Reuther | Der Geschmack der Heimat | Buch | 978-3-942115-36-0 | www.sack.de

Buch, Deutsch, 136 Seiten, GB, Format (B × H): 182 mm x 249 mm

Reuther

Der Geschmack der Heimat

Eine Kulturgeschichte des Essens und Trinkens in der Region Rudolstadt · Saalfeld · Neuhaus
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-942115-36-0
Verlag: Bussert u. Stadeler

Eine Kulturgeschichte des Essens und Trinkens in der Region Rudolstadt · Saalfeld · Neuhaus

Buch, Deutsch, 136 Seiten, GB, Format (B × H): 182 mm x 249 mm

ISBN: 978-3-942115-36-0
Verlag: Bussert u. Stadeler


Unser Heimatgefühl speist sich aus den Erinnerungen an die Kindheit. Der Duft von frisch gebackenem Kuchen oder von Bratwürsten auf dem Markt, die krachende Kruste noch warmen Brotes, Obst frisch vom Baum gepflückt. Früher, da die Menschen viel mehr aus dem Garten, aus der sie umgebenden Landschaft lebten, war dieser Geschmack noch präsenter und viel individueller.
Renate Reuther ist den vielen Überlieferungen zu Bier und Braurechten, zu Kloß und Bratwurst, zu Kartoffeln und Obst, zu Jagd, Vogelfang und Wildbret nachgegangen und hat in akribischer Archivforschung vieles Wissenswertes zusammengetragen.
Freuen Sie sich auf einen unterhaltsamen und lehrreichen Spaziergang
durch die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens in der Region Rudolstadt
· Saalfeld · Neuhaus.

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Der Geschmack der Heimat 7
Schiller und ein Frühstück auf der Heidecksburg 11
Karge Kost und Fronarbeit 13
Branntwein zum Frühstück 19
Immer nur Brei 23
Unser tägliches Brot gib uns heute! 29
Misthaufen in der Residenz 35
Markttreiben 39
Der »Prater« Rudolstadts 43
Mit einer Bratwurst bewaffnet 45
Die löbliche Annäherung der Stände 49
Schenke, Gasthaus, Garküche 53
Stadtbier und Strafbier 57
Freitisch und Suppenanstalt 65
Kartoffeln – Manna der Armen 71
Ohne Klee kein Fleisch 75
Dicke Schafmilch und Schöpsenfleisch 83
Die Jagd: des einen Freud, des andern Leid 87
Vom Vogelherd in den Topf 93






Kannen gemischter Fische 95
Sehr willkommene Früchte 99
Fränkischer Wein aus Rudolstadt 105
Tiegelbrey und Semmelkoch 107
Schmausen, schwelgen, feiern! 113
An der Hoftafel 119
Anmerkungen 125
Bildnachweise 135


Der Geschmack der Heimat
Unser Heimatgefühl speist sich aus den Erinnerungen an die Kindheit. Der Duft von
frisch gebackenem Kuchen oder von Bratwürsten auf dem Markt, die krachende Kruste
noch warmen Brotes, Obst frisch vom Baum gepflückt. Früher, da die Menschen
viel mehr aus dem Garten, aus der sie umgebenden Landschaft lebten, war dieser
Geschmack noch präsenter und viel individueller. Wir mögen bedauern, daß mit der
Supermarktware der Geschmack der Heimat weitgehend verschwunden ist, freuen uns
aber auch über die nie versiegende Fülle der Waren. An Armut und Mangelwirtschaft
können sich die älteren Generationen noch erinnern. Hungersnöte jedoch sind aus
unserem Gedächtnis verschwunden. Dabei waren sie hier in Thüringen, gerade in
den Bergregionen häufig. Dazu die Heimsuchungen durch immer neue Seuchen und
Epidemien. Die Pest kam und ging und holte viele Opfer. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts brachten verschiedene Entwicklungen wie der Kartoffelanbau, die industrielle Revolution und die Mobilität von Waren und Menschen eine Erleichterung. Neue Lebensweisen setzten sich durch; die Ernährung änderte sich mit ihnen. Inzwischen stehen uns das ganze Jahr Lebensmittel aus aller Welt zur Verfügung und wir haben uns an Konserven, Tiefkühlkost und Fertignahrung gewöhnt.
Auch wenn in dieser Geschichte der Ernährung eine lose zeitliche und räumliche
Begrenzung versucht wird, ist das Thema so umfassend und facettenreich, daß es in
diesem Rahmen nicht erschöpfend behandelt werden kann. Alle Bereiche der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte spielen herein. Viele Themen konnten nur angerissen oder
gestreift werden, eine vertiefende Behandlung wäre lohnend.
Die agrarisch geprägte Wirtschaft kreiste fast vollständig darum, die Menschen zu
ernähren und ihnen die dafür notwendigen Mittel zu besorgen. Direkt oder indirekt
hing fast alles mit dem Bedürfnis zusammen, das tägliche Brot zu gewinnen. Es fing
an mit der feudalen Ordnung, die sich auf den Landbesitz gründete und zu einem
Leben unter Flurzwang und Fronpflichten führte. Die Bedeutung der Städte rührt von
ihren Märkten und der Lage an Handelswegen. Dort hatte man nämlich Zugriff auf
Spezialitäten aus fernen Ländern. Klassenunterschiede manifestierten sich in Art und
Umfang der Speisen. Durch das Jagdprivileg versorgte sich der Adel mit dem Fleisch
wilder Tiere und konnte mehrgängige Menus mit verschiedenen Braten auftischen.
In den Küchen der Häusler wurden die einfachen Mahlzeiten aus einer Schüssel in
der Tischmitte gelöffelt. Für die Ärmsten, die um ein Stück Brot betteln mußten,
entwickelte sich aus einzelnen wohltätigen Stiftungen schließlich ein ganzes Versorgungswesen.
Jedoch hatten die Gemeinden schon gemeinschaftliche Brauhäuser, noch bevor sie Schulen oder Armenhäuser einrichteten. Nicht Gewerbegebiete und Verkehrswege prägten die Landschaft, sondern die Kulturflächen, der Wald und ausgedehnte Brachen zur Beweidung. Auf den Hügeln entlang der Saale erinnern Gartenhütten an den Weinbau und den Vogelfang. Wald und Flur lieferten Wildfrüchte, bevor man die Sortenzucht ernst nahm und Obstgärten anlegte. Nachdem mit der Revolution von 1848 jedermann freies Eigentum an Grund und Boden erwerben konnte, bildete sich um die Städte ein Ring von eingezäunten Gärten, denen bald Siedlungen und Vorstädte folgten. Der Fülle der vorgelegten Fakten kann man große Zusammenhänge entnehmen, ebenso wie Kuriositäten am Rande. Es wird gezeigt, daß die kleinen Bauernhöfe kaum eine Familie ernähren konnten, weil sie zu wenig Mist erwirtschafteten. Erst der Kartoffelanbau führte zur Verstädterung, indem er die Arbeitskräfte für die neuen Fabriken bereitstellte. Die »Begüterten« besaßen tatsächlich ein Gut und durften deshalb im Kirchenschiff sitzen, während die anderen auf den Emporen stehen mußten. Vieles was damals alltäglich war, erscheint heute exotisch, genauso wie unsere Lebensmittel und unser Essen den damaligen Einwohnern sehr fremd erscheinen würden.
Wie kann man erfahren, wie vor zweihundert oder dreihundert Jahren gekocht und
gegessen wurde? Auch wenn es seit etwa einhundert Jahren eine Heimatgeschichtsforschung gibt, fand der Themenkreis Kochen und Ernährung bei den meist männlichen Forschern nur wenig Beachtung. Sie schenkten anderen Interessensgebieten mehr Aufmerksamkeit. Diese können für unser Thema relevant sein, wenn es nicht um die Herrscher und ihre Kriegszüge geht, sondern um das Feudalsystem, um die Jagd oder die Innungen. Die Essensgewohnheiten der einfachen Leute und der Bürger erschließen sich oft nur aus Randbemerkungen. Aufzeichnungen über den Alltag sind rar und haben sich kaum erhalten. Die Mundartdichter haben das eine und andere aufgeschrieben und sind damit heute ebenfalls eine Quelle. Besonders ergiebig waren gesetzliche Bestimmungen wie die Hochzeits-, Tauf- und Begräbnisordnung des Fürstentums Rudolstadt von 1749, die in ihren detaillierten Verboten indirekt aufzeigte, was bis dahin üblich war. Für die Menus bei Hofe und die Wirtschaft auf dem Schloß liegen natürlich noch Belege auf der Heidecksburg. Eine unschätzbare Quelle ist das handgeschriebene Kochbuch der Louise von Lengefeld, Schillers Rudolstädter Schwiegermutter. Es gibt uns viele Hinweise auf die Speisegewohnheiten in einem gut situierten Haushalt. Zusätzlich enthält es Informationen über die Konservierung von Obst und Gemüse oder die Verfügbarkeit und Verwendung von exotischen Zutaten und Gewürzen. Für das frühe 20. Jahrhundert stellen die Einkaufslisten und Küchenzettel der Cumbacher Heime eine aufschlußreiche Quelle dar. Das fürstlich privilegierte Rudolstädtische
Wochenblatt, das seit den ersten Ausgaben im Stadtarchiv erhalten und
einsehbar ist, lieferte wertvolle Ergebnisse. Nicht zuletzt wurden zahlreiche Akten aus
dem Stadtarchiv Rudolstadt gesichtet, die für das Thema relevante Informationen
versprachen. In diesem Zusammenhang sei den Mitarbeiterinnen des Stadtarchivs
für ihre freundliche Hilfe gedankt. Das Archiv stellte mir überdies großzügig
zahlreiche Abbildungen für dieses Buch zur Verfügung.
Alle interessant erscheinenden Papiere mußten durchgelesen werden. Texte
waren auszuwählen, abzuschreiben und in Zusammenhänge zu bringen. Bei den
Akten stellen die alte deutsche Schrift und die individuellen Handschriften immer
wieder eine Herausforderung dar. Die städtischen Schreiber befleißigten sich
nicht durchwegs einer sauberen Standardschrift. Bei den Illustrationen durfte ich
wieder auf die unschätzbare Sammlung von Herrn Thilo Faber zurückgreifen. Herr
Univ.-Doz. Dr. Gerd Reuther unterstützte das Projekt in gewohnter Weise. Zu guter
Letzt sei der Autoren der Rudolstädter Heimathefte gedacht, die seit nunmehr
über 60 Jahren unsere Heimatgeschichte erforschen und für zahlreiche Kapitel
dieses Buches wertvolle Vorarbeit geleistet haben. Allerdings fehlte bisher eine
zusammenfassende Darstellung der Kulturgeschichte des Essens in der Region.
Anders als in der vorindustriellen Zeit spielt die Nahrungsmittelproduktion heute
keine zentrale Rolle mehr in den Leben der meisten Menschen. Im Allgemeinen backen
wir weder unser Brot, noch brauen wir unser Bier, und selbst Bäuerinnen kaufen
ihre Eier im Supermarkt. Aber wenn wir Anknüpfungspunkte zu unseren Vorfahren
suchen, die in unserer Gegend so ganz anders lebten als wir, so treffen wir uns am ehesten beim Essen. Bratwurst und Bier, Fleisch mit Klößen, Kaffee und Kuchen schmeckten ihnen genauso gut wie uns.


Dr. Renate Reuther
Seit sie nach Jahren in der Fremde im Saaletal eine Heimat gefunden hat, erforscht die Historikerin mit viel Engagement die Geschichte der Region. Sie hat sich die pannende
Aufgabe gestellt, Geschichte zu schreiben, die noch nicht in den Büchern steht. Lebensstationen an verschiedenen Orten im In- und Ausland schärften den Blick für den Einfl uß der Vergangenheit auf die Gestaltung unserer Gegenwart.



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