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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 160 Seiten

Reihe: Hubertus-Hummel-Reihe

Rieckhoff / Ummenhofer Strafzeit

Ein Fall für Hubertus Hummel
11001. Auflage 2011
ISBN: 978-3-492-95235-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Fall für Hubertus Hummel

E-Book, Deutsch, Band 1, 160 Seiten

Reihe: Hubertus-Hummel-Reihe

ISBN: 978-3-492-95235-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Studienrat Hubertus Hummel mangelt es nicht an Problemen: Seine Frau ist zu einem schleimigen Anwalt übergelaufen, seine Tochter lässt sich nichts mehr sagen, und dann wird auch noch während des Eishockeyspiels seiner »Wild Wings« ein Kollege erschossen. Schon bald stellt sich heraus, dass der Tote ein schillerndes Privatleben führte. Zusammen mit dem findigen Journalisten Klaus Riesle beginnt Hummel zu ermitteln. Die Jagd nach dem Täter führt die Freunde quer durch den Schwarzwald und bis an den Bodensee ...

Alexander Rieckhoff, geboren 1969 und aufgewachsen in Villingen, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Konstanz und Rom und ist zurzeit als Fernsehredakteur beim ZDF in Mainz beschäftigt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Mainz. Gemeinsam mit Stefan Ummenhofer hat er mehrere erfolgreiche Schwarzwald-Krimis geschrieben.
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1. FREITAGSÄRGER

»Freitage!«, brummte Hubertus Hummel wütend. »Ich hasse Freitage.«

Als wäre es nicht schon schlimm genug gewesen, dass sein Auto heute Morgen nicht angesprungen war und er beim dadurch nötig gewordenen fünfzehnminütigen Marsch von der Südstadt zum Schulhaus auf dem glatten Gehsteig ausgerutscht war, weshalb nun das Hinterteil seines üppigen 95-Kilo-Körpers schmerzte. Nein, jetzt waren dem Hausmeister obendrein die belegten Vollkornbrötchen ausgegangen. Und für einen Besuch beim Bäcker reichte die Zeit vor der nächsten Stunde auch nicht mehr.

Hubertus war Gymnasiallehrer für Deutsch und Gemeinschaftskunde in Villingen-Schwenningen im Schwarzwald. Genauer gesagt, im Stadtbezirk Villingen. Noch genauer: am Romäusring, direkt neben der historischen Stadtmauer. An der Schule, die er selbst einst besucht hatte – damals, in den Siebzigern und frühen Achtzigern.

Zu seiner Zeit hatten noch andere Zustände geherrscht. Wissbegierig waren sie gewesen und hatten die Dinge hinterfragt. Umweltverschmutzung, Aufrüstung, die Stationierung der Pershings in Deutschland – daran hatte man sich reiben können. Reiben müssen.

Und heute? Nichts davon war übrig. Das politische Interesse seiner Neuntklässler ging gegen null. Vor dem Computer und mit ihren iPods kannten sie sich zweifelsohne besser aus als er. Aber in Deutsch? Goethe? Hesse? Dürrenmatt? Brecht? Fehlanzeige.

»Pah«, murmelte Hubertus vor sich hin. »Was für eine Generation.« Er schlurfte ins Lehrerzimmer, öffnete eine Flasche biodynamisch erzeugten Apfelsaft und nahm gedankenverloren einen Schluck.

Eine Schulstunde noch, dann war endlich Wochenende. Und es würde nicht ein x-beliebiges Wochenende werden: Am Abend war Eishockey in der Schwenninger Helios-Arena angesagt. Schon die ganze Woche fieberte er der Partie entgegen. Die Schwenninger »Wild Wings«, vielmehr der SERC, wie Hubertus das Team heute noch bezeichnete, obgleich es schon vor einem Jahrzehnt umbenannt worden war, standen im Play-off-Finale gegen den Rivalen aus Ravensburg. Es winkte die Rückkehr in die oberste deutsche Eishockeyliga – dorthin, wo der SERC seit den späten Siebzigern mehr als zwei Jahrzehnte lang gespielt hatte. Mit einem frierenden, leicht korpulenten Fan an seiner Seite, der Woche für Woche jedes Spiel auf einem Stehplatz in Höhe der Mittellinie verfolgt hatte: Hubertus Hummel.

Natürlich gehörte sein SERC in die erste Liga – die DEL.

»Best of Five« lautete das Motto dieses Finales gegen Ravensburg. Wer zuerst drei Spiele gewonnen hatte, würde die Niederungen der zweiten Liga verlassen und sich fortan mit den reichen Großstadtvereinen messen dürfen, die allerdings deutlich weniger Eishockeytradition hatten. Heute Abend fand die dritte Partie der Finalserie statt – und sie war natürlich restlos ausverkauft. Beide Mannschaften hatten bislang je einmal gegeneinander gewonnen, also brauchten beide noch zwei Siege bis zum Aufstieg.

Mit viel Begeisterung und kontrollierter Aggressivität wolle man dem Gegner Paroli bieten, hatte der Schwenninger Trainer in der gestrigen Pressekonferenz gesagt, wie man im Schwarzwälder Kurier hatte lesen können. Kontrollierte Aggressivität, das war gut. Das spiegelte auch Hummels derzeitigen Gemütszustand wider.

Und wie konnte man diese kontrollierte Aggressivität in einer Schulstunde umsetzen? Ganz einfach: mit einem unangekündigten Test. Sein Gemeinschaftskunde-Leistungskurs in der Zwölften sollte mal zeigen, was er so drauf hatte. Er verdrängte, dass er solche repressiven Maßnahmen früher einmal streng verurteilt hätte.

Jetzt aber schnell. Hubertus Hummel rauschte um die Ecke in Richtung Klassenzimmer – und prallte fast mit dem Kollegen Mielke zusammen, der Sport und Mathematik unterrichtete. Ausgerechnet Mielke, der braun gebrannte blonde Schönling. Neid und Verachtung hielten sich bei Hubertus die Waage. Durchtrainiert war er, der Mann, aber eben doch ein Spießer. Frau, Kinder, Mitglied in mindestens zehn Vereinen und ein Häuschen im Ortsteil Pfaffenweiler vor den Toren der Stadt. Ein Teil des Establishments eben.

»Ah, Herr Kollege«, sagte Mielke. »Gut, dass ich Sie treffe. Gehen Sie heute auch zum Eishockey? Da könnten Sie mich doch mitnehmen. Meine Frau braucht unseren Wagen.«

»Ein andermal gern«, murmelte Hubertus verlegen. »Aber der Wagen ist defekt. Vielleicht sehen wir uns im Bus oder in der Bahn.«

»Im Bus?«, echote Mielke. »Da braucht man ja zwei Stunden.«

Hubertus zuckte mit den Schultern und klopfte auf seine alte Armbanduhr: »Tut mir leid. Ich muss.«

Hätte er Mielke sagen sollen, dass er selbst schon einen Fahrer organisiert hatte? Nein. Sollte sich Mielke doch von einem seiner Vereinsmeier nach Schwenningen kutschieren lassen. Wenn einer schon eine Sitzplatz-Dauerkarte hatte …

Für Hubertus war es hingegen Ehrensache, seinen stetig anwachsenden Bauch auf die Stehränge zu zwängen. Auch nach all den Jahren noch. Und sogar nachdem man die Zahl der Sitzplätze beim Umbau der Arena deutlich erhöht hatte und viele seiner Tribünennachbarn auf den oberen Ring gewechselt waren. Natürlich hatte man von dort den besseren Blick aufs Eis. Aber Hubertus blieb auf seinem Stammplatz.

Die Stunde mit der Zwölften verging trotz des Tests fast überhaupt nicht, der Nachmittag dafür umso schneller. In der Wohnung musste zumindest etwas aufgeräumt werden. Seit seine Frau vor einigen Wochen umgezogen war, herrschte das reinste Chaos. »Kreatives Chaos«, wie Hubertus nicht müde wurde sich und anderen klarzumachen. Martina, seine siebzehnjährige Tochter, war ihm beim Haushalt alles andere als eine Hilfe. Seit Neuestem trug sie zu allem Überfluss ein Zungenpiercing – ihre Mutter hatte dazu die Einwilligung gegeben.

An diesem Nachmittag hatte sie sich zum Cappuccinotrinken in ein Eiscafé in der Nähe des Riettors verabschiedet und ihn obendrein um zehn Euro angebettelt. Was Elke betraf, so war »umgezogen« vielleicht nicht der ganz korrekte Ausdruck. Die werte Gattin war nicht um-, sondern ausgezogen.

Und als wäre dies nicht schlimm genug: ausgerechnet zu Bröse, diesem aufgeblasenen Wichtigtuer. Dr. jur. Guntram Bröse. Zu Hubertus’ Leidwesen galt Bröse als Staranwalt von VS.

VS – so wurde die gut achtzigtausend Einwohner zählende Stadt Villingen-Schwenningen gemeinhin genannt. Seit der Fusion im Zuge der Kreisreform 1972 war aus den beiden Orten zumindest auf dem Papier eine Doppelstadt geworden. Die badisch-katholischen und eher bürgerlich geprägten Villinger und die Bewohner von Schwenningen, das durch die florierende Uhrenindustrie erst Anfang des 20. Jahrhunderts zur Stadt geworden war, hatten immer noch so ihre Schwierigkeiten, sich mit dem Ausdruck VS zu identifizieren, und der eine Stadtteil erzählte über den jeweils anderen durchaus gehässige Witze.

Studiert hatte Bröse – wie Hubertus – im siebzig Kilometer entfernten Freiburg. Aber während Hubertus gegen Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr gekämpft und in Vollversammlungen für mehr Mitbestimmung der Studierenden im Universitätsbetrieb eingetreten war, hatte Bröse seine Zeit in einer schlagenden Verbindung verbracht. Ein Schmiss zierte des Anwalts Wange und zeugte von den damaligen Fechtduellen. Dass Elke so etwas gefiel, zeigte wieder einmal, dass Frauen ihre innersten Überzeugungen verrieten, sobald sie nur mit genügend Süßholz vollgeraspelt wurden … Kein Wunder, dass sie einen zutiefst integren Menschen wie ihn nicht zu schätzen wusste, dachte Hummel.

Er hatte versucht, sich seine politischen Ideale aus der Studienzeit zu bewahren. Allerdings mit nachlassendem Erfolg, wenn er ehrlich zu sich selbst war. Er spürte, dass auch er immer konservativer wurde. War sein zunehmendes Alter daran schuld? Oder lag es an den Schülern? Gar an seiner kleinbürgerlichen Herkunft?

Egal. Heute ging es um Sport, nicht um Politik. Hubertus zwängte sich in seinen alten Pullover, wickelte sich den langen blau-weißen Schal in den Vereinsfarben um, den ihm Elke vor Urzeiten mal gestrickt hatte, und machte sich auf den Weg zum Treffpunkt mit seinem Freund Klaus. Mit der linken Hand grüßte er im Vorübergehen einen Nachbarn, der – ebenfalls in einen großen blau-weißen Schal gewickelt – gerade in seinen Ford stieg.

Die Südstadt war ein idyllisches Viertel von Siedlungshäusern, die zu einem guten Teil in den Dreißigern, manche auch in den Fünfzigerjahren entstanden waren. Hier ging es bodenständig zu, und man kannte sich. Die meisten Bewohner waren echte Villinger und lebten schon seit Jahrzehnten hier.

Obwohl es mittlerweile April war, hatte sich der Schwarzwälder Winter noch einmal zurückgemeldet – mit Schnee und Temperaturen im Minusbereich. Was zweifellos gut für die Eishockeyatmosphäre war, gefiel denjenigen, die sehnsüchtig auf den Frühling warteten, weniger. Immerhin bestätigte es das Bonmot, dem zufolge man den Hochsommer in Villingen daran erkenne, dass man den Wintermantel nun offen trage.

Es dämmerte bereits in der Südstadt. Bloß nicht noch mal hinfallen, dachte Hummel und achtete auf jeden Schritt.

Kurz darauf raste Klaus Riesle mit seinem alten Opel Kadett und überhöhtem Tempo in eine Parkbucht der Saarlandstraße. Am Heck prangte immer noch der alte Aufkleber: »SERC – das Höchste im Schwarzwald«.

Klaus war klein, schwarzhaarig, drahtig und Lokaljournalist beim Schwarzwälder Kurier. Deshalb wusste er immer das Neueste aus der Stadt. Momentan allerdings war er nicht ganz auf dem letzten Stand, denn er hatte Urlaub und wohl deshalb für Hubertus’ Geschmack zu gute Laune.

»Alles fit, Alter?«

Schweigen.

»Mensch, was ist denn...



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