E-Book, Deutsch, Band 3, 224 Seiten
Reihe: Hubertus-Hummel-Reihe
Rieckhoff / Ummenhofer Morgengrauen
13001. Auflage 2013
ISBN: 978-3-492-95925-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für Hubertus Hummel
E-Book, Deutsch, Band 3, 224 Seiten
Reihe: Hubertus-Hummel-Reihe
ISBN: 978-3-492-95925-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alexander Rieckhoff, geboren 1969 und aufgewachsen in Villingen, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Konstanz und Rom und ist zurzeit als Fernsehredakteur beim ZDF in Mainz beschäftigt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Mainz. Gemeinsam mit Stefan Ummenhofer hat er mehrere erfolgreiche Schwarzwald-Krimis geschrieben.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. FRÜHSCHWIMMER
Die Turmglocken des Villinger Münsters schlugen gerade erst Viertel nach sechs, als Verena Böck ihr Fahrrad durch den Hausflur auf die Obere Straße schob. Sie trat hinaus in die menschenleere Fußgängerzone der alten Zähringerstadt, warf einen flüchtigen Blick auf die prachtvollen Zwillingstürme und schwang sich dann auf das alte schwarze Fahrrad, das ihr einst vom Großvater vermacht worden war. Darauf hatte sie schwer zu treten, von Gangschaltung keine Spur, doch tat das ganz gut und wärmte etwas auf in der morgendlich kühlen Luft. Zwar war tagsüber der Frühsommer auch bis zu den Schwarzwaldhöhen vorgedrungen und konnte für dreißig Grad und mehr sorgen, frühmorgens war man Mitte Juni von mediterranen Temperaturen jedoch noch weit entfernt.
Gerade mal sieben Grad hatte das Thermometer auf der Dachterrasse angezeigt. Beim Blick auf die Quecksilbersäule hatte es Verena gefröstelt. Zumal bei der Aussicht, sich gleich ins kalte Nass des Villinger Kneippbads zu stürzen.
Das war Verenas neueste Entdeckung in Sachen Fitnesstrip. Denn auf dem befand sie sich seit der Trennung von Frank. Während des Studiums hatten sie sich kennengelernt, zwölf Jahre lang waren sie ein Paar gewesen, hatten gemeinsam alle Höhen und Tiefen durchlebt. Kurz vor der lange geplanten Hochzeit und unmittelbar nachdem er Professor geworden war, hatte Frank dann etwas mit einer Sekretärin aus der Fachhochschule angefangen: Irene.
Verena hatte mit achtunddreißig plötzlich alleine dagestanden und mitansehen müssen, wie Irene ihren täglich runder werdenden Bauch voller Stolz zur Schau trug. Frank war daran alles andere als unschuldig. Dabei hatte er doch nie Kinder gewollt …
»Irene, dieses blonde Flittchen«, zischte Verena vor sich hin, als sie ihr Vehikel den Brigachweg entlangsteuerte. Eigentlich hatte sie sich all diese Gedanken schon mehrfach kategorisch verboten. Zwar war Frank längst aus der gemeinsamen Dachwohnung in der Villinger Innenstadt ausgezogen, doch die dienstliche Nähe zu ihrem Ex blieb. Er arbeitete an der Schwenninger Berufsakademie, während Verena nicht weit entfernt in der Fachhochschule ihre Brötchen verdiente. Ebenso wie Frank war sie Wirtschaftswissenschaftlerin.
Mindestens dreimal die Woche sah man sich beim Mittagessen im »Vau«, in Fachkreisen auch »Professorenmensa« genannt. Dort turtelte Frank ungeniert vor ihren Augen mit Irene herum. Sie spielten das hemmungslos verliebte Paar – und diese Zicke Irene schien es zu genießen, dass sie einer Professorin den Mann ausgespannt hatte.
Seit einem halben Jahr ging das schon so. Es quälte sie, doch damit sollte jetzt endlich Schluss sein: Sie musste ihr Privatleben neu ordnen.
Natürlich hätte sie mit einem ihrer Kollegen anbandeln können. Die Auswahl war groß und multikulturell – vom Asiaten bis zum Australier. Doch Berufliches und Privates würde sie nie wieder vermischen.
Verena erhöhte die Trittfrequenz, als sie nun rechts die in Richtung Donau plätschernde Brigach neben sich hatte. Zum Frühschwimmen wollte sie keinesfalls zu spät kommen, denn der Kampf um die Bahnen war sonst hoffnungslos verloren.
Sie durchfuhr die Sebastian-Kneipp-Straße mit ihren üppigen Baumalleen und ihren verträumten kleinen Villen. Dann warf sie einen Blick in Richtung des SABA-Areals. Der Firmenname prangte immer noch in großen blauen Lettern über dem Hauptgebäude. Von hier aus hatte die »Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt« einst Radios und Fernseher in die ganze Welt exportiert. Über 2500 Menschen hatten an der Schwarzwälder Hochtechnologie gefeilt, Villinger ebenso wie Nachbarn aus Schwenningen, mit denen sie seit 1972 zur gemeinsamen Stadt vereint waren. Doch wegen der aufkommenden Billigkonkurrenz aus Fernost war damit Schluss gewesen. Ihr altes SABA-Radio, Typ »Villingen«, lief hingegen immer noch wie ein Schwarzwälder Uhrwerk.
Verena nahm einen tiefen Atemzug, als sie in den Kurpark am Villinger Stadtrand hineinfuhr. Die morgendliche Schwarzwaldluft mochte noch so kalt sein, aber gesund war sie allemal. »Luftkurort« hatte sich das Städtchen mal nennen dürfen. Doch von Kurgästen war kaum noch eine Spur, schon gar nicht um diese Uhrzeit. Und der Kurpark, den Verena gerade längs der Brigach passierte, war etwas in die Jahre gekommen.
Ein kurzer Blick auf die Armbanduhr: 6.27 Uhr. Gerade noch rechtzeitig kam sie am Eingangstor des Kneippbads an, vor dem bereits fast zwei Dutzend Badegäste ungeduldig murmelnd auf den Einlass warteten. Einige sahen sie abschätzig an. Es war dieselbe Besetzung wie jeden Morgen. Ein ganz Voreiliger rüttelte am Gitter wie einst Gerhard Schröder – der Legende nach – vor einigen Jahrzehnten an dem des Kanzleramts. Herr Keller, ein schüchterner, freundlicher älterer Mann, stand etwas abseits. Er faltete gerade seinen Schwarzwälder Kurier zusammen und klemmte ihn sich unter die Achseln. Und obwohl er jeden Morgen der Erste war, begab er sich auch heute wieder ans Ende der Menschentraube. Herr Keller war eine Ausnahme in der rauen Frühschwimmerwelt.
Wenigstens Willy, der langhaarige Schwimmmeister mit üppigem Dreitagebart und markanter langer Nase, wusste Kellers Freundlichkeit zu schätzen. Jeden Morgen bedankte er sich mit einem Lächeln für die Zeitung, die Keller den Bademeistern schenkte – manchmal brachte er ihnen sogar ein Frühstücksbrötchen mit.
»S’isch scho längscht halbe siebene, und s’ Tor isch immer no zue«, beschwerte sich ein anderer Frühschwimmer mit unverkennbar alemannischem Zungenschlag, ein weißhaariger Herr um die siebzig, der den morgendlichen Frühsport kaum erwarten konnte.
»Immer mit der Ruhe, die Herrschaften«, beschwichtigte Willy und schlappte unbeeindruckt gemütlich in Richtung Kassenhäuschen, um das Gittertor zu öffnen.
Dann endlich fiel der Frühschwimmerschwarm ins Kneippbad ein wie Schnäppchenjäger beim Schlussverkauf. Die meisten aus der Gruppe von Individualisten hasteten direkt zur Umkleidekabine, ohne den Schwimmmeister auch nur eines Blickes zu würdigen. Verena hielt kurz inne und genoss für einen Moment die Atmosphäre. So viel Zeit musste trotz der Hektik sein.
Wie jeden Morgen hatte sich ein sanfter Nebelschleier über das Kneippbad gelegt. Es sah aus wie in einem Stillleben. Das dreiundzwanzig Grad warme Badewasser und die nur wenige Meter entfernt vorbeifließende Brigach hatten die kühle Nacht hindurch Dampf erzeugt. Auch heftige Gewitterschauer hatten dazu beigetragen. Zwar kämpfte die tief stehende Sonne bereits gegen die Nebelschwaden an, doch noch war die Anlage nur schemenhaft zu erkennen. Für Verena waren diese Momente fast meditativer Natur.
Ehe sie die Umkleiden betrat, kamen schon die ersten Frühschwimmer herausgestürmt. Zwei von ihnen hatten sich sogar in Neoprenanzüge gezwängt. Als Verena endlich ihren Badeanzug übergestreift hatte, hörte sie den schrillen Schrei einer Frau: Sie wusste, dass es zu den Ritualen einer der Frühschwimmerinnen gehörte, sich mit einem lauten Juchzer ins Wasser zu stürzen.
Als Verena am Becken angelangt war, spritzten bereits überall Wasserfontänen auf, waren schnaufende Geräusche zu vernehmen – nicht nur das Geschnatter eines Entenpärchens, das sich unter die Frühschwimmer gemischt hatte, sondern auch das zweier Damen mit rosa Rüschen auf den Badehauben. Sonst sah man relativ wenig. Der Nebel lag dicht über dem Wasser, es sah fast aus wie in einem Thermalbad. Dass die Enten offenbar völlig unbeeindruckt von den um sich schlagenden Schwimmern weiter ihre Bahnen zogen, machte Verena Hoffnung: Auch sie würde sich ihren Platz im Becken erkämpfen können.
Ihre ersten Schwimmzüge an diesem Morgen glichen allerdings eher einem Spießrutenlauf, obwohl sie sich gleich abseits auf Bahn 8 verzogen hatte. Ein bulliger Typ mit stark behaartem Oberkörper und getönter Schwimmbrille raunzte sie an, versetzte ihr beim Vorbeischwimmen gar ein paar Tritte.
Die würden bestimmt blaue Flecken an den Oberschenkeln nach sich ziehen, dachte sie.
Also versuchte sie es im zentralen Bereich des Beckens. Auf Bahn 3 kam ihr ein ebenfalls Bebrillter mit Schnauzbart nahe, der ein bisschen wie der ehemalige Olympiasieger Mark Spitz aussah, mit den Armen beim Kraulen aber fuchtelte, als würde er gleich ertrinken. Ein weiterer Badegast mit einer Haut, so weiß wie Papier, diskutierte gerade – wie Verena schemenhaft bemerkte – am Beckenrand mit dem anderen Bademeister, einem braun gebrannten Franzosen mit angegrautem Haar. Aber nicht nur des Teints wegen waren die beiden sehr gegensätzlich.
»Höret Sie mol: Des Wasser hät nie und nimmer dreiundzwanzig Grad, des isch jo arschkalt«, hörte Verena den Mann schimpfen.
»Aber natürlisch, Monsieur. Schauen Sie mal auf mein Thermometer«, schlug der Bademeister vor.
»Ha, seller isch bestimmt kaputt«, ließ sich der Schwimmer nicht beirren.
»Wenn Sie mir nischt glauben, dann müssen Sie eben schneller schwimmen«, schlug der Franzose vor.
Der Mann grummelte etwas von »sich bei den Stadtwerken beschweren« und stieß sich kräftig vom Rand ab. Verena legte sich auf den Rücken, streckte Beine und Arme von sich und schloss für einen Augenblick die Augen, um sich zu entspannen.
Noch einem weiteren Schwimmer schien sie offenbar im Wege zu sein: Ein kräftiger Körper legte sich plötzlich auf sie, drückte ihren Oberkörper nach unten und gegen die Beckenwand. Verena spürte einen engen Klammergriff um Beine, Becken und Po, und das Wasser stieg mit einem stechenden Schmerz in ihrer Nase auf. Erlaubte sich jemand einen überaus schlechten...




