E-Book, Deutsch, 560 Seiten
Richmond Der Pakt – Bis dass der Tod euch scheidet
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-20891-2
Verlag: Diana
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 560 Seiten
ISBN: 978-3-641-20891-2
Verlag: Diana
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michelle Richmonds Thriller »Der Pakt - Bis dass der Tod euch scheidet« wurde in dreißig Sprachen übersetzt und eroberte die »Sunday-Times-Bestsellerliste«, die Filmrechte sicherte sich 20th Century Fox. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in San Francisco.
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9
Bei dem Pakt handelt es sich um eine Gruppe Gleichgesinnter, die alle ein ähnliches Ziel erreichen möchten«, begann Vivian. »Er wurde 1992 auf einer kleinen nordirischen Insel von Orla Scott ins Leben gerufen und hat sich seit diesem Tag hinsichtlich Mitgliederzahl und Engagement exponentiell vergrößert. Auch wenn unsere Regeln und Statuten sich verändert haben und wir weiter verstreut leben, so sind doch Auftrag und Geist des Pakts dem von Orla zu Anfang erdachten Konzept treu geblieben.«
Sie rutschte auf dem Sessel ein Stück nach vorn, sodass unsere Knie nur Zentimeter voneinander entfernt waren.
»Dann ist das also ein Klub?«, fragte Alice.
»Ja«, sagte Vivian. »Und nein.«
Auf dem ersten Foto, das vergrößert auf unserer Wand erschien, war eine große, schlanke Frau vor einem weißen Cottage zu sehen, dahinter das Meer. »Orla Scott war Staatsanwältin«, erzählte Vivian. »Sie war extrem ehrgeizig, eine Karrieristin, in ihren eigenen Worten. Sie war verheiratet, keine Kinder. Sie wollte ihre gesamte Zeit ihrem Beruf widmen, wollte im Justizministerium aufsteigen, und nichts sollte sie davon abhalten. Als sie Ende dreißig war, starben innerhalb eines einzigen Jahres Orlas Eltern, ihr Mann verließ sie, und ihre Stelle wurde gestrichen.«
Alice starrte das Bild an der Wand an. Ich stellte mir vor, dass sie Orlas Lage einigermaßen gut nachvollziehen konnte. Mit Verlust kannte sie sich aus.
»Orla hatte bis zu dem Zeitpunkt mehr als dreitausend Fälle verhandelt«, fuhr Vivian fort. »Angeblich hat sie alle gewonnen. Sie war ein Zahnrädchen im Thatcher-Apparat gewesen, dann verlor Thatcher von heute auf morgen ihre Macht und Orla ihren Job.
Also zog sie sich nach Rathlin zurück, die Insel, auf der sie aufgewachsen war. Sie mietete sich ein Cottage und hatte vor, ein oder zwei Wochen zu bleiben, nachzudenken und ihren nächsten Schritt zu planen. In den folgenden Tagen allerdings fühlte sie sich immer stärker vom Tempo des Insellebens angezogen, dem ruhigen Dasein, das sie als Kind erlebt hatte. Sie erkannte, dass das, was sie für so wichtig erachtet hatte, eigentlich keinen Wert besaß. Sie war auf die Insel gefahren, um den Stress und die Ängste wegen ihres Jobverlusts zu verarbeiten, nur um festzustellen, dass sie ihn gar nicht als so niederschmetternd empfand. Was sie wirklich erschütterte, war das Ende ihrer Ehe.
Ihren Mann hatte sie während des Studiums leidenschaftlich geliebt. Die beiden hatten jung geheiratet und sich dann langsam auseinandergelebt. Als er um die Scheidung bat, war sie geradezu erleichtert, ein komplexes Problem weniger, um das sie sich Gedanken machen musste. Wenn sie einmal brutal ehrlich zu sich war, musste sie zugeben, dass sie die Ehe als lästig empfunden hatte, weil es ihr jedes Mal ein schlechtes Gewissen bereitete, wenn sie wieder lange arbeiten musste.
Sie war aus Idealismus und dem Wunsch, Opfern von Verbrechen zu helfen, in die Strafverfolgung eingestiegen. In den Monaten nach ihrer Scheidung allerdings dachte sie gründlich über ihre berufliche Laufbahn nach. Sie lebte vom Adrenalin, hetzte von einem Termin zum anderen, hatte nie Zeit, die Dinge aus einer weiteren Perspektive zu betrachten. Nach und nach war sie Teil einer sich verändernden politischen Landschaft geworden, vor der sie keinen aufrichtigen Respekt hatte. Die Trägheit des alltäglichen Geschehens riss sie einfach mit.
Als sie das alles begriff, begann sie, den Verlauf ihrer Ehe zu analysieren. Sie machte einen Versuch, die Beziehung wieder anzufachen, aber ihr Mann hatte bereits damit abgeschlossen.«
Vivian redete jetzt schneller, offensichtlich noch immer begeistert von einer Geschichte, die sie wahrscheinlich schon Dutzende Male erzählt hatte.
»Ein Jahr später begegnete Orla auf ihrem täglichen Inselspaziergang Richard, einem amerikanischen Touristen, der auf der Suche nach den fernen Wurzeln seiner Familie allein die nordirischen Inseln bereiste. Richard stornierte seinen Rückflug, kündigte seine Stelle in den Staaten, verlängerte seine Zimmerbuchung im einzigen Gasthaus der Insel und bat Orla schließlich, ihn zu heiraten.«
Ich sah Alice an, dass irgendetwas sie störte. »In dieser Geschichte«, sagte sie, »geben alle ihre Jobs auf. Ist das etwa eine Voraussetzung für das Ganze? Jake und ich lieben nämlich unsere Berufe.«
»Ich versichere euch, dass der Pakt viele Mitglieder hat, einschließlich eures Sponsors, die geschäftlich sehr erfolgreich sind«, gab Vivian zurück. »Ihr sollt ganz ihr selbst sein, nur besser.«
Diesen Spruch hatte ich ziemlich sicher im Ferienlager schon gehört.
»Orla reagierte zögerlich auf Richards Antrag«, fuhr Vivian fort. »Mittlerweile wusste sie, was zur Auflösung ihrer Ehe geführt hatte, und sie wollte ihre Fehler nicht wiederholen. Ihrer Ansicht nach sind wir alle Gewohnheitstiere. Wenn man einmal in einem Trott feststeckt, ändert man sich nur schwer.«
»Aber möglich ist es schon«, widersprach ich. »Darauf gründet meine Praxis, mein gesamtes Arbeitsgebiet.«
»Natürlich ist es das«, sagte Vivian. »Und Orla würde dir auch zustimmen. Sie kam zu dem Schluss, wenn ihre zweite Ehe halten sollte, brauchte sie eine klare Strategie. Tagelang wanderte sie an der Küste auf und ab und dachte über die Ehe nach: was zu ihrem Scheitern führte und was sie gedeihen ließ. In ihrem Cottage tippte sie ihre Ideen in die alte Schreibmaschine, die ihre Mutter, eine aufstrebende Schriftstellerin, Jahrzehnte vorher benutzt hatte. Im Verlauf von siebzehn Tagen stapelten sich die Seiten auf dem Tisch, das Handbuch wuchs an, und das System für eine stabile Ehe wurde geschaffen. Und genau das ist es, ein System – ein höchst effektives, wissenschaftlich begründetes System, dessen Vorteile immer wieder nachgewiesen wurden. Weil Orla überzeugt ist, dass das Gelingen einer Ehe nicht dem Zufall überlassen werden sollte. Letztlich bilden die Ideen, die Orla auf diesen Wanderungen entwickelt hatte, die Grundlage des Pakts.«
»Haben Orla und Richard geheiratet?«, fragte ich.
»Ja.«
Alice lehnte sich vor. »Sind sie noch verheiratet?«
Vivian nickte energisch. »Aber natürlich. Das sind wir alle. Der Pakt funktioniert. Er funktioniert für Orla, er funktioniert für mich, und er wird auch für euch funktionieren. Einfach gesagt ist der Pakt zweierlei. Er ist eine Vereinbarung, die man mit seinem Partner trifft. Und er ist die Mitgliedschaft in einer Gruppe« – sie klickte auf ein neues Bild und deutete auf eine Ansammlung fröhlicher Menschen auf einem grünen Rasen – »einer Gemeinschaft Gleichgesinnter, um diese Vereinbarung zu unterstützen und durchzusetzen. Ist es jetzt klarer?«
»Nicht unbedingt«, sagte Alice lächelnd. »Aber ich bin fasziniert.«
Vivian klickte ein paar Fotos weiter. Die meisten zeigten offensichtlich gut betuchte Menschen, die sich in vornehmen Gärten oder schick eingerichteten Räumen amüsierten. Bei einem Foto von Orla, die von einem Balkon aus zu einem gebannten Publikum sprach, im Hintergrund die gleißende Sonne und eine weite Wüste, hielt sie an.
»Orla hatte sich schon als junger Mensch für juristische Arbeit interessiert«, sagte Vivian. »Ihr gefiel, dass das Recht bindend war, und wo nicht, gaben Präzedenzfälle eine Orientierung. Sie empfand es als tröstlich, dass die Antworten bereits da waren und nur gefunden werden mussten. Orla erkannte, dass die Ehe, ebenso wie die Gesellschaft, Gesetze benötigt.
Ihrer Meinung nach hatte die britische Gesellschaft dieser Gesetze wegen jahrhundertelang reibungslos funktioniert. Jeder wusste, was von ihm erwartet wurde. Obwohl mancher vielleicht betrügen oder stehlen oder, Gott bewahre, sogar einen Mord begehen wollte, verstieß der Großteil der Bevölkerung nicht gegen die Gesetze, weil er die Konsequenzen kannte. Nachdem Orlas erste Ehe gescheitert war, merkte sie, dass nicht nur die Erwartungen an eine Ehe unklar waren, sondern auch die Konsequenzen, die sie mit sich brachte.«
»Dann ist der Pakt also der Versuch, die Prinzipien des britischen Rechts auf die Ehe zu übertragen?«, fragte ich.
»Mehr als ein Versuch. Es findet wirklich statt.« Vivian schaltete den Projektor aus. »Ich kann den wahren Wert gar nicht genug betonen: Der Pakt bedeutet Unterstützung der Gemeinschaft, Förderung und Struktur für die Institution Ehe.«
»Du hattest Konsequenzen erwähnt«, sagte Alice. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich das verstanden habe.«
»Also, ich war schon einmal verheiratet«, sagte Vivian. »Ich war zweiundzwanzig, er dreiundzwanzig. Wir kannten uns seit der Schule und waren schon ewig zusammen. Anfangs war es aufregend, wie beide gegen den Rest der Welt, aber irgendwann – ich kann nicht mehr sagen, wann genau es anfing – fühlte ich mich so allein. Wir hatten Probleme, und es gab niemanden, an den ich mich wenden konnte. Mein Mann betrog mich. Ich hatte Angst, dass es an mir lag, wusste aber nicht, wie ich reagieren sollte. Die Scheidung kam so schnell, als wäre sie der einzige Ausweg, und ich brauchte einfach nur rausgehen.«
In Vivians Augenwinkel glänzte eine einzelne Träne. Sie straffte die Schultern und wischte sie mit der Fingerspitze weg. »Als ich Jeremy kennenlernte, war ich ein gebranntes Kind. Genau wie Orla. Jeremy machte mir einen Antrag, und ich nahm ihn an, schob die Hochzeit aber immer wieder hinaus. Ich hatte schreckliche Angst, dieselben Fehler noch mal zu machen. Das Verheiratetsein beschwor solche negativen Gedanken herauf.«
»Wie bist du in der Organisation gelandet?«, fragte Alice.
»Irgendwann gingen mir die Ausreden aus. Jeremy war wild entschlossen, einen Termin festzusetzen, und ich ließ ihn, und dann ging alles rasend schnell. Zwei Wochen vor...




