Richter | Katastrophe mit Nachhall | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 254 Seiten

Richter Katastrophe mit Nachhall

Autobiographische Kurzgeschichten
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-6711-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Autobiographische Kurzgeschichten

E-Book, Deutsch, 254 Seiten

ISBN: 978-3-7568-6711-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Erst verwitwet wagte ich einen Blick über den Zaun. Und tatsächlich war dort das Gras grüner, die Wiese enthielt lebenswichtige Kräuter und bunte Blumen. Da wollte ich hin, nur wie? Ich hatte Zäune überwinden nicht gelernt. Versuch und Irrtum, Feldforschung, Kampf mit mir selbst, ein nie aufgeben führten mich zum Erfolg, auf die andere Seite. Und die Wiese hält, was sie versprach. Da hatten sich doch der Witwentröster, das Datingportal, die Aktfotos und und und gelohnt. Meine autobiographischen Geschichten sind wie ein gutes Parfum mit Kopf-, Herz- und Basisnote. Riech doch einfach mal rein!

Geboren 1962 in Neumünster ist meine Seele süchtig nach Meer, mein Humor schwarz wie mein Tee mit Kluntje, wie ein gutes Lakritz, norddeutsch halt. Meine Lebensreise enthält Stationen wie Studium in Hamburg, Arbeit und Heirat in Flensburg, Migration 1990 nach Unterfranken. Glückliche Witwe seit 2018, erwartungsvoll in die Zukunft sehend. Here I am!
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Aktfotos


03/2020:

Ich habe Probleme mit meiner Weiblichkeit, ja, definitiv!

Letzten Sommer, es war das Jahr 2019, einen Bikini gekauft, angezogen und damit einmal durchs Schwimmbad gegangen, Höllenqualen ausgestanden, aber nicht aufgegeben! In Kuba am Strand im Bikini spazieren gewesen, mit mir und der Welt zufrieden, okay. Morgens um 7.00 Uhr ist ja auch nicht besonders viel los, da wird es gerade mal hell. Aber dort am Strand fasste ich den Entschluss: Aktfotos müssen her, um mir meine Weiblichkeit zeigen zu lassen. Zu sehen, ob und was dran ist, wenn Kerl A meinen Arsch „Supergeil!“ findet und Kerl B heute noch von dem kurzen Blick auf meine Brüste schwärmt. Wie ging ich vor? Als erstes fragte ich bei einer Bekannten, von der ich wusste, dass sie vor Jahren professionelle Aktfotos von sich machen ließ, nach der Adresse ihres Fotografen. Leider ist die betreffende E-Mail bis heute unbeantwortet… Zum Haus- und Hoffotographen um die Ecke gehen? Keine Option! Aber wozu gibt es die wundervolle Erfindung Internet? Dort wurde ich auch relativ schnell fündig, entschied mich für ein Studio in München, in dem nur Frauen arbeiten, denn ich wollte mich beim ersten Mal nicht überfordern. Durch den Aufenthalt in München hatte das Ganze auch gleich einen eigenen Event-Charakter. Und wenn ich schon einmal dort bin, dann natürlich auch gleich das volle Programm, sprich Visagistin, eine Stunde lang Aufnahmen und drei Outfits.

Drei verschiedene Outfits, da fing doch das Problem schon an. Nummer 1: Nackt, klar. Nummer 2? Hm. Meine blauen Lieblingsdessous, naja. Ich habe ja eh nur zwei Sets. Und Nummer 3? Lagen da nicht noch halterlose Strümpfe im Kleiderschrank herum, Überbleibsel aus dem Geschreibsel mit der „Dominanz“ aus dem Frühjahr 2019? Ja, die sollten es tun, dazu die berühmt-berüchtigten roten Schuhe und die roten Dessous, fertig ist die Nummer 3! Geritzt, so mache ich das!

Die Fahrt nach München verlief störungsfrei. Ein leichtes Aufregungsgrummeln im Bauch wurde einfach ignoriert. Den Nachmittag mit einer Bekannten verbracht, viel Gerede, viel Input, viel Herumlaufen. Nach einem guten indischen Essen, noch vor neun, todmüde und erschöpft ins Bett, sieben Stunden durchgeschlafen, den Rest der Nacht auch noch irgendwie herumgebracht…

Nach dem Duschen ausgiebig mit einer Körperlotion eingecremt, die soll ja beruhigen. Ja, Lavendel war genug enthalten, ich wurde tatsächlich relativ ruhig. Oder war ich schon wieder müde?

Im Fotostudio fragte mich die Visagistin wie ich geschminkt werden möchte. Ups, darüber hatte ich mir tatsächlich keine Gedanken gemacht. Mein erste Antwort war “Wie ich selbst“, bevor ich mich gleich selbst korrigierte „Dann sehe ich ja aus wie immer und brauche Sie gar nicht!“ Wir einigten uns auf „natürlich“. Ich schloss die Augen und als ich sie eine Stunde später wieder öffnete, war ich fasziniert: Das war ich und doch nicht ich! Eine gutaussehende Frau schaute mich an, von 57 Lebensjahren keine Spur! Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lächeln, mir gefiel, was ich sah!

Szenenwechsel: Vorbesprechung der Fotos. Ich hatte mir vorher Gedanken gemacht und jedem Outfit ein Motto zugeordnet, und zwar „Zeigen Sie mir meine Weiblichkeit!“ zu nackt, „Erotik, warum nicht?“ zu den blauen und „Experiment, da geht noch mehr!“ zu den roten Dessous und den halterlosen Strümpfen.

Mit meinen Lieblingsdessous ging es los, da fühlte ich mich, trotz aller Entblößung, noch wohl. Ungewohnt und anstrengend war es, aber alles wirkte professionell und machbar.

Die roten Dessous mit den halterlosen Strümpfen und den hochhackigen roten Schuhen waren schon ein deutlich anderes Kaliber. In dieser Aufmachung fühlte ich mich verkleidet, da hatte ich den Faschingsmontag anscheinend zu ernst genommen. Die Posen waren auch schon deutlich gestellter, unnatürlicher. So gar nicht meins. Unwohl trifft mein Gefühl wohl am besten.

Und zum Schluss die ultimative Herausforderung: nackt! Da nahm ich auch zum ersten Mal meine Brille ab, mit derselben Intention wie Kinder die Verstecken spielen, indem sie sich die Hände vor die Augen halten, nach dem Motto: „Ich sehe Dich nicht, also siehst Du mich auch nicht!“. Trotzdem fühlte ich mich wehrlos, angreifbar, nackt und hilflos. Da half auch meine Kette nichts. Die Kette mit dem Kettenanhänger in Form eines Mädchen mit beweglichen Armen und Beinen, dem Totenkopf im Haar. Dem Mädchen, das immer für Spiel und Spaß zu haben ist. An diesem Tag lag es wie tot auf meiner Haut. Von mentalem Beistand keine Spur, nichts zum Festhalten.

Am Ende der Fotoaufnahmen war mir kalt. Es dauerte trotz warmer Kleidung einige Zeit, bis ich wieder Wärme verspürte, trotz des Stolzes, diese Herausforderung gemeistert zu haben.

Was ist die Schwierigkeit, Nacktfotos von sich anfertigen zu lassen? Hat das was mit dem Ausziehen vor Fremden an sich oder mit dem Alter der zu fotografierenden Person zu tun? Denn je nach Sichtweise ist 57 Jahre ja auch schon mindestens mittelalt.

Episode am Rande: Meine Nichte fragte mich, was ich in München mache. „Aktfotos!“ - “Ach komm, Ayla, im Ernst, was machst Du dort?“ - „Aktfotos!“ - “Die will ich dann aber nicht sehen!“ Ich wäre überhaupt nicht auf die Idee gekommen, ihr die Fotos zu zeigen. Ihre Reaktion ist außerdem schon im Bereich der Altersdiskriminierung.

Zurück zu den Fotos: Diese liegen inzwischen vor. Die Resonanz, sobald ich sie meinen Freundinnen und ausgesuchten männlichen Bekannten zeige, ist mehr als positiv. Sie gefallen sogar mir selbst und ich spüre eine Veränderung! Voller Erfolg! Und es hat nicht einmal weh getan.

Und um dem Ganzen noch einen draufzusetzen, habe ich mir nicht nur mit den „Best of 31“ eine Poster-Collage gestaltet, sondern auch noch individuelle Briefmarken. Jugendfrei, natürlich! Ich kann immer noch nicht glauben, dass diese Frau auf der Marke tatsächlich ich sein soll. Selbstwahrnehmung kann täuschen und in diesem Fall tut sie es tatsächlich!

09/2020:

Ein paar Monate später erwachte in mir der Wunsch nach neuen Fotos, denn die ersten empfand ich inzwischen als zu gestellt, zu sehr Standard, zu viel Körper und zu wenig „ich“.

Beim zweiten Fotoshooting wollte ich lebendigere Fotos, einem Zusammenspiel aus Körper, Geist und Seele, Spiel und Spaß. Einfach mehr vom mir selbst zeigen. Auch dieses Mal bemühte ich wieder das Internet und stieß auf eine Seite, auf der ich meine Wünsche eingeben konnte. Fotografen aus der näheren Umgebung würden sich dann bei mir melden. Das Kontaktformular ausgefüllt und abgewartet.

Ja, es meldeten sich dann auch drei Unternehmen bei mir. Die Qualität war unterschiedlich. Auszubildende bei so einem heiklen Auftrag ans Telefon zu lassen ist natürlich Unternehmerentscheidung. Kundinnenentscheidung ist es aber dann, woanders zu buchen. Am Ende landete ich bei „Great Photoart“ aus Fürth, welches sich später als eine sehr gute Entscheidung herausstellen sollte. Das Telefonat lief problemlos, ich wusste ziemlich schnell, was ich wollte, nämlich Fotos im Stil eines Pin-up Girls aus den Fünfzigern. Die Fotosession sollte bei mir Zuhause im Garten stattfinden. Der Preis passte mir auch sehr gut, Visagistin war dabei. Mein Geburtstagsgeschenk an mich selbst wartete auf das Auspacken.

Der Tag X im September 2020 kam näher. Sonniges, schönes Wetter, Aufregung, geschminkt werden in der Küche, kompetente Frauen. Hat was. Wir fingen mit Lockenwicklern im Haar, Bikini „Bauhaus“ und einer alten Zinkbadewanne an. Großartig. Und es wurde noch besser, je mehr das Team sich einspielte. Eine Idee jagte die andere, großer Spaß bei der Verwendung der mitgebrachten Accessoires, Gelächter. Langsam wurde es aber auch anstrengend, die Zeit verging. Schluss, aus, Ende! Erst später am Abend wurde mir klar, dass ein Teil meiner Wünsche, meiner Vorstellungen für das Shooting nicht verwirklicht wurden. Was soll‘s, dann mache ich halt noch eins, irgendwann später.

Nach einer Woche wurden mir knapp 300 Fotos zur Auswahl vorgelegt, super. Fast keins dabei, welches von vornherein durchfiel. Und alles ich! Supersexy, yeah! Selbst die, auf denen ich richtig angezogen bin mit Kleid und Hut. Zehn davon wählte ich aus, ein Teil davon steht bei mir inzwischen im Wohnzimmer, so viele Besucher habe ich ja nicht. Und wenn doch? Meine Wohnung! Niemand muss gucken!

05/2021:

Inzwischen habe ich ein drittes und viertes Aktfotoshooting hinter mir, aber wenig Erinnerung an die beiden, eher an einige Aspekte der Umstände. Gemacht hat diese Fotos „mein“ Wahlkampfmanager und Fotograf in Personalunion, der Mann, der in meinem Wohnzimmer saß und mir nach einem Blick auf die dort stehenden Fotos erklärte, das könne er aber besser. Deswegen war er aber doch gar nicht hier, mein Anliegen war doch ganz anderer Natur! Und dann die Gedanken: Nackt vor dem Mann? Himmel nein, nie! Wie kommt der darauf, dass ich mich in Dessous von ihm fotografieren lasse? Geschweige denn nackt? Und trotzdem habe ich es am Ende getan, irgendwie ist mir das selbst heute, sieben Wochen...



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