Riebe | Mann im Fleisch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Reihe: Frauenromane im GMEINER-Verlag

Riebe Mann im Fleisch

Frauenroman
2013
ISBN: 978-3-7349-9208-7
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Frauenroman

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Reihe: Frauenromane im GMEINER-Verlag

ISBN: 978-3-7349-9208-7
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Claus ist ein verdammt attraktiver Dozent, und so schwebt Studentin Susanna im siebten Himmel, als die beiden ein Paar werden. Doch hinter der Fassade des romantischen Ritters steckt etwas ganz anderes, und so landet Susanna äußerst unsanft auf dem Boden der Tatsachen. Nun wird Gleiches mit Gleichem vergolten und auf die heiße Liebe folgt eiskalte Rache.

Brigitte Riebe, geboren 1953, bekannt als Autorin historischer Romane, hat unter dem Pseudonym Nina Geiger Frauenromane mit Esprit, Witz und Tiefgang verfasst, die zeigen, dass die alte Geschichte zwischen Frauen und Männern noch lange nicht auserzählt ist ... Sie lebt mit ihrem Mann in München.
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1


An dem Tag, als seine Frau durch meinen Briefschlitz schoss, beschloss ich endgültig, die Sache zu beenden. Vorausgegangen war totaler, ununterbrochener Telefonterror. Erst er. Für lange, sehnsuchtsvolle Monate. Dann sie für kurze, schreckliche Stunden.

Niemals hätte ich mir zu Anfang auch nur einen Bruchteil dessen vorstellen können, was schließlich geschah. Ich war ahnungslos wie ein kleines Schaf. Mein dreiundzwanzigster Geburtstag war gerade vorüber, und ich interessierte mich vor allem für Bob Dylan und Roxy Music, Paul Klee, Dichtung der zwanziger Jahre und meine täglich wechselnden Diäten.

Ich lebte in einer Käseglockenwelt, in der es bei rechtem Licht besehen niemand Vernünftigen über dreißig gab, tausend Euro eine astronomisch hohe Summe waren und tiefgefrorene Bihun-Suppen fast täglich auf dem Programm standen.

Natürlich war ich nicht solo. Natürlich hatte ich eine feste Beziehung.

Schon seit fünf Jahren schlief ich – allerdings zunehmend unwilliger – mit meinem Jugendfreund Willi. An meiner Seite durchpflügte er tapfer und anstellig die lustfeindlichen Jahre von Karin Struck, Verena Stefan und Anja Meulenbelt. Je »frauenbewegter« er sich allerdings verhielt, desto langweiliger und unerträglicher wurde der Sex mit ihm.

Längst vorbei die kurzen, heißen Vormittage, an denen ich ihn zum Schuleschwänzen verführt hatte und wir im düsteren Mief seiner elterlichen Erdgeschosswohnung unter dem grellbunten Jimi-Hendrix-Plakat zitternd vor Lust und Unsicherheit zusammen geschlafen hatten.

Immer öfter ersann ich Ausreden, warum wir gerade wieder einmal nicht miteinander ins Bett gehen sollten.

Nur wenn mir weder Kopf- noch Bauchschmerzen einfielen, wenn ich nicht vergessen hatte, den Herd auszuschalten, oder unbedingt noch den Rest des langen Strukturalismuskapitels lesen musste, kam es zum »Letzten«. Nach wenigen pumpenden Versuchen, gemeinerweise von mir durch gezieltes Schenkeldrücken angeheizt, fiel er zuckend über mir zusammen.

Dabei mochte ich Willi. Sehr sogar.

Als ich ihn mit siebzehn auf einem Schulball getroffen hatte, glaubte ich, niemals zuvor einem besser aussehenden Mann begegnet zu sein. Er war groß und kräftig, mit breiten, muskulösen Schultern, einem schmalen Becken, den langen Schenkeln des ausdauernden Läufers. Und er hatte einen wunderhübschen, festen kleinen Bubenpo.

Braune Locken fielen ihm bis auf die Schultern, und wenn er lachte, kerbten Grübchen unwiderstehlich seine Wangen. Er war intelligent und belesen, und man hätte ihn jederzeit ohne Kompass in der Wildnis aussetzen können. Willi hätte immer nach Hause gefunden.

Was war geschehen? Wo waren die ersten glühenden Nächte im Zelt, in denen wir mit Hingabe und Leidenschaft unsere Körper erkundet hatten, als seien sie unbekannte Landschaften, in denen wir heimisch werden wollten? Die kühlen Morgen, als wir uns am Strand geliebt hatten?

Ich hatte ihn systematisch weichgekocht. Domestiziert. Neutralisiert. Er machte mir weniger Spaß als ein Goldhamster, aber ich war viel zu feige, um die Konsequenzen zu ziehen. In einer komischen Mischung aus scheinbarem Mitleid und unbewusster Angst klebte ich an ihm und verhinderte stets im Ansatz jeden seiner wenigen Versuche, mir zu entkommen.

Ich übte den Ausbruch aus der Beziehung selbstverständlich um einiges öfter. Aber ebenfalls mit kaum sichtbarem Erfolg. Drohte es einmal, ernster zu werden, zog ich rasch die Bremse und machte mir vor, ich würde mir letztlich nur das gleiche in etwas anderer Gestalt wieder einhandeln.

Systematisch redete ich mir ein, Männer würden mich nicht besonders interessieren. Schließlich war ich fest davon überzeugt: Ich war die »Naturfeministin« schlechthin. Mein Leben schien mir recht zu geben.

Frauen waren es, mit denen ich alles besprach. Mit ihnen feierte und weinte ich. Männer waren für mich wie ein fremder Stamm. Merkwürdig, unverständlich. Unpraktisch. Wenn man nicht einmal ordentlich Vergnügen mit ihnen haben konnte – wozu in aller Welt waren sie dann nütze?

Das änderte sich schlagartig an dem Tag, an dem Claus mich zum ersten Mal küsste. Er küsste mich lang, fast romantisch. Ich glaube, spätestens in dem Augenblick passierte es.

Dabei sah er fast aus wie Spiderman mit seinen langen, dünnen Beinen, einer fortgeschrittenen Halbglatze und einer lächerlichen zitronengelben Weste aus den zwanziger Jahren, die er offensichtlich heiß liebte und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zu seinen schlecht sitzenden Jeans trug.

Er küsste mich, und unsere Körper wuchsen auf geheimnisvolle Weise zusammen. Wurden eins. Alchemistische Hochzeit könnte man es nennen. Mehr als das Zusammengießen zweier Metalle. Ich fühlte seine weichen, saugenden Lippen auf den meinen, roch seinen Lavendelatem, und mein Fleisch schmolz erwartungsvoll. Meine Möse klopfte vor Begehren, meine Knie wurden schwach.

Allerdings war der Ort des Geschehens alles andere als passend. Wir standen, hinter eine Säule geklemmt, im belebten Lichthof der Uni. Gerade hatten wir laut lästernd Seite an Seite eine Vorlesung verlassen. Claus hielt ein dickes Manuskript unter dem linken Arm, das ich mir dringend ausleihen wollte.

Dazu ist es nie gekommen.

Als er mich wieder losließ, drehte ich mich um, wie von der Tarantel gebissen, und stürzte den langen Gang entlang durch den Hintereingang des Gebäudes ins Freie.

Verwirrt und reichlich aufgelöst, betrat ich das Café an der Ecke und bestellte mir eine heiße Schokolade. Ich hatte gerade die Sahne abgeleckt und für heute meine längst fällige Diät auf den nächsten Tag verschoben, als die Türe aufging und Claus hereinkam.

Ohne mich zu sehen, steuerte er auf einen freien Tisch im vorderen Teil zu und versank in seiner Zeitung.

Mir blieb vor Schreck, vor Entzücken fast die Luft weg. Während ich schlückchenweise die heiße, klebrigsüße Brühe durch meine Kehle rinnen ließ, überlegte ich fieberhaft, was ich nun unternehmen sollte.

Dann ging die quietschende Türe erneut auf und brachte mit dem nächsten kalten Windstoß eine Frau herein, die zielgerichtet auf seinen Tisch zusteuerte. Sie war klein, schmal wie ein Kind und trug ihr Haar sehr glatt, sehr blond. Ein ovales, ein wenig lebloses Gesicht. Die Augen grau unter dunklen, geschwungenen Brauen.

Natürlich ungeschminkt. Natürlich in Faltenrock und kamelhaarfarbenem Twinset. Perlenkette. Siegelring. Nicht einmal ein Pferdetuch, das ich scheußlich finden konnte. Sondern ein kleines, weiches seidenes Etwas, türkis und lässig um ihren schlanken Hals gewunden.

Eine jener zeitlos klassischen Schönheiten eben, bei deren Anblick man notgedrungen im gleichen Augenblick an veredelte Rosensträucher, hauchdünne, chinesische Teekannen und Familiensilber für mindestens achtzehn Personen denken muss.

Sie küsste Claus leicht abwesend auf die Backe und zupfte beim Hinsetzen besitzergreifend ein imaginäres Staubkorn von seiner graubraunen, leicht ausgebeulten Tweedjacke. Dann nahm sie Platz. Anmutig. Selbstverständlich. Studierte lange die Karte.

Durch die Bogenöffnung sandte sie mir einen gelangweilten, abschätzigen Blick. Fast unfreundlich.

Sie konnte keine Ahnung haben, wer ich war. Aber ich wusste sofort, wen ich vor mir hatte.

Seine Frau. Beate.

Zwei Tage später kam sein erster Brief.

Liebe S.,

vor ein paar Monaten wusste ich noch nichts von Dir, und doch hatte das leise Pochen der Sehnsucht, die Deinen Namen trägt, schon angefangen. Jetzt ist das neue Jahr Dein Jahr geworden, und bei allem, was geschieht, bist Du für mich dabei: Manchmal als eine, die an einem warmen Sommertag durchs weitgeöffnete Fenster in mein Leben hereinschaut. Manchmal als Vogelzug, der aus der Ferne heruntergrüßt. Und ganz oft als ein versunkenes Götterbild, das von Atlantis drunten durch das tiefe Wasser zu mir heraufblinkt und golden flimmert. Mich herunterzustürzen habe ich mich – bislang? – nicht getraut. Aber wer weiß, ob Göttinnen das überhaupt wollen?

Immer Dein Freund Claus

Ich kam gerade vom Penny um die Ecke, wo ich Käse, Eier und Caro-Kaffee gekauft hatte, und las die in elegantem Sepia hingeworfenen Zeilen gleich unten im Hausflur. Augenblicklich stieg sein großes Gesicht mit der hellen Haut vor mir auf, bläulich unter den Augen und an den Schläfen.

So hatte noch niemand mit mir gesprochen. Beziehungsweise über mich. In meiner Welt der schnellen, immer unverbindlichen dates redete man nicht viel über Liebe. Man machte erst gar nicht so lange rum, wenn man auf jemanden stand; man kam gleich zur Sache. Und man legte sich vor allem keinesfalls schriftlich fest. Allenfalls ein, zwei Anrufe konnte man noch riskieren. Dann hatte die Sache zu laufen. Oder eben nicht.

Vollkommen unerwartet begannen meine Knie zu zittern. Aufgeregt hielt ich das Blatt an die Nase. Ein feiner, fast unmerklicher Geruch nach Sandelholz. Plötzlich hätte ich losheulen können. Wie ertappt, knüllte ich das Papier zusammen und stopfte es in die große, aufgenähte Tasche meines lavendelfarbenen Regenmantels.

Second hand. Selbstredend. Damals verachtete ich all jene, die neue Klamotten trugen.

An jenem Morgen hatte ich nicht die leiseste Idee, dass diese Zeilen nur der Anfang einer langen Kette weiterer Briefe waren, die ich zunehmend hektischer stets...


Riebe, Brigitte
Brigitte Riebe, geboren 1953, bekannt als Autorin historischer Romane, hat unter dem Pseudonym Nina Geiger Frauenromane mit Esprit, Witz und Tiefgang verfasst, die zeigen, dass die alte Geschichte zwischen Frauen und Männern noch lange nicht auserzählt ist … Sie lebt mit ihrem Mann in München.



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