Rieckhoff / Ummenhofer | Höhenschwindel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 9, 256 Seiten

Reihe: Hubertus-Hummel-Reihe

Rieckhoff / Ummenhofer Höhenschwindel

Ein Fall für Hubertus Hummel
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-492-96695-5
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Fall für Hubertus Hummel

E-Book, Deutsch, Band 9, 256 Seiten

Reihe: Hubertus-Hummel-Reihe

ISBN: 978-3-492-96695-5
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Leider bringt die Schwarzwaldwanderung von Hubertus Hummel und seinem Freund Riesle kaum Erholung: Hubertus wird fast von einem Mountainbikefahrer umgefahren, und kurz darauf müssen sie ihre Tour beenden, denn wenige Kilometer entfernt ist ein Mann an einem sagenumwobenen Felsen tödlich verunglückt. Das Opfer ist der Anwalt Dr. Guntram Bröse, ehemaliger Lebensgefährte von Hubertus' Frau Elke. Schon bald findet die Polizei heraus, dass er vom Felsen gestoßen wurde. Und dann gibt es einen weiteren Toten. Hat sich letztlich doch die düstere Weissagung erfüllt, die sich um den Felsen rankt?

Alexander Rieckhoff, geboren 1969 und aufgewachsen in Villingen, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Konstanz und Rom und ist zurzeit als Fernsehredakteur beim ZDF in Mainz beschäftigt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Mainz. Gemeinsam mit Stefan Ummenhofer hat er mehrere erfolgreiche Schwarzwald-Krimis geschrieben.
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1. TEUFELSFELSEN


Er fühlte sich wie einer der »Huber-Buam«.

Na ja, vielleicht eher wie ein älterer Bruder der beiden Kletterstars.

»Ich werde dich bezwingen!«, flüsterte Dr. Guntram Bröse.

Er fühlte sich von diesem Felsen herausgefordert. So wie sonst im Gerichtssaal vom gegnerischen Anwalt und im Gemeinderat vom Oberbürgermeister.

Bröse brauchte die Bestätigung des Sieges. Des Triumphes, dass der Berg einen wie ihn nicht aufhalten konnte. Auch wenn es weder Eiger-Nordwand noch Nanga Parbat, sondern nur der vierzig Meter hohe Teufelsfelsen war, der sich gerade vor ihm aufbaute.

Der Anwalt war klettertechnisch ziemlich aus der Übung. Zu viel Beruf, zu wenig Freizeit – aber er war eben in sehr vielen Bereichen ein Getriebener.

Und als solcher musste er an diesem auf fast tausend Metern Meereshöhe gelegenen Koloss seine Grenzen austesten. Zwar lag der raue Granitstein versteckt in einem dicht bewaldeten Steilhang und streckte nur mühevoll seine Felsspitzen über die Wipfel der Schwarzwaldfichten hinaus. Doch wer ihn ausfindig machte, empfand ihn als überaus imposante Erscheinung – steil, gewaltig, ursprünglich, ja sogar etwas geheimnisvoll.

Bröse nahm die letzten Meter des schmalen Pfades, der am Steilhang entlang zum Felsen führte. Aus der Tiefe hörte er das Rauschen des Leutschenbachs. Ein Fehltritt, und schon drohte der Absturz. Doch Bröse witterte Gefahren, das war sein großer Vorteil. Am Berg und im Gerichtssaal.

Kurz vor dem Felsen hatte er eine merkwürdige Begegnung. Eine alte Frau mit einem Strohkorb voll abgezupfter Pflanzen kam ihm entgegen und hielt ihm ungefragt einen Vortrag über allerlei Waldkräuter von Giersch bis Sauerklee, deren Heilkraft sie lobte. Als Bröse ihr erläuterte, dass er keine Zeit zum Kräutersammeln habe und stattdessen den Teufelsfelsen erklettern werde, verfinsterte sich die Miene der Alten.

»De Teufelsfels bringt de Tod«, krächzte sie ihm entgegen und hob ihren leicht gekrümmten Zeigefinger. Rheuma, vermutete Bröse.

»Nehmt euch in Acht«, flüsterte sie und drehte sich zum Felsen um, als könne der sie belauschen. »De Teufelsfels bringt de Tod. Euch fehlt’s an Respekt! An Demut! Denkt an d’Prophezeiung! Wenn der Teufelsfels noch länger entweiht wird, gibt’s en Tote! Oder mehrere! Grad jetzt zur Mondwende!«

Wässrig hellblaue Augen starrten ihn an. Zerfurchte Gesichtszüge. Zerzaustes, weißes Haar. Und dazu ein Ur-Schwarzwälder Dialekt, dem Bröse nur mit Mühe folgen konnte.

»Wer sind Sie?«, fragte er nach einer Schrecksekunde mit sonorer Anwaltsstimme.

»Denkt an d’Prophezeiung! Sie bringt de Tod«, krächzte die Alte wieder.

Grußlos schob sie sich mit einer für ihr Alter erstaunlichen Geschwindigkeit an ihm vorbei und nahm den Pfad in Richtung des Örtchens Leutschenbach. Dann streckte sie noch einmal den gekrümmten Zeigefinger in die Höhe: »Denkt an d’Prophezeiung! Es isch wieder Mondwende. Ignoriert nit des geheime Wisse von de Kelte!«

»Was besagt diese Prophezeiung denn genau?«, rief Bröse der Frau hinterher. Doch schon nach wenigen Augenblicken hatte der moosige Waldboden die Alte verschluckt.

Ein seltsamer Auftritt. Die Frau schien aus einer anderen Zeit zu stammen. Und dann dieses Gerede von der Prophezeiung und der Mondwende … Zwar hatten Wissenschaftler tatsächlich einige Monate zuvor im Rahmen der Untersuchung eines Grabhügels bei Villingen entdeckt, dass es sich um ein frühkeltisches Kalenderwerk nach dem Mondzyklus handelte. Nun aber geheimnisvolle keltische Prophezeiungen zu konstruieren und diese mit alten Mythen zu verbinden, war lächerlich.

Denn natürlich rankten sich auch um diesen Teufelsfelsen Sagen, wie eben fast überall im Schwarzwald. Bröse nahm so etwas nicht ernst: Phantastereien, die man sich auf einsamen Höfen an langen Winterabenden ausgedacht hatte und noch Jahrhunderte später verschreckten Kindern erzählte.

Bröse lebte nicht in der Vergangenheit. Er war ein Mann der Gegenwart oder sogar der Zukunft. Auch wenn er die fünfzig schon um einige Jahre überschritten hatte.

Verrückte Hinterwäldlerin … Auf Dauer konnte einem das Leben in diesen steilen, engen und lichtarmen Schwarzwaldtälern einfach nicht bekommen. Kein Wunder, dass findige Bewohner jüngst auf die Idee gekommen waren, Reflexionsspiegel in ihren Tälern zu installieren, um in den sich endlos dahinziehenden Wintermonaten das Licht der Sonne zu nutzen, damit der eigene Hof nicht immer im Schatten lag. Das war wohl der einzige Weg, um der Winterdepression zu entkommen.

Dieses Kräuterweiblein gehörte definitiv zu den weniger Findigen. Ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit.

Bröse hakte die Begegnung ab und wandte sich dem rauen Granit zu, der sich nun direkt vor ihm erhob. Er rieb sich die Finger. Heute würde er endlich wieder Hand an den Fels legen, wie die Kletterer sagten. Zu viele Verpflichtungen hatte er in der letzten Zeit gehabt. Prozesstermine, Rechtsberatungen, Gemeinderatssitzungen, Empfänge, die Ehrenämter. Der berufliche Erfolg hatte seinen Preis. Auch im Privatleben. Es reichte nur noch für Kurzzeitbeziehungen.

Immerhin: Auf dem Beziehungsmarkt stand er nach wie vor hoch im Kurs. Kein Wunder, er war gut in Schuss. Schlank. Drahtig. Erfolgreich. Und wer erfolgreich war, zu dem kamen die Frauen.

Keine seiner Partnerinnen hätte er sich allerdings je an einer Felswand vorstellen können.

Da traf es sich umso besser, dass er wieder Single war. Er konnte seine karge Freizeit nach eigenen Wünschen gestalten. Und der Teufelsfelsen war für die Wiederaufnahme seiner Bergsteigerkarriere genau richtig – Nanga Parbat und Eiger-Nordwand mussten eben noch etwas warten.

Bröse blinzelte empor, hielt nach den ersten Griffen und Tritten Ausschau. Schroff sahen sie aus, die Spitzen des Felsens. Sie hatten etwas von einer Miniaturausgabe der Südtiroler Drei Zinnen, die er vor einigen Jahren mit einem Freund erklettert hatte.

Es war alles eine Frage des Willens. Der Disziplin. Des Selbstbewusstseins. Alles war machbar. Zumindest für ihn, Dr. Guntram Bröse.

Für den Wiedereinstieg galt es jedoch, nicht übermütig zu werden. Er wählte eine leichte Route, eine IV+. Ohne Seilpartner und Sicherung war das angemessen.

Nachdem er die ersten Höhenmeter überwunden hatte, war er schnell im Fluss. Er genoss es, sich ohne Seil zu bewegen, sah aber dennoch immer wieder konzentriert nach dem nächsten Griff.

Die Sonne vollführte zusammen mit den Ästen der Schwarzwaldbäume ein atemberaubendes Licht- und Schattenspiel. Der Nachmittag kroch ganz allmählich auf den frühen Abend zu. Dunst hatte sich über den moosigen Waldboden gelegt. Bröse lauschte aufmerksam auf jedes Geräusch: das Zwitschern der Vögel, das Knarzen einiger Äste im Wind und das fortwährende Rauschen des Baches. Und das Zischen der Schwarzwaldbahn, die sich gerade die Berge hinaufmühte.

Als er etwa zwei Drittel der Route überwunden hatte, geriet der Anwalt erstmals wirklich außer Atem. Die Kletterei war schön, aber gewöhnungsbedürftig. Keine Frage: Dieser Felsen war ein zäher Bursche – so wie er selbst.

Bloß nicht abrutschen, dachte er sich. Nicht an dieser steilen Stelle der Route. Routiniert suchte er nach dem nächsten Griff. Doch diesmal fand er ihn nicht.

Bröses Hände wurden feucht.

Er warf einen kurzen Blick nach unten. Gut dreißig Meter ging es bis zum Wandfuß in die Tiefe. Bei einem Absturz allerdings noch viel weiter, da sich darunter ein bewaldeter Steilhang befand.

Ihm wurde etwas schummrig.

Ereilte ihn jetzt gar ein Höhenschwindel?

Oder war er die Sache nur zu schnell angegangen? Hatte er den Felsen unter- beziehungsweise sich selbst überschätzt? War er vielleicht doch schon zu alt?

Bröse wehrte sich gegen diesen Gedanken. Und gegen den nächsten erst recht: Sollte er lieber aufgeben und absteigen?

Nein, auf gar keinen Fall!

Bröses Augen verengten sich. Sie suchten weiter die Oberfläche des Teufelsfelsens ab. Endlich fand er den verborgenen Griff, der ihm den Weg nach oben wies. Er rieb sich die Hände an seinem neongelben Trikot trocken, dann zog er sich hinauf.

Den Rest der Route überwand er ohne größere Probleme.

Nach einigen Minuten stand Dr. Guntram Bröse allein auf dem Gipfel des Teufelsfelsens. Er hatte ihn bezwungen. Natürlich hatte er ihn bezwungen.

Er und alt – ha!

Sein Puls ging etwas ruhiger, als er über die Baumwipfel hinwegblickte. Dichter Schwarzwald, so weit das Auge reichte.

Bröse schnaufte nun gleichmäßiger. Er war mit sich wieder im Reinen. Und sein Gehirn sandte ihm auch keine demütigenden Gedanken mehr. Im Gegenteil, es sagte: Gut gemacht, Guntram.

Er war nur etwas aus der Übung. Ein klein wenig. Aber das würde sich ändern.

Jetzt musste er sich aber abseilen. Er warf einen letzten Blick auf die herrliche Aussicht, nahm dann einen Karabiner und klinkte diesen in einen Bohrhaken. Nun hängte er das Seil an der Mittelmarkierung ein, fädelte es in den Abseilachter und verband diesen mit seiner Anseilschlaufe am Gurt. Er überprüfte noch einmal ganz genau, ob alles saß. Sorgfalt tat not.

Nun ließ er sich vorsichtig ab und das Seil durch den Achter laufen. Zunächst langsam. Dann etwas schneller. Immer wieder stieß er sich mit den Füßen vom Granit ab. Es war ein herrliches Gefühl, endlich wieder in einer Wand zu hängen.

Als er gut fünfundzwanzig Meter über dem Fuß des Felsens mit einem kurzen Ruck das Abseilmanöver...



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