Rey Rosa | Die Gehörlosen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Rey Rosa Die Gehörlosen


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-903061-35-4
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-903061-35-4
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In den Bergen Guatemalas verschwindet ein gehörloser Maya-Junge und in Guatemala-Stadt verschwindet zur selben Zeit Clara, die Tochter eines reichen Bankers, einen Tag nachdem sie eine Benefizparty gegeben hat. Alle Bemühungen, Clara zu finden, laufen ins Leere. Stattdessen erhält die Familie seltsame Anrufe der Verschwundenen und Wochen später sogar eine Lösegeldforderung. Cayetano, Claras junger, naiver Leibwächter vom Lande, der dank seiner Chefin das Leben in der Großstadt kennengelernt und sich offensichtlich in die schöne Frau verliebt hat, gibt den Plan, seine Chefin ausfindig zu machen, nicht auf. Er ist davon überzeugt, dass Javier, Claras Liebhaber, ihr Entführer ist. Trotz aller Ungereimtheiten und der Widerstände der Familie der Verschwundenen verfolgt er jede Spur und wird dabei selbst zum Täter. Eine Spur führt ihn zu einem soeben eröffneten Sanatorium, in dem offensichtlich schreckliche Dinge vor sich gehen. Wieso weinen hier des Nachts so viele Kinder, woher kommen sie und was geschieht mit ihnen? Und wieder hat Cayetano das Gefühl, dass ihm niemand zuhört, nicht einmal, als er den verschwundenen gehörlosen Maya-Jungen in dem mysteriösen Krankenhaus ausfindig macht ...

Rodrigo Rey Rosa, 2005 mit dem »Premio Nacional de Literatura Miguel Ángel Asturias« ausgezeichnet, wurde 1958 in Guatemala geboren. Er lebte nach seinem Studienabschluss in Guatemala in New York und danach in Tanger. In den USA, wo er sich nach dem Verlassen seiner Heimat niederließ, schrieb er sich an einer Filmschule ein, ein Studium, das er aber nie abgeschlossen hatte. Auf seiner ersten Marokkoreise lernte er 1980 Paul Bowles (1910-1999) kennen, der seine ersten drei Werke ins Englische übersetzte, wodurch Rey Rosa im englischsprachigen Raum bekannt werden konnte. Rodrigo Rey Rosa hatte mehrere von Bowles' Büchern und auch andere Autoren wie Norman Lewis, Paul Léautaud und François Augiéras ins Spanische übersetzt. Er war der Regisseur des Spielfilms Lo que soñó Sebastián (What Sebastian Dreamt), der auf seinem gleichnamigen Roman basiert und 2004 beim Sundance-Filmfestival lief.
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Leibwächter

I

1

Es war später Nachmittag und Don Claudio gähnte.

Er hob den Blick, um aus dem Fenster seines Arbeitszimmers zu blicken, einem großzügigen Raum mit Regalen voller Aktenordner an zwei Wänden und einem Computer – den er kaum nutzte – in einer Ecke. Das Fenster ging zu einem vor tropischen Pflanzen überquellenden Innenhof: Aloen, Philodendren und Orchideen, die einen seltsamen (seit mindestens fünf Jahren ausgetrockneten) Brunnen aus Lavastein einrahmten, das Werk seiner Tochter Clara.

Einen kleinen Teil seines Vermögens, welches immens war, hatte er bereits auf seine zwei Kinder überschrieben. Mittlerweile existierten bereits drei Testamente; in jeder neuen Version war die Summe, die er dem männlichen Nachkommen hinterlassen würde, kleiner geworden. Doch jetzt, so hatte er entschieden, würde er die verbleibende Summe (abzüglich einer Art Zehnten zugunsten des baskischen Wohltätigkeitsvereins und einer kleinen persönlichen Reserve für die wenigen Jahre, die er noch vor sich hatte) seiner Erstgeborenen Clara vermachen. Um dem Fiskus nicht noch mehr Geld zu bescheren, als er bereits an ihn abgeführt hatte, würde er den Transfer noch zu Lebzeiten in Form von Aktien vollziehen, obwohl dies seinen neuen Anwälten nach ein Vorhaben von zweifelhafter Legalität war. Aber diesbezüglich – so hatte er beschlossen – gab es nichts mehr zu besprechen.

Er war müde. Mehr als fünf Jahrzehnte hatte seine liebevolle Tyrannei über Familie und Angestellte nun angedauert. Ignacio, der Junge, hatte sich für eine friedliche Distanzierung vom väterlichen Haus entschieden, während Clara das Joch still und mit kindlicher Resignation ertrug.

»Aber nein, Papa«, sagte sie zu ihm.

»Nein? Nein was? Du kannst damit machen, was du willst. Du kannst es deinem nichtsnutzigen Bruder schenken, wenn du willst. Aber erst wenn ich tot bin, ist das klar?«

»Ich verstehe nicht«, sagte Clara.

Er hatte Hunger und war schlecht gelaunt. Die Schmerzen in der Hüfte, die er sich bald operieren lassen würde, quälten ihn. Er fuhr fort:

»Ich mache das, um dich zu befreien. Vor allem von diesem Land, das kein Ort mehr zum Leben ist. (Geschweige denn um mit Anstand reich zu werden, so wie er das getan hatte, dachte er.) Wenn ich nicht so alt wäre und wenn deine Mutter noch wäre, würden wir woanders hingehen. Ich gebe es dir nicht schriftlich, aber du musst wissen, dass es mein Wunsch ist, dass du, sobald du mich beerdigt hast, von hier fortgehst.«

Claras Augen füllten sich mit Tränen.

2

Er saß an seinem Schreibtisch, einem großen Möbel aus Mahagoniholz, und überprüfte die Buchführung, als es ihm plötzlich so vorkam, als ob seine verblichene Ehefrau, Catalina, ihre Gehhilfe hinter ihm abgestellt hätte, um sich über seine Schultern zu beugen. Er malte zwei rote Linien unter die Figur einer achtstelligen Zahl und hob die Augen zu der Uhr, die ihm gegenüber hing.

»Willst du das nicht sein lassen? Das Essen ist angerichtet«, hätte Catalina gesagt.

Guadalupe, das Hausmädchen, eine kleine, dickliche Frau in einem marineblauen Kleid in der Tradition der Mam-Indianer, erschien in der Tür. In einer Hand hielt sie ein schnurloses Telefon, ein völlig veraltetes Modell, das, seit der alte Herr sich ein Mobiltelefon zugelegt hatte, fast nie mehr klingelte.

»Man wünscht Sie zu sprechen, Don Claudio«, sagte sie.

Mit seinen achtzig Jahren war Claudio immer noch ein Mann, der sich auf seine Intuition verlassen konnte. Was er fühlte, als er den Apparat der kleinen Lupe aus der Hand nahm, verhieß nichts Gutes.

»Ja, bitte?«

»Claudio Casares?«

»Wer fragt?«

Ein Klick, die Leitung war tot.

»Wer war das?«, wollte das Hausmädchen wissen.

»Nichts Wichtiges. Ein Spaßvogel.«

»Noch einer, wollten Sie wohl sagen.«

Don Claudio zog einen weiteren roten Strich unter eine andere Zahl.

Er schloss das Grundbuch und stand auf, langsam und gequält, um nach der Gehhilfe zu greifen, die Guadelupe in seine Reichweite gestellt hatte. Langsam, zuerst einen Schritt, dann noch einen, gingen sie gemeinsam auf den Flur hinaus und glitten über den Parkettfußboden aus Zeder und Castello-Buchsbaum bis ins Anrichtezimmer, das sich hinter der Küche befand.

»Ich mache mir Sorgen um sie«, pflegte die Verstorbene zu sagen, wenn sie über Clara sprachen, »sie ist so allein.«

»Sie hat sich dieses Leben ausgesucht. Wir können sie nicht ändern.«

»Wenn sie wenigstens ein Kind hätte«, pflegte sie beharrlich hinzuzufügen, »aber dafür ist es schon ein bisschen spät.«

Diesbezüglich widersprach er ihr nie.

Er setzte sich an ein rundes Tischchen im Anrichtezimmer und die kleine Lupe servierte ihm die Suppe. Er aß schweigend einen Löffel nach dem anderen, als das Telefon erneut klingelte.

»Geh ja nicht ran!«, schrie Don Claudio Lupe an und fügte mit leiser Stimme hinzu: »Ich möchte in Ruhe essen.«

Der Klingelton ertönte noch mehrere Male, dann umgab sie Stille.

»Ich werde dieses Telefon abschaffen«, murmelte er nach einer Weile zwischen den Zähnen.

3

Er war allein im Arbeitszimmer. Er nahm sein Mobiltelefon, das er auf dem Grundbuch liegen gelassen hatte, und wählte Claras Nummer, aber er erhielt keine Antwort. »Ich muss mit dir reden«, sprach er auf den Anrufbeantworter.

Ein Tropfen Tau kullerte die grüne Neigung eines Blattes des Weißen Ingwers hinab und nahm dabei, mit animalischer Gefräßigkeit, einen weiteren Tropfen mit. Es entstand ein dickerer Tropfen, der weiter hinabglitt, um noch mehr Tropfen auf dem Weg zu verschlingen, bis er zu einer kleinen, durchsichtigen Schlange wurde, die mit immer größerer Eile immer weiter hinabglitt, bis sie schließlich von der Spitze des nach unten geneigten Blattes stürzte.

Drei Stunden später kam Clara an.

»Du hast dir Zeit gelassen.«

»Ich war in der Uni.«

»Natürlich. Das ist das Wichtigste.«

»Ich hatte Prüfungen.«

»Schon gut. Aber setz dich doch, wenn du Zeit hast.«

»Geht es Ihnen gut?«, fragte Clara.

»Es geht mir gut.« Er blickte auf seine Hüfte. »Ich habe Schmerzen, ja, aber nicht mehr als vorher. Es ist etwas anderes, worüber ich mit dir sprechen möchte.«

»Ich höre Ihnen zu.«

Ganz plötzlich nahm er seine wohlwollende Haltung ein. Die Züge seines großen, runden Gesichts entspannten sich wohlig, als er sagte:

»Ich habe viel über das nachgedacht, worum ich dich bitten werde.«

Er betrachtete sie, wie sie sich in ihrem Bürostuhl nach vorn beugte, mit aufmerksamem Blick.

»Heute gab es weitere Anrufe.«

»Drohanrufe?«

Der Alte nickte. Er sagte:

»Deine Mutter sorgte sich sehr um dich. Sie war traurig, dass du so alleine bist.«

»Ich weiß. Was soll ich machen?« Eine schwache Geste der Traurigkeit.

»Ich sorge mich auch.«

Clara schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Wirklich. Ich möchte, dass du mir einen Gefallen tust.«

Ein Moment des Schweigens. Jetzt wird sie sich in sich selbst zurückziehen, dachte er, jetzt wird sie die Schotten dicht machen.

»Ich möchte, dass du jemanden findest, der auf dich aufpasst.«

Clara lächelte. Sie sagte:

»Einen Leibwächter?«

»Ein Ehemann wäre mir lieber«, witzelte er, »aber gut, fürs Erste einen Leibwächter.«

»Nein, Papi.«

»Nein? Ich bitte dich um einen Gefallen, Clara.« Er hatte diesen Moment kommen sehen; er hatte sich das nicht gewünscht. »Ja, einen Gefallen.« Er erhob nicht die Stimme; er war ein Tyrann, aber freundlich.

»Und wenn ich nicht möchte«, entgegnete Clara, »hat das dann Konsequenzen?«

Der Alte nickte. Clara betrachtete eine Weile den ausgetrockneten Brunnen vor dem Fenster.

»Ist gut«, sagte sie dann und sah ihren Vater an, geradeheraus, die Mundwinkel kaum merklich verzogen, »Sie gewinnen.«

Da war Wut in dieser Stimme, dachte der Alte.

»Aber ich werde ihn aussuchen«, fügte Clara hinzu.

»Und nun gewinnst du!«, sagte er gut gelaunt.

II

1

Es war ein ruhiger Abend und immer noch war etwas rötliches Licht am Horizont zu sehen, zwischen den Kegeln dreier Vulkane. Die Gäste waren in der Vorhalle.

Chepe, ein großer Leibwächter mit dunkler Haut, der ein bisschen an Gewicht zugelegt hatte und gut rasiert war, horchte auf. Er stand neben der Haupttür.

»Guten Abend«, sagte der Chef in seiner Rolle als Gastgeber und umarmte die Frau seines Freundes und dann den Freund.

»Die Tür war offen«, sagte sie, »Chepe hat uns das Tor aufgemacht.«

Es gab ein Mikrofon im Speisezimmer und Chepe hatte einen Funkkopfhörer im Ohr. Durch seine dunkle Sonnenbrille überwachte er auch den Garten vor dem Haus und das Eingangstor, das bereits von riesigen Scheinwerfern beleuchtet wurde. Unten, auf beiden Seiten des gepflasterten Weges, der den Garten teilte, bildeten weitere Leibwächter Duos oder Trios um die luxuriösen Autos der geladenen Gäste herum.

»Auf dem Tisch stehen die Häppchen; an der Bar die Drinks«, erklärte der Chef.

»Verdammt noch mal, tolle Vulkane«, sagte ein Gast, der sie durch die Fenster zum westlichen Balkon bewunderte.

Die anderen lachten.

»Verdammt noch mal, ja«, sagte eine Frau und Chepe drehte sich um, um zu sehen, wer sie war. »Wissen Sie, ich denke, dass dieses Land in Wirklichkeit so ist, wie es ist, wegen dieser Vulkane. Sie kontrollieren uns!«,...


Rodrigo Rey Rosa, 2005 mit dem »Premio Nacional de Literatura Miguel Ángel Asturias« ausgezeichnet, wurde 1958 in Guatemala geboren. Er lebte nach seinem Studienabschluss in Guatemala in New York und danach in Tanger. In den USA, wo er sich nach dem Verlassen seiner Heimat niederließ, schrieb er sich an einer Filmschule ein, ein Studium, das er aber nie abgeschlossen hatte. Auf seiner ersten Marokkoreise lernte er 1980 Paul Bowles (1910-1999) kennen, der seine ersten drei Werke ins Englische übersetzte, wodurch Rey Rosa im englischsprachigen Raum bekannt werden konnte. Rodrigo Rey Rosa hatte mehrere von Bowles' Büchern und auch andere Autoren wie Norman Lewis, Paul Léautaud und François Augiéras ins Spanische übersetzt. Er war der Regisseur des Spielfilms Lo que soñó Sebastián (What Sebastian Dreamt), der auf seinem gleichnamigen Roman basiert und 2004 beim Sundance-Filmfestival lief.



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