E-Book, Deutsch, 452 Seiten
Riedel Kneipenkind
2. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7412-1628-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 452 Seiten
ISBN: 978-3-7412-1628-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor, Jahrgang 1975, hat nach dem Abitur zunächst mit einem Lehramtsstudium begonnen. Neben dem Studium hat er in (fast) allen Branchen gearbeitet. Als Bühnenbauer, Fahrradkurier oder auch als Maskottchen eines großen Fußballvereins. Nach dem Studium folgte schließlich noch eine kaufmännische Ausbildung. Der Autor lebt heute gemeinsam mit seiner Familie in einem Dorf an der Mosel.
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2.
Am Abend vor meinem sechsten Geburtstag waren meine Eltern in die Stadt gefahren, irgendwie hatte ich mitbekommen, dass sie mir mein Geburtstagsgeschenk kaufen wollten. Ich war fest davon überzeugt, dass sie mir ein Kettcar schenken wollten. Ich wollte nur eben dieses eine Kettcar, nichts anderes, zugegeben, nicht unbedingt ein bescheidener Wunsch, aber ich wusste schon, dass wir nicht zu den ärmsten Familien im Dorf gehörten. Es sprengte zwar meine Vorstellungskraft, um mir über den Wert dieses Kettcars Gedanken machen zu können, aber wenn unser Haus doppelt so groß war, wie die meisten anderen Häuser in Lichtenfeld, dann sollte doch die Anschaffung eines etwas teureren Spielzeugs kein Problem darstellen.
Leider musste ich an dem Vorabend meines Geburtstages so früh ins Bett gehen, dass ich nicht mehr mitbekam, als meine Eltern wieder aus der Stadt zurückkehrten.
Ich konnte auch kaum schlafen vor Aufregung, wann endlich würde dieser dumme nächste Tag beginnen? Warum nur musste die Zeit immer dann so langsam vergehen, wenn man es nun gar nicht gebrauchen konnte?
Vielleicht würde ich die Zeit nicht überlisten können, aber einfach früher aufstehen als sonst, das könnte auch hilfreich sein. Das war mein Plan, um dieses unerträgliche Warten zu verkürzen.
Die Sonne machte gerade die ersten zaghaften Versuche, die Nacht zu verdrängen, als ich schlagartig aus meinem ohnehin schon leichten Schlaf erwachte. Schnell zog ich mir eine Jacke und Turnschuhe an und schlich auf Zehenspitzen über den Teppichboden im Flur zur Treppe. Vorsichtig stieg ich die Stufen hinunter, nun war der Weg zur Garderobe nicht mehr weit. Im Halbdunkel der aufgehenden Sonne suchte ich nach den Autoschlüsseln des VW Passat Kombi, in dessen Kofferraum ich mein neues Kettcar vermutete. Ich öffnete leise die Haustür und ging nach draußen, hinein in den frischen Morgen eines wahrscheinlich wunderschönen Sommertages.
So leise wie möglich steckte ich den Schlüssel in das Kofferraumschloss des Passats und hatte einige Mühe damit, die schwere Tür zu öffnen. Aber davon ließ ich mich nicht aufhalten, nichts und niemand konnten mich jetzt noch von meinem Kettcar trennen. Endlich hatte ich Zugang zum Kofferraum und entdeckte voller Freude das Objekt meiner Begierde. Offenbar war dieses wunderschöne kleine Auto bereits zuvor zusammengebaut worden, mein Glück! Hätte es noch, zerlegt in seine Bestandteile, in einem Pappkarton gesteckt, es wäre eine Katastrophe für mich gewesen. Aber nun konnte ich es einfach aus dem Kofferraum hieven. Zu diesem Zweck hatte ich mit Hilfe von zwei Brettern eine Laderampe gebaut, die es mir ermöglichten, das schwere Gefährt auf die Straße rollen zu lassen.
Ich hatte es geschafft! Endlich! Da stand es nun vor mir, mein Schatz, mein Kettcar! Immer wieder betrachtete ich es von allen Seiten, bestaunte den Schaltknauf und das kleine Lenkrad. Vorsichtig, fast schon ehrfürchtig, setzte ich mich auf den Fahrersitz und hielt einige Sekunden inne.
Dann setzte ich meine Füße auf die Pedale und fuhr langsam los. Ich hätte beinah vor Begeisterung geschrien, aber dann hätte ich womöglich meine Eltern geweckt.
Langsam steigerte ich das Tempo und fuhr von unserem Privatweg hinunter zur Straße, immer wieder fuhr ich mit voller Geschwindigkeit in die Kurven, dabei verlor meistens eines der Vorderräder den Bodenkontakt. Inzwischen strahlte mich die Sonne so intensiv an, als wenn sie sich mit mir über mein neues Gefährt freuen würde. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, in diesem Augenblick gab es nur mich und mein kleines neues Auto.
Irgendwann hörte ich die aufgeregte Stimme meiner Mutter hinter mir:
„Christian! Um Himmels Willen! Was machst du hier?“
Ich hatte das Kettcar elegant gewendet, um zu ihr fahren zu können. Außerdem sollte sie ruhig sehen, was für ein toller Fahrer ich doch schon war.
Sie lief auf mich zu, ihren Gesichtsausdruck konnte ich nicht wirklich deuten. Sie konnte sich offenbar nicht entscheiden, ob sie sich nun ärgern oder freuen sollte.
„Du machst ja Sachen! Ich hab dich im ganzen Haus gesucht!“ Jetzt stand sie direkt vor mir und sah mir fest entschlossen in die Augen: „Christian, was machst du denn für Sachen? Wie bist du denn überhaupt an das Kettcar gekommen?“
Ich fummelte etwas verunsichert am Lenkrad herum, ich wusste nicht, wohin mit meinen Händen. Dann setzte ich den Ausdruck eines unschuldigen kleinen Hundes auf und sagte; „Ich wollte doch nur Kettcar fahren.“
Charlotte lächelte jetzt und beugte sich zu mir herunter und sagte mit ruhiger Stimme: „Alles Gute zum Geburtstag mein Kleiner“, und küsste mich auf die Stirn.
Irgendwann waren unsere Großeltern väterlicherseits zu uns gezogen, ich muss noch so klein gewesen sein, dass ich mich nicht daran erinnern kann, plötzlich waren sie einfach da. Sie hatten direkt an unser Wohnhaus angebaut, so lebten auf einmal drei Generationen unter einem Dach.
Oma Maria wollte unbedingt in der Nähe ihres Sohnes sein, da sie sehr unter ihrer Diabetes litt, und Opa Werner gab diesem Wunsch schließlich widerwillig nach. Es passte ihm überhaupt nicht, sein schönes Haus mit Waldgrundstück aufzugeben, in das er so viel Arbeit investiert hatte.
Irgendwie gelang es ihm nie, seine Wut darüber vor uns Kindern zu verbergen. Und es gelang ihm noch weniger, den Kummer und die Enttäuschung darüber für sich zu behalten, dass sein Sohn, ein angesehener Arzt, Alkoholiker war und zwei Schachteln Zigaretten am Tag rauchte.
Im Grunde schimpfte er jeden Tag über seinen heruntergekommenen Sohn, für den er sich so sehr schämte. Denn er selbst war diszipliniert, rauchte nicht und trank keinen Alkohol und Ordnung war für ihn das halbe Leben.
Ein durchaus spannender Konflikt für einen sechsjährigen Jungen, der seinen Vater über alles liebte und voller Bewunderung für den Großvater war.
Auch meine vollkommen neurotische Großmutter war hin-und hergerissen zwischen der Bewunderung für ihren von allen Seiten verehrten Sohn einerseits und der Missbilligung seines ruinösen Lebenswandels andererseits
Trotz allem konnten meine Geschwister und ich einige schöne Jahre mit unseren Großeltern erleben, die wir jederzeit besuchen konnten und die sich immer sehr über den Besuch ihrer Enkelkinder gefreut haben.
Die Konflikte zwischen meinem Vater und seinen Eltern waren unangenehm für alle Beteiligten, aber für uns Kinder waren sie doch irgendwie abstrakt und auch nicht immer von großer Bedeutung. Vielleicht empfanden wir es auch als nicht allzu dramatisch, weil es eben „nur“ unsere Großeltern betraf und es fast nie unmittelbare Auseinandersetzungen zwischen ihnen und unserem Vater gab.
Es gibt einfach Konflikte innerhalb einer Familie, von denen man als Kind kaum etwas mitbekommt oder nicht mitbekommen will. Kinder scheinen diesbezüglich über einen Selbstschutz zu verfügen, der das Verdrängen erleichtert. Wenn es schon den Erwachsenen nicht gelingt, für eine behütete Kindheit zu sorgen, dann sollten Kinder das Recht haben, alles zu ignorieren, was ihrer unschuldigen Kinderseele Schaden zufügen könnte.
Zugegeben, meine Mutter und mein Vater hatten regelmäßig durchaus heftige Auseinandersetzungen, wenn es um seinen Alkoholkonsum ging. Aber dann verschwanden wir Kinder einfach mal für ein paar Stunden und alles war vergessen.
Wir, also meine kleine Schwester Stefanie, mein älterer Bruder Frederick und ich, sowie die Nachbarskinder, waren ohnehin die meiste Zeit draußen unterwegs. Unsere Kindheit spielte sich größtenteils draußen in den Wäldern ab oder auf dem Dorfspielplatz. Besonders verlockend war für uns der alte Heuschober, der einsturzgefährdet war aber dafür nur wenige Meter von unserem Haus entfernt lag. Es war schon aufregend, auf den wackeligen Holzbalken zu klettern, um von dort auf den mächtigen Berg aus Stroh zu springen. Das konnten wir stundenlang wiederholen, bis wir vor lauter Erschöpfung abends wieder nach Hause marschiert sind.
Zu Hause wieder angekommen, durften wir dann noch eine halbe Stunde fernsehen. Heidi, Captain Future oder den Pumuckl. Es gab damals ja nur drei Kanäle, die Auswahl war also nicht sehr groß. Aber es spielte auch keine allzu große Rolle, wie viele Angebote es für Kinder im Fernsehen gab. Nicht die Quantität zählte, sondern die Qualität der Sendung. Alle Kinder unterhielten sich am Montagmorgen über denselben Film oder dieselbe Serie, die sie am Wochenende gesehen hatten.
Ein medialer Meilenstein in meiner Kindheit waren für mich und meine Freunde die Weihnachtsserien im ZDF.
Die Geschichten von Timm Thaler oder Silas ließen uns, damals anfangs der 1980-er Jahre, wie gebannt vor dem Röhrenfernseher verharren.
Das waren wahrhaftige Abenteuer, moderne Märchen, die uns hinein tauchen ließen in eine andere Welt. Wenn die eine Weihnachtsserie mit der letzten Folge ausgelaufen war, konnten wir es kaum erwarten bis zum nächsten großen Mehrteiler.
In der kalten Jahreszeit gab es zumindest in der Eifel noch ein anderes Ereignis, auf das wir uns wahnsinnig freuten: Schnee!
In meiner Kindheit, in dem kleinen Dorf im...




