E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Reuel Das Vermächtnis des Qnyano
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7693-2946-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Rückkehr der Westfal-Chaoten 3
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Reihe: Die Rückkehr der Westfal-Chaoten
ISBN: 978-3-7693-2946-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor wuchs in Kornelimünster auf, einem bekannten und idyllischen Örtchen, das zu Aachen gehört. Der zweifache Vater arbeitet als Mediengestalter. Er kämpfte begeistert als Larper beim Schwarzen Eis auf den Schlachtfeldern von Mythodea mit. In seiner Freizeit spielt er leidenschaftlich gerne Magic: the Gathering, etwas World of Warcraft und auch Pen&Paper. Das Vermächtnis des Qnyano ist der dritte und vorerst letzte Teil der Reihe zu den Westfal-Chroniken.
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Prolog
Aquitan, Süd-Rhonisch, Ende Juli des Jahres 1889
Sehr schwere Zeiten herrschten dieser Tage. Diese eine Tatsache war unbestreitbar. Offiziell dürfte er sich nicht einmal in diesem Land aufhalten. Wenn das herauskäme, dann säße er mit seinem Hintern nicht mehr auf diesen unbequemen Holzstühlen der Universität, sondern im Handumdrehen auf dem blanken kalten Stein, um den das Gefängnis erbaut wäre, in das man ihn dann steckte. Wie war Aris dann hierher gekommen, ohne in ganz Rhonisch gesehen zu werden? Ganz einfach. Der Druide nutzte das Reisen durch eine Paralleldimension. Dies ging nur über den Zugang von einer bestimmten Eichenart. Der Gelb-Trauben-Eiche. Das war natürlich nicht ganz ungefährlich, denn die Begebenheiten in Tenebris, so lautete der Name dieser Dimension, waren nicht sehr gut. Darin war die Luft trocken und dünn. Es herrschte stets eine tiefschwarze Finsternis und man war umgeben von kargem Schieferstein und tiefen Schluchten. Aber nur so war es Aris möglich gewesen, auf schnellstem Wege zur Universität im Süden Rhonischs zu gelangen, ohne von den hiesigen Soldaten festgenommen zu werden. Allerdings galt die Stadt Aquitan, deren Fundamente und Grundmauern auf einer Halbinsel standen, irgendwie schon immer als sein eigener Staat, wenngleich sie im Territorium des rhonischen Reiches lag.
Man könnte Aquitan also viel eher als ein Universitäts-Stadt-Staat bezeichnen. Ja, das traf es so ziemlich genau. Einmal davon abgesehen, dass die Lehrenden und selbst der aktuelle Rektor, Girion Harvelus Cornichon, stets neutral blieben. Kurzum, es interessierte niemanden, woher Aris kam. Hauptsache, er besaß einen gültigen Ausweis und war somit eingeschrieben, im großen Register. Zudem gab er selbst gelegentlich ein paar Kurse, wenn es gewünscht wurde. Daher war für Herrn Grünfried alles im grünen Bereich.
Zurück zur Lage. Weniger grün waren dagegen die Neuigkeiten. Aris' schwarze und buschige Brauen verfinsterten sich schlagartig zu einer Einzigen, als er gerade im Nuntius Nuntium, der örtlichen Tageszeitung, von diesen schlechten Begebenheiten aus dem Umland erfuhr. Laut diesem Bericht auf der Titelseite galten die Fronten zwischen Rhonisch und Westfal als verhärtet. Wenn nicht binnen kommenden zehn Tage eine Beilegung des Streits zwischen beiden Regenten stattfinde, hieß es dort, dann würde die Situation eskalieren und es komme zu Krieg.
Sogar Kaiser Frenzo II. aus Vallune hatte bereits den vergeblichen Versuch unternommen, als Schlichter zu fungieren. Dabei wäre es beinahe zu einem Dreifrontenkrieg hinausgelaufen, nachdem Kaiser Husterzius von Rhonisch ihn obszön beleidigte. Immer wieder kam es vor, dass besagter Kaiser den Vorwurf erhob, ein anderer Herrscher führe eine Verschwörung gegen Husterzius oder sein Land und untergrabe zudem seine Autorität. Ein ziemlicher Hitzkopf, der Gute und genau das Gegenteil des betagten, westfälischen Kaisers, Karell Karl Ott. Möglicherweise lag es eben auch am Alter.
Seine Augenbrauen entspannten sich wieder, als Aris die Zeitung halb niederlegte und durch das große, schmale Fenster hinaus in den strahlend blauen Morgenhimmel blickte. Vereinzelnd waren nur ein paar sanfte, weiße Schleierwolken darin zu sehen. Was für ein Hahnenkampf, dachte er und schmunzelte närrisch. Es klang fast albern. Was sollte dieser ganze Kappes? Dabei konnte sich der Druide die Frage längst selbst beantworten. Erst kürzlich nach seinem Eintreffen hatte er erfahren, wer seit geraumer Zeit an der Seite von Piquory Husterzius im Amt des Beraters stand.
»Zoldan Detmore«, sprach Aris verächtlich und schob die Zeitung Richtung Tischmitte zurück. »Ich frage mich, was er damit bezwecken will.«
»Das fragen sich alle dieser Tage«, pflichtete ihm eine weibliche Stimme bei. »Selbst Rektor Cornichon.«
»Sag, ist es wahr, dass du das Buch der sieben Siegel nach Aquitan zurückgebracht hast, damit das alte Relikt hier sicher verwahrt ist?«, sagte eine andere, beinahe unverwechselbar ähnliche Stimme.
Gemächlich blickte Aris herüber und in die beiden jungen, elbischen Gesichter seiner Tischnachbarinnen, Nesrin und Sakura, schwarzhaarige Zwillinge, die als sogenannte HiWis (Hilfswissenschaftlerinnen) in der Fakultät Naturalistoria tätig waren und ihm stets gerne zur Seite standen, wenn er vor Ort war. Bekannt waren sie dem Druiden schon seit ihren Tagen als Erstsemestlerinnen an der Universität Magicae et Occultae Aquitan. Daher vertraute er ihnen und er konnte sie jederzeit in seine Forschungen einbeziehen und Hilfe erwarten. Deshalb nickte er vielsagend und sein Blick verlor sich ein weiteres Mal in der Ferne. Das Buch der sieben Siegel hatte er zusammen mit Syljana Braélad in der Villa Montrevel geborgen, worauf sie im Keller den Leichnam von Asceanda Falkron entdeckten. Seiner Einschätzung nach hatte man sie zu Tode stranguliert. Ein Täter war bisher noch nicht gefunden worden. Jedoch hatte der Druide in den Händen der toten Elbin einen sauber gefalteten Zettel entdeckt. Eine Nachricht an die Finder ihrer Leiche. Diese Botschaft war mit der Initiale ›Z‹ unterzeichnet. Wer kam ihm da wohl als Erstes in den Sinn? Aber noch hatte er keine Beweise für seine Vermutung. Dennoch lag es natürlich Nahe. Unter anderem war er deshalb nach Aquitan gereist.
Beide Elbinnen neigten ihre Köpfe gleichzeitig zur selben Seite und sahen ihn prüfend an. »Träumst du wieder?», sagte Nesrin zu ihm. Die Zwei trugen ein herausforderndes Schmunzeln auf ihren Lippen.
Nachdem Aris andächtig den Kopf schüttelte, ging er sich mit der freien rechten Hand mehrmals durch den dichten, langen Bart. »Ich denke«, offenbarte er ihnen abwesend, was sie schon längst wussten. Sie kannten ihn ja nicht seit gestern.
»Aris«, sagte Sakura lieblich. »Wir kennen dich jetzt seit fast acht Jahren. Wir wissen, dass du nicht träumst.«
»Aber vielleicht magst du mit uns deine Gedanken teilen?«, fügte Nesrin nachdrücklich hinzu.
Plötzlich starrte er sie mit sehr weiten Augen an und die Zwillinge erschraken über diese Reaktion des Druiden. Aris aber lachte deutlich entspannt und machte eine kurze, wegwerfende Handbewegung. »Viel zu düster sind meine Gedanken über den heraufziehenden Weltuntergang und das grausame Ableben junger elbischer Frauen von der Fachkultät Naturalistoria, die ihre neugierigen Nasen einmal zu oft in fremde Angelegenheiten steckten.«
Als er ihre betröppelten und blassen Gesichter sah, fing Aris herzlich an zu lachen, worauf sich seine verquollenen, runden Augen zu ganz schmalen Schlitzen verzogen. »War doch nur ein Scherz«, beruhigte er sie sogleich. »Die Welt geht trotzdem unter. Aber das dauert noch gaaanz lange.« Er begann abwesend seine Finger zu kneten und blickte sich dabei in der Kantine um. Die Gelenke knackten mehrmals. »Ich muss gleich wieder ins Archiv und vorher hole ich mir noch einen Becher Tee«, sagte Aris entschlossen.
»Du forschst wieder nach dem Amulett?«, wollte Nesrin sicherstellen.
»Das ist richtig«, nickte Aris. »Und nach allem, was damit in Verbindung steht. Ich muss andere Betrachtungswinkel berücksichtigen.«
»Verstehe«, sagte Sakura. »Der zeitliche Aspekt. Geschehnisse die damit in Verbindung stehen könnten.«
»Divergenz«, fand Nesrin einen passenden Fachbegriff. »Die Suche ausweiten, streuen«, bewegte sie die Finger beider Hände nach außen, wie wenn sich die Blüte einer Rose auftat. »Wo liegt der ungefähre Eingrenzungsbereich?«
»Habt ihr Zeit mitgebracht?«, fragte sie der Druide und erhob sich langsam, um darauf seinen schwarzen Fellmantel mit den beiden weißen Streifen am Rücken überzuziehen.
Wie Soldaten zum Kommando streckten sich die beiden HiWis auf und sagten gleichzeitig begeistert. »Aber klar.«
»Gut.« Wieder schien Aris abwesend, während er in seinen Taschen nach etwas kramte, um sich zu vergewissern, ob es noch da war. Leise klimperte es darin. »Aber erst der Tee«, sagte er dann aufgeweckt. »Auf dem Weg ins Archiv erläutere ich euch, was ihr für mich tun könnt. Auf geht's!«
Sie folgten ihm gehorsam und wissenshungrig.
Der Weg hinauf in die Bibliothek war lang. Die Universität glich im Ganzen einer Stadt im Mantel eines Burgkomplexes, nur eben mehr in die Höhe gebaut, als in die Weite. Von außen wirkte sie wie eine Festung, umgeben von einem mittelhohen Außenwall, der von der Festlandseite her wie ein Hufeisen die Universität umschloss. Darin wohnten gewöhnliche Handwerker aller Art in ihren Fachwerkhäusern. Es gab Schankhäuser wie auch in anderen Städten und eben etliche, verschiedene Warenläden. Im Quitenviertel konnten die Studenten und Lehrenden daher alles erstehen, was sie für ihr Studium benötigten oder wonach sie unterdessen sonst noch verspürten. Aber im Innern, hinter dem zweiten, doppelt so hohen Wallring, war es eindeutig eine Art Schule. Seine Architektur spross...




