E-Book, Deutsch, 235 Seiten
Rico Die Ballade vom vakuumverpackten Hähnchen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7518-0999-3
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 235 Seiten
ISBN: 978-3-7518-0999-3
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schon seit ihrer Jugend ist Hannah Vegetarierin. Sie lebt in der Stadt und hat nur noch wenige Verbindungen zum dörflichen Leben ihrer Kindheit. Als jedoch ihre Mutter stirbt, kehrt sie auf deren Hühnerhof zurück – vorübergehend, denkt sie, bis alles geregelt ist. Doch das Landleben in seiner Schönheit und seinem Schrecken nimmt sie in Beschlag, und schon bald entwickelt Hannah ein ganz besonderes Verhältnis zu den Tieren: Sie schlachtet und vakuumiert sie, verabschiedet aber jedes Hähnchen mit einer eigenen Biografie, die der Verpackung beiliegt. Aus dieser Geste der Wertschätzung entsteht ein Marketingprojekt, das irrwitzige Ausmaße annimmt: »Hannahs Hähnchen« werden zum Supermarkthit mit unerwarteten Folgen für Leib und Leben von Mensch und Tier.
In Lucie Ricos amüsantem wie irrwitzigem Roman gerät das Leben der Protagonistin innerhalb der unerbittlichen Hackordnung von Hühnerstall, Fleischindustrie und Menschenwelt langsam, aber sicher außer Kontrolle, und der Weg vom Bauernhofidyll zur grellen Fleischtheke erscheint kürzer als gedacht.
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I
Mitten auf der Wiese trampelt Théodore den Rasen nieder, malträtiert den Boden mit konzentrischen Trippelschritten. Sobald er einen perfekten Kreis gezogen hat, hält er inne und fängt gleich wieder von vorne an: Der Rücken krümmt sich, der Kopf senkt sich, und los geht es. Manchmal liegt ein Stein im Weg und bringt ihn von seiner Bahn ab. Der Regen macht ihm nichts aus, er nimmt ihn hin wie eine neutrale Größe.
Heute muss Hannah ihn schlachten. So steht es in ihrem Kalender. Das hat sie ihrer Mutter am letzten Tag versprochen. Trotz ausgetrocknetem Mund sprach die Alte in vollständigen Sätzen: »Théodore sollte geschlachtet werden. Der Einäugige. Ich möchte, dass du dich darum kümmerst.« Es war nicht der richtige Zeitpunkt für Widerworte, und Hannah hatte nur brav genickt. Damals dachte sie noch, dass sie es einfach nicht machen würde. Dass es nach dem Tod der Mutter nicht mehr darauf ankäme, dass sie zurück zu Louis in die Stadt fahren, er sie über die Trauer hinwegtrösten und ihr Großstadtleben weitergehen würde wie zuvor. Sie hatte ein beliebiges Datum ausgewählt und in den Kalender eingetragen: »Théodore schlachten«, und dahinter in Klammern: »einäugig«. Dann hatte sie nicht mehr daran gedacht. Bis zu besagtem Tag.
Hannah kann keine Hühner mehr schlachten, sie kann sie nicht einmal mehr essen. Schon seit zwanzig Jahren nimmt sie kein Fleisch mehr in den Mund. Beim letzten Mal war sie sechzehn. An ihrem Geburtstag, sie hat gerade das vom Betrieb nebenan gekaufte Steak aufgegessen und raucht draußen auf der Wiese stolz ihre erste Zigarette, inhaliert zu tief und unterdrückt das Husten. Ihr Onkel hat ihr die Schachtel hingehalten. Die Hühner hüpfen munter um sie herum, die Sonne scheint. Die Mutter kommt aus dem Bauernhaus, die Tür fällt hinter ihr ins Schloss, ihre Beine sind krumm und sie ist sichtlich wütend, vielleicht wegen der Zigarette. Hannah denkt: Gleich fang ich mir eine. Die Mutter schlägt oft grundlos zu. Doch die Alte hat es nicht auf sie abgesehen. Den Blick auf ihre Tochter geheftet, packt sie wie zufällig einen jungen Hahn an den Läufen, bückt sich kaum, um nach ihm zu greifen, und dreht ihm den Hals um. Hannah hört das unerbittliche Geräusch: »Tschuck«. Das ist doch absurd, denkt sie in dem Moment, nach einem so schönen Essen ein Huhn zu schlachten, noch vor dem Kaffee. Dann begreift sie, dass ihre Mutter Charles in der Hand hält, den toten Charles. Hannah liebt Charles. Sie spielt oft mit ihm, verrät ihm ihre Geheimnisse. Er ist ihr tierischer Doppelgänger. Die Mutter klatscht ihn auf den Baumstumpf, der als Hauklotz dient, und lässt die Klinge niedersausen. Blut spritzt. Während der gesamten Hinrichtung lässt sie Hannah nicht aus den Augen. Wie angewurzelt steht sie da und starrt Hannah an. Dann beginnt sie, den kopflosen Körper heftig zu schütteln. Das Blut fließt noch, das Gras färbt sich rot, ihr Kleid ist voller Flecken. Als Charles endlich ausgeblutet ist, lässt sie den Leichnam auf den Boden fallen und geht langsam zurück ins Haus. Hannah bleibt allein vor dem Kadaver zurück. Ihre Zigarette ist ausgegangen. Die Sonne geht unter. Bei der nächsten Mahlzeit verzichtet sie aufs Fleisch. Die Mutter verschlingt weiterhin stumm Hühnerklein und Hühnerblut mit Knoblauch. Hannah ekelt sich nicht vor Fleisch – dass es in den Mündern der anderen landet, erscheint ihr logisch, es bildet die Grundlage für ihren Geruch, ihren Atem.
In der Ferne rauscht die Autobahn. Die Wolken taumeln vorüber, die Bergkette schneidet die Weite entzwei, ein Rest Schnee klebt daran. Der Stuhl knarzt. Hannah japst mit offenem Mund nach Luft. An der Wohnzimmerwand, über dem Regal mit der Hühnerfamilie aus Porzellan, blickt ihr, gestützt von zwei Haken, das alte Gewehr entgegen. In zehn Jahren hat sich auf dem Hof nichts getan. Die blauen Bücherschränke voller Zeitungen, die aus Faulheit nie zum Altpapier gebracht wurden, und das hühnerblutrote zerschlissene Sofa sind die einzigen Farbtupfer zwischen den steinernen Wänden und Böden. Ihr kommen fast die Tränen, nun, da sie wieder hier ist und spürt, dass auch sie zum Dekor gehört. Sie steht auf und trinkt wild durcheinander, was im Kühlschrank zu finden ist: Wein, Muskateller, Wodka, noch mehr Wein. Alkohol verdirbt nicht. Er verliert bloß den Geschmack. Die Mutter füllt eine Urne, einen metallenen Ascheimer mit drei Liter Volumen, der auf dem Küchentisch steht. Man könnte ihn für eine schlichte dekorative Vase halten. Es ist schwer zu glauben, dass sie ganz da hineinpasst. Irgendwo in der Asche müssen sich ein Ring und eine Zahnfüllung aus Gold befinden. Es könnte auch sein, dass sie den falschen Körper zurück zum Hof gebracht hat. Die Vorstellung macht Hannah nervös, dann muss sie darüber lachen: Man kann jemanden nicht an der Asche erkennen.
Sie muss nur noch diesen letzten Willen erfüllen, bevor sie fahren kann: Théodore, den Einäugigen, schlachten. Wäre es doch bloß mit einem gut platzierten Messerstich und einem letzten Röcheln getan. Doch es ist ganze Arbeit, den noch warmen Körper zu handhaben, das Rupfen der Federn, das Ausnehmen. Und dann muss man auch noch wissen, was man mit dem Kadaver anstellt. Auf einem Hof ist das Töten kein Selbstzweck. Der Tod muss einen Nutzen haben. Der Tod der Mutter bringt ein Erbe mit sich, dreihundert Masthähnchen, fünfzig Hennen und zehntausend Euro; das Erbe der Tiere, von denen die Rojas seit drei Generationen leben. Paul muss den Hahn schlachten und ihn dann verkaufen. Der Leichnam bleibt nicht hier, es gibt kein Begräbnis. Mit der Asche hat sie schon genug zu tun. Hätte die Mutter sprechen können, hätte sie wahrscheinlich von ihr verlangt, nach der Vollstreckung zum Markt zu gehen. Es ist bestimmt schwer, seinen Kindern zu sagen, was man wirklich von ihnen erwartet. Hannah reserviert einen Stand für den nächsten Tag. Sie wird Théodore günstig verkaufen, und dann ist sie frei. Sie sagt sich noch einmal: Das macht man eben mit einem toten Hähnchen.
Trotz des Regens geht sie ohne Mantel raus. Die zähflüssigen Tropfen kleben an ihrer Haut, perlen von ihrer Nase. Kräftige Nasen neigen dazu, den Regen einzufangen. Die Hühner laufen umher; es sind viele, eine kompakte, energiegeladene Masse. Ihre Köpfe nicken im Takt, die Augen aber blicken starr geradeaus. Die Wiese erstreckt sich bis zum angrenzenden Weinstock der Familie Fresse. Die Grundstücksgrenze ist mit einem Stacheldrahtzaun markiert. Sie haben sich nicht bei der Trauerfeier blicken lassen.
Théodore läuft zwischen den anderen umher. Er ist leicht zu erkennen: brav und mager, eine seiner Augenhöhlen ist leer. Von hier sieht es aus, als würden die anderen ihn beschützen, ihn mit ihren fleischigen Körpern umschließen. Sie kommen angelaufen in der Hoffnung, dass Hannah sie füttert. Sie hatte ganz vergessen, wie sie im Regen riechen: fürchterlich. Sie läuft Slalom, um ihnen auszuweichen. Sie lassen sich nicht stören, rennen ihr zwischen die Beine, ein bisschen aggressiv, mit erhobenem Schnabel, wie um zu sagen: Trampel nicht auf unserem Hauptgericht herum, rück lieber mal den Nachtisch raus. In ihrer Mitte wandert gemächlich Théodore umher. Hannah schiebt seine Artgenossen zur Seite.
»Na komm, schon gut, wir kriegen das hin.«
Sie packt kräftig zu und er wehrt sich nicht. Sein Gefieder ist weich, weicher als Haut, wie ein Kopfkissen, ein Plüschtier. Sie möchte ihn an sich drücken. Hannah begutachtet ihn mit von Eifersucht durchtränkter Zuneigung, wie einen braven, gehorsamen Bruder, der zu Hause geblieben ist, um ein Auge auf die gemeinsame Erzeugerin zu haben. Ihrer Mutter war es durchaus zuzutrauen, dass sie dieses Masthähnchen als Sohn angenommen hatte und es nicht ertragen konnte, dass er sie überlebte.
Mit Théodore unterm Arm kehrt Hannah ins Haus zurück. Da sie nicht mehr weiß, wie es geht, könnte es ein langsamer und qualvoller Tod werden. Das sollen die anderen nicht mit ansehen müssen. Ihre Hand zittert. Théodore hat keine Angst. Als sie ihn auf dem Wohnzimmerboden absetzt, bleibt er in ihrer Nähe, um sanft nach ihren Schuhen zu picken. Er ist nicht an Gewalt gewöhnt. Sie möchte ihn anflehen, still zu sitzen und nicht so sanftmütig zu sein. Sie malt sich Szenen aus: wie die Mutter mit ihm lacht, ihm einen Kuss gibt, vielleicht auf den Schnabel, ihm leise eine rührselige Geschichte erzählt, in ihrer Stimme liegt eine Zärtlichkeit, die Hannah nicht kennt, und dann macht er selig sein eines gesundes Auge zu und gibt sich dem Schlaf hin. Vielleicht gab es auch gemeinsame Mahlzeiten. Sie stellt sich vor, wie die Mutter mit ihm über die Wiese rennt, ihre alten arthritischen Beine folgen dem Takt seiner Läufe.
Sie muss ihn sehr geliebt haben.
Hannah sieht sich nach Beistand um. Er darf nicht einfach so sterben. Die...




