Richter | Der zufällige Mensch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 506 Seiten

Richter Der zufällige Mensch

Wundersame Wege vom Urknall zum Ich
3. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7557-0610-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wundersame Wege vom Urknall zum Ich

E-Book, Deutsch, 506 Seiten

ISBN: 978-3-7557-0610-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Welt erweckt den Eindruck, als wäre sie seit dem Urknall auf das Kommen intelligenter Wesen ausgerichtet. Alle physikalischen Gesetze, Naturkonstanten und Elemente haben feinabgestimmte Werte, ohne die es uns Menschen nicht geben würde. Jede noch so kleine Abweichung hätte zu einem anderen Universum geführt und die Entstehung von Leben verhindert. Die Tatsache, dass es uns denkende Menschen gibt, ist das unerklärliche Resultat von natürlichen Gesetzen, Zufällen und Chaos. Die Diskussion des aus den Feinabstimmungen resultierenden Anthropischen Prinzips bewegt sich zwischen Quantenphysik, Neo-Darwinismus und Intelligent Design. War Gott der Schöpfer der Welt? Lässt sich in der Zeit vom Urknall bis zum jeweiligen Ich eine durchgängige Rote Linie der Evolution erkennen? Welche Rolle spielt der Mensch im Universum? Ist er als Beobachter im Sinne der Quantenphysik unentbehrlich oder ist sein Erscheinen ein unwahrscheinlicher Zufall der Natur? Warum wissen wir bis heute nicht genau, wie die Welt, das Leben, die Vielzeller und die Menschen entstanden? Immer noch geht es um die alten Fragen der Menschheit: Wer bin ich? Warum bin ich? Woher komme ich und wohin geht die Reise? Was hat die Tatsache, dass du genau in diesem Augenblick dieses Buch in Händen hältst, mit dem Beginn der Welt zu tun?

Michael Richter, geb. 1952. Historiker, Evangelischer Theologe und Aphoristiker (wortburg.de). 1990 Promotion zum Dr. phil. an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Hauptfach Osteuropäische Geschichte. Zuletzt erschien vom Autor 2021: Die Oberlausitz im Zweiten Weltkrieg, Studie zu den wendisch-deutschen Kreisen in Sachsen und Niederschlesien 1936-1946 (Schriften des Sorbischen Instituts 68), 2 Bände, 1 350 Seiten, Bautzen 2021.
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1. Einleitende Fragen und Anmerkungen zum Anthropischen Prinzip sowie zu unserer Roten Linie der Evolution

Was hat es mit dem Anthropischen Prinzip auf sich?

Wir würden nicht wissen, dass es uns gibt, wenn es uns nicht gäbe. Das klingt tautologisch, birgt aber methodisches Potential. Es ist das Merkmal selbstbewussten Lebens, zu wissen, dass es da ist. Damit besteht ein Abgrenzungsmerkmal gegenüber Lebensformen die kein oder kaum ein Selbstbewusstsein haben. Da wir sind, ist auch klar, dass wir möglich waren. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass, wenn das Universum uns hervorgebracht hat, es auch Hinweise darauf geben muss, wie und warum wir ausgerechnet die wurden, die wir sind. Entsprechende Fragen werden heute von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen mit Blick auf das Anthropische Prinzip kontrovers diskutiert. Sie werden gestellt, weil die Welt nicht erst seit Kenntnis der Feinabstimmungen von physikalischen Gesetzen, Naturkonstanten und Elementen den Eindruck erweckt, sie sei wegen uns so wie sie ist. Ist der Eindruck berechtigt oder lediglich ein Produkt unserer Egomanie und eines anthropozentrischen Weltbildes?

Normalerweise werden in den Naturwissenschaften Anfangsbedingungen und Naturgesetze definiert, um daraus Entwicklungen abzuleiten. Beim Anthropischen Prinzip beginnt man hingegen beim jetzigen Endzustand, also bei der Tatsache, dass wir existieren, und versucht, „die Anfangssituation so einzugrenzen, dass aus ihr ein Universum hervorgegangen sein müsste, das menschliche Leben entwickelt“. (Dürr 1997, 109) Durch das Prinzip lassen sich exaktere Fragen stellen und klarere Antworten darüber erwarten, in welchem Verhältnis der Beginn der Welt zum momentanen Augenblick eines jeden Menschen steht. Wir wissen nicht, ob die Welt schon von Anfang an darauf angelegt war, Intelligenz hervorzubringen, oder ob sich dies erst später irgendwie ergab und wir das Ergebnis von Myriaden an Zufällen und chaotischen Prozessen sind. Mit Blick auf den Urknall ist zu fragen, was seit damals, vor etwa 13,8 Milliarden Erdenjahren, alles geschehen und unterbleiben musste, damit wir hier und heute darüber sprechen können.

Gehen wir direkt in medias res und schauen uns Fragen an, die Anlass zum Schreiben dieses Buch waren. Die wichtigste hier behandelte Frage ist die, wie sich der mit dem Anthropischen Prinzip postulierte, scheinbar menschenfreundliche Impuls, über mehrere Milliarden Jahre hinweg bis zu unserer Existenz aufbauen oder fortsetzen konnte, obwohl es uns während des mit Abstand größten Zeitraums gar nicht gab. Lässt sich erkennen, was das Anthropische Prinzip in der uns real erscheinenden Wirklichkeit konkret bedeutet? Welche Einflüsse hatte es auf den Verlauf der kosmischen, biologischen und kulturellen Evolution? Wie muss man sich das Wirken eines solchen Prinzips vorstellen, das über Jahrmilliarden Jahre auf kleiner Flamme vor sich hinköchelte, ohne dass Menschen oder vergleichbare intelligente Lebensformen absehbar waren? Lässt sich dies in physikalischen und mathematischen Formeln ausdrücken oder besser in Metaphern? Schließt es die Lücke zwischen Makro- und Mikrokosmos, die eine Zusammenführung von Quantenphysik und Relativitätstheorie so schwer macht? Schwingt das Anthropische Prinzip im Bereich des Mesokosmos gar den Zepter und verbindet Notwendiges mit Zufälligem? Gehört es zur Sammlung natürlicher Werkzeuge des Universums oder eher zum Repertoire Gottes? Wie wirkte das Anthropische Prinzip bei der Entstehung des Lebens sowie bei der Evolution und der Aufteilung unserer Ahnen in unsere sowie die Linien uns verwandter Lebensformen?

Waren Zufälle unabdingbar, um uns entstehen zu lassen? Gab es permanent Zufälle oder waren sie eher die Ausnahme? Wie wäre z. B. die Entwicklung ohne den Zusammenprall des Planetoiden Theia mit der Erde verlaufen? Hätte das Anthropische Prinzip dann hinsichtlich unserer Existenz umsonst gewirkt bzw. gar nicht? Oder zeigt schon dieses Beispiel, wie anmaßend es ist, das Prinzip allein auf uns Menschen zu beziehen?

War der Mensch in der Quantenwelt potenziell möglich und wurde nur zufällig oder aus Versehen real? Welche Rolle spielen Zufälle und Chaos in der Realität? Sind sie das Ergebnis uns unvorstellbarer Prozesse in Wirklichkeit und Potenzialität? Wie zufällig sind die fixen Feinabstimmungen der Naturkonstanten, Wechselwirkungen und Elemente auf das Kommen der Menschen ausgerichtet? Sind sie anthropisch? Stellen die Wirklichkeit und deren Möglichkeiten das Eigentliche und die von uns wahrgenommene Realität nur einen materialisierten Schein dar, wie ihn schon Platon in seinem Höhlengleichnis 348 Jahre v. Chr. vermutete? Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang Raimund Poppers These von einem offenen, nichtdeterminierten Universum mit kreativen Menschen? Widerspricht sie der Logik des Anthropischen Prinzips?

Wie sind unterschiedliche Potenzen und Formen unserer und außerirdischer Intelligenz zu bestimmen? Sind sie überhaupt vergleichbar? Sind wir Menschen die Dümmsten unter den Klugen oder die Klügsten unter Dummen? Gilt das Anthropische Prinzip auch für Neandertaler und Denisovaner? War die Beobachtung des Universums ein mit dem Wachstum unserer Hirne zunehmender Prozess? Gilt schon das verwunderte Hinaufschauen zu den Sternen an den Lagerfeuern der Urmenschen als Beobachtung? Was bedeutet es in diesem Zusammenhang, dass wir bis zur jüngsten Entdeckung, dass die Welt aus Milliarden Galaxien besteht, die Milchstraße betrachtet haben als sei sie die gesamte Welt? Und wie war es davor, als noch davon ausgegangen wurde, die Erde oder die Sonne sei der Mittelpunkt der Welt? Gibt die Quantenphysik Antworten auf die Frage, ob Beobachtung schon vor und neben uns notwendig und möglich war und ist? Was bedeutet die Auffassung, das Universum habe uns absichtsvoll als intelligente Beobachter hervorgebracht?

Hat sich das Universum durch uns und unsere Kreativität tatsächlich verändert und sei es nur, weil sich gezeigt hat, dass die Welt die in ihr vorhandene Intelligenz auch in der Realität ausdrücken kann? Waren Australien oder Amerika vor der Besiedlung durch beobachtende Jäger und Sammler anders als danach? Hatte es durch die frühen Indianer und Aborigines plötzlich eine transzendente Dimension wie die Traumzeit? Wie muss man sich dieses Anderssein vorstellen? In welchen Dimensionen entfaltete das beobachtende Universum seine neu gewonnene Andersartigkeit? Und welche Auswirkung auf das Universum hatte es, als wir noch glaubten, wir lebten im Zentrum der Welt? Hat sich nur unsere Erkenntnis geändert, nicht aber das Beobachtete? Gibt es verschiedene Grade und Arten der Beobachtung? Gehört die Beobachtung unserer subjektiven Beobachtung zur Beobachtung? Wie ändert sich diese durch ihre Beobachtung? Sind wir nur Beobachter oder mit Blick auf das Universum auch mitfühlende und verständnisvolle Wesen? Wird auch Gott erst durch unsere Beobachtung real?

Ist unser Dasein, um es mit Martin Heidegger auszudrücken, die Form des Seins, der Existenz zukommt? Sind wir in diesem Sinn eher Erscheinung oder Phänomen? Würde sich das Universum wieder ändern, wenn unser teilhabendes Interesse zurückginge oder wir ausgelöscht würden? Was sagt ein solches Szenario über den Charakter der Welt aus?

Enthielten Teilchen und Wellen schon in der Planck-Phase gestalterische Informationen über uns und wenn ja, wie und warum? Hätte ein fiktiver Beobachter des Urknalls ahnen können, dass Leute wie du und ich Milliarden Jahre später aus dem Geschehen hervorgehen würden? Ab wann und wo finden sich in der Evolution Hinweise darauf, dass, wann und wie wir unseren Auftritt beim kosmischen Casting haben würden? Was bedeutete es, dass das Universum dennoch die längste Zeit ohne die durch das Doppelspaltexperiment der Quantenphysik erstmals postulierten Folgen einer Beobachtung auskam?

Wie würde das, was wir Anthropisches Prinzip nennen, in allen raumzeitlichen Zeiträumen bedeuten, in denen intelligente Beobachter nicht mehr denkbar sein werden? Welchen Stellenwert haben sie angesichts des irgendwann definitiven Endes dieser Welt? Was bedeutet Beobachtung, wenn sie nur für das Doppelspaltexperiment oder nur für die Phase gilt, in der es uns intelligente Menschen gibt, nicht aber mehr am Ende der Welt oder danach? War die Tatsache, dass wir potenziell möglich sind, für den Kosmos Antrieb für eine teleologische oder finale Entwicklung? Gab es vielleicht gar keinen Trend (Telos) hin zu intelligenten Wesen, und unsere Existenz ist der Wirkkraft von Kräften oder Prinzipien geschuldet, die wir nicht einmal ahnen?

Stimmt die Behauptung, wir seien seit Beginn der Welt möglich, aber extrem unwahrscheinlich gewesen? Wie wahrscheinlich war die Entstehung eines jeden von uns? Waren einige von uns vor ihrer Zeugung wahrscheinlicher als andere? Gab es am Terminal in Richtung Leben Gedränge oder lief alles eher ruhig ab, weil jeder wusste, dass er irgendwann einmal drankommen würde und Zeit ohne Leben keine Rolle spielt?

Oder änderten sich die Chancen, ins Leben zu treten, mit der Zeit? Ist statistisch gesehen jeder Einzelne von uns so unwahrscheinlich, dass es eigentlich unmöglich ist, dass er es „ohne den kleinsten Ausrutscher in die Realität“ geschafft hat? (Fritsche 2015, VI) Ist es anmaßend, zu...



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