E-Book, Deutsch, Band 2, 176 Seiten
Reihe: Hubertus-Hummel-Reihe
Rieckhoff / Ummenhofer Stille Nacht
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-98731-8
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für Hubertus Hummel
E-Book, Deutsch, Band 2, 176 Seiten
Reihe: Hubertus-Hummel-Reihe
ISBN: 978-3-492-98731-8
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alexander Rieckhoff, geboren 1969 und aufgewachsen in Villingen, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Konstanz und Rom und ist zurzeit als Fernsehredakteur beim ZDF in Mainz beschäftigt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Mainz. Gemeinsam mit Stefan Ummenhofer hat er mehrere erfolgreiche Schwarzwald-Krimis geschrieben.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2. SCHWARZWALDBAHN –
20 UHR 50 AB OFFENBURG
Falls Hubertus und Klaus vermutet hatten, Edelbert könnte nun für ihren Eishockeykummer zugänglicher sein, sahen sie sich getäuscht. Schlenker stieg nämlich mit um und folgte den Freunden in das hinterste Abteil des altgedienten Waggons. Der Brauereichef nahm, nachdem er seinen Aktenkoffer im Gepäcknetz verstaut hatte, gegenüber von Edelbert an der Schiebetür Platz.
Vermutlich fuhr er normalerweise eher erster Klasse.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Es war zehn vor neun. Burgbachers und Schlenkers Unterhaltung kreiste weiter um die Kulturlandschaft des Schwarzwalds, das Wirken Wagners und seiner Nachkommen sowie die vermeintliche Überlegenheit italienischer Opernkunst.
Hubertus, der sich einen Platz am Fenster gesichert hatte, runzelte die Stirn. Durch das Heizungsgitter stieg mollig-warme Luft empor. Eigentlich hätte er gegenüber diesem Dr. Schlenker auch gerne mit seinem Bildungsbürgerwissen geprahlt, aber in puncto Klassik konnte er es wohl doch nicht ganz mit den beiden Diskutanten aufnehmen.
Er entschied sich für einen anderen Beitrag: »Edelbert, weißt du eigentlich, was Woody Allen über Wagner gesagt hat?«
Edelbert drehte sich zu Hubertus um, und auch Schlenker schaute ihn nun aufmerksam an.
»Jedes Mal, wenn ich Wagner höre, bekomme ich Lust, Polen zu überfallen!«, zitierte Hubertus.
Klaus klopfte sich auf die Schenkel und lachte schallend los. Schlenker runzelte die Stirn und wandte sich wieder Edelbert zu.
»Ein dummer Scherz«, meinte Edelbert. »Ein unglaublich dummer Scherz! Was kann denn Wagner für die Einvernahme durch Hitler? Bin ich als Wagnerliebhaber denn etwa auch ein Nazi? Ich?«
Er schien wirklich empört.
Schlenker fand die Bemerkung schlichtweg »degoutant«, wie er leise murmelte.
Die Fahrt mit der Schwarzwaldbahn war zu jeder Jahreszeit ein Erlebnis. Gerade zogen dicke Schneeflocken am Fenster vorbei. Gelegentlich blitzte und flackerte es gewaltig, wenn die Stromabnehmer der Lok an der vereisten Oberleitung entlangstreiften.
Am Abteilfenster flog die Silhouette der einstmals Freien Reichsstadt Gengenbach vorbei, die zwischen Wald und Reben am Eingang des Kinzigtals lag. Hubertus blickte den von Scheinwerfern angestrahlten Toren und Türmen gedankenverloren nach. Der Zug folgte dem Verlauf der Kinzig – allerdings in umgekehrter Richtung, den Schwarzwald hinauf. Hummels Blick streifte die vom Schnee leicht überzuckerten Weinberge, die im Mondschein nur schemenhaft zu erkennen waren.
Aber nicht nur des schönen Ausblicks wegen besserte sich nun seine Laune. Erstens hatte er etwas Dampf abgelassen. Zweitens bestand schließlich nicht die ganze Welt aus Eishockey. Drittens war bald Weihnachten, was für Hubertus dieses Jahr in doppelter Hinsicht das Fest der Liebe werden sollte.
Nach einem massiven privaten Tiefschlag – seine Ehefrau Elke hatte ihn verlassen – sah er jetzt wieder Licht am Ende des Tunnels, um in der Eisenbahnsprache zu bleiben. Gerüchten zufolge verstand sich Elke nämlich nicht mehr so gut mit dem Villinger Staranwalt Dr. Guntram Bröse, in dessen Arme sie zunächst geflüchtet war.
Das hatte sich zumindest im badischen Ortsteil von Villingen-Schwenningen schon herumgesprochen. Und das Beste: Elke hatte einer Einladung von Hubertus zu einem Abendessen zugestimmt – »an neutralem Ort«, wie sie es formuliert hatte. Sie hatte ein Villinger Innenstadtrestaurant mit gehobener regionaler Küche vorgeschlagen.
Hubertus hoffte auf eine lohnende Investition.
Mit etwas Glück lag wirklich eine schöne Zeit vor ihm. Weihnachten in Villingen, das war etwas Besonderes, verbunden mit vielen Erinnerungen an Kindheit und Jugend, aber natürlich auch an Elke. Mit der würde es sich schon wieder einrenken, redete sich Hubertus ein.
Auch auf den morgigen Tag freute er sich: Gemeinsam mit seiner Tochter Martina wollte er zum Weltcup-Skispringen nach Titisee-Neustadt – fünfunddreißig Kilometer von Villingen-Schwenningen entfernt. Die Siebzehnjährige fieberte seit Wochen dem Ereignis entgegen. Nachdem sie als kleines Mädchen noch auf Martin Schmitt geschworen hatte, der aus dem Villinger Vorort Tannheim stammte, war sie nun der größte Severin-Freund-Fan.
Der Zug schob sich die Hänge empor. Ob Intercity, Regionalexpress oder Interregioexpress – das war der rauen Natur des Schwarzwalds einerlei. Auf der kurvigen und steilen Strecke kam keiner der Züge über ein Kriechen hinaus.
»Nächschter Halt: Hornberg«, dröhnte der Zugführer, der mit seiner eindringlichen Stimme gar keinen Lautsprecher benötigt hätte. Noch hinkte man dem Fahrplan hinterher. Was soll’s, dachte Hubertus nun großzügig und blickte durch das Gangfenster auf der gegenüberliegenden Seite. Dort überragte der Schlossberg mit der beleuchteten Burg das Städtchen, das durch das Hornberger Schießen berühmt geworden war. Hubertus hätte die Geschichte, wie die Hornberger ihren Herzog mit »Piff-Paff«-Rufen begrüßten, nachdem sie ihr Pulver vorzeitig verschossen hatten, gerne zum Besten gegeben. Doch die beiden Opernfreunde fabulierten mittlerweile über große Tenöre.
Hubertus war genervt. Eigentlich musste er gar nicht auf die Toilette, aber er befand es für nötig, einfach mal einen Moment dieses Abteil zu verlassen. Er schob die Tür auf und trat auf den Gang. Der Waggon war fast leer. Nur wenige Meter weiter stand ein großer, kräftiger Mann mit spitzer Nase, der regungslos durch ein Gangfenster den verschneiten Schwarzwald betrachtete.
»Entschuldigung«, meinte Hubertus. »Darf ich mal vorbei?«
Der Mann presste seinen Bauch wortlos gegen die Scheibe, Hubertus zog den seinen ein. Schließlich gelang es ihm, an dem mindestens einen Meter neunzig großen Hünen vorbeizukommen.
Wenig später stand Hummel vor dem Waschbecken der Zugtoilette und überlegte. Einen Speisewagen gab es in der Schwarzwaldbahn nicht, in den man hätte ausweichen können. Irgendwann würden die Opernexperten ja hoffentlich alle Tenöre durchgekaut haben. Also kehrte er schließlich zurück ins Abteil, nachdem er sich abermals an dem großen Mann vorbeigezwängt hatte.
Er schaute auf seine Armbanduhr: Einundzwanzig Uhr siebenunddreißig. In wenigen Minuten würde der Zug in Triberg sein. Die Strecke der Schwarzwaldbahn kannte Hubertus wie seine Westentasche. Schließlich war sein Vater hier in den Nachkriegsjahren erst Heizer, dann Lokführer gewesen.
Als der Zug in Triberg eintraf, war von der Stadt, die sich über mehrere enge Täler erstreckte und vor allem wegen des höchsten Wasserfalls Deutschlands bekannt war, nicht viel zu sehen. Rechts ragten Felsen empor, die durch Gitter und einige in den Berg gerammte Sprossen vom Sturz auf die Gleise abgehalten wurden. Auf der anderen Seite war der verschneite Bahnhof zu erahnen.
Kein Mensch weit und breit, nur ein paar tiefe Fußstapfen auf dem Bahnsteig, die vom mühsamen Fortkommen einiger Reisender zeugten.
Ein schriller Pfiff unterbrach die Stille.
Mit einem kräftigen Ruck setzten sich die Waggons in Bewegung.
Peter F. Schlenker erhob sich und öffnete die Schiebetür des Abteils. Offenbar wollte er die Toilette aufsuchen.
Wieder fuhr der Zug in einen Tunnel ein. Schlenker war weg – endlich eine Gelegenheit für Hubertus, zu einem seiner legendären Vorträge anzusetzen. Er schwadronierte wild gestikulierend vom »technischen Meisterwerk« Schwarzwaldbahn und seinem Erbauer Robert Gerwig herum, erzählte von den neununddreißig Tunnels und den daran beteiligten italienischen Fremdarbeitern, die vor rund hundertvierzig Jahren für das Projekt geschuftet hatten.
Doch auf sein Auditorium hatte der Monolog eine eher einschläfernde Wirkung. Bald schnarchte Klaus mit offenem Mund vor sich hin. Und auch Opernfreund Burgbacher nickte ein.
Fast hätte sich Hubertus empört, hätte nicht langsam auch von ihm eine heftige Müdigkeit Besitz ergriffen. Das Rattern und Schütteln des Zuges tat ein Übriges: Hummel döste nach kurzer Zeit ein.
Der Regionalexpress schlängelte sich langsam weiter an den dicht bewaldeten Hängen entlang in Richtung Passhöhe bei Sommerau.
Erst ein kräftiger Ruck riss Hubertus aus dem Schlummer. Sein Nacken schmerzte von der gekrümmten Schlafstellung auf den unbequemen Polsterbänken. Draußen erblickte er das mit einer Schneehaube versehene Schild »St. Georgen/Schwarzw.«.
Nur noch neun Minuten bis Villingen.
»Faaahrscheinkontrolle!«, rief Hummel, um seine Mitreisenden zu wecken.
Riesle war sofort hellwach, um Hubertus kurz darauf genervt anzuschauen. Auch Burgbacher war sauer, wenn auch aus anderen Gründen: »Wagner und Hitler. Pah!«
Auf der rechten Hälfte seines Gesichts zeichnete sich der Abdruck des Polsterrands ab, an den er sich im Schlaf gelehnt hatte.
Von Peter F. Schlenker keine Spur.
»Ich gehe dann mal unseren Mäzen von der Toilette vertreiben«, sagte Klaus und verließ das Abteil.
»Vielleicht hat Schlenker keine Fahrkarte und versteckt sich dort gleich bis Donaueschingen?«, meinte Hubertus ironisch.
»Quatsch – er fährt nur bis Villingen. Und natürlich besitzt er eine Fahrkarte«, entgegnete Edelbert, der die Andeutung wohl verstanden hatte.
Die in Donaueschingen ansässige große Edelmann-Brauerei war, so hatte es mehrfach im Kurier gestanden, im Begriff, die kleinere Bären-Brauerei zu übernehmen. Schlenker galt zur Freude...




