Reuter | Der Amerikaner | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 131 Seiten

Reuter Der Amerikaner


1. Auflage 2018
ISBN: 978-80-268-8344-9
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 131 Seiten

ISBN: 978-80-268-8344-9
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Der Amerikaner' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Endlich kam es zwischen ihm, Debberitz und August zu einer heftigen Auseinandersetzung. Er forderte eine deutliche und klar abgegrenzte Stellung als dritter Leiter des Unternehmens. Er forderte ein bestimmtes hohes Gehalt und bedeutende Tantiemen. Das zu bewilligen war beiden Herren unbequem.' Gabriele Reuter (1859-1941) war eine deutsche Schriftstellerin.

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Zweites Kapitel


Durch die offenen Glastüren fluteten Ströme von Morgensonnengold und frischer, herber Gebirgsluft. Die bunten Frühlingsblumen in den Korbtischen vor den Fenstern, an denen leichte, weiße Mullgardinen niederhingen, waren ganz durchleuchtet von all dem Licht und schimmerten in einer kostbaren Pracht der Farben. Die vergoldeten Tassen auf dem Frühstückstisch glitzerten und gleißten mit ihrem altmodischen Bilderprunk. Die Schale mit Honig erschien gefüllt von einem unerhört herrlichen Goldtopas. Die Kristalle des Kronleuchters funkelten in tiefem Blau, in zarten Rosenröten, in Grün und strahlendem Gelb. Sogar an den defekten Perlenstickereien der Kissen in den Lehnstühlen am Kamin ging der Triumphzug des Lichtes nicht vorüber, ohne Tausende von kleinen schimmernden Prismen aus ihrer schon längst verblaßten Pracht zu wecken. Wenn Hilde Kosegartens Kopf sich zu den Frühlingsblumen beugte, indem ihre Hand das Gießkännchen über die Töpfe führte, dann leuchtete auch ihr Haar in reichen Tönen von Braun und Gold. Bewegte die Tante in der Sofaecke ihre Stricknadeln, so sprang jedesmal ein flinker Blitz von einem der stählernen Stäbchen zum andern.

»Bitte, Hilde, zieh die Gardine zu, es ist unmöglich zu lesen in diesem Sonnenschein,« sagte August und hielt schützend ein Journal mit technischen Abbildungen vor die Augen. Gehorsam zog Hilde die Markise nieder. Ein stiller, ruhiger Schatten senkte sich plötzlich über die Seite des großen Saals, auf der der Frühstückstisch stand, mit seiner kleinen Teemaschine, mit geschnittenen und bereits butterbestrichenen Brotscheiben des säumigen Hausherrn wartend. Die Anwesenden hatten ihre Mahlzeit längst beendet.

»Weißt du, Hilde,« begann Frau von Kosegarten, nachdem sie an ihrer groben Wollstrickerei die Maschen gezählt hatte, »ich habe Onkel gebeten, die Buche stehen zu lassen, die einzelne am Wasserfall.« – Frau von Kosegarten wendete sich mit ihren Herzensergießungen stets an ihre Nichte. Männer pflegen selten die Geduld zu haben, Dinge, die sie bewegen, in weitläufigen Gesprächen so lange um und um zu wenden, bis alter Kummer ein neues und interessantes Gesicht bekommt. Hilde verstand es so gut, alles wichtig zu nehmen, was die Tante wichtig nahm, und sie niemals mit eignen Angelegenheiten zu unterbrechen. »Der alte Baum ist mir solch liebe Erinnerung.«

Hilde lächelte ein wenig, aber sie schwieg.

»Fritz muß Mimi doch sehr liebgehabt haben,« sagte Frau von Kosegarten wehmütig. »So rührend, daß er sie in seinem letzten Brief wieder grüßen läßt.«

»Den Gruß finde ich geradezu unverschämt,« brauste August auf und warf das Journal, in dem er gelesen hatte, heftig auf den Tisch. »Ich verstehe auch nicht, Mama, wie du Mimi den Gruß bestellen konntest. Fritz ist wahrhaftig keine Persönlichkeit mehr, von der es angenehm wäre, Grüße zu empfangen.«

»August, wie kannst du so hart von deinem Bruder reden!« begann Frau von Kosegarten bekümmert. »Du tust ja, als sei es ehrlos, kein Glück in der Welt gehabt zu haben.«

»Er scheint mir im Gegenteil viel zu viel vom Glücksritter zu besitzen, der edle Bruder Fritz,« sagte August, und sein ruhiges, blondbärtiges Gesicht bekam einen verdrossenen Ausdruck.

»Das ist wohl von hier aus schwer zu beurteilen,« bemerkte Hilde. Ihre Augen blickten nachdenksam ins Weite. »Solch ein fremdes Leben – wo man hart sein muß und listig, kühn und leichtsinnig zu gleicher Zeit, um den Vorteil des Augenblicks zu ergreifen und zu wahren ...«

»Nun, das ›wahren‹ scheint er wenig verstanden zu haben, sonst wäre er wohl nicht wieder so tief drin im Elend. Ich muß gestehen – mich ekelt diese ganze Geschichte – ja, Mama, mich ekelt sie. Ich bin froh, daß ich wenigstens zu rechter Zeit energisch war und dich und Papa verhindert habe, den Abenteurer zurückkommen zu lassen! Ihr ... wahrhaftig in eurer törichten Gutmütigkeit wäret ihr dazu imstande gewesen ...«

»Ach, August,« klagte die Mutter, »wenn einer aber doch solche Sehnsucht hat!«

»So soll er sie bezwingen. Jeder von uns hat sich zu bezwingen und liebe Wünsche der Pflicht zu opfern. Es war Ehrensache, für Fritzens Schulden aufzukommen. Selbstverständlich... Aber jetzt, wo sich's auch um meine Existenz handelt – wo ich den Leuten Vertrauen einflößen muß – da kann ich keinen verunglückten Abenteurer neben mir brauchen. Das darf mir niemand zumuten – am wenigsten meine Eltern!«

Frau von Kosegarten senkte den Kopf über ihre Arbeit, »Wir haben es dir ja auch nicht zugemutet,« sagte sie ergeben.

Mehr als irgend jemand in der Familie außer Hilde auch nur ahnte, lebte sie in der Erinnerung und in sehnsüchtiger Liebe zu ihrem Ältesten, der vor so vielen Jahren, ein blutjunger, leichtherziger Gesell, vor seinen Gläubigern über den Ozean geflüchtet war. Nicht Augusts geordnetes Dasein, das ihrer eingreifenden Fürsorge kaum bedurfte, sondern die spärlichen Briefe, die flüchtige Kunde brachten von einer unsicheren, überseeischen Existenz, bildeten den Hauptinhalt ihrer Phantasien und Träume. Wenig genug mochte die Frau, die niemals aus der friedlichen Enge der Harzberge herausgekommen war, die fürchterlichen und wilden Gefahren jener Untiefen, Klippen und Wirbelstürme, zwischen denen der Sohn umherschiffte, in diesen Träumen ermessen. Dennoch trug sie den unzerstörbaren Mutterglauben in sich, daß ihr Junge wie die guten Helden von Ritterbüchern und Indianergeschichten am Ende allen Schrecklichkeiten glücklich entrissen und als der gleiche liebe, unschuldige, lachende Knabe, wie sie sein Bild im Herzen hegte, dereinst zu ihr zurückkehren würde.

Vielleicht ist das blinde Vertrauen auf einen sehr stark im einzelnen Schicksal waltenden Vater im Himmel, der besonders für ferne Söhne eine Menge von umsichtigen Schutzengeln bereithält, von allen Menschen den Müttern am nötigsten. Selten mit der Lebenserfahrung ausgerüstet, die sie befähigen würde, sich einen deutlichen Begriff von der Existenz eines jungen Mannes schaffen zu können, fühlen sie diesen ins Unbegreifliche hinausstrebenden Jüngling doch so oft noch als ein Stück ihres eigenen Leibes und Herzens. Wie sollten sie die Qual, das Geliebteste im Dunkeln, Rätselvollen sich verlieren zu sehen, ohne es auch nur mit wertvollen Ratschlägen begleiten zu können, ertragen? Aber wenn sie ihm ein für allemal einen weisen Führer, als der das göttliche Wesen dem an abstrakten Begriffen schwer haftenden Frauengeist sich leicht verkörpert, übergeben, dann haben sie zugleich sich jemand geschaffen, mit dem sie sich fortwährend innerlich wie mit einem Freund unterhalten können. Auch scheint es ihnen, daß sich dieser Mittler, obwohl erfahrener und klüger als sie selbst, doch ihren freundlichen Vorstellungen und mütterlichen Wünschen nicht immer unzugänglich erweist.

So war Marie von Kosegartens Verhältnis zu ihrem Gott. Er war ein Mann; darum tat er oft unbegreifliche Dinge, die Männer nun einmal zu tun pflegen. Darein hatte man sich zu fügen. Wie gegen Augusts Bestimmungen wagte Frau von Kosegarten aber auch gegen die des lieben Gottes ganz heimlich in ihren Gedanken ein wenig zu rebellieren. Das hatte erstens den Reiz der Sünde, und zweitens konnte man auch nicht wissen, ob der Herr sich doch nicht endlich zugunsten ihrer Wünsche beeinflussen ließe, wenn er sah, daß man unzufrieden mit ihm war.

Und nun hatte der Herrgott ihr etwas angetan, darüber konnte und konnte sie nicht einig werden mit ihm. Daß er die Menschen prüft, hart prüft, das gehörte ja wohl einmal zu seinem Regiment. Wie sollte man auch auf anderm Weg die nötige Läuterung empfangen? – So hatte sie sich auch allmählich hineingefunden, daß Fritz des Königs Rock, der ihm so gut stand, ablegen mußte, daß er niemals mehr zu Weihnachten oder zu Ostern auf Urlaub kommen konnte, daß das Haus still geworden war – denn weder August noch Hilde lachten wie er –, und daß er dort drüben mit seinen hübschen wohlgepflegten Händen, von denen sie sich so gern hatte streicheln und liebkosen lassen, arbeiten mußte wie ein Knecht, ihr verwöhnter schlanker Herzensjunge! Nun, er nahm ja wenigstens das schreckliche Leben mit seinem gewohnten Humor. Manchmal konnte man über seine Schilderungen von Land und Leuten geradezu Tränen lachen.

Weil er so drollig schrieb, befestigte sich die Anschauung bei ihr, es müsse ihm doch nicht allzu schlecht gehen. Er verdiente auf eine rätselhafte Weise sogar sehr viel Geld. Eigentlich klang es ja wie ein Spaß und war kaum zu glauben. Er hatte nämlich eine merkwürdige Art von Lederstrippchen mit verschiedenen verstellbaren Haken erfunden, an dem die Gold- und Kupfergräber im Westen ihre Werkzeuge am Gürtel tragen konnten. Seitdem er dieses Strippchen erfunden, hatte rr das Graben aufgegeben. Seine Briefe wurden nun wie eine von köstlichen Freudenschätzen schimmernde Mine: er war auf dem Weg, ein reicher Mann zu werden – er kaufte Häuser – er baute Straßen – er richtete Fabriken ein – er fuhr im Auto durch seine Besitzungen ...

Endlich wollte er auch seine Absicht ausführen und einmal hinüberflitzen, die Eltern zu besuchen, um dem Vater seine Schulden abzutragen und mit August wegen seiner Zukunft zu sprechen. Hinter allen Geldsorgen, die sie in ihrem Rauschenrode plagten, stand diese am Horizont ihres Lebens glänzende Hoffnung.

Da wurde der liebe Gott grausam ... Ja, Frau von Kosegarten konnte es nicht anders bezeichnen: Er wurde grausam. Fritz schrieb nach einer beängstigend langen Pause aufs neue: sein lange gehegter Plan solle nun zur Tat werden. er wolle heimkehren ins alte Vaterhaus. Aber sie sollten sich keine...



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