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Richards | Der Granatapfelgarten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

Richards Der Granatapfelgarten

Roman
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-10-400119-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

ISBN: 978-3-10-400119-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Zauber des Orients Unter der gleißenden Sonne Ägyptens, im Korallenpalast des Beys: die abenteuerliche Flucht der jungen Engländerin Annie auf den Karawanenwegen Arabiens ist eine große Saga über zwei Liebende, die selbst das Meer und die Wüste nicht trennen können.

Katherine Richards stammt aus New England und studierte an der Cornell Universität. Sie arbeitete für eine Großbank in Indien, Hong Kong und Afrika und schrieb ein historisches Sachbuch, für das sie ausgezeichnet wurde. 1995 kehrte sie für sieben Jahre nach Indien zurück, wo sie an dem Roman »Der Seidenpalast« arbeitete. Dann lebte sie mehrere Jahre in Kairo und schrieb dort ihr neues Buch »Der Granatapfelgarten«. Mit ihrem Mann wohnt sie inzwischen an der Ostküste der USA.
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Kapitel eins


Erhebt euch, Brüder, tanzt mit meinem Wort,
Ich will die Verse schön wie Frauenfüße setzen.
Ach, ich bin hier und dort
Von Sternen nur ein Pfützenglanz, vom Himmel nur ein Fetzen.

Juli 1875

Rubinrote und karneolfarbene Bänder zogen sich über den Himmel von Aden, als die in den Hafen dampfte. Das kleine Schiff schlängelte sich durch einen Wald aus Masten, eisernen Schiffsrümpfen aus Southampton und Marseille und hölzernen arabischen Dhaus. Noch während Annie an der Reling stand, verdunkelten die Schatten der schwarzen Klippen, die rings um Aden aufragten, langsam den Hafen. Ein ganzer Haufen junger, lebhaft redender Somalis, beladen mit Straußenfedern und Tierfellen, strömte aus dem Dunst auf das Schiff zu. Annie, nach sieben langen Tagen auf See für Ablenkung dankbar, sog jede Einzelheit in sich auf.

»Jon, Liebling«, fragte Annie und wandte sich aufgeregt ihrem jungen Ehemann zu, der über Deck schlenderte und sich zu ihr gesellte. »Meinst du, deine Mutter hätte gern eine Straußenboa? Soweit ich weiß, sind sie in London derzeit der letzte Schrei.«

»Bitte, lass uns nicht noch mehr Plunder kaufen. Wir werden so beladen sein, wenn wir in Southampton ankommen, dass wir ohnehin schon zwei Kutschen brauchen«, brummte Jonathan liebevoll und ergriff ihre Hand. Dann drehte er den Kopf, um den Anblick des Hafens im letzten Sonnenlicht zu genießen, und sein Tonfall wurde wärmer. »Schau dir diese Basaltformation an, von der die Stadt umgeben ist. Weißt du, dass Aden im Krater eines erloschenen Vulkans gebaut ist? Es ist der ideale Hafen … «

»Mir ist, als hättest du es das eine oder andere Mal erwähnt … «, antwortete Annie mit schiefem Lächeln. »Ich hätte dir diesen Baedeker in Bombay niemals kaufen sollen. Ich glaube wirklich, du hast das ganze Buch auswendig gelernt.«

»Eigentlich ist der Lewis viel ausführlicher hinsichtlich der Topographie als der Baedeker«, meinte Jonathan nachdenklich. »Aber sie ergänzen sich.«

»Ja, Liebling. Wir beide ergänzen uns auch«, sagte Annie seufzend und lehnte in der aufziehenden Dämmerung ihren dunklen Haarschopf an seine große, schlanke Gestalt. Sein Leinenjackett an ihrer glatten, blassen Wange fühlte sich kühl an. Sie spähte zu seinen schön geschwungenen Lippen und den dunklen Augen auf und bemerkte eine kastanienbraune Locke, die ihm in die Stirn hing. Sie stellte sich auf Zehenspitzen und strich sie ihm aus dem Gesicht. Jonathan schaute lächelnd in die verblüffend blauen Augen seiner liebreizenden Frau, bevor er den Blick wieder auf das Schauspiel der granatrot flammenden Wolken im Westen richtete.

Plötzlich lief ein Beben durch das Schiff, und unterhalb des Bugs splitterte Holz. Laute Stimmen erhoben sich. Annie und Jonathan eilten an die Backbordreling und sahen das Wrack einer Dhau, von deren abgeknicktem Mast das Segel ins Wasser hing. Es sah aus wie ein verwundeter Seevogel mit gebrochenem Flügel. Die Überreste des Holzbootes trieben um den Rumpf der , während die mit Turbanen versehene Mannschaft ihre Galabeyas bis an die Hüften hochgezogen hatte, sich an die Wrackteile klammerte und zu dem schwarzen Schiff hinaufschrie, das über ihnen aufragte.

Der stämmige, schwarz gekleidete Kapitän Regan stürmte von der Brücke und eilte an die Reling zu Annie und Jonathan.

»Wo zum Teufel kam diese Dhau her?« Fluchend schaute er zu den Wrackteilen hinunter. »Gerade noch hatten wir freie Durchfahrt, und wie aus dem Nichts taucht das verdammte Boot auf! Verzeihung, Mrs.Tremayne«, brummte Regan, vor Wut kochend, als er sich plötzlich Annies Gegenwart bewusst wurde.

»Keine Ursache … «, sagte Annie.

»Jetzt müssen wir eine Stange Geld bezahlen. Der Besitzer der Dhau, wer es auch sein mag, wird uns nicht ungeschoren davonkommen lassen«, stöhnte Regan, wandte sich von der Reling ab und rief seinen Seeleuten Befehle zu.

Ein Rettungsboot wurde über die Backbordseite geviert, Matrosen stellten sich an die Handkurbeln und ließen es rumpelnd zu Wasser. Regan brüllte auf, als der Bug des Rettungsbootes schneller war als das Heck, und die Seeleute gaben Leine. Als es auf dem Wasser auftraf, kletterten die arabischen Seeleute, die an den im Hafen dümpelnden Wrackteilen hingen, an Bord; kurz darauf drängte sich eine Gruppe durchnässter, verwahrloster Araber an Deck zusammen.

Auf der Steuerbordseite wurde es unruhig, sodass Annie und Jonathan wieder an ihren ursprünglichen Platz an der Reling zurückkehrten. Ein massiger Araber in wallenden Gewändern, dessen karierte Kopfbedeckung im Wind flatterte, rief und gestikulierte aus einer Dhau herauf, die an der Schiffsleiter festgezurrt war. Fluchend packte der Mann die Leiter und hievte sich schwankend an Deck.

Regan eilte an die Reling, an der Jonathan und Annie bereits standen, und seufzte, als er den Mann erblickte, der die Leiter hochkam.

»Ach, das ist Abdullah bin Karim. Wo kommt der jetzt in drei Teufels Namen her?«, knurrte Regan und wandte sich an die Tremaynes. »Und wenn mir vorher jemand gesagt hätte, dass er so rasch eine Leiter erklimmen könnte, hätte ich ihn einen Lügner genannt. Was hat er vor, im Namen des Allmächtigen, dass er so an Bord kommt? Sagen Sie bloß nicht, dass es sein Boot war … «

Die Leiter ächzte und stöhnte, als der wuchtige Mann an Bord kletterte. Glättend strich er über die schwarzen Kordeln, die sein Kopftuch hielten, und ließ eine arabische Schimpftirade auf Kapitän Regan vom Stapel. Die bärtigen Wangen ließen seine schwarzen Augen schmal wirken. Dann beruhigte er sich und begann auf Englisch mit schwerem Akzent:

»Sie haben meine Dhau zerstört! Wie können Sie es wagen, mein Boot zu versenken! Gepriesen sei Allah, dass niemand dabei umgekommen ist! Für meinen Verlust verlange ich Wiedergutmachung von der P&O Dampfschifffahrtsgesellschaft!«

»Und was hatte Ihr Boot so nahe an unserem Rumpf zu suchen?«, entgegnete Regan. »Es ist viel wendiger als mein Schiff, und ihre Leute hätten aufpassen sollen, wohin sie fahren.«

»Meine Dhau lag vor Anker, friedlich im Hafen. Sie haben sie überfahren!«, erwiderte Karim.

»Ach ja? Sie lag in der Fahrrinne vor Anker? Das wüsste ich aber!«, schleuderte Regan ihm ins Gesicht.

»Sie haben mein Boot versenkt und werden dafür bezahlen!«

»Wir werden für Ihr stinkendes Boot bezahlen, obwohl es nicht unsere Schuld war, dass Sie unter unseren Bug gekrochen sind. Kommen Sie mit hinunter, und wir werden die Einzelheiten verhackstücken, ohne meine Passagiere damit zu belästigen.« Regan drehte sich um und ging dem Araber voraus auf die größte Luke zu. Dann ließ er besorgt seinen Blick über das Deck schweifen. »Wo zum Teufel stecken die Kerle, die wir an Bord genommen haben? Wohin sind Ihre Männer gegangen?«

Die Offiziere, die sich um Regan und bin Karim geschart hatten, wirbelten herum. Die zusammengedrängten Araber waren verschwunden.

»Schafft mir diese Männer vom Schiff – auf der Stelle –, sonst gibt es hier kein Geld zu holen, bin Karim!«, rief Regan.

»Vielleicht sind sie unter Deck gegangen, um sich aufzuwärmen. Was weiß denn ich, wohin sie gegangen sind?«, schnurrte bin Karim unschuldig.

»Um sich aufzuwärmen? Mann, hier draußen herrscht eine Temperatur von fünfunddreißig Grad. Schaffen Sie Ihre Diebe von meinem Schiff!«, forderte Regan verärgert, denn er war sich sehr wohl bewusst, welche Schäden bin Karims Männer anzurichten imstande waren.

Bin Karim klatschte in die Hände. Ein paar Minuten lang herrschte unheimliches Schweigen, während Kapitän Regan vor Wut schnaubte. Dann kamen die Araber allmählich aus den vorderen und hinteren Luken. Bin Karim bedeutete ihnen durch flüchtige Gesten, zur Leiter zu gehen und in sein Boot zu steigen. Dann begleitete er Regan in aller Ruhe zur größten Luke.

Regan schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht. »Stevens«, sagte er zum Ersten Offizier, »durchsuchen Sie diese Männer, bevor sie das Schiff verlassen. Bin Karim, ich behalte einen Teil der ›Wiedergutmachung‹ ein, um alles abzudecken, was diese Diebesbande womöglich hat mitgehen lassen.«

»Ich kann Ihnen versichern, Kapitän, dass sie nichts mitgenommen haben. Sie beleidigen meine Ehre, wenn sie meine Männer des Diebstahls bezichtigen.«

»Der Himmel möge verhüten, dass ich die Ehre des größten Piraten am Horn von Afrika beleidige«, knurrte Regan und verschwand mit seinem Gast in der Luke.

Jonathan führte Annie an die andere Reling, um dem Tumult zu entgehen, der entstand, als die Schiffsbesatzung die nassen arabischen Seeleute durchsuchte und einen nach dem anderen die Leiter hinunter ins Boot schickte. Plötzlich kletterten Adens Wasserpolizisten über die Außenwand, aufrechte, mokkafarbene Männer in weißen Baumwolluniformen und hellroten Turbanen. Sie bliesen ihre Trillerpfeifen, um wenigstens den Anschein von Ordnung herzustellen. Nach einem hastigen Wortwechsel mit Stevens übernahmen sie die Durchsuchung der Seeleute und beförderten die restlichen von Bord.

Inzwischen waren einige junge somalische Straßenhändler an Backbord heraufgeklettert. Sie trugen Boas aus Straußenfedern und aufgefädelte schwarze Korallen um den Hals. Einige unter ihnen hielten tote Hühner an den Beinen und hatten Körbe voller Eier mitgebracht. Fasziniert beobachtete Annie die Somalis, die ihr dickes Haar mit Kalk bestrichen hatten, was einen scharfen Kontrast zu ihrer schwarzen Haut bildete. Ein geschäftstüchtiger junger Mann rollte ein Zebrafell aus, in das er silberne Ketten, Dolche und Speerköpfe sowie eine glänzende Schmucksammlung aus weißen und schwarzen Korallen...


Richards, Katherine
Katherine Richards stammt aus New England und studierte an der Cornell Universität. Sie arbeitete für eine Großbank in Indien, Hong Kong und Afrika und schrieb ein historisches Sachbuch, für das sie ausgezeichnet wurde. 1995 kehrte sie für sieben Jahre nach Indien zurück, wo sie an dem Roman 'Der Seidenpalast' arbeitete. Dann lebte sie mehrere Jahre in Kairo und schrieb dort ihr neues Buch 'Der Granatapfelgarten'. Mit ihrem Mann wohnt sie inzwischen an der Ostküste der USA.

Katherine RichardsKatherine Richards stammt aus New England und studierte an der Cornell Universität. Sie arbeitete für eine Großbank in Indien, Hong Kong und Afrika und schrieb ein historisches Sachbuch, für das sie ausgezeichnet wurde. 1995 kehrte sie für sieben Jahre nach Indien zurück, wo sie an dem Roman 'Der Seidenpalast' arbeitete. Dann lebte sie mehrere Jahre in Kairo und schrieb dort ihr neues Buch 'Der Granatapfelgarten'. Mit ihrem Mann wohnt sie inzwischen an der Ostküste der USA.



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