E-Book, Deutsch, 600 Seiten
Richter Bayern in der Friedlichen Revolution 1989/90
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-6682-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 600 Seiten
ISBN: 978-3-7578-6682-2
Verlag: BoD - Books on Demand
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Michael Richter, geb. 1952 in Berlin, Historiker und Theologe, 1989 Promotion zum Dr. phil. in Bonn. Zahlreiche Publikationen zur deutschen Zeitgeschichte. Zuletzt erschienen "Die Oberlausitz im Zweiten Weltkrieg. Studie zu den wendisch-deutschen Kreisen in Sachsen und Niederschlesien" 1936-1946, 2 Bände, 1 350 Seiten (Schriften des Sorbischen Instituts 68), Bautzen, 2. Auflage 2022, sowie "Der zufällige Mensch. Wundersame Wege von Urknall zum Ich", 505 Seiten, Norderstedt 2021.
Autoren/Hrsg.
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Das ist unsere Revolution.
1. Einleitung
Historische Hintergründe und die Bedeutung der deutschen Staatsbürgerschaft
Bayern München und der Beginn der Friedlichen Revolution
Im Frühsommer 1989 bewegte ein Ereignis den Freistaat Bayern. Am 25. Mai spielte der FC Bayern München gegen den 1. FC Köln. Das Bundesliga-Finalspiel blieb spannend bis zum Abpfiff. Zunächst brachte Torschützenkönig Roland Wohlfahrt die Bayern in Führung; nach einem Ausgleichstor des Kölners Thomas Allofs schoss Wohlfarth kurz vor Spielende zwei weitere Tore und sicherte den Bayern den Titel „Deutscher Meister“. Aber auch jenseits des „Weißwurstäquators“ verfolgten Franken, Thüringer, Sachsen und andere Bayern-Fans das Spiel im Fernsehen. Noch ahnte niemand, dass binnen weniger Monate eine Revolution den Fall der innerdeutschen Grenze und die Wiedervereinigung Deutschlands zur Folge haben würde. Ebenso wenig war vorstellbar, dass am 8. Juli 1990, eine Woche nach der Währungsunion, Deutschland im Endspiel gegen Argentinien Fußballweltmeister werden würde. Noch trat die deutsche Nationalmannschaft ohne Spieler aus der DDR an, aber sie spielte bereits für alle Deutschen. Eine eigene DDR-Mannschaft gab es drei Monate vor der Widervereinigung nicht mehr. Aber die Fans in der DDR jubelten über den Triumpf der deutschen Mannschaft ebenso, wie sie sich über den Sieg von Bayern München im Mai 1989 gefreut hatten.
Heute denken die meisten bei „friedlicher Revolution“ an die Demonstrationen in Leipzig, Dresden und Ost-Berlin, an die Runden Tische, die Politik von Bundeskanzler Helmut Kohl oder an die Perestroika- und Glasnost-Politik des sowjetischen Staatspräsidenten Michail S. Gorbatschow. Schon die Massenflucht aus der DDR infolge des morbiden SED-Regimes wird in ihre Auswirkungen auf das Geschehen weinig hinterfragt. Noch kaum thematisiert wurde bislang die Rolle der Bundesländer im Prozess der deutschen Einheit auf der Grundlage des Föderalismus.1 Dabei bietet die Perspektive eines Bundeslandes wie Bayern viele neue Einsichten. Sie zeigt, welchen unterschiedlichen Einfluss die Bundesländer auf die Entwicklung hatten und welchen Auswirkungen sie selbst ausgesetzt waren. Tatsächlich gab es zwischen den Bundesländern samt West-Berlin teils gravierende Unterschiede, wie das Bespiel Bayerns zeigt. Die Untersuchung eines Bundeslandes eröffnet zugleich die Möglichkeit, die Länder analog zu betrachten und dem Wirken des Föderalismus auf die Spur zu kommen. Schon das Wirken Bayerns und Baden-Württembergs, aber auch die Auswirkungen der Entwicklung in der DDR auf diese süddeutschen Nachbarländer, zeigt gravierende Unterschiede. Bisher zeigte vor allem der Dualismus von Bund und Ländern, wie unterschiedlich der Politiken waren. Überlagert wurden dies auch noch durch jeweils unterschiedliche Parteien, was sich am Beispiel Bayerns mit seiner Regionalpartei CSU besonders deutlich erkennen lässt. Anders als bei den SPD- und CDU-geführten Ländern samt ihren wechselnden Mehrheiten, gab es in Bayern dank der CSU eine über Jahrzehnte andauernde Führung nur einer Partei, die das Profil des süddeutschen Flächenlandes prägte und durch es geprägt wurde. Auch deswegen waren die Auswirkungen der Revolution in der DDR hier besonders gravierend, wie ein Blick auf die Expansionsüberlegungen in der CSU-Führung verdeutlichen. Nach der „Wende“ war Bayern nicht mehr das gleiche Land wie noch beim Bundesliga-Spiel im Mai 1989. Es blieb nicht die einzige Auswirkung, dass sich bald auch Mannschaften aus den neuen Bundesländern am Kampf um den Titel in der Bundesliga beteiligen und den Fußballmillionären von Bayern München gefährlich werden konnten.
Die Sichtweise auf die Geschehnisse aus der Perspektive eines süddeutschen Bundeslandes bietet aber auch in anderer Hinsicht viele neue Einsichten. Die „Friedliche Revolution“ erweist sich nicht nur als ein Prozess innerhalb der DDR, auch nicht nur als eine „Revolution in Deutschland“,2 sondern auch als Re-Föderalisierung auf dem Gebiet der DDR, die ohne die das Mittun bundesdeutschen Länder so nicht möglich gewesen wäre. In unterschiedlicher Weise und Intensität waren alle Länder samt West-Berlin in die Landesbildungsprozesse eingebunden, gestalteten die wieder entstehenden Länder mehr oder weniger tatkräftig mit und veränderten sich dabei selbst. Man denke nur an West-Berlin, das dank des Mauerfalls wieder mit seinem natürlichen Umfeld verschmolz.
Bayern hatte maßgeblichen Einfluss auf die nördlich seiner Grenze liegenden Bezirke und neu entstehenden Länder Thüringen und Sachsen und war Auswirkungen dortiger Entwicklungen unmittelbar ausgesetzt. Dabei stand der Freistaat in ständiger Konkurrenz mit seinem süddeutschen Nachbarn Baden-Württemberg. Das Wirken Bayerns und dessen innere Entwicklung in den 1989 folgenden Jahren lassen sich deswegen ohne einen ständigen Vergleich mit Baden-Württemberg nicht beschreiben. Das Verhältnis beider Länder oszillierte zwischen Konkurrenz und Kooperation. Dabei ging es in erster Linie um Macht, Einfluss, Vorteile und Hilfen im wiedervereinten Deutschland. Im ständigen Wettbewerb erwies es sich z. B. als bedeutsam, dass in Baden-Württemberg ein Landesverband der CDU regierte, in Bayern jedoch die Regionalpartei CSU. Die daraus resultierenden Entwicklungen sind ein wichtiger Bestandteil der Untersuchung.
Schaut man auf München, Nürnberg, Bayreuth, Coburg oder Hof, zeigen sich Prozesse und Impulse, ohne welche die Transformation anders verlaufen wäre. Was heute als normaler Weg zur deutschen Einheit angesehen wird, war tatsächlich ein kontingenter Prozess ohne absehbare Ergebnisse. Es gab Schlüsselereignisse, Zufälle und sicher auch viele vertrauliche Telefonate und Kontakte mit erheblichen Auswirkungen auf das Geschehen, die sich leider in den auswertbaren Dokumenten der damaligen Zeit nicht niedergeschlagen haben. Die Lücke wird durch die Auswertung von etwa 60 Archivbeständen, darunter Registratur-Akten der Bayerischen Staatsregierung, des Baden-Württembergischen Staatsministeriums, des Deutschen Roten Kreuzes, des Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin, des Bundesarchivs, der Staatsarchive von Thüringen und Sachsen, des Stasi-Unterlagenarchivs sowie zahlreiche Kreis- und Privatarchive benannt. Hinzu kommen rund 60 Interviews und die Ergebnisse eines Workshops mit Akteuren der damaligen Zeit, bei denen einige der Zeitzeugen immer wieder einmal aus dem Nähkästchen plauderten. Gerade die Interviews machen Sinnzusammenhänge erkennbar, die den Akten so nicht zu entnehmen sind. Von den Interviewpartnern seien hier Helmut Kohl, Kurt Biedenkopf, Lothar de Maizière, Georg Milbradt, Hans Modrow, Erwin Teufel, Rudolf Baer, Manfred Kolbe, Erich Iltgen, Arnold Vaatz und Albert Prinz von Sachsen Herzog zu Sachsen genannt, denen ebenso zu danken ist wie all den anderen, die bereit waren, Auskunft zu geben.
Vogtland, Coburg, Henneberger Land - Historische Verbindungen zwischen Franken, Thüringen und Sachsen
Um die Rolle Bayerns in die Friedlichen Revolution zu verstehen, reicht eine Analyse der politischen Verhältnisse im Prozess der Wiedervereinigung nicht aus. Auch historische Zusammen-hänge sind wichtig, um manche Prozesse besser zu verstehen. Ereignisse wie die allerorts gefeierten Grenzöffnungen, der Besucheransturm in Franken sowie die Hilfe für DDR-Flüchtlinge und Übersieder lassen sich ohne diesen Hintergrund kaum erklären. Deswegen sei hier kursorisch auf die in Jahrhunderten gewachsenen historischen Verflechtungen Bayerns bzw. Frankens mit Thüringen, Sachsen und Böhmen hingewiesen. Der Bayerische Staatsminister für Arbeit und Sozialordnung, Gebhard Glück, betonte im September 1990, dass diese Beziehungen „eine jahrhundertelange und gute Tradition“ besäßen. Für die Staatsregierung sei es daher vordringlich, an die über Jahrhunderte gewachsenen Strukturen anzuknüpfen.3 Will man die Rolle Bayern auf dem Weg zur staatlichen Einheit Deutschlands erklären, so ist zu beachten, dass die Region Franken nicht an der bayerisch-thüringischen bzw. -sächsischen Grenze endet. Zu Franken gehören im Wesentlichen die Bezirke Oberfranken, Unterfranken und Mittelfranken in Bayern, der nordöstliche Bereich der Region Heilbronn-Franken, Tauberfranken und Hohenlohe-Franken in Baden-Württemberg sowie kleinere Teile Hessens.
Aber auch Südthüringen gehört historisch, kulturell und sprachlich zu Franken. Der fränkisch geprägte Teil Thüringens erstreckt sich vom Landkreis Sonneberg bis zum Bad Salzunger Raum. Er umfasst etwa ein Fünftel der Fläche und ein Sechstel der Bevölkerung des Freistaates Thüringen. Eine offiziell festgelegte räumliche Eingrenzung gibt es nicht. Die Region zeichnet sich aber durch kulturelle und sprachliche Eigenheiten aus und kann in etwa mit dem Gebiet gleichgesetzt werden, in dem ostfränkische Dialekte...




