Richter | Voll behindert, Alter! | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Richter Voll behindert, Alter!

Ein Sommer am A.... der Welt. Jugendroman - zufällig inklusiv
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-99082-180-0
Verlag: edition riedenburg e.U.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Sommer am A.... der Welt. Jugendroman - zufällig inklusiv

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-99082-180-0
Verlag: edition riedenburg e.U.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ausgerechnet tiefster Schwarzwald - geht's noch? Das bedeutete für meinen Bruder und mich einen Sommer am A.... der Welt. Und es kam noch schlimmer. Wir machten dort nämlich keinen Urlaub, sondern zogen für immer ins letzte Kaff. Ganze 23 Häuser. Der Ortskern: ein Zigarettenautomat! In einer Sache waren Jan und ich uns ausnahmsweise einmal einig: Wir wollten zurück nach Düsseldorf in unser altes Leben. Sofort! Einen Plan hatten wir auch. Nämlich so lange rumzunörgeln, bis unsere Eltern genervt einknickten und wir wieder in die Großstadt durften. Doch ständig schlechte Laune zu haben, kann einen auf Dauer ganz schön nerven. Und eigentlich waren manche Leute im Dorf ja auch ganz nett. Besonders dieser Chrissi, die muskelbepackte Sportskanone mit dem Beliebte-Leute-Lächeln. Ob ich bei dem eine Chance haben würde? Immerhin fahre ich Treppenlift statt Vespa. Das sagt alles, oder? Ich finde mein Leben gerade jedenfalls echt voll behindert, Alter! Fazit: Ein überraschend witziger Jugendroman übers Loslassen und Ankommen. Für alle mit Lust auf Porzellankatzen, Lagerfeuer, wilde Kühe, Eimersaufen und allem, was dazugehört. Bonus: Ausführliches Begleitmaterial mit Aufgaben und Übungen zu Inhalt und Themen wie Liebe, Selbstfindung, Inklusion und Diskriminierung Auch zum Einsatz im schulischen Kontext + Kurzfassung und Begleitmaterial in Großdruck und einfacher Sprache Sammle Punkte auf Antolin.de Ein Buch vom Verlag edition riedenburg, Salzburg Alle unsere Bücher findest du auch im Internet.

Wer hat's erfunden? Über die Autorin Sabine Richter wurde 1981 in Düsseldorf geboren. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren vier teils schwer mehrfach behinderten Kindern im Rheinland. Als Sonderpädagogin in Teilzeit lebt und liebt sie ihren turbulenten Familienalltag zwischen Pflege und Abenteuer. Die teils aberwitzigen Begebenheiten hält sie auch in Form von rasanten Geschichten fest. Seit dem Abschluss ihres Studiums des Lehramts Sonderpädagogik engagiert sie sich als Elternteil einer sonderpädagogischen Pflegefamilie des Fachdienstes für Pflegekinder mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen der Diakonie Düsseldorf. Die Auswirkungen von Hirnschäden, Chromosomenanomalien, globalen Entwicklungsstörungen und Frühtraumatisierung lernte Sabine nach den theoretischen Einführungen im Studium als Pflegemutter nochmal hautnah in der Praxis kennen. Dort, wo der Rollstuhl auf Abenteuerlust trifft, eröffnet Sabine Richter besondere Wege der Selbstfindung, Traumabewältigung und Biographiearbeit für ihre Kinder. Ihr Ziel ist, damit nicht nur die besonderen Bedürfnisse ihrer Kinder im Blick zu behalten, sondern auch ein Bewusstsein im öffentlichen Raum zu schaffen. Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung durch ihre Geschichten auf deren Lebensweg unterstützend zu begleiten ist dabei ihre Hauptintention. 2015 wurde in der Anthologie von Gerth Medien "Wunder im Doppelpack, wahre Geschichten für Teens", Hrsg. Verena Keil, ihr erster Beitrag veröffentlicht. Nun folgt mit "Voll behindert, Alter!" ein Jugendroman in Form einer leicht lesbaren niedrigschwelligen Story. In dieser ist die Hauptprotagonistin körperlich schwerbehindert und auf einen Elektrorollstuhl angewiesen. Inklusion ist ganz natürlich und nebenbei Teil der Lebenswelt der Protagonisten und lässt Raum für eine lustige Liebesgeschichte. Die Option, das Buch auch als Klassenlektüre einzusetzen und die Begleitaufgaben und Anregungen für den Klassenverband in den Unterricht zu integrieren, sieht Sabine als Möglichkeit, Inklusion aktiv zu gestalten. Zudem ist die Geschichte zusätzlich in Großdruck und einfacher Sprache als leicht lesbare Variante für Menschen mit Förderbedarfen in den Bereichen Lernen und Geistige Entwicklung abgedruckt.
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Kapitel 8: Das lahmste Fahrgeschäft der Welt


Endlich war es vier, das heißt natürlich 16 Uhr. Ich war total aufgeregt und versuchte, cool zu bleiben. Und so zu tun, als würde ich jeden Tag neue Freunde finden.

Erst überlegte ich, ob ich oben warten und die Tür aufmachen sollte. Aber dann hätte ich so quälend langsam mit dem Treppenlift runterfahren müssen. Das war mir zu peinlich.

Zum Glück hatte Mama eine Idee: „Fahr du nur auf deine Terrasse. Ich schicke die Mädchen dann zu dir.“

So saß ich auf der Terrasse, wartete und versuchte zugleich, beschäftigt zu wirken. Ich hatte mein Tablet in der Hand, weil ich glaubte, dass ich so am normalsten rüberkommen würde.

Und dann kamen sie tatsächlich: Zuerst hörte ich ein Klingeln und dann meine Mutter, freundlich, doch ruhig und zurückhaltend – sie wollte mich wohl nicht blamieren. Gut so.

Emily und Rebecca kamen kurz darauf die Treppe runter und schauten neugierig in mein Zimmer.

„Hallo! Ich bin hier draußen auf der Terrasse!“, rief ich und winkte den beiden etwas ungelenk.

Blöde Spastik!

„Voll geil!“, rief Rebecca begeistert.

„Dein Zimmer ist echt schön und dann hast du noch ne eigene Terrasse!“

Ich freute mich.

„Dann schaut mal in mein Badezimmer. Da habe ich eine Whirlpoolbadewanne!“

„Nee! Oder?“

„Wir dürfen doch mal kurz?“, fragte Emily und ging mit Rebecca ins Bad.

„Hammer!“, fand Emily.

„Voll geil!“, ergänzte Rebecca begeistert.

Dann kamen sie raus zu mir.

„Machst du eigentlich eine Einweihungsparty?“, fragte Emily.

„Boah, bist du dreist!“, schimpfte Rebecca.

„Ich frage ja nur.“ Emily zuckte entschuldigend mit den Schultern.

„Wenn, seid ihr dabei!“, erklärte ich begeistert. „Gibt es denn hier noch mehr Leute in unserem Alter?“

„Meinen Bruder Chrissi. Der ist siebzehn. Und Emilys Freund Karl, der ist neunzehn. Mehr gibt es nicht. Oder hast du noch Geschwister?“

„Mmh. Mein Bruder Jan ist auch siebzehn, wie dein Bruder.“

„Wo ist der denn?“

„Mit meinem Vater einkaufen, müsste gleich kommen.“

Ich hatte das gerade gesagt, da hörten wir, wie oben ein Auto in unserer Einfahrt hielt. Das mussten sie sein. Und tatsächlich kam Jan sofort zu uns gelaufen.

„Hi, ich soll euch Eis bringen“, sagte er und wurde etwas unsicher, als er sah, wie hübsch und normal meine neuen Freundinnen waren. „Ich bin Jan, freut mich!“

„Rebecca!“, nickte ihm Rebecca freundlich zu.

„Emily“, stellte sich Emily kurz vor.

Jan gab jeder von uns einen Ben & Jerry‘s-Eisbecher samt Löffel und setzte sich mit seinem Eis einfach zu uns auf die Terrasse. Sonst wollte er absolut nicht mit mir gesehen werden, aber jetzt auf einmal fand er es ganz toll bei mir. Ja, ja. Ich wusste natürlich, dass mein Bruder auch einsam war. Deshalb sagte ich nichts, sondern tat so, als sei es ganz normal, dass wir zusammen rumhingen.

Wir quatschten bis kurz vor 20 Uhr über alles Mögliche. Rebecca wollte sogar unbedingt meine Klamotten sehen.

„Das Top ist voll schön!“, lobte sie begeistert, als sie meinen Schrank durchwühlte.

„Leihst du mir das mal? Ich leih dir auch was von meinem Zeug, wenn du willst. Nächstes Mal treffen wir uns bei mir und dann kannst du gucken, was dir gefällt.“

„Klar, nimm‘ mit!“, sagte ich ganz beiläufig.

So, als würde ich so was ständig gefragt.

Wurde ich natürlich noch nie.

Zu behindert, nehme ich an.

Naja, das war jetzt egal.

Die Klamottenwühlerei wurde Jan dann doch zu viel und er verzog sich in sein Zimmer.

„Man sieht sich“, sagte er im Hinausgehen. Als er weg war, begannen Emily und Rebecca zu kichern.

„Dein Bruder ist voll süß!“, schwärmte Rebecca. Emily kniete theatralisch nieder und streckte die Hände gen Himmel.

„Danke, Gott! Danke! Endlich ein Kerl für Rebecca! Karl wird sich soooo freuen!“

„Wieso freut sich Karl?“, fragte ich verwirrt.

„Na, wenn Rebecca mit deinem Bruder abhängt, dann hat er mich endlich mal für sich.“, stellte Emily vergnügt fest.

Rebecca schaute mich verschwörerisch an: „Auf was für Mädchen steht er denn? Meinst du, ich habe eine Chance?“

„Garantiert!“, nickte ich. „Nur wegen euch ist er so lange in meinem Zimmer geblieben.“

Rebecca strahlte: „Das hört sich doch gut an!“

Ich wollte nicht fragen, aber ich musste. Sonst hätte ich die ganze Zeit drüber nachgedacht.

Ich wurde ernst. Mir war sogar plötzlich ein bisschen schlecht. „Ähm, ich muss euch noch was fragen. Was Peinliches.“

„Was denn?“, wollten beide wissen.

„Ihr wart sofort so nett zu mir. Und ich bin so behindert mit meinem Rolli und so. Also, ich wollte fragen, ob ihr mich nur aus Mitleid angesprochen habt oder um Jan kennenzulernen – oder einfach so.“

„Einfach so. Naja, nicht ganz einfach so. Wir waren total neugierig, wer in die 7 gezogen ist, und wir dachten, du lädst uns bestimmt ein, weil naja.“ Rebecca stockte.

„Weil ich behindert bin und deshalb vielleicht dankbarer, wen kennenzulernen?“, überlegte ich laut.

„Ja.“

Emily und Rebecca ließen die Köpfe hängen.

„Ist gar nicht so leicht, hier in der Pampa neue Freunde zu finden“, gab Emily zu. „Wir dachten, bei dir hätten wir leichtes Spiel.“

Ich seufzte erleichtert, denn die Idee war nicht schlecht gewesen.

„Dann ist ja alles klar!“ Ich war glücklich und erleichtert. Meine beiden neuen Freundinnen wirkten auch erleichtert.

„Also, dann leihst du mir das Top und wir sehen uns morgen, okay?“

„Ja, gerne. Wirklich gerne! Ich bringe euch noch bis zur Treppe okay?“

„Oh.“ Rebecca schien enttäuscht zu sein.

„Was ist?“, wollte ich wissen.

„Kann ich mal hochfahren?“ Rebecca deutete auf den Treppenlift.

„Das Ding ist sau lahm.“

„Egal! Das wollte ich schon immer mal!“

„Na, wenn du willst.“

„Ich will auch!“, bestimmte Emily.

„Ihr seid echt verrückt.“ Ich schüttelte den Kopf. Dann fuhr ich auf die Plattform des Treppenlifts und die beiden Mädels stiegen fröhlich zu. Unglaublich langsam machte sich das Ding daran, hochzufahren.

Wir waren vielleicht zwei, drei Stufen weit gekommen, als es an der Tür klingelte. Ich hörte, wie Papa öffnete.

„Guten Abend, entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich soll meine Schwester abholen. Morgen ist Schule. Ist Rebecca noch bei ihnen?“, hörte ich die Stimme eines Jungen.

„Ja, komm rein. Die Mädchen sind unten in Mias Zimmer.“

„Nein! Wir kommen gerade hoch!“, rief Rebecca. Der Treppenlift plagte sich im Schneckentempo nach oben.

„Könnte aber noch dauern!“, kicherte Emily.

Neugierig spähten Papa und Rebeccas Bruder um die Ecke die Treppe hinunter. Als sie uns mit dieser unglaublichen Geschwindigkeit zu dritt hochrasen sahen, guckten beide so verdattert, dass wir in schallendes Gelächter ausbrachen.

„Ich mach mir gleich in die Hose!“, quiekte Emily.

Rebecca und ich konnten vor lauter Lachen gar nicht mehr sprechen. Endlich kamen wir oben an. Zum Glück, ohne dass sich Emily in die Hose gepinkelt hatte. Wir hatten echt Bauchweh vom Lachen.

„Na, das war ja ein wilder Ritt!“, sagte der Junge trocken.

„Ich bin Chrissi! Und du passt perfekt zu den beiden Verrückten da!“ Er zeigte auf Emily und Rebecca.

Oh, wie nett! Ganz schön frech, dieser Chrissi.

„Danke! Ich bin Mia.“

Ich konnte noch immer kaum ernst bleiben. Chrissi war blond, größer und vor allem deutlich muskulöser als Jan. Und ziemlich frech. Aber auf eine nette Art.

Die drei winkten noch einmal und gingen dann. Was für ein Tag!

Wieder unten angekommen, sprang Jan sofort zu mir rüber.

„Uuuund?“, fragte er gespannt. „Was haben sie gesagt?“

„Wozu?“, fragte ich und spielte die Ahnungslose.

„Haben sie was über mich gesagt?“

Ich musste grinsen. Es war ganz aufgeregt, mein Brüderchen.

„Hmmm ...“, ließ ich mir Zeit.

Das machte mir irgendwie Spaß. Jetzt saß ich mal am längeren Hebel und musste nicht um Hilfe betteln.

„Rebecca ist hübsch, oder?“, fragte ich stattdessen herausfordernd.

Jan wurde rot. Dunkelrot.

Aha. Ich hatte also ins Schwarze getroffen und wichtige Infos für meine neue Freundin gesammelt.

„Hat sie was über mich gesagt?“, wollte Jan wissen.

„Nee!“, log ich. „Morgen oder in den nächsten Tagen...



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