Ried | Die Aschebringerin: Sprung zwischen den Welten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 348 Seiten

Ried Die Aschebringerin: Sprung zwischen den Welten

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-98678-6
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 348 Seiten

ISBN: 978-3-492-98678-6
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Renn so schnell du kannst - denn die ganze Welt sieht live zu. Ein außergewöhnlicher Science-Fantasy-Roman, bei dem die Gesetze von Raum und Zeit außer Kraft gesetzt werden. Yashira Willow ist die beste Portalläuferin des Planeten Alpha. Sie ist die gefeierte Favoritin der populären Wettkämpfe, in denen Läufer mithilfe von Portalen überlebenswichtige Energie von den umliegenden Monden holen. Als Yashira jedoch während eines Laufs auf Epsilon dem Jungen Riley Chase das Leben rettet, ändert sich plötzlich alles - denn Riley hätte nie auf diesem Planeten sein dürfen. Er trägt ein Geheimnis in sich, und schon bald muss Yashira feststellen, dass auch sie nicht mehr sicher vor Alphas Regierung ist. Von der gefeierten Sportlerin zur Außenseiterin erklärt, beginnt eine halsbrecherische Flucht, bei der sie Riley gefährlich nahekommt - und sich zwischen ihrem Herzen und ihrem Traum vom Laufen entscheiden muss...

P.J. Ried wurde 1997 geboren und lebt heute gemeinsam mit ihrem Freund in Hannover. Dort studiert sie nach einem kurzen Exkurs in die Biologie zurzeit Deutsch und Sport an der Leibniz Universität. Neben dem Schreiben liebt sie es zu zocken und sich in phantastischen Welten zu verirren, was dank ihres mangelnden Orientierungssinns kein Problem darstellt. Als ehemalige Mittelstreckenläuferin liegt ihr ihr Debütroman »Die Aschebringerin« besonders am Herzen.
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Kapitel 1


Es ist kalt, als ich meine Augen aufschlage, aber trotzdem ist das Laken unter mir nass geschwitzt. Als hätten sich die Bilder verflüssigt und wären im Schlaf aus meinem Kopf geflossen. Träge blinzele ich in die hellen Sonnenstrahlen, die sich an dem nur halb heruntergelassenen Rollo vorbeischleichen, und gebe ein benommenes Stöhnen von mir.

Was war das bloß für ein Traum? Er wirkte so authentisch, so klar, beinahe schärfer als die Realität – und doch so völlig anders. Die vertrauten Wahrnehmungen des Laufens und der Anspannung vor einem Wettkampf, die merkwürdige und völlig verquere Jagd auf mich, die eigentliche Jägerin. Was soll das bedeuten? Und was hatte es mit dieser trockenen Sandwüste auf sich? Und dazu dieser fremde Junge, seine Hilflosigkeit und vor allem seine Augen. Augen, so paralysierend blau wie die Portale, in die ich sonst laufe, von einer solchen Anziehungskraft, dass die Portale selbst bloß wie schwache Imitationen wirken. Sogar jetzt, als die Eindrücke des Traumes allmählich verblassen, ziehen sie mich in ihren Bann. Fast so, als würden sie mich noch immer dazu herausfordern, in sie einzutauchen …

Entschieden schüttele ich den Kopf, um diesen Gedanken zu vertreiben, und setze mich auf. Das hellblaue Portal-Running-Champion-Schlafshirt klebt an meinem Körper und meine schwitzigen Hände bekommen das Band in meinem zerzausten Haarknoten nicht richtig zu fassen. Schlaftrunken stütze ich mich mit den Ellbogen auf die Knie, vergrabe das Gesicht in meinen Händen und versuche, mich zu sammeln.

Aus, aus, ein. Ein, aus, aus.

Die Atemübung hilft mir, einen klaren Kopf zu bekommen. Mit wackligen Beinen stehe ich auf und tapse auf nackten Füßen durch das Zimmer und quer über den Flur ins Bad. Mechanisch drehe ich den Duschhahn auf, streife das Shirt ab und warte, bis das Wasser dampfend heiß ist. Dankbar stelle ich mich unter den wohltuenden Strahl, schließe die Augen und lasse das Wasser über meinen Kopf und den Rücken hinabrinnen. Zusammen mit dem Schweiß wasche ich so auch die restlichen Bilder des kuriosen Traumes von mir. Nur die Augen des dürren Jungen bleiben mir im Gedächtnis wie der erste Fußabdruck im unberührten Boden hinter einem Portal.

Energisch schüttele ich mich, greife nach dem Handtuch und rubbele meine gerötete Haut ab. Das muss aufhören! Ich brauche meine gesamte Konzentration für das heute bevorstehende Finale der diesjährigen Portal-Running-Championships. Ablenkungen kann ich mir nicht erlauben, schließlich muss ich trotz meiner sicheren Favoritenrolle meine Sponsoren beeindrucken. Der heutige Wettlauf entscheidet darüber, wer aus der Top Ten von ganz Alpha der beste Portalläufer des Jahres wird. Natürlich winken uns allen bereits lukrative Verträge, doch die Gewinner der Championships werden in der Regel mit Sachpreisen und noch wesentlich wertvolleren Belohnungen überhäuft.

Gedankenverloren betrachte ich den goldenen Miniaturturnschuh, den ich als Dekoration und tägliche Motivationsquelle auf den kleinen Sims unter dem Badezimmerspiegel gestellt habe. Es ist ein Geschenk von meinem Trainer Liam, das er mir zu meinem ersten Sieg bei einem großen Turnier überreicht hat. Damals war ich vollkommen überwältigt von dem jubelnden Publikum, Liams Lob und den vielen Medienberichten über mich als neues Portallauf-Talent. Lächelnd umschließe ich das kühle Metall mit meinen Fingern, wiege es in der Hand und lasse meine Erinnerungen an den kostbaren Moment kurz Revue passieren.

Für mich und meine Familie würde ein weiterer Sieg viel bedeuten, denn wir besitzen nur wenig. Zwar gehören uns ein paar kleine Gewächshäuser am Rand der Stadt, doch sie werfen keine allzu hohen Beträge ab. Umso glücklicher waren meine Eltern, als sie vor vier Jahren erfuhren, dass ihre Tochter das seltene Portalsprung-Gen in sich trägt und somit das Zeug zur Portalläuferin hat. Fortan wurde mein Leben völlig davon bestimmt. Durch ein Stipendium konnte ich eine kleine Wohnung in der mehrere Stunden entfernten Hauptstadt beziehen, trainierte zweimal täglich und wurde in die Technik des Portalpassierens eingeweiht.

Seit jedoch vor drei Jahren ein Portalläufer während eines Wettkampfs auf unerklärliche Weise verschwunden ist, sind meine Eltern immer besorgter um mich. Ich selbst mache mir darum keine Gedanken und konzentriere mich lieber völlig auf mein Training. Inzwischen kann ich mir etwas anderes überhaupt nicht mehr vorstellen. Mittlerweile gehöre ich sogar zu den besten Portalläuferinnen von Planet Alpha, die im Rahmen des heutigen Jubiläumswettkampfes gegen die anderen Favoriten antreten darf.

Und ich bin fest entschlossen zu gewinnen.

Mit der Handkante wische ich über das beschlagene Glas des Badezimmerspiegels. Mein Gesicht wirkt blass und verzerrt. Der Traum von gestern Nacht hat wohl seine Spuren hinterlassen. Nur meine Augen stechen klar und deutlich hervor wie zwei kristallklare Smaragde.
Schluss damit! Ich muss mich beeilen und die letzten Vorbereitungen treffen. Beinahe in Rekordzeit schlüpfe ich in mein hellblaues Trikot und die dunkelblauen Shorts und lasse das Handtuch achtlos auf den Boden fallen. So schnell ich kann, schlinge ich ein Frühstück aus Joghurt, Müsli und Apfelstückchen in mich hinein, greife nach meinen am Vortag gefüllten Flaschen und stopfe sie in meine Sporttasche. Eilig binde ich meine Haare am Hinterkopf zu einem straffen Pferdeschwanz zusammen und schlüpfe in meine neongrünen Schuhe mit den dunkelblauen Schnürsenkeln. Anschließend greife ich meinen Locator vom Schuhschrank und die Tasche vom Boden und lasse die Tür hinter mir zufallen.

Es ist ein schöner, sonniger Morgen und ich atme die kühle Luft ein, um einen klaren Kopf zu bekommen. Ich frage mich, was mich bei meinem Lauf erwarten wird. Die Witterungsbedingungen hinter den Portalen, die jeweils auf einen der dreiundzwanzig Monde von Alpha führen, sind stets unberechenbar. Ich kann nur hoffen, dass mich dort kein Schneesturm oder ein heftiger Hagelschauer empfangen werden.

Eilig klettere ich in den Shuttlebus, der bereits auf mich wartet. Ein seltener Luxus auf Alpha, denn Fahrzeuge sind hier aufgrund der Ressourceneinsparung extrem kostspielig. Nicht nur die in Gewächshäusern künstlich gezüchteten Lebensmittel, sondern auch die von der Erde mitgebrachten Metallteile werden wegen ihrer Knappheit streng überwacht und rationiert. Die meisten Bewohner sind deshalb auf die Nutzung der strikt durchgetakteten Elektrozüge angewiesen. Zu meinem Glück ist einer meiner Sponsoren jedoch so großzügig, mir für Fahrten zu Wettkämpfen und zum Training einen Shuttlebus samt Chauffeur zur Verfügung zu stellen.

»Na, bereit für deinen großen Coup, Yashira?«, begrüßt mich Liam vom Beifahrersitz aus.

»Ich hoffe es«, antworte ich, während ich mich auf den Rücksitz fallen lasse und sein Grinsen aus dem Rückspiegel auffange. Es erreicht seine Augen nicht.

Nervös lächle ich zurück, nicke dem Fahrer zu und streiche mir eine verirrte Locke aus den Augen. Liam und ich kennen uns schon seit fast zweieinhalb Jahren. Nach meinem Umzug in die Stadt mit nichts als ein paar Klamotten und einem wirren Haufen hoffnungsvoller Träume im Gepäck gab mir vor allem mein Training Halt. Schnell hatte ich das Gefühl, in Liam jemanden gefunden zu haben, der mich verstand und mit mir an einem Strang zog. Zumindest meistens. Unser Verhältnis ist mit den Jahren – und nach ein paar Verletzungen, die mich in der letzten Saison stark zurückgeworfen haben – schwieriger geworden. An den meisten Tagen baut er mich auf, bringt mich zum Lachen und hält mir den Rücken frei. Aber manchmal sieht er mich mit diesem undefinierbaren Blick an, als überlege er, ob ich all seine Mühe auch wirklich wert sei. Als würde er mich am liebsten mit einem Tritt in den Hintern vor die Tür setzen, sobald sich die Gelegenheit bietet. Oder sobald er bei einer seiner Sportwetten wegen mir verliert.

Vor dem Fenster fliegen die spiegelverglasten Hochhäuser Alphas geradezu vorbei, bis wir schließlich die Auffahrt zum Stadion erreichen. Auf einer künstlich aufgeschichteten Anhöhe ragt es in den Himmel wie eine glänzende Krone aus Stahl. Seine wie Zacken gestalteten Sitzblöcke, die ovale Innenfläche aus Tartanbelag und Kunstrasen und die schimmernden Portalrahmen aus Titan – all das könnte ich mit verbundenen Augen nachzeichnen. Trotzdem erscheint es mir jedes Mal, wenn ich die Arena betrete, wie ein kleines Wunder. Ein Wunder, in dessen Genuss ich bloß durch die schräge Laune der Natur komme, an der richtigen Stelle meiner DNS zufällig das richtige Gen mutieren zu lassen.

»Wir sind da, Yashira! Viel Glück. Ich schaue von oben zu«, sagt Liam, als der Fahrer vor einem Hintereingang anhält und per Knopfdruck meine Tür öffnet.

Ich greife nach meiner Sporttasche und steige aus dem Wagen. Einen winzigen Moment lang zögere ich, bevor ich kurz entschlossen den Kopf zurück in den Wagen schiebe und frage: »Liam? Auf wen hast du heute gesetzt?«

»Auf dich natürlich. Auf wen denn sonst?«

Dann schließt Liam die Tür, und das Auto fährt weiter auf den winzigen Parkplatz, der für Sportler und VIPs reserviert ist. Ich bleibe zurück, allein mit dem Kreisel meiner Gedanken. Nur seine Worte hallen noch in meinem Kopf nach, während ich mich der Arena zuwende. Wenn er wüsste, wie offen sich seine Tipps unter uns Athleten herumsprechen.

Auf wen denn sonst? Ich weiß es auch nicht.

Am separaten Eingang für Sportler gebe ich wie immer meine Tasche in die Hände der Sicherheitsleute. Routiniert haken sie meinen Namen auf der Liste ab, scannen den ID-Chip in meiner rechten Zeigefingerspitze und winken mich durch die Sicherheitsschleuse. Augenblicklich...



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