Rico | Auch wenn wir Verdammte sind | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

Rico Auch wenn wir Verdammte sind

Roman
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-455-30715-3
Verlag: Hoffmann & Campe Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

ISBN: 978-3-455-30715-3
Verlag: Hoffmann & Campe Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Eine brisante Stimme der spanischen Gegenwartsliteratur« El Mundo »Schon als ich die Rothaarige sah, wusste ich, dass das nichts Gutes bedeutete. Sie kam an einem Gewittertag ins Dorf ... und als der Wagen in die Kurve beim Bramadoiro einbog, brach ein Höllenspektakel aus Blitzen los, und es wollte nicht mehr aufhören zu regnen.« Die Rothaarige, das ist Ainur, die in dem kleinen Dorf an der spanischen Küste Zuflucht sucht. Um sich von ihren eigenen Problemen abzulenken, stürzt sie sich in ihre Doktorarbeit über Selene, eine Heilerin, die im 17. Jahrhundert in dem Dorf lebte und als Hexe verfolgt wurde. Ainur fühlt sich ihr verbunden, denn sie selbst ist ebenfalls Außenseiterin, auch sie fühlt sich verfolgt, wenngleich aus ganz anderen Gründen. Je tiefer Ainur in die Geschichte von Selene eintaucht, desto stärker scheint sich deren Schicksal auf unheimliche Art mit ihrem eigenen zu verschränken. Eines ist sicher: In Eugenia Ricos Roman über Identität, Schuld und Liebe ist am Ende nichts so, wie es scheint. Daniel Kehlmann: »Eine der interessantesten Stimmen der zeitgenössischen spanischen Literatur, ein wichtiges Buch.« Eugenia Rico, geboren 1972, studierte Jura und Internationale Beziehungen sowie Theaterwissenschaft. Sie veröffentlichte ihre erste Geschichte mit elf Jahren und wurde seither mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. 2000 publizierte sie ihren ersten Roman, der von der Kritik begeistert aufgenommen wurde. Ihre Erzählungen und Gedichte erschienen in zahlreichen Anthologien. 2003 erhielt sie das Valle-Inclan-Stipendium, das vom Außenministerium vergeben wird. Auch wenn wir Verdammte sind ist ihr fünfter Roman. Mehr Informationen unter: www.eugeniarico.com und www.aunqueseamosmalditas.com
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Selene (S. 43-44)

Seit sie laufen konnte, nahm ihre Tante sie mit in die Heide und die Kastanienwälder, wo die Blätter einen Teppich für die Bergnymphen webten. Sie suchten Portulak gegen das Fieber und rote Rosenblätter für heiße Breiumschläge. Oft fanden sie Thymian und Eicheln, die, gemahlen und mit Schweinefett vermengt, auf Furunkel und Pusteln geschmiert wurden. Was spielerisch begann, entwickelte sich später zu Lehrjahren. Bei diesen Spaziergängen wies die alte Heilerin sie in die verborgenen Heilkräfte der Kräuter ein. Die ganze Welt war ein Garten voller Heilmittel. Die Medizin lag nicht in den Apotheken der Weisen, sondern wuchs überall. Im Wald und im Unterholz. Oben auf den Bäumen und unter der Erde.

Die Eibenwurzel auszureißen war mühsam, doch sie zeigte große Wirkung, wenn man Fehlgeburten verhindern und den Fötus im Schoß seiner Mutter einbetten wollte. Die Lupine eignete sich zur Herstellung von heißen Auflagen und zum Öffnen von Abszessen. Die Magenwurz aus den Sümpfen verströmte ein starkes Aroma, das eine Verschlechterung des Gedächtnisses aufgrund von feuchten und kalten Körperflüssigkeiten verhinderte. Wacholderbeeren konnten aufgekocht werden, um die Nasennebenhöhlen zu öffnen.

Sie lernte, dass Myrthe und Malve juckende Hautauschläge und dass Zitronenkraut und Dill Blasenentzündungen linderten. Selene fürchtete, sich die vielen Namen nicht merken zu können, doch nie vergaß sie das Aroma einer Pflanze oder wie sie sich anfühlte oder wo sie zu finden war. Denn einige Heilkräuter gediehen im Schatten, und andere genossen die Sonne. Manche bestanden aus Blättern, andere aus Beeren, wieder andere aus Wurzeln. Manchmal nutzte man die ganze Pflanze und dann wieder nur einen kleinen Teil.

Je nachdem, ob sie gekocht, als Tee oder als Umschlag zum Einsatz kamen, war auch ihre Wirkung verschieden. Selene wollte sich das Wissen ihrer Tante aneignen, das ihr übermenschlich erschien. »Für jedes Übel, das Gott in die Welt gesetzt hat, hat er auch das Heilmittel mitgeliefert«, sagte ihre Tante Milagros. »Man muss nur herausfinden, welcher Teil welcher Pflanze den einzelnen Giften entgegenwirkt.« »Und wie hast du das gelernt?« »Ich habe es von meiner Mutter gelernt, und sie von ihrer Mutter. Von der ältesten Tochter an die älteste Tochter weitergegeben. Und jetzt bist du meine Tochter, und ich bringe es dir bei.«

»Und wie haben sie es gelernt?« »Indem sie beobachteten, ausprobierten und mit den Händen und der Intuition, dem großen Auge der Seele, sahen. Jede von uns ist verpflichtet, etwas Neues zu lernen und es an jemanden weiterzugeben. Wenn wir uns alle daran halten, wird der Tag kommen, an dem wir wie Götter sein werden.« »Wie Göttinnen«, korrigierte Selene sie.



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