Riedo | Die Schweiz ist tot? | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 148 Seiten

Riedo Die Schweiz ist tot?

Beiträge zum Land der Unmöglichen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7431-9919-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Beiträge zum Land der Unmöglichen

E-Book, Deutsch, 148 Seiten

ISBN: 978-3-7431-9919-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



So sind denn die Texte in diesem Buch nicht eine Sammlung von Texten über die wunderbare Welt der Schweizer Kultur. Oft genug berichten sie eher von Nestbeschmutzten, von der Schwierigkeit, hier oder über hier Texte zu verfassen, vom Kampf der Literaten und Künstler im täglichen Leben, davon, dass manch einer lange beschimpft wird, bevor er zum Klassiker werden darf. Es gibt aber auch Texte über Schweizer Mythen, über den anderen sagenhaften Schweizer Berg, den Gotthard, über einen Mikrokosmos im Mikrokosmos Schweiz, über Ferrari-Liebhaber, einen Literaturnobelpreisträger, über Frauenrechte und Kultur von außen. Man kann erfahren, welche Vorteile die Schweizer Mundart hat, warum die Schweiz eigentlich zu wenig aus ihrer Kleinheit macht, wieso die so genannte Urschweiz heute noch so genannt wird oder wie hart das Leben in einer Wohlstandsgesellschaft für einige trotz allem sein kann. Alles erlebt und erschrieben zwischen Bergen und Bücherbergen, zwischen Seen und Tintenseen, mit Landschaften im Auge und Buchstabenwelten im Kopf. Und Kuhreigen durchmischt von Autolärm im Ohr.

Dominik Riedo, geboren 1974 in Luzern, wuchs in Littau auf, einem Vorort von Luzern und damit in der typisch Schweizerischen "Agglo" (Agglomeration). Seit 1995 lebte er zwei Jahre in Muotathal, drei Jahre in Zürich, ein Jahr in Berlin, sechs Jahre in Reussbühl, drei Jahre in Romoos und drei Jahre in Luzern. Die letzten drei Jahre hat er in der Bundeshauptstadt Bern verbracht. Seit 2003 arbeitet er als Schriftsteller und hat inzwischen 20 Bücher veröffentlicht. 2007 wurde er von den Kulturschaffenden der Schweiz und der interessierten Bevölkerung für zwei Jahre zum Kulturminister der Schweiz ernannt. Von 2010 - 2012 war er Präsident des Deutschschweizer PEN Zentrums; seit 2004 sitzt er zudem im Stiftungsrat der Carl Spitteler-Stiftung Luzern. Initiant und Kurator des Projekts/Labels "Kulturhauptstadt der Schweiz".
Riedo Die Schweiz ist tot? jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


VORWORT


Was ist die Schweiz?


Das Matterhorn habe ich noch nie gesehen. Kann ich also ein echter Schweizer sein?

Die Frage muss sich meiner Meinung nach anders stellen lassen: Wie konnte das Matterhorn je derart zum Inbild der Schweiz werden? Ein Berg, der nicht einmal zur Gänze innerhalb der Landesgrenzen liegt und oft von Italien her bestiegen wird. Und dessen Spitze im und mit dem Kanton Wallis nicht früher als 1815 zur Eidgenossenschaft stieß.

Allerdings begann ebenfalls erst um diese Zeit herum der Alpen-Tourismus. Während zuvor zwar bereits Söhne des europäischen Adels auf ihrer ‹Grand Tour› durch Europa, einer Bildungsreise im klassischen Sinn, vermehrt Helvetien besuchten, kam der Bergtourismus hier erst nach den napoleonischen Kriegen richtig auf. Denn vor allem durch die Eisenbahn und den Ausbau des Straßennetzes, insbesondere auch der Pässe, wurde die Reise zu den Schweizer Alpen aus allen umliegenden Ländern damals bedeutend einfacher.

Es waren die Engländer, die fortan das Bild der Schweiz als Alpenland, wie es heute noch werbekräftig verkauft wird, prägten. Sie machten nicht nur den romantischen Blick auf die Berge en vogue – damit hatte 1732 bereits der Berner Albrecht von Haller mit seinem Langgedicht «Die Alpen» begonnen – , sondern auch das Bergsteigen selbst und den Aufenthalt in den Bergen. Mit der Lancierung von Pauschalreisen durch die Schweiz leistete Thomas Cook 1863 Pionierarbeit für den Tourismus, und die schwere Erstbesteigung des Matterhorns zwei Jahre später, die dadurch (und durch den Umstand, dass vier der Mitbesteiger bei der Rückkehr tödlich verunglückten) den Medien europaweit zum Inbegriff der Höheneroberung wurde, gelang ebenfalls einem Briten, bezeichnenderweise dem Maler und Illustrator Edward Whymper. Er kam zuerst auf der Suche nach schönen Motiven ins Matterhorngebiet und stieg im Gegensatz zu einer Konkurrenzgruppe eben nicht von Italien, sondern von Zermatt her auf. Überhaupt prägten britische Bergsteiger die sogenannten ‹goldenen Jahre des Alpinismus› zwischen 1854 bis 1865. Erst als Gegenbewegung darauf wurde der Schweizer Alpen-Club (SAC) 1863 gegründet – sieben Jahre nach Gründung des Alpine Club in London.

Auch die infolge der Alpenbegeisterung hervorgerufene Idee der ‹gesunden Schweizer Höhenluft› inmitten der robusten Schweizer Bergbauern ist eine Erfindung von Nicht-Schweizern: Der Niederländer Willem Jan Holsboer und der Deutsche Alexander Spengler gründeten 1868 in Davos die erste Klinik für Tuberkulosekranke, der hunderte ähnlicher Kureinrichtungen folgten. Erst danach verarbeitete die bis heute auflagenstärkste Autorin der Schweiz ihre Ansichten vom gesunden Bergklima: Johanna Spyris «Heidis Lehr- und Wanderjahre» (Goethes Büchern «Wilhelm Meisters Lehrjahre» und «Wilhelm Meisters Wanderjahre» nachgebildet) und «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat» erschienen 1880 beziehungsweise 1881.

Wie uns Friedrich Schiller 1804 mit dem «Wilhelm Tell» den meistzitierten Nationalmythos hierzulande gegeben hatte, schufen die Engländer und andere ‹Auswärtige› also eigentlich erst die Marke ‹Schweiz – (unberührtes) Land der Berge›. Der Schweiz und den Schweizern blieb das Geschäftemachen. Als typisch kann dabei die Toblerone-Schokolade gelten, die nach dem nun bekannten und markanten pyramidenförmigen Gipfelkopf des Matterhorns gestaltet wurde (auch wenn die Söhne von Theodor Tobler später gerne behaupteten, die Form stamme von einem Szenenbild aus der Pariser Revue Folies Bergère, wo sich die Tänzerinnen während einer Vorstellung zu einer Pyramide geformt hätten) – auf der Längsseite der Verpackung taucht denn auch das Matterhorn auf; darin versteckt ist übrigens ein Bär als Hinweis auf die Landeshauptstadt Bern.

Dass aber dieses Land heute kaum mehr den romantischen Vorstellungen von einst gerecht zu werden vermag, zeigt eine Begebenheit aus dem Jahr 2011. Damals flog auf, dass die Migros, das größte Detailhandelsunternehmen der Schweiz, ihren Werbespot für «Heidi-Milchprodukte» in Neuseeland drehen ließ – mit neuseeländischen Kühen und neuseeländischen Darstellern vor neuseeländischer Kulisse.

Kann also das längst überholte Bild jener Schweiz noch für eine Schweiz stehen, die heute definitiv kein Bauernstaat mehr ist (noch etwa zwei Prozent der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig) und wo die Angst um Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor in den Städten und der immer größer werdenden Agglomeration sowie um den Finanzplatz zuverlässig dazu führt, dass Umwelt- und Landschaftsschutzbedenken wie Sondermüll über Bord gekippt werden und die ebenfalls oft hochgehaltene humanitäre Tradition (Rotes Kreuz und die Genfer Konvention sind da die Stichworte, ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert) eigensüchtig verdrängt wird, sobald es etwa darum geht, der eigenen serbelnden Waffenindustrie unter die Arme zu greifen und ihr neu wieder Waffenlieferungen an Länder gestattet ist, die die Menschenrechte missachten?

Anders gefragt: Ist eine Schweiz, die sich in ihren Tourismusprospekten stilisiert, als wäre man noch im 19. Jahrhundert, auch wenn man mit dem Auto vors Berghotel fahren kann und wo inzwischen über 60 Prozent der Skigebiete künstlich beschneit werden, nicht eigentlich längst tot? Ist sie nicht erstarrt in einem Bild, das lange zurückliegt und hauptsächlich von den Touristen beziehungsweise für die Touristen geprägt wurde?

Oder noch anders gefragt: Wenn diese tote Schweiz wie eine Maske ist, die man eigentlich ablegen sollte, weil sie stinkt, was würde man darunter finden?

Meine Hoffnung wäre: Augen, die genau hinschauen, und Ohren, die sich nicht leicht zuhalten lassen, eine wache Nase und viel sensible Haut. Nicht eine einbandagierte Mumie, sondern eine sich stetig wandelnde Schweiz, die ihre eigenen Ziele immer wieder kritisch hinterfragt, hinterfragen darf und soll. Und am eingeschlagenen Weg zweifeln.

In diesem Sinne fällt mir allerdings kein bleibendes Bild ein. Denn selbst Vergleiche wandeln sich, wenn auch sehr träge. Am nächsten kommt ihm vielleicht eine Vorstellung, die ich letzte Nacht geträumt habe: eine Fahne, die ihre Farben, ihre Symbole und selbst ihre Form ständig wechselt. Eine Fahne, die nicht einfach in jedem Wind weht, sondern die auch mal schlaff herunterhängen darf bei einer steifen Brise. Oder wie wild herumflattern bei Windstille. Und sie könnte sich auch in eine Wildente verwandeln, die davonfliegt.

Ohnehin ist die Hauptkultur eines Landes, soll sie nicht erstarren, meiner Ansicht nach ein einziges immaterielles Kulturgut: die Gabe, genau zu beobachten, differenziert zu denken, zu handeln und umzusetzen, was für die ganze Bevölkerung eines Landes und der Welt, in der dieses Land ja immer auch liegt, am besten wäre. Folglich stets mit demokratischem Recht und demokratischer Pflicht verbunden, was nicht bereits durch die Gegebenheit eines durchaus auch unbesonnen und mechanisch nutzbaren allgemeinen Wahl- und Stimmrecht als erfüllt betrachten werden kann. Also kein immaterielles Kulturgut, wie es die knackledernen Rechtsaußenkreise sehen, mit den immergleichen Jodelliedern (selbst wenn es neue Kompositionen sind) und den immergleichen Schwingfesten im Folklorestil, der weder historisch korrekt noch wirklich fortschrittlich ist.

Ja, wie bei der Gründung 1848 sollte die moderne Schweiz auch heute noch eine Idee sein, die sich stetig wandeln darf, die jene Einwände und Anregungen aufgreift, die seine und die von anderswoher kommenden besten Denker bieten, die Philosophen, die Schriftsteller, die Historiker, die ein Gestern auch mit heute vergleichen können und Visionen aufzeigen.

Meine Schweiz ist also eher ein Denkraum, in dem ich zum Beispiel mit Nietzsche und anderen Menschen von überall auf der Welt werden konnte, was ich sein will, als ein Stück Scholle, auf dem ich mich geborgen fühlen soll. Sicher, das gibt es auch: Jedes Mal, wenn ich mit dem Zug in Luzern einfahre, überkommt mich ein bestimmtes Heimatgefühl, selbst wenn ich seit drei Jahren in Bern wohne. Aber das darf nicht alles sein. Dieses Luzern wäre mir eine Art Heimat, ganz egal, ob es zu einer Schweiz gehörte, die nur die heutige Innerschweiz umfasste, oder in einem Land läge, das Europa hieße.

Aber um auf die Schweiz zurückzukommen, wie es sie gibt: Was bietet sie mir? Bin ich nicht doch ein wenig beeindruckt von ihr?

Doch, ja – und zwar weil ich eine Art Alternativ-Nationalist sein kann: Die Schweiz hat in der Geschichte eine so unbedeutende Rolle gespielt, sie hat so wenig Weltbedeutung wie kaum ein anderes Land. Wäre ich Brite, fühlte ich mich wohl in Versuchung gebracht, mich stolz zu fühlen auf ein ehemaliges Reich, in dem die Sonne wirklich nie untergegangen ist. Wäre ich Chinese, wüsste ich, dass meine Landesgenossen und ich fast ein Fünftel der Weltbevölkerung ausmachten. Lebte ich in Libyen, spürte ich, dass mir nichts geschenkt wurde. Mit Nationalstolz und mit Religion mobilisiert man die Massen. Während ich der Religion erst mit 16 Jahren zu...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.