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Ihr Team von Sack Fachmedien
Riley All die bösen Dinge
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-16657-1
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Psychothriller
E-Book, Deutsch, Band 1, 384 Seiten
Reihe: Alex Devlin
ISBN: 978-3-641-16657-1
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mary-Jane Riley hat viele Jahre als Journalistin und Talkmasterin beim BBC gearbeitet und sich in dieser Zeit immer wieder mit spektakulären Verbrechensfällen befasst, bevor sie ihren ersten Roman »All die bösen Dinge« verfasste. Mary-Jane Riley ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Suffolk.
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2
Detective Inspector Kate Todd ließ sich im Wartezimmer nieder und blätterte in einer Illustrierten. Dem blöden Gerät an der Wand, das nach ihren Daten in Großbuchstaben verlangte, hatte sie bestätigt, dass sie diejenige war, die einen Termin hatte. Und garantiert fing sie sich jetzt einen abscheulichen Virus ein, während sie hier herumhockte. In der Ecke murmelte der Fernseher, und Kate versuchte, sich auf die Zeitschrift zu konzentrieren. Alles voller Kleinkinder. Die richtige Ernährung für Ihr Baby. Wie können Kinder schlafen lernen. Alles voller elender Babys. Kate schmiss die Zeitschrift auf den niedrigen Holztisch, worauf die Frau neben ihr die Stirn runzelte.
»Entschuldigung«, sagte Kate.
Die Frau lächelte ein wenig und zuckte die Achseln. »Diese Hefte sind meist todlangweilig. Sind zum Teil schon Jahre alt. Ich lese hier grade was über Sommerurlaub vor drei Jahren.«
»Hmm. Ja«, antwortete Kate einsilbig. Sie hatte keine Lust auf ein Gespräch. Sie wollte den Termin möglichst schnell hinter sich bringen und zurück aufs Revier. Wo es zurzeit allerdings auch nicht gerade spannend zuging. Keine größeren Fälle. Lediglich geplante Razzien in einem gottverlassenen Kaff in den Fens, wo man den Handel mit irgendwelchen armen Menschen unterbinden wollte, die man dorthin geschafft hatte, wo sie nun unter verheerenden Bedingungen hausten – Cannabis-Lager oben, drei oder vier Familien im Untergeschoss. Das Problem bei den geplanten Razzien war nur, dass nicht nur die National Crime Agency, sondern auch Gott weiß wer daran beteiligt werden musste. Würde wahrscheinlich ein übles Chaos werden, diese Aktion.
Kate sah sich im Warteraum um. Sie kannte niemanden hier und anscheinend auch niemand sie. Das war der Vorteil, wenn man in Ipswich arbeitete, aber in einer Kleinstadt im Umkreis wohnte – die Wahrscheinlichkeit, hier auf Kollegen zu stoßen, war relativ gering.
»Meine Kleine hier …«, sagte die Frau. Als Kate sich ihr wohl oder übel zuwandte, bemerkte sie das Bündel in den Armen der Frau. Kate fragte sich, wieso sie das Baby nicht vorher schon bemerkt hatte. »Wurde mit einem Loch im Herzen geboren«, fuhr die Frau fort. »Musste gleich operiert werden, obwohl sie noch so winzig war. Ich wusste nicht, ob sie überleben würde.«
Kate spürte plötzlich den vertrauten Anflug von Angst in der Brust.
»Deshalb müssen wir ganz oft hierher zum Nachgucken kommen, nicht wahr, mein Schätzchen?«, säuselte die Frau dem Baby zu und betrachtete es mit einem innigen Lächeln.
Die Angst umschlang jetzt Kates Herz und erzeugte Druck. Wer behauptete, das Herz sei nur ein Organ, hatte einfach keine Ahnung. Kate holte tief Luft und bemühte sich um eine freundliche Miene.
»Haben Sie auch Kinder?«, fragte die Frau, während sie mit dem Finger die Wange des Babys streichelte.
»Nein«, antwortete Kate, wobei sie sich offenbar so schroff anhörte, dass die Frau errötete. »Tut mir leid«, sagte sie.
»Kein Problem.« Kate griff nach einer Wohnzeitschrift und blätterte sie unkonzentriert durch; Vorschläge, wie man sein Wohnzimmer besser einrichten konnte, welche Farben man für einen Wintergarten nach Süden benutzen sollte und Bilder von dem wunderschönen Heim eines drittrangigen VIPs. Dennoch fiel es ihr schwer, nicht an den Krach zu denken, den sie am Vorabend mit ihrem Mann gehabt hatte. Wieder einmal hatten sie sich über das gleiche Thema, das in mehr oder minder heftiger Form seit zehn Jahren für Streit sorgte, in die Haare gekriegt. Diesmal hatte Kate gerade das Licht ausschalten wollen, als Chris gesagt hatte: »Ich würde mir einfach wünschen, dass du irgendwo Rat suchst.«
Kate war in der Bewegung erstarrt. Sie hatte den ganzen Tag Aktenarbeit erledigt, war hundemüde und wollte einfach nur noch schlafen. Und jetzt sprach Chris dieses eine Thema an, das garantiert dafür sorgen würde, dass eine Ewigkeit nicht mehr an Schlaf zu denken war.
Erbittert starrte Kate auf ihren Mann, der ruhig atmend, mit auf der Brust verschränkten Armen und geschlossenen Augen im Bett lag. Er hatte verdammt noch mal schon wieder die Augen zugemacht. Was er grundsätzlich tat, damit sie nicht vernünftig mit ihm reden konnte. Sie bemerkte Furchen an seinem Mund, die neu waren, und hätte sie am liebsten berührt. Ihr Ärger verflog. Chris liebte sie bedingungslos, und dafür liebte Kate ihn. Er war ein ruhiger Mann, der ausgleichend auf sie wirkte. Und sie fand es wunderbar, ihm bei der Arbeit zuzusehen, wenn er mit seinen rauen, schwieligen Händen diese zauberhaften Gegenstände aus Holz erschuf. Kate liebte ihren Mann. Aber sie hatte eben ihre Bedingungen.
»Chris«, sagte sie, auf einen Ellbogen gestützt. Sie spürte, dass sie jetzt handeln, ihm ein wenig Hoffnung geben musste.
Er schlug ein Auge auf, zog sie in seine Arme. »Schatz, ich weiß, wie dir zumute ist, aber …«
Nein, das wusste er nicht. Er wusste nicht, dass ihr Mund trocken wurde und ihr Herz unangenehm hämmerte, sobald sie daran dachte, schwanger zu werden, ein Kind zu bekommen und dann für einen Menschen sorgen zu müssen, der komplett abhängig von ihr sein würde. Sie hatte Angst vor der emotionalen Bindung – wenn das Kind sich irgendwann von ihr löste, würde ihr das Herz brechen. Oder noch schlimmer: Falls dem Kind etwas zustieß, würde ihr das Herz sogar aus der Brust gerissen werden. So etwas konnte geschehen. Sie hatte es bei anderen schon erlebt.
»Können wir nicht einfach ein Kind adoptieren?« Schon als sie es aussprach, wusste Kate, dass die Frage nicht ernst gemeint war. Und was Chris antworten würde.
»Aber wir sollten doch erst mal klären, warum wir keine eigenen haben können, findest du nicht?« Seine Stimme war sanft, und Kate spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte.
»Vielleicht liegt es eben an mir. Vielleicht kann ich gar nicht schwanger werden, weil ich zu alt bin.« Vielleicht allerdings sollte sie auch erst einmal die Pille absetzen.
»Nein, bist du nicht. Und wenn es demnächst nichts wird, können wir alles Mögliche andere unternehmen. Ich denke nur, du solltest dich untersuchen lassen.«
»Sind wir denn so nicht auch glücklich?«, fragte sie, kam sich aber dabei schlecht vor wegen ihrer Unaufrichtigkeit.
»Doch, natürlich.«
»Genüge ich dir nicht?«
»Darum geht es doch gar nicht, Liebling.«
»Ich weiß«, murmelte Kate an seinem Hals. »Ich weiß.«
Als sie morgens aufwachte, war Chris verschwunden – wenn er nachdenken und einen klaren Kopf bekommen wollte, stand er sommers wie winters früh auf und ging laufen.
Sobald die Arztpraxis öffnete, ließ Kate sich einen Termin geben.
Und deshalb saß sie nun hier auf diesem Plastikstuhl und blätterte in Zeitschriften, ohne die Worte wirklich aufzunehmen. Obwohl sie viel lieber im Revier abscheulichen Kaffee aus einem Pappbecher getrunken und dem Geplänkel der Kollegen zugehört hätte.
Das Signal ertönte, und Kate sah ihren Namen auf dem Aufrufdisplay. Sie sprang auf, und die Frau mit dem Baby warf ihr ein aufmunterndes Lächeln zu.
Kate war nervös, weil sie der Ärztin eine Erklärung liefern musste, sich aber noch nichts überlegt hatte. Hastig klopfte sie an die Tür und betrat das Sprechzimmer.
Die junge Ärztin, Dr. Bones, blickte von ihrem Computer auf und lächelte. »Nehmen Sie Platz, Kate. Was kann ich für Sie tun?«
Kate setzte sich und blinzelte. Was sollte sie jetzt antworten?
»Also?«, fragte Dr. Bones.
Kate räusperte sich. »Es geht um Folgendes, Frau Dr. …« Sie unterbrach sich. Sie sah Chris’ liebes Gesicht vor sich und seine Hände, die so fleißig für sie arbeiteten. Er verlangte nichts von ihr – außer dieser einen Sache. »Mein Mann möchte ein Kind«, sagte Kate hilflos.
»Und?«, fragte Dr. Bones ruhig.
»Und ich weiß nicht, ob ich das kann.«
Die Ärztin nickte. »Okay. Sie sind also …«, Dr. Bones warf einen Blick auf ihren Bildschirm, »… achtunddreißig und nehmen die Pille. Es gibt keinen Grund, warum Sie nicht schwanger werden sollten. Heutzutage bekommen viele Frauen ihre Kinder erst später …«
»Das ist nicht das Thema«, sagte Kate. »Ich denke eher, wenn man nicht dafür geschaffen ist, Kinder zu haben, sollte man es auch bleiben lassen.«
Dr. Bones nickte. »Das ist sicher Einstellungssache.« Abwartend legte sie die Hände auf den Tisch.
Was sollte Kate noch sagen? »Ich finde, es gibt so viel Elend auf der Welt, dass ich mir nicht sicher bin, ob es richtig ist, Kinder zu bekommen.«
»Richtig?«
Kate wich dem Blick der Ärztin aus und starrte an die Wand. Dort hingen bunte Kinderzeichnungen, eine Größenmesslatte, Plakate zum Thema gesundes Essen, eine Tabelle für Augentests. Kate ließ den Blick durchs Sprechzimmer schweifen, betrachtete die Kiste mit Spielsachen in der Ecke, den kleinen Stuhl und all die anderen Dinge für Kinder. Sie schluckte, weil sie merkte, dass ihr die Tränen kamen.
»Also schwanger zu werden, nur weil ich … weil wir ein Kind wollen. Das kommt mir so selbstsüchtig vor, wissen Sie.« Kate zuckte die Achseln. Sie fand ihr Gerede völlig sinnlos.
»Wie denkt denn Ihr Mann...




