Retcliffe | Abenteuer in Sibirien | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 247 Seiten

Retcliffe Abenteuer in Sibirien


1. Auflage 2018
ISBN: 978-83-8148-452-7
Verlag: Ktoczyta.pl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 247 Seiten

ISBN: 978-83-8148-452-7
Verlag: Ktoczyta.pl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sir John Retcliffe, der eigentlich Herrmann Ottomar Friedrich Goedsche heißt, war ein deutscher Schriftsteller, aber er war auch bei der Preußischen Geheimpolizeit tätig, arbeitete für Redaktionen, war Herausgeber und Kriegsberichterstatter. Sir John Retcliffes historisch-politische Romane sind im ureigensten Sinn mit Abenteuern angereicherte Tendenzromane, die das gesamte politische Geschehen seiner Zeit zum Inhalt haben. 'Abenteuer in Sibirien' ist eine autonome Episode aus dem 13-bändigen Riesenroman 'Biarritz'. Hier präsentiert der Autor einen historischen Abenteuerroman aus den Weiten der sibirischen Tundra.

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2. Die Russen am Amur Der narbenbedeckte Leib des ehemaligen Obersten des 13. Regiments war der Erde übergeben worden, seine Genossen in der Verbannung, die Warnaks, hatten für den Ketzer, den Katholiken, mühsam mit den Hacken das Grab in den gefrorenen Boden gehauen und ein Kreuz von Birkenholz darauf gesetzt. Es war eine stille, traurige Zeremonie, als sie ihn da hineinsenkten in die fremde, feindliche Erde, so weit von der geliebten heimischen, der er alles gegeben – bis auf den zerknuteten Leib! Der alte Holowa sprach ein Gebet am Grabe, und die Schneedecke schloß sich über der tapferen Brust! Was war es weiter – der Gouverneur hatte ja nur eine Nummer in seiner Liste auszustreichen! wer fragte danach, daß diese Nummer vor dreißig Jahren an der Spitze von tausend kühnen Herzen gestanden und Taten des höchsten Heldenmutes vollbracht hatte! Vergebens hatte der Holowa von seiner Enkelin die Papiere verlangt, die der Verstorbene ihr anvertraut. Mit tändelnden Liebkosungen lachte sie ihm ins Gesicht und empfahl ihm, sie zu suchen. Ebenso verstand sie seinen dringenden Fragen auszuweichen, was sie mit ihrem überraschenden Anerbieten an den Sterbenden gemeint habe. Ihre Antwort, man möge die Zeit abwarten, über kurz oder lang müsse sie ja doch die Kolonie verlassen, und dergleichen allgemeine Reden waren umso weniger geeignet, die Besorgnisse des Alten zu zerstreuen, als es ihm nicht entgehen konnte, daß Wéra sich auffallend viel mit dem deutschen Professor zu tun machte, mit ihm geheime Unterredungen hielt und zugleich ihren kleinen Kleidervorrat wiederholt musterte und ausbesserte. Dem Posielenice ging das Mädchen seit der Ankunft der Fremden offenbar aus dem Wege, und so vertraut bis zu einem gewissen Grade sie sonst mit ihm gewesen war, so launisch und abstoßend, ja oft sarkastisch behandelte sie ihn jetzt. Der Verbannte schien ärgerlich und überrascht von der Entdeckung, daß das Danaergeschenk seines schrecklichen Unterrichts jetzt sich gegen den Lehrmeister selbst kehrte, und häufig wechselten beide bittere Reden. An den jungen Lord hatte sich der Russe sehr angeschlossen und machte mit ihm häufige Jagdausflüge, an denen Wéra jedoch keinen Teil mehr nahm. Der Burany hatte volle vierundzwanzig Stunden angehalten. Am Morgen nach seinem Aufhören hatten sich unter Führung Ajuns und des Kosaken Mutin die Jakuten und mehrere der Katorznys aufgemacht, die Schlitten der Reisegesellschaft und den verlorengegangenen Dolmetscher aufzusuchen. Man fand die Schlitten mit ihrem zum Teil zerstreuten Inhalt, dessen Wiederherbeischaffung der kleine Professor den Männern auf die Seele gebunden hatte, von dem Dolmetscher aber keine Spur. Es unterlag keinem Zweifel mehr, daß er bei dem treulosen Versuch, den Eigentümern der Hunde zu folgen und sich selbst zu retten, umgekommen war und unter der tiefen Schneedecke sein Grab gefunden hatte. Es war die Zeit, wo alljährlich vor Eintritt der vollen Strenge des Winters der letzte Kurier die Kolonie zu berühren pflegte, der von Irkutzk nach Ochotzk und Udskoi ging, und in dessen Begleitung die Reisenden ihren Weg fortzusetzen beabsichtigen. Aber vergeblich hatte man schon seit einer Woche auf seine Ankunft geharrt, und der Holowa selbst mußte jetzt seinen europäischen Gästen dringend raten, die mildere Witterung, welche gewöhnlich in diesen Gegenden zwischen den ersten Boten des Winters und seiner vollen Heftigkeit eintritt, zu benutzen, um noch die Seeküste zu erreichen, wenn sie nicht bis zum Frühjahr hier sich zurückgehalten sehen wollten. Auch jetzt war die Reise immerhin schon ein sehr gefahrvolles Unternehmen, da die Zeit der Schneestürme begonnen, und nur das Erbieten Ajuns, der den langen und mühseligen Weg kannte, die Stelle des erfrorenen Führers der kleinen Karawane einzunehmen, gab einige Aussicht auf glückliche Vollendung. An Hunden und Renntieren zur Beförderung der Schlitten war übrigens jetzt kein Mangel mehr; denn in den letzten Tagen waren mehrere der während der mildern Jahreszeit in den nördlichern Distrikten bis zum Eismeer nomadisierenden Stämme in die Nähe der kleinen Kolonie gezogen, um in ihrem Schutz den Winter zuzubringen, den der greise Tojon bei seinem Schwiegersohn und seiner Urenkelin zu verleben pflegte, während der Sommer ihn unwiderstehlich hinauszog auf die südlichen Weiden zu den Nachkommen seiner tungusischen Familie. Man hatte die Abreise auf den nächsten Tag festgesetzt. Unter des Professors eigenster Aufsicht war der Mammutschädel auf einen besondern Schlitten verpackt worden, und der kleine Mann konnte nicht müde werden, immer und immer wieder Meister Ajun die größte Sorgfalt dafür zu empfehlen. Offenbar war ihm der antediluvianische Schatz wichtiger als die eigene Sicherheit und die seines Begleiters. An demselben Tage hatte Wéra Tungilbi eine lange geheime Unterredung mit Ajun gehabt, und als der Kosak Mutin diesen nach dem Inhalt befragte, war der schlaue Jakute der Antwort mit allerlei so offenbaren Lügen ausgewichen, daß sie ihm einige tüchtige Kantschuhiebe eintrugen. Am Abend – wenn man in diesen Gegenden von Abend sprechen kann, wo zu dieser Zeit bereits drei Viertel der vierundzwanzig Stunden Nacht ist! – hatte sich die ganze Gesellschaft, welche am Tage der Ankunft der Expedition die Geschichte des alten Tungusen angehört hatte, im Blockhaus des Holowa wieder um den dampfenden Samowar versammelt, und diesmal war es der junge Lord, welcher ihren Wirt an das Versprechen erinnerte, ihnen noch seine eigene Lebensgeschichte und die Abenteuer mitzuteilen, die ihn zum Schwiegersohn des Tojon gemacht hatten. Um die schweigsame Stimmung zu unterbrechen, die der bevorstehende Abschied über alle verbreitete und der namentlich auch das junge Mädchen zu unterliegen schien, das zwischen ihren beiden Vätern saß und ihre Hände hielt, erklärte der Holowa sich bereit, dem Wunsch zu entsprechen und begann alsbald seine Erzählung. »Ich war zwanzig Jahr, als die Konskription für den Zug des Kaisers nach Rußland und eigne Lust mich unter die Fahne reihte. Ich hatte eine gute Erziehung genossen, denn man wollte mich zum Bautechniker ausbilden, und obschon mein Vater nur ein kleiner Kaufmann war, so stammte ich doch durch meine Mutter, die in der Revolution von 1793 ihre beiden Eltern und fast alle ihre nähern Verwandten unter der Guillotine verloren hatte, von einer alten und sehr guten Familie Frankreichs ab. So kam es denn, daß ich schon in Moskau als Unterleutnant einzog, nachdem ich die blutigen Schlachten von Smolensk und an der Moskwa mitgeschlagen. Wir dachten an jenem Tage sicher nicht an das Elend, das uns der Eigensinn des Kaisers bereitete, und ich am allerwenigsten, in welchem Zustande ich das ganze Rußland bis zu seinen östlichen Grenzen durchziehen sollte. Ich war ein junges leichtherziges Blut, nicht übel vielleicht von Manieren und Aussehen, wenigstens hatten mir das häufig die Weiber in den Quartieren in Deutschland zu erkennen gegeben, und so richtete ich mich denn ganz behaglich in dem Quartier ein, das ich mit meinem Zug in den Räumen eines prächtigen, aber anscheinend von seinen Besitzern ganz verlassenen Palastes in der Belaigorod oder weißen Stadt angewiesen erhalten hatte, da ich, glücklicher als meine Kameraden, wenigstens in der Person einer mit zwei andern Dienern zurückgebliebenen Leibeigenen ein hübsches Mädchen fand. Der Herr des alten Palastes war einer der vornehmsten russischen Würdenträger und trug einen Namen, den ich schon häufig gehört hatte. Wie ich von einem der Diener vernahm, einem alten grauköpfigen Mann, dem Vater jenes Mädchens, das wie er ein wenig französisch sprach, hatte sich der Fürst mit seiner Familie, zwei Söhnen und einer Tochter, vor der Annäherung der Franzosen zurückgezogen und die Bewachung seines Palastes den beiden Dienern anvertraut. Bekanntlich brachen schon am Tage nach unserm Einzuge in die alte Zarenstadt, also am 15. September, in den entlegenen Stadtteilen einzelne Feuersbrünste aus, die, von uns anfangs wenig beachtet, immer mehr an Ausdehnung gewannen. Von den Kameraden hörte ich wohl, daß man das Entstehen derselben – obwohl an vielen Stellen sicher unsere eigne Fahrlässigkeit die Ursache war – den Russen selbst schuld gab, daß sich eine Menge Gesindel aus den geöffneten Kerkern umhertrieb und daß nicht allein täglich Exekutionen an den betroffenen oder verdächtigen Brandstiftern vollzogen wurden, sondern auch bei Tag und Nacht zahlreiche Mordtaten an unsern eigenen Leuten vorkamen und jeder Morgen auf den Straßen beraubte und verstümmelte Leichen französischer Soldaten finden ließ. Die schärfsten Befehle wurden endlich gegeben, Patrouillen durchstreiften Tag und Nacht die Straßen und durchsuchten die Häuser, und strenger Befehl war an die Einquartierten ergangen, die wenigen Bewohner zu bewachen und jeden sich zeigenden Fremden sofort zu verhaften, denn es ging das Gerücht, es solle ein Attentat auf den Kaiser versucht werden. Aber alles nutzte nichts. Allnächtlich zeigte der gerötete Himmel neue Feuersbrünste und der Rapport am Vormittag das Verschwinden von Offizieren und Soldaten. Immer näher und näher zog sich der furchtbare Flammengürtel. Mich selbst kümmerte alles dies wenig. Die hübschen braunen Augen der schönen Olga hatten...



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