Riese / Verlag | Das Lächeln der Toten | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 274 Seiten

Riese / Verlag Das Lächeln der Toten


2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7541-2929-6
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 274 Seiten

ISBN: 978-3-7541-2929-6
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine junge Studentin wird erschossen, ihre Mitbewohnerin entdeckt die Leiche in der gemeinsamen Wohnung. Bei der Besichtigung des Tatorts staunt Kommissar Hardenberg: Die Tote lächelt. Damit nicht genug, am Tag darauf findet eine Spaziergängerin die Leiche eines Rentners, ermordet auf dieselbe Art und Weise - und auch er lächelt. Eine Verbindung zwischen beiden Toten scheint es zunächst nicht zu geben und so rätselt Hardenberg, ob und wenn ja, wie die beiden Morde zusammenhängen. Die kriminaltechnische Untersuchung bestätigt: Das tödliche Projektil kam in beiden Fällen aus derselben Waffe. Doch erst der Besuch eines alten Freundes lenkt seine Blicke in die richtige Richtung. Die Hilfe der cleveren jungen Hauptzeugin und ihrer seltsamen Familie beschleunigt zwar die Aufklärung, bringt jedoch auch neue Probleme. Es geht um noch anderes als die Aufklärung eines Doppelmords, das wird ihm vage bewusst. Doch um was und wie viel mehr, erkennt er in Teilen zu spät.

Er lebt mit seiner Ehefrau und seinen drei erwachsenen Kindern in Düsseldorf. Der Diplom-Designer war lange Zeit als Illustrator und Art-Director tätig. Jetzt arbeitet er im öffentlichen Dienst. Mit dem Schreiben hatte er schon während des Studiums begonnen und bis heute nicht damit aufgehört. Am Anfang war das was er aufs Papier gebracht hat, nur für die eigene Schublade. Später hat er angefangen, seine Werke mit der Welt zu teilen. Eine Lebenskrise ereignete sich und das Schreiben wurde zur Therapie. Erst unter dem Pseudonym »Jan Pieter Reus« in der »Noir Anthologie 1« (Deutscher Phantastikpreis 2019), dann eine weitere Kurzgeschichte, eine Coming-of-age-Story, die die Grundlage für einige wichtige Charaktere der jetzigen Geschichte bildet.
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Kapitel 3


Der Form halber klopfte Hardenberg an, trat jedoch ein, ohne auf eine Antwort zu warten. Sciascia saß gleich rechts der Tür auf einem Bett, blickte ihm ins Gesicht, lächelte erleichtert. Die Person neben ihr hingegen schien seine Ankunft überhaupt nicht bemerkt zu haben. Nach vorn gebeugt saß sie da, Unterarme auf den Oberschenkeln, Hände auf den Knien. Zusammengesunken und stumm starrte sie auf den Boden vor ihren Füßen.

»Guten Tag, mein Name ist Hardenberg, ich bin Kriminalhauptkommissar und leite die Ermittlungen.«

Er sprach ruhig und behutsam. Sie durchlebte gerade eine Erfahrung, die niemand machen sollte. Dabei wusste er noch nicht einmal, wie nah sie und die Tote sich gestanden hatten. Er ließ ihr Zeit, auch Sciascia hielt sich zurück, sie sah nur mit sorgenvoller Miene zu ihr herüber. Es dauerte einige Sekunden, dann bemerkte die Frau seine Anwesenheit. Sie straffte sich, als erwache sie gerade, sah auf und reichte Hardenberg eine kleine, zerbrechlich wirkende Hand.

»Noemi de Groot. Guten Tag.«

Er erschrak. Geweitete Augen, die Iris hellgrau mit dunklerem Rand, Sklera und Bindehaut gerötet. Erkennbar mühte sie sich, ausdruckslos dreinzuschauen. Was ihr eindrucksvoll misslang. Was Hardenberg sah, was ihn so unvorbereitet getroffen hatte, war Schmerz. Pures seelisches Leid. Thomsen irrte sich. Es gab eine Austrittswunde. Die gab es immer.

»Frau de Groot, ich weiß, das ist jetzt sehr belastend und Sie haben das alles bereits meiner Kollegin erzählt, aber könnten sie mir nur in ganz knappen Worten noch einmal schildern, wie Sie ihre Mitbewohnerin gefunden haben? Bitte.«

Er hätte es nicht für möglich gehalten, doch sie richtete sich noch stärker auf. Den Rücken leicht durchgedrückt, reckte sie das Kinn und atmete durch die Nase tief ein und wieder aus. Eine Langstreckenläuferin. Eine Tänzerin vielleicht. Hardenberg überlegte. Wie nannte man das im Ballett noch mal? Aplomb. Ja, das war es. Über dem Bizeps der schlanken, sehnigen Arme trat jeweils eine Vene leicht hervor. Sie sammelte alles, was ihr an Selbstdisziplin zur Verfügung stand. Und das schien nicht wenig zu sein. Das Problem der zitternden Hände löste sie, indem sie mit aneinandergelegten Fingerkuppen ein Dach formte, das sie auf den Oberschenkeln ablegte.

»Heute hatte ich die Frühschicht in der Bäckerei. Dort arbeite ich an drei Tagen die Woche. Bei solch schönem Wetter fahre ich für gewöhnlich mit dem Rad, die Bäckerei befindet sich in Oberbilk. Das Rad trage ich immer hoch, gegenüber im Trockenspeicher ist Platz.«

Sie sprach ruhig, beherrscht, doch es kostete sie Anstrengung. Als sie weitersprach und zum Eigentlichen kam, begann ihre Unterlippe zu zittern, die Stimme wurde brüchig. Mit Verwunderung und Anerkennung registrierte Hardenberg, wie Sciascia einen Arm um die Schulter der Frau legte und darüberstrich.

»Im Wohnzimmer waren noch die Jalousien heruntergezogen, das war schon ungewöhnlich. Am Wochenende steht sie zwar meist erst spät auf, so zwischen neun und zehn, aber es war bereits kurz vor eins, als ich kam. Die Tür zu ihrem Zimmer stand offen, dort war es hell. Ich hab‘ angeklopft, gerufen und als ich keine Antwort bekam, bin ich reingegangen. Da sah ich sie. Zuerst dachte ich ›Was macht sie denn da? Wieso liegt sie quer über dem Bett?‹. Sie reagierte nicht, als ich sie noch mal ansprach, deshalb bin ich näher ran. Da sah ich dann …«

Mit einer fahrigen Geste fuhr sie sich über die Stirn und senkte den Blick. Das Zittern war nun deutlich sicht- und hörbar.

»Sie sagten, am Wochenende stand sie für gewöhnlich später auf. War das eine feste Gewohnheit? Konnte man sich darauf verlassen? Also, ich meine, gab es Menschen, die davon wussten.«

Sie nickte. »Ja, das wussten alle ihre engen Freunde. Und ihre Eltern. Und beinahe immer, wenn sie aufstand, egal wann, öffnete sie als Erstes das Fenster und sah hinaus. War so eine Art Ritual, sie begrüßte den Tag. Bei solch schönem Wetter wie heute auf jeden Fall.«

»Wann haben Sie die Polizei gerufen?«

Sie sah ihn überrascht an.

»Ich weiß nicht. Sofort glaube ich. Aber jetzt, wo sie fragen … Kann sein, dass ich ein paar Augenblicke nicht ganz bei mir war. Aber bestimmt nicht länger als fünf oder vielleicht zehn Minuten.«

»Haben Sie noch jemanden angerufen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ihr Kollege am Telefon hat mir eindringlich davon abgeraten. Aber es hat auch nicht lange gedauert, bis jemand hier war.« Und an Sciascia gewandt sagte sie: »Das waren Sie, glaube ich.«

Sciascia bestätigte. »Wochenendbereitschaft. Ich wohne nur ein paar Straßen weiter.« Was, wie Hardenberg wusste, eine Untertreibung an der Grenze zur Lüge war.

»Frau de Groot, wann haben Sie die Wohnung verlassen?«

»So gegen fünf Uhr dreißig. Mit dem Rad brauche ich um diese Zeit vielleicht eine Viertelstunde. Um sechs fängt die Schicht an.«

»Da hat ihre Freundin aber noch gelebt.«

Sie nickte heftig. »Ganz sicher. Meist lässt sie die Tür einen Spalt offen. Um diese Uhrzeit ist es im Haus und auf der Straße noch sehr still. Leonie macht immer solch seltsame Geräusche, wenn sie schläft. Kein Schnarchen, eher so ein Grummeln. Manchmal redet sie auch im Schlaf.«

»Wann sind sie zurückgekommen?«

»So gegen eins. Vielleicht etwas früher.«

Hardenberg überlegte. Wenn man ihre vorherige Aussage über die Aufstehgewohnheiten der Toten an Wochenenden und Thomsens erste grobe Einschätzung zum Todeszeitpunkt berücksichtigte, passte alles ganz gut zusammen. Demnach wurde Leonie Büsch etwa gegen zehn Uhr erschossen. Plusminus. De Groot war nun wieder etwas in sich zusammengesunken. Er sah sie sich etwas genauer an. Wie alt mochte sie sein? Keine zwanzig, schätzte er. Achtzehn vielleicht. Raspelkurzes, dichtes Haar. Weizenblond. Große Augen, eher rund als mandelförmig. Die Nase war klein und rund, die Lippen voll. Schön geschwungener, ausgeprägter Amorbogen, klare, weiche Gesichtszüge. Sie war ungeschminkt. Konzentriert und klar formulierte sie die Sätze, doch es kostete sie erkennbar Mühe.

»Darf ich Ihnen noch ein paar persönliche Fragen stellen, Frau de Groot?«

Sie sah ihn eindringlich an und nickte stumm.

»Sie und Leonie Büsch, kannten sie sich schon lange?«

»Seit dem Kindergarten. Wir sind beide hier im Viertel aufgewachsen. Seit damals waren wir eigentlich nie lange getrennt. Bis vor gut einem Jahr wohnte die ganze Familie auch noch hier in der Nähe. Als ihre Eltern nach Krefeld zogen, sind wir zusammen hier eingezogen. Wir waren wie …« Sie stockte und suchte nach der passenden Formulierung. »… beinahe so was wie Geschwister, sie, Colin und ich. Geschwister und beste Freunde. Jeder kannte den anderen mit all seinen Schrullen und Macken, jede noch so winzige Kleinigkeit. Colin ist in den USA und Leonie …« Sie stockte. »Was soll ich jetzt nur machen?«

Die letzten Sätze waren beinahe ein Flüstern. Die Frage galt weder Hardenberg noch Sciascia.

»War sie aktuell in einer Beziehung?«

Sie nickte. »Finn. Finn Küppers. Er ist auf einem Exkursionsseminar an diesem Wochenende.«

»Wissen Sie, wo?«

»Stuttgart. Er macht so ein duales Studium. Maschinenbau.«

»Haben Sie eine Ahnung, wo er da erreichbar ist?«

Sie sah ihn an, zuckte mit den Schultern, schüttelte dann den Kopf, sprach aber nicht.

»Haben Sie eine Ahnung, wann er zurückkommt?«

»Morgen spät am Abend. Leonie sprach davon, dass sie zu ihm fahren wollte. Er wohnt in Pempelfort, die Adresse kann ich Ihnen geben.«

Unvermittelt stand sie auf, huschte an Hardenberg vorbei zum Schreibtisch, nahm ein Blatt Papier und schrieb. Das Ganze machte den Eindruck einer Reflexhandlung. Sie gab ihm das Blatt.

»Hat dieser Finn Küppers einen Schlüssel zu der Wohnung hier?«

»Nein, ich glaube nicht.«

Hardenberg dachte an die Möglichkeit, dass jemand hierherkäme und unvorbereitet vor dem Polizeisiegel stünde.

»Sonst jemand?«

»Leonies Eltern und meine. Sonst niemand.«

Sie erschien ihm zurückhaltend, introvertiert. Schock? Trauer? Oder Teil ihrer Persönlichkeit? Zu diesem Zeitpunkt ließ sich das unmöglich sagen.

»Angenommen, dieser Finn Küppers möchte seine Freundin anrufen, erreicht sie aber nicht, an wen wendet er sich da als Nächstes?«

Auf Anhieb begriff sie, worauf er hinauswollte. Sie sah ihn entsetzt an, sprach aber nicht. War auch nicht nötig. Der Blick sagte alles.

Diese verdammte ständige Verfügbarkeit. Sicher, es hatte Vorteile. Als Ermittler konnte er das kaum bestreiten. In Fällen wie diesem jedoch wünschte Hardenberg sich gemeinsame Festnetzanschlüsse für mehrere Familienmitglieder zurück. Schlecht aufgelegte Telefonhörer und Besetztzeichen. Anrufbeantworter, die einen nicht ständig automatisch überall daran erinnerten, dass man einen Anruf verpasst hatte. Beeper waren damals was für Notärzte gewesen. Oder Kriminalkommissare. Er dachte nach. Wie würde er reagieren,...



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