E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Rieger Am Abgrund
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7407-3743-6
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-7407-3743-6
Verlag: TWENTYSIX
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Kopierschutz: 0 - No protection
Ich lebe und schreibe in Wien. Am liebsten über nicht alltägliche Alltagssituationen.
Autoren/Hrsg.
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2. Szene – Ermittlungen
Schorsch fror wie ein Schneider. Das Wetter hatte umgeschlagen, eisiger Nordwind pfiff um den Dienstwagen, einen Golf. Bald war die Nacht vorbei, Helmreich kaute an den Fingernägeln und starrte das Haus in der Taborstraße an. »Keine Sau rennt draußen herum bei dem Scheißwetter.«
»Kollege, glaubst, ich hab keine Wut? Heut hätt ich ein Supermädel aufreißen können, aber nein, ausgerechnet in dem Moment der erste handfeste Hinweis auf Kinderschänder. Hättst aber auch wen andern für die Observierung anrufen können«, sagte er mit einem Blick auf Helmreich, der sich schon wieder eine Zigarette zwischen die Lippen schob.
»Na, wen hätt ich anrufen sollen, den Polizeipräsidenten vielleicht? Du hast Bereitschaft, also?«, knurrte er hustend. »Kanakische Hausmeisterin, depperte. Wird eh wieder ein Schmarrn sein. Die ist wahrscheinlich sauer auf den Verdächtigen und zack, ruf ma die Polizei an.«
»Es ist eine neue Hausmeisterin, die vielleicht genauer hinschaut. Jetzt warten wir bis sieben, dann fahren wir heim. Die Stund halt ma noch aus.« Schorsch schickte den widerstrebenden Helmreich – »nur weilst jetzt Hauptkommissar bist«, motzte der – um Kaffee zum Bäcker an der nächsten Ecke.
»Eine der Verbesserungen durch den Aufstieg«, grinste Schorsch. Es fing zu schneien an. Kaffee schlürfend fixierte er den Hauseingang. Endlich öffnete sich die Tür. Eine junge Frau, eingemummt in Webpelz, verließ das Haus und stapfte in Moonboots zur Bäckerei. Um halb sieben kam ein Mann mit einem kleinen Jungen heraus.
Der Bub heulte, Schorsch schlüpfte aus dem Auto. »Polizei, guten Morgen. Warum weint das Kind?«
Der junge Vater erklärte, dass sein Sohn nicht in den Kindergarten wolle. »Jeden Tag dasselbe Theater! Nachdem wir beide berufstätig sind, bleibt eben nichts anderes übrig.« Schorsch verlangte den Ausweis, sah ihn an und ließ den Mann gehen.
»Und?«, fragte Helmreich und riss den Mund auf.
»Nix. Halt dir die Hand beim Gähnen vor, ich seh bis in deinen Magen rein. Die Hausmeisterin knöpf ich mir noch einmal vor, das sag ich dir. Aber erst später, jetzt gehen wir schlafen.«
Helmreich warf ihm einen dankbaren Blick zu und startete.
Satan, der riesige schwarze Kater mit den weißen Vorderpfoten, stimmte sein übliches Geschrei an, als Schorsch die Wohnung aufsperrte. Nachdem er Satan ausgiebig begrüßt hatte, sein Gesicht in das Seidenfell gedrückt, ihn gestreichelt hatte, legte er sich ins Bett. Der Kater rollte sich in Schorschs Kniekehlen ein.
Am frühen Nachmittag weckte Satan ihn, er saß ihm milchtretend auf der Brust und miaute.
»Fresssack!« Schorsch stand auf, duschte und riss sich ein Haar aus, das aus seinem linken Nasenloch ragte. Er rieb sich den Schlaf aus den wasserblauen Augen, band den Zopf im Nacken zusammen. Satan schaute ihn mit brechendem Blick an, bis Schorsch ihm den Futternapf reichlich gefüllt hatte, und stürzte sich darauf. Währenddessen sprudelte schon die Espressomaschine, Schorsch stellte sie weg und eine Pfanne auf die Gasflamme. Er briet sich ein paar Eier, schlang sie runter, kontrollierte seinen Hosenschlitz, ob der geschlossen war, und sperrte sorgfältig die Eingangstür dreimal hinter sich ab. Dass ihm seine Hightech-Ausstattung von ein paar Idioten geklaut werden könnte, machte ihm Angst.
Er fluchte, als er die Eisschicht auf der Windschutzscheibe seines alten Saab sah. »Verdammtes Hurenwetter!«, knirschte er und sah zum Himmel hinauf, als ob da oben wer was dran ändern könnte. Was blieb ihm übrig, als zu kratzen? Danach waren seine Finger taub. Er drehte die Heizung hoch und fuhr in die Stadt.
Die »Löwengrube« war am Montag wie ausgestorben.
»Da können wir ungestört quatschen«, sagte Marvin und klopfte Schorsch auf den Rücken, der ein paar Münzen in die Musikbox warf und blindlings Ziffern und Buchstaben drückte; Marvin hatte sowieso astreine Singles eingelegt. Michelle« von den Beatles. Bei Speckbroten, die Hyppolith servierte, dabei Schorsch auf die Wange küsste, fragte Marvin: »Was war gestern mit Franz los?«
»Weiß nicht«, sagte er, »vielleicht wegen der Kündigung?«
»Die hat ihm doch eine Entscheidung erspart.«
Schorsch war beim dritten Speckbrot, wieder mal war er froh, dass er essen konnte, was er wollte. »Was meinst?«
»Ich verrat dir nix, Schorsch, hab’s versprochen, er will dir das seit gestern Abend … aber du warst ja anderweitig …«
Was konnte Schorsch dafür, dass ihn das Mädel so heiß gemacht hatte? »Ich werd ihn dann besuchen, muss eh in der Nähe eine balkanesische Hausmeisterin abwatschen, die schon wieder angerufen hat, weil’s unschuldige Leut anzeigt.«
Marvin grinste und schob ihm das nächste Brot unters Kinn. »Bist du ein Fremdenhasser geworden?«
»Immer gewesen, du blöder Ire. Gib mir ein kleines Bier.«
»Und du bist ein chauvinistischer Wienerwurst, sagt dir der Fransmann«, kicherte Hyppolith, während er das Bier für ihn zapfte.
Ein fünftes Brot lehnte Schorsch ab. »Wir haben schon viel Pack hier. Erst vorigen Monat hab ich einen Burschen geschnappt, der seine Schwester abgestochen hat. Sie wollt einen von uns heiraten. Der Vater sitzt auch in U-Haft, er hat den Sohn wahrscheinlich zum Ehrenmord angestiftet. Was sagts jetzt?«
Sobald Schorsch am Haustor des Gemeindebaus klingelte, summte der Türöffner. Sonst fragte sein Freund immer nach. Er ging durch den versifften Hausflur zum Lift, drückte auf die 5.
Die Wohnungstür war angelehnt.
»Franz?« Er folgte dem Scheppern aus dem Wohnzimmer.
Die Türen der scheußlichen Schrankwand standen offen. Franz kramte in einem der Fächer Papiere zusammen. Sein langes braunes Haar, von Natur aus kraus, stand in alle Richtungen.
»Was machst denn?«
»Wonach siehts denn aus?« Franz drehte sich um, ließ sich auf die Knie fallen und schaute unter die abgenutzte Schlafcouch vor dem Wandschrank. Dann hielt er mit Siegerlächeln ein Gummiband hoch und fing seine Haare damit im Nacken ein.
»Magst einen Tee? Yogi oder Earl Grey.« Mit zwei Schritten war er bei der Küchenzeile und füllte Wasser in den Kochtopf.
»Geh mir weg mit dem indischen Zeug.« Nachdem Franz den heißen Tee auf den Tisch gestellt hatte, sagte Schorsch: »Du warst gestern hysterisch. Warum?«
»Ich mach mir ein Butterbrot. Magst auch?« Franz sprang auf und säbelte eine Scheibe vom Brotwecken.
»Hab beim Marvin was gegessen. Also, was war?«
Franz schnellte herum, blickte auf die Schneide seines Messers.
»Ach, jetzt hast plötzlich Zeit, mir zuzuhören? Interessant.«
»Willst mich aufschlitzen?«
Schorsch grinste, es war doch alles bestens zwischen ihnen.
»Pass auf, es ist so …«, Franz kaute auf dem Brot herum.
Die Türklingel schellte. »Hast nicht offengelassen?«
»Nein!«
Franz ging hinaus, kam mit dem Nachbarn zurück. Schorsch kannte Diego Alcantra, der mit seiner Frau und einigen Kindern – wie viele, hatte er noch nie recht durchschaut – aus Peru eingewandert war. Diego nickte, musterte dann eingehend die Schrankwand, die Couch und den Tisch.
»Sofa werde ich nicht nehmen, ist … aus, por fin«, er lächelte, »aber Kasten und Tisch bitte ja.«
»Alles klar, Diego, dann werde ich die Couch auf den Müll schmeißen. In ein paar Wochen kannst du die Sachen haben.«
Schorsch konnte kaum abwarten, bis Diego draußen war. »Richtest dich neu ein?«
Mit einem Seufzen ließ Franz sich auf die Couch fallen. »Ich hau ab aus Wien.«
Schorsch griff nach dem Tee. »Scheißheiß!« Er stellte den Becher auf den Tisch, er schwappte über.
»Der ist nicht einmal mehr warm, Schorsch, steht mindestens eine Viertelstunde da herum.«
»Klugscheißer.«
»Ich habs einfach satt.« Franz ging zum Fenster.
»Wann und warum?« Eine Gänsehaut überzog Schorschs Nacken.
»Nächsten Monat wird der ganze Block hier generalsaniert, übrigens von dem Architekten, wegen dem ich gekündigt worden bin, dann schießt die Miete in die Höhe.«
Das Gschlader1 im Becher war ungenießbar. Sein Freund lehnte mit dem Rücken am Fenster. »Und wieso weiß ich das noch nicht? Ich mein, dein Nachbar weiß es?« Jetzt war die Gänsehaut verschwunden, dafür wurde ihm die Kehle trocken.
»Ich bin dein bester Freund …«
Es tat gut zu sehen, dass Franz den Blick senkte, ehe er fortfuhr: »Ich habs gerade mal geschafft, dir von der Kündigung zu erzählen, so spitz warst auf die...




