E-Book, Deutsch, Band 8, 256 Seiten
Reihe: Hubertus-Hummel-Reihe
Rieckhoff / Ummenhofer Giftpilz
12002. Auflage 2012
ISBN: 978-3-492-95685-7
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für Hubertus Hummel
E-Book, Deutsch, Band 8, 256 Seiten
Reihe: Hubertus-Hummel-Reihe
ISBN: 978-3-492-95685-7
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alexander Rieckhoff, geboren 1969 und aufgewachsen in Villingen, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Konstanz und Rom und ist zurzeit als Fernsehredakteur beim ZDF in Mainz beschäftigt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Mainz. Gemeinsam mit Stefan Ummenhofer hat er mehrere erfolgreiche Schwarzwald-Krimis geschrieben.
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2. DREIBETTZIMMER
Hummel musste lange geschlafen haben. Als er aufwachte, schimmerte bereits ein goldener Sichelmond über den Wipfeln der Schwarzwaldtannen. Vom Fenster des Krankenzimmers aus wanderte sein Blick auf die Gesichter seiner lieben Verwandten. Martina wippte seinen Enkel Maximilian auf dem Arm. Hubertus’ Eltern saßen am Kopfende des Krankenbettes. Zur Linken befand sich seine Nochehefrau Elke, die ihn anlächelte. Zur Rechten seine Freundin Carolin, die sogar strahlte. So viel Eintracht! Stand es wirklich schon so schlecht um ihn? Aus den Augenwinkeln sah Hubertus schemenhaft zwei weitere Betten. Und einen weiteren Menschen neben Elke: Pergel-Bülow – den stolzen Retter. Nicht schon wieder! Hubertus floh zurück ins Land der Träume.
Der erste Sinn, der sich bei Hummel zurückmeldete, war der Geruchssinn. Sollte er tatsächlich im Jenseits aufgewacht sein, dann war Gott ein Anatolier. Denn das, was in seine Nase stieg, war zweifellos der Geruch von türkischem Essen. Ob es Börek, Kebap oder Pide war, konnte er nicht genau sagen, zumal die Lider seiner Augen wie mit einer Heißklebepistole miteinander verbunden schienen. Dafür rührte sich sein Magen, der gewaltig zu rumoren begann.
Als sich dann auch das Gehör zurückmeldete, wusste er augenblicklich, dass er nicht im anatolischen Himmel war. Denn das Kauderwelsch, das immer deutlicher seine Gehörgänge flutete, war ein Mischmasch aus türkischem Akzent und Schwarzwälder Dialekt.
»Papa, musch du esse! Mama hät Börek g’macht. Musch du wieder zu Kräfte komme’«, sagte jemand.
Hummel blinzelte zögerlich und schlug die Augen auf. Keine Spur mehr von seiner Familie, dafür hatte sich eine andere in beachtlicher Größe um das Bett seines Zimmernachbarn geschart. Hubertus konnte nicht ausmachen, wer zur Kinder-, Enkel- oder Geschwisterfraktion gehörte. Es waren so viele, dass vermutlich auch noch Cousins und Cousinen gekommen waren. Und alle redeten gewaltig durcheinander und bemühten sich nach Kräften, dem Familienoberhaupt nach seinem Herzinfarkt beizustehen.
Als der schmächtige Mann entdeckte, dass sein Zimmernachbar aufgewacht war, hoffte er, einen dankbaren Abnehmer für das viele Essen gefunden zu haben.
»Meine Frau macht beschte Börek von de ganze Schwarzwalde – weisch?«
Zum ersten Mal seit dem Vorfall im Garten kam ein leises Lächeln über Hummels Lippen. Zum einen darüber, dass er offensichtlich noch am Leben war, zum anderen über das türkische Schwarzwälderisch oder schwarzwälderische Türkisch.
»Ha, jetzt lasset Sie den Mann doch erscht emol in Ruh wach werde«, kam es schroff von der anderen Seite des Betts. »Sie sehet doch, dass er noch ganz benomme isch. Do isch des deftige ausländische Esse erscht mol nit ’s Richtige. Vielleicht e Zwiebäckle für de A’fang?« Der Mann zeigte auf eine halbleere orangefarbene Packung mit dem strahlenden blonden Jungen auf seinem Nachttisch. »Soll i nach de Schweschter klingle?«
Mit Mühe und unter stechenden Kopfschmerzen wandte Hubertus sein Gesicht nach rechts. Dort saß ein Mann um die siebzig, körperlich in etwa das Gegenteil des Bettnachbarn zur Linken. Recht korpulent, Stirnglatze mit Haarkranz. Gerötete Wangen, die entweder auf einen Naturburschen oder auf Bluthochdruck schließen ließen.
»Ihne isch’s geschtern aber gar nit guet gange’«, meinte er mit weit aufgerissenen Augen und tiefen Stirnfalten, so als wollte er die Dramatik seiner Erzählung mit einem grimmigen Minenspiel unterstreichen. »Sie sin wohl em Tod grad no mol so vom Schipple g’schprunge.«
Hubertus bemühte sich, eine Frage zu stellen. Doch ehe er den ersten Ton überhaupt herausbrachte, hatte der Bettnachbar schon das Thema gewechselt. Es ging zwar immer noch um medizinische Belange, aber nicht mehr um Hummel.
»Bei mir isch’s jo so ähnlich g’wese. Mei Frau hät mich halbtot uf em Speicher g’funde. I kann Ihne sage …«
Also doch Bluthochdruck, dachte sich Hubertus.
»Die Weißkittel hän mir de Stecker zoge. Wobei des au Pfuscher sin – wie überall!«
Hubertus dröhnte der Schädel. Er war kurz vor einer erneuten Ohnmacht. Zum einen war es warm und stickig in dem kleinen Zimmer, was vermutlich auch an den schätzungsweise fünfzehn Besuchern lag. Auch die anfangs verlockenden Gewürze von Kreuzkümmel und Knoblauch sorgten mittlerweile für leichte Übelkeit. Zum anderen fühlte er sich von den Wortschwällen überrollt.
»Fascht en Herzinfarkt! Sofort hän sie mich vu Schönwald do her ins Krankenhaus brocht …«
Hubertus fielen die Augenlider halb zu, was den schwatzenden Bettnachbarn aber nicht vom Weiterreden abhielt. Im Gegenteil: Er wurde noch lauter.
»En Katheter hän sie mir g’macht. Do hän sie mir so lange Röhrle in d’ Leischte neig’schobbe bis zum Herz hin. Ratsch, ratsch, ratsch, hät’s g’macht. I kann Ihne sage, de blanke Horror. Zumal, wenn mer’s so schlecht macht wie seller Versager von Arzt …«
Die Erzählungen des kernigen, aber offenbar auch etwas hypochondrisch veranlagten Schwarzwälders regten Hubertus derart auf, dass das Messgerät neben seinem Bett einen Ruhepuls von fünfundneunzig anzeigte. Er fühlte, wie es in seiner Brust vibrierte und sein Herz immer wieder Sprünge machte.
Ganz ruhig, dachte sich Hubertus. Er war also in der kardiologischen Abteilung, vermutlich im Zentralklinikum Villingen-Schwenningen. Opfer eines Verbrechens war er offenbar nicht geworden.
Hatte er womöglich einen Herzinfarkt erlitten? Wie sollte es dann weitergehen? Und wieso lag er eigentlich in einem Dreibettzimmer? Hatte er als Privatpatient nicht Anspruch auf ein Einzelzimmer?
»Bypass oder nit, des isch hier die Frage«, dröhnte der Bettnachbar. »Bei mir habet sie zum Glück nur d’ Herzkranzgefäße g’weitet. Und wisset Sie …«
Panisch überlegte Hubertus, wie er sich aus dieser Situation befreien konnte.
»Falls die Ihne übrigens e Kur verschreibet: Passet Sie bloß uf. Ohnehin kann mer selle Weißkittel nit traue …«
Das war wohl das Stichwort. In diesem Moment öffnete sich die Tür, und ein halbes Dutzend weiß gekleideter Personen betrat das Patientenzimmer.
»Hier geht’s ja zu wie auf einem Basar. Darf ich die Herrschaften mal kurz nach draußen bitten? Wir machen jetzt Visite«, sagte ein untersetzter Mann mit akkuratem Seitenscheitel und umgehängtem Stethoskop. Von Statur und Erscheinung her ein Napoleon-Typ, klein und forsch. Seine rechte Hand hatte er allerdings nicht im Schlitz des Kittels, sondern lässig in der Seitentasche verstaut.
Hatte man als Privatpatient nicht auch den Anspruch, als Erster dran zu sein? Offenbar nicht, denn die Herren wandten sich dem nervigen Bettnachbarn zu. Sie tauschten sich in einer von Fachbegriffen gespickten Sprache aus, da war von »pektanginösen Beschwerden« die Rede und von einer »Claudicatio intermittens«, was, wie Hummel wusste, der lateinische Name für die sogenannte Schaufensterkrankheit war. Offenbar hatten entweder die Diagnose oder das Arztgeschwader den Bettnachbarn eingeschüchtert. Jedenfalls war endlich das eingetreten, was Hubertus die ganze Zeit gehofft hatte: Er hielt den Mund!
Als der Chefarzt sich ihm zuwandte, kam sich Hummel vor wie ein Angeklagter, der auf sein Urteil wartete. Bitte nicht die Todesstrafe …
Dann beugte der Napoleon-Verschnitt den Kopf nach vorne, sodass er über die Gläser der Lesebrille hinweg Hubertus mustern konnte.
»Es tut uns sehr leid, Herr …?«
»Hummel«, half der Stationsarzt aus.
Hubertus spürte einen dicken Kloß im Hals.
»Herr Hummel, ich bin Professor Brückner. Ich bedaure es sehr, dass Sie als Privatpatient mit einem Dreibettzimmer vorliebnehmen müssen. Aber wir sind momentan hoffnungslos überfüllt. Der gute Ruf der Klinik, Sie verstehen …« Der Chefarzt tätschelte ihm die Hand.
Hummel atmete erst mal erleichtert auf. Doch kein Todesurteil? Freispruch gar?
»Wir werden Sie noch ein paar Tage bei uns behalten. Sie werden natürlich so bald wie möglich in ein Einzelzimmer verlegt. Wenn es geht, noch heute.«
Einige Tage hierbehalten? Verlegen? Hatten die Größeres mit ihm vor?
»Was hab ich denn nun?«, erkundigte er sich.
Wieder hatte der Stationsarzt seinen Einsatz. Keine Urteilsverkündung, sondern eher eine Grabrede. Und zwar eine, die weniger für ihn als für die anderen Ärzte bestimmt war. Es wurde nicht mit ihm, sondern über ihn gesprochen.
»Der siebenundvierzigjährige Patient wurde gestern notfallmäßig eingeliefert. Er hatte im Garten eine Synkope erlitten. Als Ursache gehen wir von einer instabilen Angina pectoris aus. Als Folge der Synkope erlitt er eine Commotio cerebri. Beim Eintreffen des Notarztes waren bereits insuffiziente Reanimationsbemühungen durchgeführt worden. Im Notarztwagen kam es zu einer selbstlimitierenden supraventrikulären Tachykardie, welche auf Metoprolol prompt in einen Sinusrhythmus konvertierte. Es ist von einem metabolischen Syndrom mit den kardiovaskulären Risikofaktoren einer Hypercholesterinämie, eines latenten arteriellen Hypertonus und einer Adipositas Grad II auszugehen. Im Labor fiel eine erhöhte Gamma-GT von 107 auf. Für heute Mittag ist eine Koronarangiografie geplant.«
»Jesses nei!«, entfuhr es Hummel. »Könnten Sie mir das bitte in meiner Sprache erklären?«
Angina pectoris, das hatte er verstanden. Immerhin. Daher die Schmerzen in der Brust. Und Commotio cerebri war eine Gehirnerschütterung! Dem Latinum sei Dank.
»Ah, Sie sind Lehrer?«, bemerkte Professor Brückner, der offenbar nicht auf Zwischenfragen eingestellt war. »Habe ich mir...




