E-Book, Deutsch, 270 Seiten
Reihe: Lübbe
Rickardsson Immer weiter gehen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-9524-2
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie ich im Dschungel aufwuchs und bei meiner Adoptivfamilie ein neues Zuhause fand
E-Book, Deutsch, 270 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-9524-2
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christina erlebte eine zerrissene Kindheit: Sieben Jahre lebte sie mit ihrer Mutter in den Waldhöhlen vor São Paulo - bitter arm, inmitten der Natur, aber getragen von der Liebe ihrer lebensklugen Mutter. Doch dann kamen die Landbesitzer und vertrieben sie, ein harter Überlebenskampf auf den Straßen der großen Stadt begann. Christina musste Unfassbares mitansehen, war nie sicher, erlitt Hunger und Not. Als ihre Mutter plötzlich verschwand, wurden Christina und ihr kleiner Bruder, noch ein Kleinkind, zur Adoption freigegeben: Eine neue Familie, eine neue Sprache, ein neues Leben in Europa begann...
Das sagt die schwedische Lektorin über dieses Buch:
Wie viele von uns könnten wohl mit acht Jahren das Leben auf der Straße überstehen? Was wäre, wenn diese Straßen voller bewaffneter Erwachsener wären, die die Absicht hatten, Sie zusammenzutreiben, um Sie zu töten? Das war das wirkliche Leben für Christina Rickardsson in und um São Paolo, Brasilien, bis eine Adoptionsagentur den fragwürdigen Schritt unternahm, Christina (acht Jahre alt) und ihren Bruder (weniger als zwei Jahre alt) von ihrer Mutter zu trennen und sie an eine Familie in Schweden, eine halbe Welt entfernt, zu geben. Wenn Geschichten wie die von Cheryl Strayed, Der große Trip, Ihre Emotionen geweckt haben, werden Sie auf Christinas Geschichte wahrscheinlich genauso reagieren wie ich, mit Einfühlungsvermögen und Staunen über die Stärke ihres Geistes.
Die Geschichte, wie sie sich an ihre Adoptivfamilie, die Rickardssons, und an die völlig fremde Sprache und Kultur gewöhnt und anfängt sie zu lieben, ist fesselnd. Ein außergewöhnlicher Aspekt von Christinas Geschichte ist, dass sie nicht mit ihrer persönlichen Suche endet. Sie hat ihre Energie in ihre Stiftung gelenkt, eine gemeinnützige Organisation, die Armut und soziale Ungerechtigkeit an der Wurzel packen will, um andere Kinder vor ähnlichen Entbehrungen zu bewahren.
Von dem Moment an, als Christinas Geschichte in mein Leben trat, war sie meine ständige Begleiterin, unerschütterlich. Ihr Mut, ihr Mitgefühl und ihre Fähigkeit zu vergeben sind absolut inspirierend. Ihre Schuldgefühle und ihr Groll darüber, dass sie ihrer Mutter und ihrem Heimatland genommen wurde, kämpfen mit der Dankbarkeit für die Vorteile und die Sicherheit, die ihr ihr neues Land und ihre Familie gewährten. Christina hätte ihr Trauma leicht in Feindseligkeit gegenüber ihrer neuen Familie, gegenüber der Welt oder gegenüber sich selbst verwandeln können. Stattdessen nahm sie das qualvolle Ausgraben ihrer Adoptionsakten in Angriff und machte sich in ihren Dreißigern auf die mutige und schmerzhafte Reise zurück in ihr Heimatland, in der Hoffnung, mit ihrer Mutter wieder vereint zu werden.
Elizabeth DeNoma
Christina Rickardsson wurde 1983 als Christiana Mara Coelho in Brasilien geboren. Im Alter von sieben Jahren wurde sie zusammen mit ihrem Bruder in ein Waisenhaus gebracht und von dort nach Vindeln im Norden Schwedens zur Adoption freigegeben. Nachdem ihr Buch erschienen war, gründete Christina die Coelho Growth Foundation, die sich für Kinder und junge Menschen in Not einsetzt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die Reise beginnt
Umeå, Schweden, Winter 2015
An einem sonnigen Tag vor knapp drei Jahren wachte ich auf und hatte Angst. Wobei Panik es vielleicht besser trifft. Ich fürchtete mich schrecklich vor dem Leben. Ich litt unter einer Art Hungerast. Jeder Sportler kennt dieses Phänomen: Durch einen akuten Energiemangel entsteht ein plötzlicher Leistungsabfall des Körpers. Das Tempo, in dem es dazu kommt, kann ganz unterschiedlich sein. Man kann rennen, laufen oder taumeln. Je schneller man unterwegs ist, desto mehr tut es weh und desto größer ist das Unwohlsein. Das ist ein ebenso einfaches wie unumstößliches Gesetz. Ich hatte meinen ganz persönlichen Hungerast in Höchstgeschwindigkeit erreicht, so als hätte ich einen 400-Meter-Lauf absolviert und wäre schlussendlich gegen die Besucherbalustrade gerannt.
Was war geschehen? Wenn du meine Kollegen – meine Vorgesetzten und Bürofreunde – gefragt hättest, wäre keiner von ihnen überrascht gewesen. Ich gab immer mindestens 120 Prozent. Im Grunde war mein Leben jedoch ein heilloses Chaos. Es gab Probleme mit meiner Familie, meinen Beziehungen, meinen Freunden und mit mir selbst. Also versuchte ich mich auf das zu konzentrieren, was ich kontrollieren konnte. Wie lässt sich das »Ich habe Angst zu leben«-Chaos am besten beschreiben? Vielleicht als Angst vor Authentizität, Angst vor Schmerz, Angst vor Verlust und Tod. Womöglich hatte ich auch Angst, dass ich zusammenbrechen würde, sobald ich nicht mehr rannte. Angst vor der, die ich war.
Ich war so müde, so erschöpft. Ich konnte nicht mehr klar denken und wollte es auch nicht. Denken führte zu einer wunden Seele. Ich konnte nicht menschlich sein. Ich durchlebte etwas, das mir nie zuvor begegnet war. Mein Körper und mein Unterbewusstsein bestimmten über mich, so als habe meine Seele beschlossen, für eine Weile die Zügel zu übernehmen. Dann kamen die Albträume: Ich war wieder sieben Jahre alt und rannte um mein Leben. Wieder und wieder durchlebte ich das. Hätte ich doch nur von den gruseligen Monstern unter meinem Bett träumen können … Doch leider waren die wiederkehrenden Bilder dem wahren Leben entsprungen. Ich träumte von dem, was mir als kleines Kind widerfahren war.
Mir war klar, dass ich Hilfe brauchte. Es gab nur zwei Möglichkeiten: aufgeben oder aktiv werden. Ich erinnere mich noch daran, wie ich ins Badezimmer ging und mich vor den Spiegel stellte. Ich blickte mir tief in die Augen. Ich sah in mein Innerstes. Als meine Augen sich mit Tränen füllten, verstand ich, dass das kleine Mädchen, das immer gerannt war, nie damit aufgehört hatte. Meinem eigenen Seelenheil zuliebe musste ich endlich damit aufhören und das verarbeiten, was ich erlebt hatte. Ich sagte laut: »Ich kann nicht mehr davonrennen. Ich will nicht mehr davonrennen. Ich will so nicht leben.« Und zum ersten Mal in meinem Leben bat ich um Hilfe. Um echte Hilfe.
Ich sitze auf dem Sofa in meiner Wohnung in Umeå in Schweden und sehe die Adoptionspapiere von mir und meinem Bruder durch, die mein Vater mir gegeben hat. Einen großen Stapel, den ich nun auf meinem Wohnzimmertisch ausgebreitet habe. Die eine Hälfte der Dokumente ist auf Schwedisch, die andere auf Portugiesisch. Vierundzwanzig Jahre lang lagen diese Papiere unberührt im Safe meines Vaters, ich habe nie danach gefragt. Dieses Bedürfnis habe ich nie verspürt. In diesen Dokumenten steht vermutlich nichts über mich, was ich nicht schon weiß, und nichts über mein Leben in Brasilien, an das ich mich nicht sowieso erinnern kann. Ich habe nie das Bedürfnis verspürt herauszufinden, wer ich bin, woher ich komme oder warum ich verlassen wurde. Ich weiß, wer ich bin und woher ich komme, und vor allem weiß ich, dass ich nicht verlassen wurde. Kidnapping ist vielleicht ein etwas heftiger Ausdruck, um unseren Adoptionsprozess zu beschreiben, doch so fühlte es sich streckenweise an.
Mein Bruder Patrick, oder Patrique José Coelho, wie er eigentlich hieß, da unsere leibliche Mutter ihn so genannt hatte, war bei unserer Ankunft in Schweden zu jung, um sich an irgendetwas aus der Zeit davor zu erinnern. In unserer schwedischen Familie wurde selten über diesen Abschnitt unseres Lebens gesprochen. Dafür gab es sicherlich zahlreiche Gründe, aber ich kenne nur meine eigenen. Ich weiß jedoch, dass mein Bruder sich nur an ein Detail aus seinem Vorleben in Brasilien erinnert: Er musste in einem Karton schlafen. Das stimmt. Ich war diejenige, die ihn in den Karton gelegt und versucht hat, ihn zu beruhigen. Das Faszinierende an Erinnerungen ist ja, dass manche für immer bleiben und andere nicht; manche verschwinden auf ewig, und andere kehren zurück. Ich habe es mehrfach versucht, aber ich kann mich nicht an die Zeit erinnern, als meine Mutter mit Patrick schwanger war. Als Kind stand mir das bestimmt noch klar vor Augen – wie der Bauch meiner Mama wuchs und ich mich auf die Ankunft eines kleinen Bruders oder einer kleinen Schwester freute. Ich weiß nicht, ob diese Phase meinem Gedächtnis entfallen ist, weil ich die meiste Zeit ohne meine Mutter auf der Straße verbracht habe, oder weil ich mich schlichtweg nicht daran erinnern kann. Ich weiß nur noch, dass Patrick, mein kleiner Bruder, eines Tages in meinem Leben war und dass ich ihn vom ersten Moment an geliebt habe. Ich erinnere mich noch, wie ich mich auf der Straße um ihn gekümmert, wie ich ihn gefüttert, seine Stoffwindeln gewechselt und sichergestellt habe, dass er hin und wieder schlief. Ich weiß noch, dass er ein friedliches Baby war und selten schrie.
Ich war acht Jahre alt, als ich nach Schweden kam, und mein Bruder war knapp zwei. Wir sind Halbgeschwister. Wir haben dieselbe Mutter, aber verschiedene Väter. In unseren Adoptionspapieren steht, wer Patricks Vater ist. Bei mir wurde das Feld Vater jedoch freigelassen. Ich frage mich, ob ich jemals herausfinden werde, wer mein leiblicher Vater ist. Es fühlt sich seltsam an zu sagen, Patrick und ich seien Halbgeschwister. Vielleicht liegt es daran, dass ich weder meinen noch Patricks Vater kenne. Weil unsere Väter beide abwesend waren, habe ich Patrick immer als meinen Bruder betrachtet. Gemeinsam adoptiert zu werden und neue Eltern zu bekommen hat unser Geschwisterband wahrscheinlich zusätzlich gestärkt. Wir wurden eine Familie, eine Familie, die nicht durch Blutsverwandtschaft, sondern durch die äußeren Umstände, Zufälligkeiten und vielleicht noch ein Quäntchen Unerklärliches zusammengeführt wurde. In jedem Fall wuchsen wir zu einer Familie zusammen. Patrick war neugierig und stellte viele Fragen: »Woher komme ich?«, »Wer sind meine biologischen Eltern, und warum haben sie mich abgegeben?«. Solche Gedanken kamen mir nie. Ich fragte mich, wer mein leiblicher Vater sein mochte, aber ich hatte nie das Gefühl, dass seine Identität wichtig ist. Er war nicht da. So sah meine Normalität aus. Das Leben meines Bruders und meines waren unterschiedlich. Seine Biographie ist nahezu komplett schwedisch, meine sowohl brasilianisch als auch schwedisch. Wer von uns es einfacher oder schwerer hatte, ist dabei nebensächlich. Jeder von uns hat seine eigenen Sorgen, hat Schmerz, Freude und Glück auf seine eigene Art erlebt.
Gefühle sind nicht immer leicht zu verstehen oder zu beherrschen, und mein Verstand ist nicht immer stark genug, um die Stürme zu bändigen, die mich durchlaufen. Jetzt ist wieder so ein Moment, während ich hier sitze und die Adoptionsunterlagen anschaue.
Es ist spannend zu lesen, was meine Adoptiveltern alles über sich ergehen lassen mussten, bevor sie endlich die Kinder adoptieren und zu sich holen konnten, für die sie so lange gekämpft hatten. Sie haben zehn Jahre lang versucht eigene Kinder zu bekommen, bevor sie schließlich beschlossen, ein Kind zwischen einem und drei Jahren zu adoptieren. Schlussendlich bekamen sie zwei Kinder. Es gibt so viel Papierkram: Unterlagen von schwedischen Gerichten, von schwedischen Behörden, die für die öffentliche Gesundheit und soziale Belange verantwortlich sind, von dem Gericht in São Paulo und dann noch die Leumundszeugnisse für meine schwedische Mutter Lili-ann und meinen Vater Sture, die von ihren engsten Freunden und Kollegen verfasst wurden. Auch ein Brief meiner biologischen Mutter ist dabei, und es macht mich gleichzeitig froh und traurig, ihre Worte zu lesen. Froh, dass ich etwas über ihre Gedanken und Gefühle erfahren darf, traurig, dass sie nicht mehr bei mir ist. Ich wünschte, sie wäre an meiner Seite und würde mich bei meiner Aufarbeitung der Vergangenheit unterstützen. Ich bin eine unabhängige, erwachsene Frau, trotzdem zweifle ich, ob ich das kleine Kind in mir, das sie ständig vermisst und sich jeden Tag nach ihr sehnt, je hinter mir lassen werde. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, was es bedeutet, jemanden wirklich zu vermissen. Jemanden zu vermissen hängt nicht davon ab, wann man ihn zuletzt gesehen hat oder wie viele Stunden es her ist, dass man zuletzt miteinander sprach. Es sind die Momente, in denen man sich den anderen an seine Seite wünscht.
Als Teenager habe ich Mama einmal gefragt, wie sie und Papa reagiert haben, als sie herausfanden, dass sie Patrick und mich adoptieren durften. Mama sagte, sie hätten ewig auf das Schreiben gewartet, das die Erlaubnis zur Adoption eines Kindes bestätigen würde. Als der Brief dann kam und verkündete, in der näheren Auswahl stünde ein Geschwisterpaar, ein achtjähriges Mädchen und ein knapp zweijähriger Junge, verschwand Papa für zwei Tage im Wald. Mama sagte der Agentur sofort zu, obwohl sie hinsichtlich Stures Gefühlen etwas unsicher war. Als er nach Hause zurückkehrte und sah, wie aufgewühlt sie war, konnte er nur noch Ja sagen. Sture lächelt immer ein bisschen, wenn er behauptet, Mama...




