Rey Rosa | Stallungen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 120 Seiten

Rey Rosa Stallungen

Novelle
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-903061-36-1
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Novelle

E-Book, Deutsch, 120 Seiten

ISBN: 978-3-903061-36-1
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zu Ehren des Großgrundbesitzers und Pferdezüchters Don Guido Carrión wird ein Geburtstagsfest mit einer Vorführung der prachtvollsten andalusischen Vollblutpferde seines Gestüts gefeiert. Mehr als dreihundert geladene Gäste, die wichtigsten Leute Guatemalas, finden sich auf der Finca Palo Verde des Gastgebers ein. Das Fest wird plötzlich durch einen Brand unterbrochen. Unter den Überresten der abgebrannten Stallungen wird der verkohlte Körper von Duro II, einem Zuchthengst im Wert von hunderttausend Dollar und eines der Lieblingstiere von Don Guido, aufgefunden. »Sie sollten darüber schreiben«, fordert ein Unbekannter den Erzähler auf, und in der Tat, nach dieser makabren Entdeckung ist es nicht unvorstellbar, eine Geschichte zu ersinnen, doch der Erzähler versteht auch, dass sie nicht einfach zu erzählen sein wird. Wer kennt nicht den Preis, der in diesen Breiten für diese Art von literarischen Abenteuern zu zahlen ist? Nach und nach kommen Einzelheiten aus den dunklen Kapiteln der Vergangenheit zutage, die die Familie des Gastgebers überschatten. Gekonnt führt Rodrigo Rey Rosa die Leser auf die Spur einer Affäre, deren finstere Facetten das andere Gesicht einer Familie und eines Landes enthüllen.

Rodrigo Rey Rosa 2005 mit dem »Premio Nacional de Literatura Miguel Ángel Asturias« ausgezeichnet, wurde 1958 in Guatemala geboren. Er lebte nach seinem Studienabschluss in Guatemala in New York und danach in Tanger. In den USA, wo er sich nach dem Verlassen seiner Heimat niederließ, schrieb er sich an einer Filmschule ein, ein Studium, das er aber nie abgeschlossen hatte. Auf seiner ersten Marokkoreise lernte er 1980 Paul Bowles (1910-1999) kennen, der seine ersten drei Werke ins Englische übersetzte, wodurch Rey Rosa im englischsprachigen Raum bekannt werden konnte. Rodrigo Rey Rosa hatte mehrere von Bowles' Büchern und auch andere Autoren wie Norman Lewis, Paul Léautaud und François Augiéras ins Spanische übersetzt. Er war der Regisseur des Spielfilms Lo que soñó Sebastián (What Sebastian Dreamt), der auf seinem gleichnamigen Roman basiert und 2004 beim Sundance-Filmfestival lief.
Rey Rosa Stallungen jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


EINS

So ist es schon vielen Schriftstellern ergangen; als sie es am wenigsten erwarteten, trat ein Unbekannter an sie heran und sagte: Über das hier sollten Sie schreiben. Meistens bleibt so ein Manöver wirkungslos, aber ich war gerade auf der Suche nach einem Thema und die Idee erschien mir interessant.

»Ja, schon«, sagte ich zu meinem Gesprächspartner, »nur kenne ich diese Kreise leider nicht gut genug, um die Sache in Angriff zu nehmen.«

»Das sollte Sie nicht abhalten«, erwiderte er. »Ich kenne sie nämlich gut, und wenn Sie möchten, helfe ich Ihnen.«

Wir befanden uns auf der Finca Palo Verde in der Nähe von Pueblo Nuevo Viñas, einer Gemeinde in der bocacosta, unweit der Pazifikküste: eine Gegend, die ich nicht gut kannte. Gerade hatten wir eine Show (wie es in der Einladung stand) mit andalusischen Pferden erlebt, Anlass war der achtundachtzigste Geburtstag des örtlichen Patriarchen Don Guido Carrión.

In den 1960er-Jahren hatte mein Vater, der heute an die achtzig ist, einen andalusischen Deckhengst aus dem Stall von Álvaro Domecq nach Guatemala gebracht, Pregonero, und der war den Leuten aus dem »Milieu« als das erste spanische Vollblut unserer kleinen Republik noch gut in Erinnerung. So galt mein Vater in den weit verzweigten guatemaltekischen Reiterkreisen als Pionier in Sachen spanische Pferde und man begegnete ihm immer noch mit einer gewissen Ehrfurcht. Es gab kaum einen Anlass dieser Art, zu dem er nicht eingeladen wurde, obwohl er seit über zwanzig Jahren keine Vollblutpferde mehr besaß und seit ungefähr fünfzehn Jahren kein Pferd mehr bestiegen hatte. Diesmal war ihm mitgeteilt worden, dass bei dem Anlass Ehefrauen nicht gern gesehen seien, es war zu erwarten, dass die einzigen anwesenden Frauen »Hostessen« und die ein oder andere Amazone sein würden, und so kam es mir als seinem einzigen Sohn zu, ihn zu begleiten.

Die Pferde waren prächtig und sehr, sehr teuer. Dem Moderator, der über Lautsprecher erschütternd unbedarft durch die Veranstaltung führte, war ein Ausrutscher passiert, der unter den Zuhörern Unmut hervorrief: er nannte den Preis für einen von einer Frau gerittenen Deckhengst, der kürzlich einen internationalen Wettbewerb gewonnen hatte: hunderttausend US-Dollar. Jemand hatte ihn wohl auf den Fauxpas aufmerksam gemacht und um sich aus der Verlegenheit zu retten, faselte der Unglücksrabe von der Liebe und Zuwendung, die die Stallmeister diesen wunderbaren Kreaturen bei ihrer Aufzucht und Dressur entgegenbringen. Man stellte zwangsläufig Überlegungen an, dass die Haltungskosten für nur eines dieser Tiere höher sein mussten als der Monatslohn von zehn Stallburschen (»Ohne die Amortisation bei so einem Tier zu berücksichtigen«, wie jemand anmerkte).

Die Stallmeister trugen alle dasselbe, eine schlechte Imitation der Festtagskleidung andalusischer Bauern mit Hut aus Córdoba, Stiefeln aus Jerez und so weiter - veredelt mit der einen oder anderen bei uns üblichen Verzierung wie den traditionellen geflochtenen Bändern oder den Quasten aus Todos Santos. Die kleinen Pseudoandalusier wirkten wie von den Maya abstammende Bauern und sahen neben den hohen, feurigen Rössern noch kleiner aus. Im allgemeinen Hin und Her kamen sie den Läufen der Fohlen und Deckhengste, vor denen sie sichtlich Respekt und verständliche Furcht hatten, gefährlich nahe. Das ist also die Basis der Pyramide, sagte ich mir.

Die nächsthöhere Stufe bildeten die Sicherheitsleute. Bei vielen wäre es nicht weiter aufgefallen, wenn sie sich wie Quiché oder Tzutuhil gekleidet hätten, sie trugen aber gewöhnliche Straßenkleidung und Cowboyhüte, die auf den Fincas ringsum immer noch modern waren. Fast alle führten Gewehre mit abgesägtem Lauf mit und hatten bunte Patronengürtel um die Mitte. Die Waffen glänzten und sahen recht neu aus, und das bildete einen lebhaften Kontrast zu den Sisalkordeln, an denen einige sie umgehängt trugen.

Die dritte Stufe der Pyramide bildeten vermutlich der Moderator, die Musiker und die Hostessen, ein Dutzend junge Frauen, deren Aufgabe es war, die Gäste zu begrüßen und die ersten Drinks zu servieren. Einige wirkten wie blutige Anfängerinnen, die anderen eher schüchtern und insgesamt gingen sie in der Menge der Gäste, ungefähr dreihundert Männer, die, was Alter und Aussehen betrifft, unterschiedlicher nicht sein konnten, völlig unter.

Mir kam vor, dass dieser Mikrokosmos der guatemaltekischen Gesellschaft insofern etwas Positives hatte, als ihre Vorliebe für Pferde alle dazu brachte, herzlich gern viele Unterschiede in Bezug auf Stand, Beruf, Gesinnung oder Irrglauben zu vergessen, die es unter anderen Umständen verhindern würden, dass eine so ungleiche Schar zusammen feiert. Ständig kamen neue Gäste an (die Spitze der Pyramide) mit ihren SUVs samt Chauffeur und Leibwächtern im schwarzen Anzug, mit Dienstautos, der eine oder andere mit dem Hubschrauber. Ich erkannte Persönlichkeiten aus der Politik (zwei oder drei Kongressabgeordnete, einen Vizeminister, einen ehemaligen Bürgermeister), der Hochfinanz und der Presse. Es waren alteingesessene und eingeheiratete Großgrundbesitzer da, Industrielle, Geschäftsleute, Versicherungsmakler, Ärzte, Tierärzte und ein paar wie ich, die nichts zu tun hatten.

Wegen der Frauenknappheit erinnerte das Ganze an ein Treffen arabischer Scheichs. Man hätte meinen können, es sei unhöflich, keine Pistole am Gürtel oder unter der Achsel zu tragen - ein Verstoß, der anscheinend nur den ganz Alten nachgesehen wurde. Von den jungen Leuten hatten viele zu ihrer schwarzen, blitzblanken automatischen Pistole auch noch Reservemagazine dabei - als rechneten sie früher oder später mit einer Schießerei und wollten sich nicht der Gefahr aussetzen, ohne Kugeln dazustehen.

Mein Vater und ich waren rechtzeitig zum Beginn der Show gekommen. In einer Reithalle saßen auf einem Podium aus einfachen Holzbrettern der Patriarch und seine engsten Vertrauten auf Plastikstühlen. Wir standen Schlange, um bis dorthin zu gelangen. Als wir an die Reihe kamen, schenkte mein Vater dem Jubilar ein Porzellanpferd aus dem Laden meiner Mutter. Nachdem wir mit dem alten Herrn und seinem Anhang kurz Höflichkeiten ausgetauscht hatten, wurden mein Vater und ich gebeten, uns rechts von der kleinen Gruppe an den Rand des Podiums zu stellen.

Auf der Reitbahn vollführten Fohlen und Deckhengste - Favorito 27, Justiciero 33, Duro II - und andere Pferde ihre Kunststücke, während Don Casildo polternd Belanglosigkeiten von sich gab, und zogen dann unter Applaus ab.

Da mein Vater und ich so nahe beim Jubilar standen, war es nicht einfach, der Prozession von Gratulanten auszuweichen, die fortwährend zum Podium strömten. Männer in Markenkleidung und offensichtlich bewaffnet, verbeugten sich vor dem Jubilar, umarmten oder küssten ihn und überreichten ein teures Geschenk oder eines mit hohem Erinnerungswert, wie jenes Foto, auf dem zu sehen war, wie sein erster Deckhengst in Puerto Quetzal mit dem Kran vom spanischen Frachtschiff gehoben wurde. Nach diesem kleinen Ritual und bevor sie sich einen Platz auf der provisorischen Tribüne auf dem offenen Reitplatz neben der Halle suchten, konnten die Neuankömmlinge gar nicht anders, als auch meinen Vater und mich zu begrüßen, was langsam lästig wurde. Außerdem war es bei einer Zusammenkunft wie dieser unvermeidlich, Leute zu treffen, die wir nicht sehen und noch weniger grüßen wollten: ein ekelhafter Kritiker, ein Anwalt, der einen übervorteilt hatte, der hervorragende Arzt, der es abgelehnt hatte, einen Freund zu operieren, weil er seine Golfpartie nicht verpassen wollte. Zu meiner Überraschung kam uns, sobald diese Leute stehenblieben, eine Art momentaner Gedächtnisverlust zu Hilfe; wir schüttelten Menschen freundlich die Hand, die wir fürchteten oder verachteten (oder beides zugleich). Die jungen Frauen servierten inzwischen Getränke und die Gäste witzelten mehr oder weniger hämisch oder blöd herum.

Hinter unserem Rücken, durch eine kaum zwei Meter hohe Mauer von uns getrennt, waren zwei Schlachter auf einem quadratischen Areal mit halb Erd-, halb Zementboden damit beschäftigt, über einem Eisentisch ein Schwein zu zerteilen. Kleine Schwärme grün funkelnder Fliegen flogen vom Tisch auf, schwirrten kurz über unsere Köpfe und wieder an den Ort des Geschehens zurück, um sich auf Exkremente, Eingeweide und gestocktes Blut zu setzen. Ein Schlachter zerkleinerte das Fleisch, während der zweite in einem Kessel über der Glut die in Streifen geschnittene Schwarte rührte und daraus Chicharrones machte. Die Gerüche, die mit dem Dunst aus dem Kessel aufstiegen, machten einem den Mund wässrig.

Mein Vater ertrug gleichmütig die lange Vorführung, die mit einem Defilee der Stuten mit ihren Jungen endete. Der Moderator hörte zu sprechen auf und über Lautsprecher erklang ein spanischer Pasodoble. Ich hörte, wie mein Vater erleichtert aufatmete. »Wenn das Mittagessen nicht vor zwei serviert wird, gehen wir«, flüsterte er mir ins Ohr.

Das greise Gefolge setzte sich langsam in Bewegung. Dicht gefolgt von ihren Leibwächtern, begaben sich die Alten, mit den eben erhaltenen Geschenken beladen, zum Herrenhaus der Finca, das auf einem kleinen Hügel rund hundert Meter von den Reitplätzen entfernt lag. Wir anderen gesellten uns zur Besuchermenge unter einem riesigen Schutzdach aus Segeltuch, wo die Hostessen und Kellner nun als Häppchen schwarze Bohnen, Guacamole und die frisch zubereiteten, noch warmen Chicharrones servierten.

Es kamen immer noch Gäste an. Wir hatten auf einem kleinen Areal hinter einem Wirtschaftsgebäude geparkt, in dem Pferdefutter und Sattelzeug aufbewahrt wurde. Nun...


Rodrigo Rey Rosa 2005 mit dem »Premio Nacional de Literatura Miguel Ángel Asturias« ausgezeichnet, wurde 1958 in Guatemala geboren. Er lebte nach seinem Studienabschluss in Guatemala in New York und danach in Tanger. In den USA, wo er sich nach dem Verlassen seiner Heimat niederließ, schrieb er sich an einer Filmschule ein, ein Studium, das er aber nie abgeschlossen hatte. Auf seiner ersten Marokkoreise lernte er 1980 Paul Bowles (1910-1999) kennen, der seine ersten drei Werke ins Englische übersetzte, wodurch Rey Rosa im englischsprachigen Raum bekannt werden konnte. Rodrigo Rey Rosa hatte mehrere von Bowles' Büchern und auch andere Autoren wie Norman Lewis, Paul Léautaud und François Augiéras ins Spanische übersetzt. Er war der Regisseur des Spielfilms Lo que soñó Sebastián (What Sebastian Dreamt), der auf seinem gleichnamigen Roman basiert und 2004 beim Sundance-Filmfestival lief.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.