E-Book, Deutsch, Band 1, 135 Seiten
Reihe: Phönix
Rescher Phönix: Brennen
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7565-6751-5
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 135 Seiten
Reihe: Phönix
ISBN: 978-3-7565-6751-5
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sozialarbeiterin mit Wurzeln in Köln. Jahrgang 1987 und wohnt derzeit in einem alten Bauernhaus in der Eifel.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kannst du mich klopfen hören?
Nach fünf Jahren Universitätsstudium war ich gerade dabei mein Leben in Trier für drei Monate in Koffer zu packen. Ich hatte vor nach Nordirland zu fliegen und dort auf einem Demeter-Hof als Praktikantin Erfahrungen zu sammeln. Trotz Philosophie- und Psychologie-Studium hatte ich keine konkrete Zukunfts-Perspektive und wurde zunehmender verzweifelter.
Dieses Studium war gut und schön, aber viel zu theoretisch. Meine Leistungen waren weder herausragend noch schlecht und wenn ich ehrlich bin, war es ein netter Zeitvertreib, während ich eigentlich nur auf der Suche nach meiner großen Liebe war.
Und das war ich reichlich, von Donnerstag bis Montag, ob auf WG-Party, Studentenparty oder nur einfach innerhalb der Trierer Kneipen.
Auch bereits morgens nach einer Klausur, gerne ab elf Uhr vormittags.
Gar kein Problem.
Meinen Semesterplan gestaltete ich mir stets flexibel.
Welche Art von Alkohol ich trank war mir schnuppe, die Hauptsache war, es knallte ordentlich, denn irgendwie musste ich mein Leben unbedingt spannender machen.
Betrunken fiel es mir viel leichter mit Fremden ins Gespräch zu kommen oder aber mit diesen mit nach Hause zu gehen.
So lernte ich auch die abgelegensten Gegenden Triers und deren viele Studenten-WGs kennen.
Auf dem Nachhauseweg machte ich es mir gerne in den frühen Morgenstunden auf dem tagsüber stark befahrenen Alleenring gemütlich, um dort auf der verlassenen Fahrbahn die Sterne zu beobachten oder legte mich für ein kurzes Nickerchen auf einer Bank am Rande des größten Parks der Stadt.
Einmal traf ich auf dem Nachhauseweg auch einen vollkommen Fremden und machte mit diesem einen kleinen Abstecher in die Kaiserthermen, einem römischen Wahrzeichen der Stadt:
Die Mauern, die diese umgeben, sind von der Straße nur kniehoch, allerdings liegen die Thermen zirka drei Meter tiefer und eben diese Distanz sprangen der fremde Kerl und ich hinunter, um einmal quer durch das Gelände zu flitzen, um auf der anderen Seite wieder vor der drei Meter hohen Mauer zu stehen. Die Räuberleiter, welche er mir anbot, klappte noch recht gut, ihn hinter mir die Mauer hochzuziehen nicht mehr so ganz und das Runterspringen auf der anderen Seite lief dann schief:
Als ich mich ins undurchdringliche Schwarze fallen ließ, sprang ich nicht weit genug von der Mauer weg und schrammte mir dabei die ganze linke Körperhälfte auf. Aber was tut man nicht alles für eine abgefahrene Geschichte.
Den nächsten Tag wachte ich meist in körperlich angeschlagenen Zustand auf. Bei mir daheim, aber oft auch in Betten von Männern, die ich am Vorabend kennengelernt hatte. Oder auf Couchen irgendwelcher WGs. Oder aber bei Freunden von mir.
Als Sechzehnjährige sogar einmal an Sylvester neben den Toiletten eines Grillhäuschens eingewickelt in mehrere Lagen Alufolie, um auf dem kalten Boden nicht zu erfrieren.
Wahrscheinlich hatte ich damals eine Alkoholvergiftung, denn ich konnte die anschließenden zwei Tage nichts zu mir nehmen, ohne mich direkt wieder zu übergeben.
In diesem Stadium meines Lebens lief er mir eines Tages dann im vierstöckigen Treppenhaus über den Weg:
Ein zwei Meter großer, schlaksiger Typ mit kalkweißem Gesicht, wuscheligen braunen Haaren, die lässig zu einer Seite rüber gekämmt und im Nacken sowie an den Schläfen rundherum ausrasiert waren. Seine schwarzen Knopfaugen lagen in tiefen Augenhöhlen und fixierten mich direkt unangenehm intensiv. Supernervös und fahrig war er unterwegs und daher knallten wir fast gegeneinander:
„Ach, bist du nicht der Neue, der neben mir eingezogen ist?“
„Ja genau.“
Kurze stellten wir uns gegenseitig vor, aber da eine grimmig schauende Tussi mit riesiger Oberweite hinter ihm stand, hielt ich mich möglichst kurz. Nicht dass die Alte mir noch an die Gurgel ging. Als ich Thomas, so hatte er sich mir vorgestellt, aber dann davon erzählte, dass ich in zwei Wochen für drei Monate nach Nordirland reisen würde, schaute er ganz enttäuscht.
Ich wunderte mich kurz, dachte dann auch nicht weiter darüber nach, denn schließlich war ich gerade eigentlich tierisch in einen Kommilitonen mit eigener Band verknallt. Der hatte zu der Zeit zwar eine Freundin, aber das hatte uns nicht daran gehindert regelmäßig im gleichen Bett zu schlafen.
Diese Freundin lebte in einer Stadt am anderen Ende des Bundeslandes und daher machte ich mir auch schwer Hoffnungen, nachdem er mir immer wieder im Schummerlicht seiner Einzimmerwohnung selbstgeschriebene Lieder auf der Gitarre, garniert mit Herzschmerztexten über Alleinsein und Weltschmerz, kredenzte.
Dass er die drei Monate, die ich in Nordirland verbringen würde, mit seiner Freundin auf Fahrrädern durch halb Frankreich flitzen würde, störte mich zwar tierisch, aber er versprach ja, dass wir in Kontakt bleiben würden.
Also brach ich nach Nordirland auf (er fuhr mich sogar noch nach Köln, von wo ich mit dem Flugzeug starten würde) und verbrachte dort ganz zwei Wochen mit fürchterlichem Liebeskummer und Heimweh.
Nach diesen zwei Wochen voller Tränen und Selbstzweifel, schaffte ich es mich in einen Bus zu setzen, in drei Stunden von dem kleinen Örtchen in Nordirland zum Dubliner Flughafen zu fahren und schlussendlich in den Flieger nach Hause zu steigen. Ich war vollkommen demoralisiert und hatte gleichzeitig auch noch ein schlimmes Problem mit meiner Haut:
Bei meiner genetisch bedingten und chronischen „Psoriasis pustulosa“ bilden sich am ganzen Körper kleine rote, wahnsinnig juckende und sich schuppende raue Stellen, die trotz allen möglichen Cremes und Totes Meersalz- Bädern unaufhaltsam größer wurden. Im schlimmsten Stadium verschmolzen dann irgendwann alle Punkte zu einem einzigen offenen, juckenden Teppich, der bestimmt achtzig Prozent meines Körpers überzog.
Und dieses Stadium war gerade erreicht.
Folglich kam ich mit einem schlechten Gewissen, grandios schlechter Haut und voller Selbstzweifel im Gepäck wieder zurück.
Ich schleppte mich niedergeschlagen und auf Grund der Hautsituation voller Schmerzen die vier Stockwerke zu meiner Wohnung hoch als ich ihm oben auf dem Flur erneut in die Arme lief.
Meinem riesigen Nachbarn.
Er wundere sich ganz verdutzt über meine Anwesenheit, da ich ja in Nordirland sein sollte und ich erklärte ihm nur kurz, dass ich wieder da sei, weil ich abgebrochen hatte.
Daraufhin strahlte er über das ganze schmale Gesicht, obwohl auch jetzt wieder die grausige Alte hinter ihm stand.
Als ich weiterging und meine Zimmertür aufschloss, freundete ich mich bereits mit dem Gedanken an, mich mit ihm zu trösten, trotz der Tatsache, dass ich schon lange vor seinem Einzug durch seine Vormieterin gewarnt worden war, dass er ein Drogenproblem hatte.
Ein paar Tage später war Freitagnacht und ich legte mich relativ früh ins Bett, da ich am nächsten Morgen um fünf Uhr aufstehen und zu meiner Frühschicht bei der Tankstelle um die Ecke erscheinen musste. Doch bei meinem Nachbarn nebenan lief die ganze Zeit laute Elektromucke und ständig kam oder ging jemand.
Generell war ich schwer vom Schlafen abzuhalten, denn ich wohnte bereits sechs Jahre in einem Dachgeschoss eines Möbelgeschäfts mitten in der Trierer Innenstadt, welches der Vermieter lediglich durch ein paar Sperrholzplatten in einzelne Räume unterteilt hatte
Mein „Kaninchenstall“, wie meine Mutter meine Wohngemeinschaft treffenderweise nannte, war folgendermaßen aufgebaut und daher auch besonders hellhörig:
Unser Stockwerk, direkt unterhalb des Dachstuhls, wurde durch einen langen Flur in der Mitte in zwei Hälften geteilt, von welchem neun Türen in das jeweils dahinterliegende Zimmer unter der Dachschräge führten.
So führte die erste Tür links vom Flur in das erste Zimmer, welches nur mit der anderen innerhalb des Zimmers liegenden Tür mit dem Raum daneben verbunden war. Der nebenliegende Raum war nicht durch eine Tür zum Flur erreichbar, sondern lediglich von beiden Räumen, die ihn umgeben. In jedem dieser Mittelzimmer befand sich eine klitzekleine Küchenzeile und eine weitere Tür zu dem dahinterliegenden Badezimmer. Folglich konnte man vom Flur aus seine Wohnung nur erreichen in dem man seine Zimmertür aufschloss, durch sein dreizehn Quadratmeter großes Zimmer stiefelte, um dann durch die Küche ins Bad zu gehen. Und von der Küche ging dann, deiner Verbindungstür genau gegenüber, die Verbindungstür zum zweiten Zimmer ab. Folglich lagen drei genau gleich große Zimmer direkt nebeneinander und bildeten eine Wohneinheit. Und dies wiederholte sich nach jeder zweiten Tür.
Das bedeutete, dass mein Zimmer durch die Küche und das Bad von den Geräuschen meiner Mitbewohnerin abgeschirmt war, aber gleichzeitig das zweite Zimmer der Wohngemeinschaft nebenan direkt an meine andere Zimmerwand angrenzte.
Und dort schlief eben dieser Nachbar.
Nennen wir ihn Thomas.
Beziehungsweise schlief er nicht, sondern feierte dort fast die ganze Woche rund um die Uhr.
Und regelmäßig drehte dort entweder er oder irgendein anderer Idiot, der zu Besuch war, mitten in der Nacht die Lautstärkeregler seiner Anlage hoch.
Woraufhin ich nebenan im Bett regelmäßig hochschreckte.
In der ersten Nacht nach meiner Rückkehr war ich bereits zweimal durch das nächtliche Aufdrehen vom Schlaf abgehalten worden und als es dann zum dritten Mal dazu kam, sprang ich wie eine Furie aus meinem Bett, nestelte mich schnell in eine Jogginghose und ein...




