm zu nahe treten zu wollen, kaum mehr als ein Zahlenkolonnenprüfer. Man konnte nicht sagen, dass seine Verrichtungen überflüssig gewesen wären, aber keine zwei, drei Jahre später und jede bierdeckelgroße Lötplatte hätte seine Arbeit ohne Urlaubsanspruch und Krankenbeihilfe, sogar ohne ein eigenes Zimmer übernommen. Es wurde also, wie man so sagt, höchste Eisenbahn, sich etwas zu suchen. Und wie er es fand! Dass Wieler einmal ein solcher Glücksritter werden sollte, war einfach zu unwahrscheinlich.

Niemals wäre zum Beispiel sein alter Nachbar Konzmann, der einen guten Riecher für Menschen auf der Überholspur hatte, auf die Idee gekommen, dass dieser Wieler einmal mit Präsidenten und Schriftstellern, mit den bekanntesten Menschen überhaupt an einem Tisch sitzen oder ein schnelles Telefonat führen würde. In der Waisenstraße 13, wo die Wielers eine recht komfortable Altbauwohnung zur Miete ergattern konnten, war ihm der freundliche Nachbar aus Etage drei nicht einmal im Hausbeirat aufgefallen, obwohl er ihn selbst aus Mangel an Alternativen hineingewählt hatte. Einer wie Konzmann konnte durch einen solchen Menschen geradezu hindurchsehen. Wieler war es nur recht, denn jeder Gang nach außen erforderte von ihm Überwindung, zu groß war die in ihm lauernde Vorahnung einer Blamage. Den meisten Menschen, die Wieler begegneten, war er ein Rätsel, als Individuum schwer zu fassen. Deshalb wohl hatte niemand die zarten Anfänge seiner Sichtbarwerdung auch nur im Geringsten wahrgenommen.

Als Held unserer Zeit war der Knabe wahrlich nicht angelegt. Und doch: Die Sensiblen unter den neuen Kollegen schnupperten den würzigen Geruch des Ehrgeizes an ihm, einen zarten Hauch nur, aber er lag in der Luft, wenn Wieler vorbeieilte.

Keine sechs Monate zuvor, an einem Abend im Oktober oder November, war Wieler völlig unvermittelt in der Stadtgruppenversammlung der Ökopartei gesessen. Lange stand er an der Wand neben der Garderobe, ein Bein ans Mauerwerk gestützt, die Arme wie zum Schutz verschränkt. Dann rückte er unbemerkt, wie auch sonst, an den Tisch zu den Repräsentanten der Siegerstraßenpartei vor, zuerst drei Stühle, dann zwei, dann bis direkt neben die Vorsteherin.

Wieler hatte sich eine Taktik zugelegt, auf die man erst einmal kommen musste: Wenn einer nach zwei Bieren aufs Örtchen ging, eine andere zum Stillen des Kindes schnell den gewärmten Sitz verließ, schob sich Wieler weiter, einen Platz nur, gerade so viel, dass die Wiederkehrenden eine kurze Irritation verspürten, aber wegen Wielers freundlicher Unscheinbarkeit an eine Erinnerungsschwäche glaubten. So bewegte sich Wieler seitlich in Krebsmanier immer näher zum Zirkel der Macht, um genau zu sein: Allein Wielers Gesäß brachte diese Leistung zustande.

Wieler mied so gut es eben ging das öffentliche Wort, aber als die Servicekraft seine Getränkewünsche abfragte, konnte er natürlich nicht vermeiden, einen Ton von sich zu geben. Da drehte die Vorsteherin ihren Kopf und erkundigte sich nach seinem Namen.

»Wühler?«, stutzte sie im Glauben, er schriebe sich wie das Antiatomdorf Wyhl, und schob einen Satz nach, der ihn kurz elektrisierte, wiewohl er nicht genau wusste, warum.

»Bei den Name mussd du ja was werden bei uns! Wir sind die Heimat der Widerständigen«, lachte sie nach der Abstimmung beim Sauvignon Blanc, an dem es freilich nicht lag, dass sie sön sagte.

Obwohl sie schon lange im deutschen Süden lebte, bekam sie den hohen Norden, aus dem sie stammte, nicht aus ihren Wörtern. Nach kurzem betretenem Schweigen schwenkte man auf ein anderes Thema, weil der, der die Vorlage hätte nutzen können, um sich mit einigen wenigen Aperçus bekannt zu machen, nur stumm am Glas nippte. Von Politik verstand Wieler recht wenig. Mit den Optionen der Macht, von der auch an diesem Abend ständig die Rede war, konnte er ebenfalls wenig anfangen. Und doch ging Wieler an jenem Abend verstört nach Hause, von dem Gedanken durchströmt, dieser Wieler müsse eine große Gestalt gewesen sein. Seine Frau, wer sonst, kam ihm zu Hilfe: »Die Vorsteherin konnte ja nicht wissen, dass man dich anders schreibt.«

Es folgte eine kleine Geschichtsstunde über den Kampf von Bürgern gegen ein geplantes Atomkraftwerk im Badischen. Man sollte meinen, Wieler sei damit aufgewachsen, dass Leute, die den Namen zum ersten Mal hörten, reagierten wie die Vorsteherin.

Aber im Wieler’schen Elternhaus war Ahnenforschung der anderen Art betrieben worden: Dem Vater genügte die Feststellung, die Vorfahren seien in den Adelsstand erhobene Radmacher gewesen, um in der Familie den Ehrgeiz zum Standesmerkmal auszurufen. Wieler Junior litt schwer unter dem dominanten Mann, der den verkümmerten Willen seines Sohnes, ein berufliches Fortkommen in Aussicht zu nehmen, bis zu seinem letzten, röchelnden Atemzug als Schmach empfand.

Doch jetzt, da seine Frau über die von der Polizei weggetragenen Bauersfrauen und Winzer erzählte und von dem Ministerpräsidenten der Beharrlichen, dessen größte Blamage keineswegs die Prophezeiung war, ohne die Atomspaltung werde bald das Licht ausgehen im Land, jetzt stiegen in ihm nach und nach Erinnerungen auf, die er am liebsten in der Versenkung gelassen hätte. Sein Sprössling trage seinen Namen, aber nicht sein Skelett, pflegte der Vater zu sagen, wenn er die Vorstandskollegen privatissime in seiner Jagdhütte um sich scharte und sich einer unvorsichtigerweise nach dem Herrn Sohnemann erkundigte.

Und wenn sich einmal im Jahr die weitläufige Verwandtschaft traf, dröhnte der Vater nach dem zweiten Cointreau, ein Wieler gebe nicht klein bei.

»Wir sind Kämpfer – mit Ypsilon oder ohne!«

Die Idee, sich auf der Stadtteilversammlung sehen zu lassen, stammte selbstredend von Wielers Frau. Sie überhörte sein kleinlaut geäußertes Bedenken und blieb stur. Wenn er je auf eine Liste gewählt werden wolle als Kandidat, schade es gewiss nicht, wenn die Leute von der Siegerstraßenpartei sein Gesicht wenigstens einmal gesehen hätten, oder, dachte er bescheiden, wenigstens seine Brille.

Wieler selbst glaubte nicht daran, dass sie ihn bemerken würden. Hatte man ihn etwa die zwanzig Jahre im Regionalamt gesehen? Hatte ihn Konzmann auch nur einmal zur Kenntnis genommen? Mit den Machthungrigen konnte er sowieso nicht mithalten, denen die Hormonschübe den Schritt breit und die Stimme laut machten. Wielers Drang in die Sichtbarkeit glich eher nanogroßen Stupsern eines mit weniger als 2.000 Volt durchströmten Koppelzauns. Tick, tick, tick.

Aber es war ein Anfang. Wieler hatte es...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.