Resinek | Dich hab ich nicht kommen sehen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 397 Seiten

Reihe: Lübbe

Resinek Dich hab ich nicht kommen sehen

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-0405-2
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 397 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-0405-2
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Manchmal hat das Glück deinen Wohnungsschlüssel

Der erste Tag in der neuen Berliner Wohnung fängt für Mari Thaler nicht gut an: Der unrasierte Typ, dem sie aus Versehen ihre Wohnungstür in den Rücken gerammt hat, ist ausgerechnet der Bruder ihrer Vermieterin. Und Mari hat ein paar ziemlich peinliche Dinge zu ihm gesagt. Zu allem Überfluss zittern ihr bei Leos Anblick auch noch die Knie. In seiner Gegenwart ist ihre kostbare Selbstdisziplin futsch. Hoffentlich hat er's nicht bemerkt! Zum Glück wird sie ihn ja eh nie wiedersehen, denkt sie. Doch ihre herzliche Vermieterin Alexandra schließt Mari in ihr Herz - und so läuft sie Leo ständig über den Weg. Aber der ist auf einmal seltsam abweisend ...



Nina Resinek, 1977 in Toronto geboren, hat sieben Jahre als Rechtsanwältin in einer großen Wirtschaftskanzlei in Frankfurt am Main gearbeitet. Nun lebt sie mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ein paar erfundenen Haustieren in Siegen. Dich hab ich nicht kommen sehen ist ihr erster Roman.

www.nina-resinek.de

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1


Die ehemalige Nähmaschinenfabrik stand in zweiter Reihe hinter einem achtstöckigen Häuserblock, den Thomas Conrad »Riegel« genannt hatte. Im Sommer konnte man das Fabrikgebäude von der Straße aus wahrscheinlich gar nicht sehen. Es lag zwar ein wenig versetzt und lugte an einer Ecke aus dem Schatten des Riegels hervor, aber dort verbarg es sich hinter einer Handvoll hoher Bäume, die einen Matschweg säumten.

Mari war zweimal an ihrem Haus vorbeigelaufen, obwohl der gelbe Backstein durch die kahlen Äste der Bäume hindurchleuchtete. Sie war vor dem hässlichen Häuserblock stehen geblieben, um auf ihrem Telefon die Wohnungsanzeige zu studieren. Nein, sie hatte die Hausnummer nicht übersehen, es war keine angegeben. Die Anzeige war ohnehin … komisch.

Maris Freundin Emma hatte die Anzeige für sie im Internet aufgetrieben und darauf bestanden, dass sie sich sofort nach ihrer Ankunft in Berlin zuallererst mit diesem Vogel treffen würde. »Ich hab da ein gutes Gefühl.«

»Emma, glaub mir, da macht sich ein Zehnjähriger einen Spaß.«

»Welcher Zehnjährige kennt denn Kappendecken und geschlämmte Wände, das ist voll Fachjargon. Und die Fotos sehen super aus, da willst du wohnen!«

»Für 1.500 Euro kalt.«

»Seit wann bist du denn so geizig? Du gibst doch sonst nichts aus, da an deinem Schreibtisch.«

»Wenn das ein Axtmörder ist, bist du schuld.«

Beim dritten Anlauf war Mari auf dem gefrorenen Matschweg zwischen kahlen Winterbäumen zu ihrem Haus vorgedrungen. Im Nachhinein betrachtet war die Wegbeschreibung des Vermieters tatsächlich hilfreicher gewesen als eine Hausnummer. »Direkt um die Ecke von der kaputten Kirche, so halb gegenüber von der Trinkhalle, da wo dieser echt traurige Graffitispruch – ›Liebe ist Scheiße‹ oder so ähnlich – an der Wand steht, und dann neben dem Riegel einfach rechts rein, das verzauberte gelbe Haus.«

Das einzige Problem war der Riegel gewesen, weil Mari an Schokolade oder eine Tür gedacht hatte, obwohl das keinen Sinn ergab. Eine gute Anwältin hätte nachgefragt, doch sie war keine gute Anwältin (fand sie zumindest).

Nun wartete sie. Schon seit einer ganzen Weile. Und fror. Sie fischte ihr Telefon aus der Handtasche und fotografierte die gelbe Fabrikfassade mit den vereinzelten roten Backsteinen, die sich wie Sommersprossen über das Haus verteilten. Zögernd ging sie an den Fahrradständern vorbei durch den tunnelartigen Bogen in den Innenhof. Im Hof stand eine verrostete überdimensionale Nähmaschine, und neben dem Eingang zum Hinterhaus lag ein quadratisches Beet mit graugrünen Pflanzen, die tropisch und verfroren aussahen.

Mari hatte sich ein paar Mal um sich selbst gedreht und die hohen Fenster bewundert, als im Tunnel ein Mann mit roter Wollmütze auftauchte. Er winkte mit einer Thermoskanne.

»Frau Thaler, hallo!« Der Mann zog mit seinen Zähnen einen knallgrünen Handschuh von seiner freien Hand und streckte sie ihr mit einer enthusiastischen Bewegung entgegen. »Thomas Conrad.«

Mari fing im Reflex den Handschuh auf, der ihm beim Sprechen aus dem Mund gefallen war. Gleichzeitig verdrehte sie ihre linke Hand, um seine Rechte zu schütteln. Sie lachten, und bevor sie etwas sagen konnte, hatte er schon die schwere Metalltür zum Hinterhaus aufgeschlossen.

Er hielt ihr die Tür auf. »Schnell aus der Kälte raus!«

Als sie im Aufzug standen, reichte sie ihm seinen Handschuh. Sie musterte ihn. Er hatte ein rundes, glatt rasiertes Gesicht. Auf den ersten Blick sah er aus wie ein Student, mit seiner ausgebeulten Jeans, der Fleecejacke und dem Rucksack über der Schulter. Doch die feinen Falten um seine Augen verrieten, dass er um einiges älter sein musste als Mari. Vielleicht Mitte vierzig.

Er streifte seine Wollmütze ab, und Mari blinzelte. Thomas Conrads Kopf war vollkommen kahl, weit und breit keine Haare in Sicht. Er bemerkte ihren Blick und fuhr sich unbekümmert mit der Hand über die Glatze.

»Bisschen frisch im Winter«, sagte er fröhlich.

»Ach, die Bäume haben’s viel schwerer, so ganz ohne Mütze«, murmelte Mari verlegen.

»Dafür kriegen die im Frühling wieder Blätter.« Er zwinkerte ihr zu. »Bäume! Gut, dass wir drüber sprechen. Keine Sorge, das Wäldchen kommt weg. Wir machen da eine echte Zufahrt mit Laternen und allem hin. Ein paar Mieterinnen haben sich schon beschwert wegen dem ganzen Grün und der Dunkelheit.«

»Meinen Sie die paar Bäume vor dem Haus? Das ist ja schade.«

»Finde ich auch. Tja, die Angst vorm Wald … Ab wie vielen Bäumen die wohl anfängt?«

Sie waren aus dem Aufzug gestiegen, und er winkte Mari durch die metallene Wohnungstür. Metall. Ideal, um Leute einzusperren, wenn man ein Axtmörder war. Doch Mari hatte keine Angst. Sie freute sich über die Tür. Sie würde die Innenseite wie einen Kühlschrank mit Magneten, Emmas Postkarten, Pizza-Flyern, Kochrezepten, Eintrittskarten und einem Stadtplan von Berlin pflastern. »Deine Wohnung ist deine Visitenkarte.« (Wer hatte das gesagt? Im Zweifel ihre Mutter.)

Der Besucher, der Maris Tür studierte, würde erfahren, dass sie eine verrückte Freundin hatte, die sie mit Postkarten aus unbekannten Orten wie Bangalore, Ouagadougou oder Saskatoon bombardierte, dass sie untreu zwischen vier verschiedenen Pizzaboten rotierte, dass sie entweder eine Angeberin war oder verdammt schwierige Gerichte kochen konnte, dass sie einen unentschlossenen Filmgeschmack hatte und sich nicht gerne verlief. Aufschlussreicher wäre natürlich, was nicht an der Tür hing. Um das zu erkennen, musste der Besucher jedoch entweder mit Mari oder zumindest mit ihrem alten Kühlschrank in der Düsseldorfer Wohnung vertraut sein. Es fehlten zum Beispiel die japanischen Schriftzeichen, die sie sich ihrem Vater zuliebe jahrelang unermüdlich eingeprägt hatte, und die Magnetwörter, aus denen sie verliebte Botschaften wie »You smell so cappuccino« gebastelt hatte. Es fehlten der Kalender mit der Sonne, die Emma mit grünem Filzstift auf den Geburtstermin gemalt hatte, und die Ultraschallfotos. Fotos im Allgemeinen.

Die Kühlschranktür führte direkt in das riesige Wohnzimmer, es gab keinen Flur. Dennoch war die Bezeichnung »Loft«, die Thomas Conrad in der Wohnungsanzeige verwendet hatte, übertrieben. Das Schlafzimmer war vom Wohnzimmer durch eine Schiebetür abgetrennt, die in der welligen – geschlämmten – Wand verschwinden konnte. Doch das störte Mari nicht, im Gegenteil, zu viel Loft brauchte kein Mensch.

Das Schlafzimmer war der einzige helle Raum in der Wohnung. Mari musste an ein Aquarium denken, weil das Licht von den Fenstern des Hinterhofes reflektierte und an der Kappendecke tanzte wie auf Wasser. Die Kappendecke! Sie wölbte sich in Bögen zwischen den grauen Stahlträgern.

Sämtliche Fenster schauten auf den Innenhof. Während die beiden großen Flügelfenster des Schlafzimmers nach Osten ausgerichtet waren, hatte das Wohnzimmer ausschließlich Nordfenster. Die offene Küche und das Bad, das über die einzige reguläre Tür in der Wohnung verfügte, mussten ganz ohne Außenwelt auskommen.

»Keine Fenster nach außen und kein Balkon«, sagte Mari nach ihrem ersten Rundgang mehr zu sich selbst als zu dem Vermieter.

Er stand in der Küche und schraubte am Kühlschrankgriff herum, aber er hatte sie gehört. »Die Wohnung ist eine dunkle Höhle. Und zu teuer.«

Mari sah ihn erstaunt an. Was war denn das für ein Vermieter? Und dann hörte sie sich sagen: »Eine überteuerte Höhle ist genau das Richtige für mich.«

Thomas Conrad hatte geblümte Teetassen mit Untertassen dabei. Sie saßen auf einer der breiten Fensterbänke im Wohnzimmer, köpften (wie er sagte) die Thermoskanne und stießen mit »dem guten Earl Grey von Fortnum & Mason« auf den Mietvertrag und das Du an.

»Maaaari ohne e? Echt? Warum?« Bevor Mari antworten konnte, schlug er sich an den Kopf und rief: »Mensch, der Mietvertrag! Den schleppe ich doch eigentlich immer mit, aber dann mussten die Untertassen noch rein und die Keksdose und …«

Mari machte eine wegwerfende Handbewegung. Sie hatte einen warmen Bauch und fühlte sich ausgelassen, zum ersten Mal seit Monaten. Düsseldorf war weit weg.

Tom (wie sie ihn nun nannte) sah sie stirnrunzelnd an. »Du solltest dir vielleicht noch ein paar andere Wohnungen in Berlin angucken. Du bist doch gerade erst angekommen.«

»Sag mal, willst du die Wohnung überhaupt vermieten?«, fragte Mari irritiert.

»Doch, du wirkst nur so …« Er zögerte.

»Jung? Pleite? Am Montag fange ich als Babyhai bei Blair & Crowe an. Ich kann dir den Arbeitsvertrag zeigen.«

Mari schauderte. Sie hatte wie ihre Mutter geklungen (abgesehen von der Bemerkung mit dem Haifisch).

»Nein, eigentlich wollte ich sagen, du wirkst so … Ich glaube, du brauchst mehr Licht.«

»Oh.« Sie senkte den Blick und starrte angestrengt auf die Teetasse in ihren Händen. Ihr Hals war plötzlich wie zugeschnürt.

Nach einem kurzen betretenen Schweigen knuffte Tom sie mit dem...


Resinek, Nina
Nina Resinek, 1977 in Toronto geboren, hat sieben Jahre als Rechtsanwältin in einer großen Wirtschaftskanzlei in Frankfurt am Main gearbeitet. Nun lebt sie mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ein paar erfundenen Haustieren in Siegen. Dich hab ich nicht kommen sehen ist ihr erster Roman.
www.nina-resinek.de

Nina Resinek , 1977 in Toronto geboren, hat sieben Jahre als Rechtsanwältin in einer großen Wirtschaftskanzlei in Frankfurt am Main gearbeitet. Nun lebt sie mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ein paar erfundenen Haustieren in Siegen. Dich hab ich nicht kommen sehen ist ihr erster Roman.

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