E-Book, Deutsch, 363 Seiten
Reihe: Lübbe
Resinek Wir am Meer
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2108-0
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 363 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7517-2108-0
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Regel Nr. 1 für einen Urlaub mit Freunden: Verlieb dich nie in den Gastgeber!
Ein Sommer in den Hamptons, das klingt nach Strand, Eiscreme und Badevergnügen. Die Realität, in der Anna im Urlaub mit der Familie ihrer Schwester und deren Freunden gelandet ist, sieht leider anders aus. Annas Urlaubsbegleiter zanken über alles: ob die Kinder beim Essen fernsehen dürfen, ob rohe Zucchini giftig und Pools gefährlich sind. Allein ihr Gastgeber, der attraktive Bestseller-Autor Kilian Brand, hält sich aus allem heraus. Keiner der Gäste weiß so recht, warum er sie in das traumhafte Haus am Strand eingeladen hat. Anna will der Sache mit detektivischem Geschick auf den Grund gehen. Dabei ist es allerdings nicht gerade hilfreich, dass sie in Kilians Nähe nicht klar denken kann ...
Nina Resinek, 1977 in Toronto geboren, hat sieben Jahre als Rechtsanwältin in einer großen Wirtschaftskanzlei in Frankfurt am Main gearbeitet. Nun lebt sie mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ein paar erfundenen Haustieren in Siegen.
www.nina-resinek.de
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Das ist kein Traum. Meine Träume sind anders. Ich träume von Pythons und brennenden Deckenbalken, die auf mich herabstürzen, aber nicht von Schatten. So etwas Subtiles käme meinem Unterbewusstsein nicht in den Sinn. Diese Schattenbäume, die mich gerade umgeben und mir eine Höllenangst einjagen, müssen echt sein. Außerdem hat man im Traum keinen Splitter im Fuß, oder? Wer weiß …
Ich bin nicht wirklich gut darin, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden. Schlafwandler wie ich tun sich damit traditionell schwer. Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich mich überhaupt Schlafwandlerin nennen darf. Eigentlich wandle ich nicht. Ich sprinte. Es läuft immer mehr oder weniger gleich ab. Zuerst träume ich einen der beiden Albträume, die sich im beschränkten Repertoire meines Gehirns befinden, also entweder von den brennenden Deckenbalken oder von den Pythons. Dann werfe ich die Bettdecke beiseite und sprinte los. Bis ich aufwache.
Ich glaube, so war es auch heute, aber ich könnte es nicht beschwören. Es ist schwierig, sich an Träume zu erinnern, während man mitten in der Nacht halbnackt im Central Park steht. Es muss der Central Park sein – zumindest, wenn das hier kein Traum ist. Denn in der Realität besuche ich gerade meine große Schwester Johanna in New York, und die wohnt in der Upper West Side, nur einen Häuserblock vom Central Park entfernt.
Zum Glück ist kein Mensch in Sicht. Niemand, der mich für drogenabhängig oder irre halten könnte. Wahrscheinlich würde man mich auf die Wache bringen. (Die Wache … Solche Wörter fallen mir nur in Amerika ein.) Der Gedanke an die Wache ängstigt mich noch mehr als die Schattenbäume. Als polizeilich registrierte Schlafwandlerin dürfte ich künftig bestimmt nicht mehr einreisen. Nie wieder Manhattan, nie wieder Leni und ich und Manhattan … Ich fange an zu rennen und hoffe, dass es der richtige Weg ist. Raus aus dem Park, zu Johanna.
Der Asphalt, der mir tagsüber beim Inlineskaten vollkommen glatt vorkam, sticht schmerzhaft in meine nackten Fußsohlen, und ich stolpere ein paarmal in der Dunkelheit, bevor hinter einer Kurve die ersehnte Straßenlaterne auftaucht. Es ist, als hätte jemand die Nachttischlampe angeschaltet. Plötzlich gibt es keinen Zweifel mehr, dass dieser Albtraum Wirklichkeit ist, und ich weiß auch haargenau, wo ich mich befinde. Es sind nur ein paar Meter bis zum Bürgersteig und zur Central Park West, der Straße, die ich überqueren muss, um zu Johannas Haus zu gelangen.
Ich renne kopflos über die Straße und werde beinahe von einem Taxi überfahren. Panisch laufe ich weiter, schnell weg hier. Ich sehe mich schon mit dem Taxifahrer auf der Wache, in eine stinkende Wolldecke gehüllt, die schon wer weiß wen gewärmt hat. Kalt ist es übrigens nicht. Der Officer, der mir gerade vorschwebt, hat mir die Stinkedecke nur aufgedrängt, weil ich nichts trage als eine Unterhose und ein sehr dünnes weißes Unterhemd.
Es ist unfair, dass ich ausgerechnet heute in den Central Park sprinten musste. Normalerweise schlafe ich nämlich in Boxershorts und blickdichtem T-Shirt. Doch gestern ist Johannas Klimaanlage kaputtgegangen, und dieser Juli ist selbst für New Yorker Verhältnisse besonders schwül. Wäre ich nicht Schlafwandlerin, hätte ich nackt geschlafen. Das Unterhemd war ein Kompromiss, Oliver zuliebe. Oliver ist Johannas Mann und muss mich wirklich nicht nackt sehen.
Oliver war tatsächlich der einzige Risikofaktor, der mir in puncto Nacktheit eingefallen war. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass mich mein Sprint über Johannas Türschwelle ins nächtliche Manhattan befördern könnte. Das liegt daran, dass Johanna mich wie ein Schießhund bewacht. Wenn ich bei ihr zu Besuch bin, achtet sie peinlich genau darauf, die Haustür abends zweimal von innen abzuschließen, den Schlüssel abzuziehen und ihn in ihrer Nachttischschublade zu vergraben.
Johanna ist neun Jahre älter als ich. Sie war das Einzelkind, das sich meine Eltern gewünscht haben. Und dann, als sie schon mit einem Bein im Gymnasium und aus dem Gröbsten heraus war, kam ich. Meine Eltern haben sich einigermaßen Mühe gegeben, sich nichts anmerken zu lassen, aber ich spüre einfach, wenn mir jemand meine bloße Existenz krummnimmt. Sie hatten nicht einmal richtig Lust dazu, einen Namen für mich auszusuchen. Also haben sie die letzten vier Buchstaben aus Johannas Namen genommen. Ich war schon immer nur ein Bruchteil von ihr. Johanna würde mich korrigieren: »Du warst schon immer ein Teil von mir.« Ohne meine Schwester wäre ich wahrscheinlich drogenabhängig oder irre geworden. Inzwischen bin ich vierundzwanzig, aber sie versucht nach wie vor, mich vor allem zu beschützen.
Die Sache mit Kilian Brand muss sie sehr aufgewühlt haben, anderenfalls hätte Johanna niemals vergessen, die Haustür abzuschließen. Es war schon ziemlich untypisch für sie, als sie gestern Abend von der Arbeit nach Hause kam und mit zerzaustem Haar in Straßenschuhen – dafür hätte sie Leni und mich gekreuzigt – ins Wohnzimmer rauschte und atemlos »Wir sind eingeladen!« rief.
Oliver, Leni und ich saßen am Esstisch und bastelten Raupen aus bunten Pomponbällen. Bevor wir Hallo sagen konnten, wiederholte Johanna völlig aus der Puste: »Wir sind eingeladen!«, und ließ sich aufs Sofa plumpsen.
Leni lief sofort zu ihr und rief auf Verdacht: »Super!« Sie umarmte ihre Mutter und kletterte auf ihren Schoß.
»Ich muss das absagen«, keuchte Johanna, woraufhin Leni auf Verdacht das große Jammern anstimmte.
Oliver setzte seine Brille ab und massierte sich den Nasenrücken. »Kannst du uns vorher vielleicht noch verraten, bei wem wir überhaupt eingeladen sind?«
»Bei Kilian Brand.«
Ich wäre gern so cool wie die fünfjährige Leni gewesen, die beim Klang des Namens offenbar nur Kein Kindergeburtstag dachte und ihr Jammern sofort einstellte. Ich dagegen spürte meinen Herzschlag plötzlich im Hals und konnte meine Schwester nur sprachlos anstarren.
Kilian Brand war der Grund, weshalb ich gestern nur einen Tag nach meiner Ankunft den ganzen Nachmittag an diesem Esstisch gesessen und auf Johanna gewartet hatte, anstatt all meine geheimen Lieblingsorte in Manhattan aufzusuchen. Am Morgen beim Frühstück hatte sie ganz beiläufig erwähnt, sie würde mit Kilian Brand zu Mittag essen. Mit ihrer Beiläufigkeit lag Johanna ziemlich weit oben auf der Angeberskala. Sie wusste genau, dass ich alle seine Bücher mehrfach gelesen hatte und bei jedem Schritt durch diese Stadt davon träumte, ihm über den Weg zu laufen. Und nun traf sie ihn einfach so, um ihn zu einer Lesung im Goethe-Institut zu überreden. Den deutschen Bestsellerautor, der seit letztem Herbst in New York lebte. Den ich schon mit sechzehn gelesen hatte, als sich noch kein Mensch für ihn interessierte, auch meine Schwester nicht. Die nun seine Einladung absagen wollte.
Zum Glück war Oliver fast so ein Bücherjunkie wie ich und sagte genau das, was ich sagen wollte: »Erzähl.«
Johanna schob Leni von ihrem Schoß. »Du zerknitterst meine Hose.«
Das kleine rothaarige Mädchen rollte mit den Augen und setzte sich wieder zu uns an den Tisch. »Die weiche Puppe und die nackte Puppe wollen mit Rosalie Finn-Rosalie eine Raupenfarm aufmachen und …«
»Schhhhh, Leni«, kam es aus meinem Mund. So etwas Unfreundliches hatte ich noch nie zu ihr gesagt. Leni und ich ziehen immer an einem Strang. Sie wurde mucksmäuschenstill und fixierte mich mit fragenden Augen, während ihre Mutter von Kilian Brand erzählte.
Das gemeinsame Mittagessen war ins Wasser gefallen. Er hatte kurzfristig abgesagt, und Johanna hatte ihn schon abgeschrieben, als er vor zwei Stunden anrief und einen Kaffee am Union Square vorschlug. Es war toll gewesen. Sie hatten mit ihren Kaffeebechern auf einer Parkbank gesessen und geplaudert wie alte Freunde.
Oliver runzelte die Stirn. »Wie alte Freunde? Worüber denn?«
»Dass wir uns schon zweimal begegnet sind und ich es trotzdem noch nicht geschafft habe, eine Lesung im Goethe-Institut mit ihm zu organisieren.«
Ich war beeindruckt. Wäre ich an Johannas Stelle gewesen, hätte ich den Zweck des Treffens in der Sekunde vergessen, in der Kilian Brand um die Ecke gebogen war. Hatte es überhaupt eine Ecke gegeben, oder hatte er bereits auf der Parkbank gesessen, oder war er von einem Baum gefallen? Hatte er dabei schon zwei Kaffeebecher in den Händen gehabt? Wie hatte er ausgesehen? War er wie einer dieser betont lässigen Millionäre in kaputten Jeans erschienen oder vielleicht sogar im Jogginganzug? Hatte er gelächelt? Einmal, zweimal, nie? Alles Fragen, die ich nicht stellen konnte. Zu aufgeregt.
»Aha, richtig persönliche Themen also«, bemerkte Oliver trocken, aber Johanna beachtete ihn nicht und fuhr fort: »Es war unglaublich, er hat sofort zugesagt. Das Gespräch hat maximal eine Stunde gedauert.«
»Alte Freunde kommen halt schnell auf den Punkt«, warf Oliver ein und klebte zwei Plastikaugen in das Gesicht seiner ausgesprochen gelungenen Raupe.
Johanna ignorierte ihn wieder. »Ich war völlig überrumpelt, als er mich aus heiterem Himmel gefragt hat, ob wir im August schon was vorhaben.«
Oliver sah auf und lächelte schief. »Na ja, einen Abend werden wir schon für ihn freischaufeln können.«
»Einen Abend … ha!« Sie atmete lautstark aus. »Er hat uns eingeladen, die kommenden drei Wochen in seinem Ferienhaus auf Long Island – in den Hamptons! – zu verbringen. Seine Freunde haben abgesagt, und jetzt hat er neun freie Betten. Ich kann...




