Reydon | Wissenschaftsethik | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 143 Seiten

Reydon Wissenschaftsethik

Eine Einführung
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8463-4032-5
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Einführung

E-Book, Deutsch, 143 Seiten

ISBN: 978-3-8463-4032-5
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Spannungsfeld zwischen ethischen Implikationen, Forschung und Wissenschaft: Schlüsselkompetenz für Naturwissenschaftler Naturwissenschaftler sind in Beruf und Forschung oft zwangsläufig mit ethischen Themen, Fragestellungen und Problemen konfrontiert - diese Einführung sensibilisiert den Leser für das Thema, schärft das Verantwortungsbewusstsein und beantwortet Fragen aus der Praxis. Eine gelungene Einführung in spannende Fragen rund um die Themen Ethik und Naturwissenschaften! Die zahlreichen Beispiele aus vielen unterschiedlichen fächerübergreifenden Beispielen erleichtern die Lektüre zu diesem komplexen Thema.

Thomas Reydon ist seit 2015 Professor für Philosophie der Biologie in Hannover. Er ist zudem kooptierter Professor am Centre for Ethics and Law in the Life Sciences.
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2Was ist Ethik?


Das vorliegende Kapitel bietet eine kurze Einführung in das Fach Ethik sowie in die wichtigsten ethischen Theorien und stellt das moralphilosophische Hintergrundwissen bereit, das jeder Wissenschaftler (und im Grunde eigentlich jede Person) benötigt, um systematisch über moralische Problemsituationen nachdenken zu können.

Zwar ist es für angehende und praktizierende Wissenschaftler nicht unbedingt notwendig, über vertiefte Kenntnisse der verschiedenen Typen ethischer Theorien zu verfügen, um ihre Rolle als Wissenschaftler gut erfüllen zu können. Die meisten Menschen verfügen schließlich nicht über solche vertieften Kenntnisse und sind dennoch in der Lage, in Alltagssituationen moralische Urteile zu fällen. Dennoch lässt sich argumentieren, dass gerade angehende und praktizierende Wissenschaftler ein wenig mehr über ethische Theorien wissen sollten als es vielleicht für die Alltagspraxis unbedingt notwendig ist. Mit der Rolle des Wissenschaftlers übernimmt eine Person gleichzeitig eine besondere Verantwortung. Wie in den Kapiteln 4 und 5 ausgeführt wird, kommt diese professionelle Verantwortung sowohl der wissenschaftlichen Gemeinschaft als auch der Gesellschaft im Allgemeinen gegenüber zum Tragen. Dies heißt, dass Wissenschaftler Kraft ihres Berufs sowohl den Mitgliedern der wissenschaftlichen Gemeinschaft als auch den Mitgliedern der Gesellschaft gegenüber Rechenschaft über ihr Tun schuldig sind.

Um die Gründe für ihre Entscheidungen zwischen verschiedenen Handlungsoptionen und ihre für die Entscheidung relevante Überlegungen artikulieren zu können, ist es hilfreich, über Grundkenntnisse über die wichtigsten Theorietypen in der Ethik zu verfügen. Auch in dieser Hinsicht liefert die Ethik Orientierungswissen. Sie zeigt mögliche Argumentations- und Überlegungsschemata auf, mit der Wissenschaftler ihr Handeln in konkreten, moralisch kniffligen Situationen bewerten und der wissenschaftlichen Gemeinschaft sowie der Öffentlichkeit gegenüber begründen können. Der Wissenschaftler soll zwar selbst nicht zum Ethiker werden, aber er soll ausreichende Kenntnisse der wichtigsten ethischen Theorien besitzen, um sie bei Bedarf als Werkzeuge in der Berufspraxis einsetzen zu können.

2.1Moral und ethische Theorie


Eine erste Unterscheidung, die bei einer Einführung in die Ethik gemacht werden muss, ist die Unterscheidung zwischen Ethik und Moral. Beide Begriffe haben etwas mit dem Unterschied zwischen „gut“ und „böse“, zwischen „richtig“ und „falsch“ zu tun. Umgangssprachlich werden diese beiden Begriffe oftmals als Synonyme verwendet: Eine ethische Frage ist eine moralische Frage. Streng genommen ist diese Gebrauchsweise jedoch nicht richtig, weil die Ethik ein akademisches Fach und ein Teilbereich der Philosophie ist und die Moral nicht. Ethik kann man betreiben, Moral nicht. Die Ethik ist das Fach, das die Moral als ihr Forschungsgegenstand hat: Ethik ist Moralphilosophie, d. h. philosophieren über moralische Fragen.5 Der Begriff der Moral hingegen verweist auf Urteile darüber, wie man handeln sollte bzw. was man nicht tun darf, was den Unterschied zwischen einer richtigen und einer falschen Handlungsweise ausmacht, was eine gerechte Gesellschaft ausmacht, was das gute Leben beinhaltet usw. Solche Urteile können persönlicher Natur sein oder auch in der Form eines Werte- und Normensystems einer bestimmten Gruppe von Menschen existieren. Die christliche Moral z. B. ist das System der moralischen Urteile, das von den Menschen angenommen wird, die sich als Christen verstehen.6 Die ethischen Theorien, die im nächsten Abschnitt kurz vorgestellt werden sollen, sind als im Fach Ethik aufgestellte Theorien dementsprechend selbst keine Systeme moralischer Urteile. Vielmehr sind sie Theorien über Moral und über solche moralische Systeme.

Ethische Theorien lassen sich grundsätzlich in zwei Weisen aufstellen. Man kann die verschiedenen moralischen Urteile und Urteilssysteme, die von verschiedenen Individuen und Gruppen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten angenommen wurden, beschreiben und miteinander vergleichen. Ein solches Projekt deskriptiver Ethik hat u. a. soziologische, anthropologische, kulturwissenschaftliche und psychologische Aspekte und fällt dementsprechend nicht notwendigerweise im Kernbereich der philosophischen Forschung, obwohl philosophische Elemente immer in einem solchen Projekt mit enthalten sind. Die deskriptive Ethik produziert selbst keine inhaltlichen moralischen Aussagen, sondern gibt diese lediglich in einer systematischen Weise wieder.

Es ist auch möglich, die Aufstellung einer ethischen Theorie als normatives Projekt zu verstehen und zu versuchen, eine allgemeine Theorie aufzustellen, die allgemeine Handlungs-, Bewertungs- und Begründungsrichtlinien enthält – die also in der Praxis eine normative Kraft entfalten kann, die rein beschreibende Theorien als Darstellungen von vorgefundenen Sachverhalte nicht entfalten können. Dies ist der Arbeitsbereich der normativen Ethik (siehe Driver, 2005, zur weiterführenden Lektüre). Die ethischen Theorien, die im nächsten Abschnitt vorgestellt werden, fallen in diesem Bereich.

Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass die normative Ethik und die in ihr verhandelten Theorien direkt in der Praxis umsetzbare Handlungsanweisungen geben würden, wie diese z. B. in den zehn Geboten enthalten sind. Die normative Ethik hat jedoch nicht als Ziel, konkrete Gebote und Verbote für die alltägliche Lebensführung zu formulieren, wie „Du sollst nicht stehlen“. Wie bereits angemerkt, sind ethische Theorien selbst keine moralischen Systeme. Vielmehr liefert die normative Ethik Theorien darüber, wie wir solche Gebote und Verbote bewerten und begründen können. Ethische Theorien, wie sie in der normativen Ethik entwickelt werden, sind Ansätze darüber, von welcher Art die Maßstäbe sein sollten, mit denen Handlungen, Sachverhalte usw. moralisch bewertet und begründet werden können. Eine ethische Theorie liefert also einen Denkrahmen, innerhalb dessen Überlegungen dazu angestellt werden können, wie wir in bestimmten konkreten Umständen handeln sollten (und wie nicht) und wie Argumente konstruiert werden können, die konkrete Handlungsanweisungen begründen oder widerlegen. Als solche ist es nicht die Aufgabe der normativen Ethik, den Menschen konkrete Richtlinien für die Praxis zu verschaffen, sondern vielmehr, moralische Überzeugungen in Frage zu stellen und dadurch zu einer kritischen Reflexion über bisher für selbstverständlich angenommene Werte, Normen, Verhaltensregeln und Überzeugungen anzuregen.7

Die normative Ethik befasst sich im Wesentlichen mit der Frage, was die allgemeinen, fundamentalen Prinzipien sein könnten, die unser Leben und unser Handeln leiten sollen, und wie mit Hilfe dieser Prinzipien konkrete Gebote und Verbote für die Praxis hergeleitet werden können (Driver, 2005, S. 31). Die tatsächliche Herleitung solcher konkreten Gebote und Verbote für bestimmte praktische Kontexte sowie die Bewertung der verschiedenen Handlungsoptionen, die in konkreten Fällen zur Verfügung stehen, findet in der angewandten Ethik statt – d. h. in den verschiedenen Bereichsethiken (siehe Kapitel 1). Während die normative Ethik sich auf moralische Fragen im Allgemeinen bezieht, nehmen die angewandten Ethiken (die Bereichsethiken), einzelne Praxisbereiche in den Blick und versuchen, für diese Bereiche spezifische moralische Fragen zu lösen.8

Neben den Teilbereichen der deskriptiven Ethik, der normativen Ethik und der angewandten Ethik umfasst die Ethik noch einen weiteren Teilbereich: die Metaethik. Wie der Terminus widerspiegelt, befasst sich die Metaethik mit Fragen einer höheren Ordnung als die der übrigen Teilbereiche der Ethik. Während die deskriptive Ethik bestehende moralische Urteile und Urteilssysteme beschreibt und die normative Ethik solche analysiert und zu begründen versucht, befasst sich die Metaethik nicht mit moralischen Urteilen und Urteilssystemen selbst, sondern mit allgemeinen Fragen zur Natur moralischer Urteile sowie zur Natur moralischer Begründungsweisen (Smith, 2005, S. 4–6; Scarano, 2006, S. 27). Die Metaethik ist die systematische Reflexion der Ethik und kann dementsprechend auch als die Wissenschaftsphilosophie der Ethik gelten (wie die Metaphilosophie als die Wissenschaftsphilosophie der Philosophie gelten kann; siehe Kapitel 1).9 Üblicherweise wird in der Literatur eine Dreiteilung des Faches Ethik vorgefunden in deskriptiver Ethik, normativer Ethik und Metaethik (z. B. Frankena, 1963, S. 3; Scarano, 2006, S. 25). Es scheint jedoch sinnvoll, die bereichsspezifischen Ethiken, wie die Wissenschaftsethik, die Bioethik, die Wirtschaftsethik usw., als separater Teilbereich der Ethik zu verstehen, da ihr Projekt ein anderes ist als die Projekte der übrigen Teilbereiche der Ethik.

Im Rest dieses Buchs wird die Metaethik keine Rolle mehr spielen. Die deskriptive Ethik wird in Kapitel 3 wieder zur Sprache kommen, wenn es um das vom Soziologen Robert Merton aufgestellte Berufsethos der Wissenschaft gehen wird – ein im Grunde deskriptives Projekt, das oft als normatives Projekt missverstanden wird. Im nächsten Abschnitt sollen die wichtigsten Arten der verfügbaren ethischen Theorien kurz vorgestellt werden und steht also die normative Ethik im Fokus.10 Es soll dementsprechend nicht darum gehen, diese Theorien als Werkzeuge zu präsentieren, die in konkreten Praxissituationen direkt anwendbar wären und es jemandem ermöglichen würden, aus den zur...



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