Riley | Kalte Strömung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 384 Seiten

Reihe: Alex Devlin

Riley Kalte Strömung

Psychothriller
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-22286-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Psychothriller

E-Book, Deutsch, Band 2, 384 Seiten

Reihe: Alex Devlin

ISBN: 978-3-641-22286-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die 17-jährige Elena, Tochter der prominenten Politikerin Cat Devonshire, wird in Norfolk tot am Fuß einer Klippe aufgefunden – Selbstmord laut Polizei. Cat plagen Gewissensbisse, da sie und ihr neuer Ehemann Elena in ein Internat abgeschoben hatten, um ihr junges Eheglück ungestört genießen zu können. Verzweifelt bittet sie die Journalistin Alex, die Hintergründe zu Elenas Tod herauszufinden. Bei ihren Recherchen stößt Alex jedoch auf großes Misstrauen, die Mitarbeiter und Schüler feinden sie an und bedrohen sie. Bald wird klar, dass sich hinter der Fassade des Elite-Internats tiefe Abgründe verbergen ...

Mary-Jane Riley hat viele Jahre als Journalistin und Talkmasterin beim BBC gearbeitet und sich in dieser Zeit immer wieder mit spektakulären Verbrechensfällen befasst, bevor sie ihren ersten Roman »All die bösen Dinge« verfasste. Mary-Jane Riley ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Suffolk.
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1

MAI

Trotz der Hitze draußen war das einzige Fenster im Raum fest geschlossen. Alex Devlins Schwester saß auf einem Stuhl und starrte hinaus in den Garten, wo andere Patienten rauchend herumstanden oder auf Bänken Platz genommen hatten. Eine Frau redete lebhaft auf eine Pflegerin ein, die nickte und in die Ferne schaute. Der Garten sah um diese Jahreszeit bezaubernd aus. Der üppige Rasen war leuchtend grün, die Rosen begannen zu blühen, und die Birken entfalteten ihre Blätter. Alex kam es beinahe vor, als könne sie den süßen Duft des Geißblatts riechen, das sich an einem Ende des Gartens durch den Bambus rankte, und sie wäre liebend gerne nach draußen geflüchtet.

»Sash? Wollen wir vielleicht in den Garten gehen? Es ist ein wunderschöner Tag.«

Seit fünfzehn Minuten war Alex hier, und ihre Schwester hatte bislang noch kein einziges Wort gesprochen. Alex unterdrückte ein Seufzen. Munter zu plaudern, wenn keinerlei Reaktion kam, war schwierig. Und es gab nicht das geringste Anzeichen dafür, dass Sasha die Worte ihrer Schwester überhaupt wahrnahm.

Alex sah sich um. Trotz der Umstände konnte man das Zimmer durchaus als behaglich bezeichnen. Es war in Pastelltönen eingerichtet, auf dem Bett lag Sashas Patchworkdecke. An den Wänden hingen zwei Bilder, allerdings ohne Glas im Rahmen: eine Szene mit Strandhütten und Möwen und ein kleines Foto von Sashas Zwillingen im Sonnenschein und mit einem Eis in der Hand. Die Regale waren angefüllt mit Sashas Lieblingsbüchern, von Enid Blyton bis Kate Atkinson. Brauchte Sasha irgendetwas? Die Seife, die Alex beim letzten Besuch mitgebracht hatte, war noch nicht einmal ausgepackt. Alex unternahm einen weiteren Versuch.

»Liebes, es ist wunderschön draußen und für Ende Mai richtig warm. Weißt du noch, wie sehr du den Sommer immer geliebt hast?«

»Harry und Millie haben den Sommer geliebt.« Eine Träne rann über Sashas Wange.

Alex’ Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt. Endlich Worte, aber so voller Schmerz. Sie wollte ihre Schwester umarmen, aber Sasha schob sie weg und knurrte: »Geh jetzt.«

Doch Alex wollte noch nicht aufgeben. »Bitte, Sasha, lass uns ein Weilchen rausgehen. Ein bisschen spazieren gehen. Die Sonne im Gesicht spüren. Uns daran freuen, dass wir zusammen sind, für ein paar Minuten zumindest.«

»Freuen?« Sasha rührte sich nicht, und ihre Stimme klang gedämpft. »Ich kann mich nicht mehr freuen, Alex, das weißt du doch. Ich habe alles verloren. Harry. Millie. Jez. Mir ist nichts geblieben.« Ein Schluchzen erschütterte ihren Körper. »Bitte geh«, flüsterte sie.

»Du hast dich doch schon genug bestraft, Sasha«, erwiderte Alex beschwörend. »Lass uns rausgehen. Bitte. Nur dieses eine Mal.«

Stille. Sasha starrte reglos zum Fenster hinaus. Alex wusste, dass es heute sinnlos war. Sie beugte sich zu ihrer Schwester hinunter und küsste ihre kalte Wange. »Alles Gute, Sash. Ich komm dich so bald wie möglich wieder besuchen.«

Keine Reaktion.

Leise zog Alex die Tür hinter sich zu und lehnte sich dagegen. War dieser Besuch besser verlaufen als der letzte? Zumindest hatte Sasha gesprochen. Bislang hatte sie meist nur geschwiegen, da konnten ein paar bittere Worte bereits als Fortschritt betrachtet werden. Aber der Schmerz in Sashas Augen war kaum auszuhalten. Alex konnte sich nicht vorstellen, was sich in ihrem Kopf abspielte. Wie es sich anfühlte, seine eigenen Kinder getötet zu haben. Sie dachte an ihren Sohn, der jetzt achtzehn war. Er hatte die letzten Jahre beachtlich gut durchgestanden, und sie war stolz auf ihn. An ein Leben ohne ihn mochte sie gar nicht denken.

»Ah, hallo, Alex. Ich wollte gerne mit Ihnen sprechen, bevor Sie aufbrechen.« Heather McNulty, die Stationsschwester, kam den Flur entlanggeeilt. Sie war etwas älter als Alex, wirkte sehr gepflegt und trug immer eine heitere Miene zur Schau, obwohl sie den ganzen Tag von teilnahmslosen oder zutiefst verstörten Patienten umgeben war. Heather hatte keine Schwesterntracht an, sondern einen langen wehenden Rock mit Rosenmuster und eine gestärkte weiße Bluse. Glücklicherweise durfte das Pflegepersonal eigene Kleidung bei der Arbeit tragen, so wirkte die geschlossene psychiatrische Abteilung weniger bedrückend. Und Alex fühlte sich weniger schlecht, weil Sasha hier eingesperrt war. Zwei Jahre zuvor hatte ein betagter, gütig blickender Richter verfügt, dass Sasha genug gelitten habe; über fünfzehn Jahre hatte sie mit dem Wissen gelebt, ihre vierjährigen Zwillinge im Meer ertränkt zu haben. Doch es hieß, Sasha müsse in einer geschlossenen Abteilung untergebracht werden. Über Jez, Sashas Mann, der selbst bei der Polizei war, hatte der Richter ein weniger mildes Urteil gefällt. Weil Sashas Mann über den verhängnisvollen Abend jede Menge Falschaussagen gemacht hatte und Schuld daran trug, dass zwei unschuldige Menschen ins Gefängnis gesteckt worden waren, verbüßte er jetzt eine Haftstrafe. Deshalb war Alex dankbar, dass Sasha nur in Leacher’s House gelandet war. Es hätte viel schlimmer kommen können.

Alex rieb sich die Stirn. »Ist so weit alles okay mit Sasha? Sie hat doch hoffentlich nicht wieder angefangen, sich selbst zu verletzen, oder?«

»Nein, nein. Ich würde nur gerne kurz mit Ihnen sprechen. Gehen wir doch in mein Büro.«

Sie folgte der Stationsschwester und fühlte sich dabei zurückversetzt in ihre Schulzeit, als sie hinter der Direktorin hertappen musste, um sich eine Strafpredigt anzuhören. Alex’ Magen zog sich zusammen.

»Nehmen Sie doch Platz, Alex.«

Sie setzte sich.

Heather ging um ihren Schreibtisch herum, ließ sich nieder und faltete die Hände auf dem Tisch. Dann holte sie tief Luft, und Alex spürte einen heftigen Anflug von Angst.

»Ist Sasha krank?« Nervöses Lachen. Lass das, Alex. »Ich meine, noch kränker als sowieso schon?«

Heathers Hände schienen sich zu verkrampfen. »Sasha spricht nicht so gut auf die Behandlung an, wie wir uns das erhofft hatten.«

»Was meinen Sie damit?«

Ein Schatten huschte über Heathers Gesicht, bevor es wieder so heiter wie immer wirkte. »Nun, sie hat … ähm … seit einiger Zeit Wahnvorstellungen.«

Alex blinzelte. »Wahnvorstellungen?«

»Sie bildet sich ein, Jackie Wood ermordet zu haben«, sagte Heather behutsam.

Alex stockte der Atem. Jackie Wood hatte fünfzehn Jahre im Gefängnis gesessen, weil sie fälschlicherweise wegen Beihilfe zum Mord an Sashas Zwillingen verurteilt worden war. Erst nachdem man Wood aus der Haft entlassen hatte, weil die Beweise von damals für ungültig erklärt wurden, war die Wahrheit über den Tod der beiden Kinder ans Licht gekommen. Doch dann war Jackie Wood umgebracht worden, und der Mord an ihr konnte bis zum heutigen Tag nicht aufgeklärt werden. Alex selbst hatte eine Zeit lang in Erwägung gezogen, ob nicht vielleicht Sasha Jackie Wood getötet hatte, wollte sich jetzt aber nicht mehr damit befassen.

»Da wir natürlich verhindern wollen«, fuhr Heather fort, »dass sich Sashas Zustand verschlechtert, sind wir – das Pflegeteam – zu dem Schluss gekommen, eine andere Behandlungsstrategie anzuwenden.«

»Was soll das bedeuten? Was für eine Behandlung denn? Sie kann aber doch hierbleiben, oder?« Alex merkte, dass sie unwillkürlich lauter sprach, weil sie Horrorvisionen hatte, wie man ihrer Schwester Drogen zwangsverabreichte oder sie einer Elektroschocktherapie unterzog, nach der Sasha nur noch eine leere Hülle war …

»Alex«, sagte Heather fest. »Sie brauchen sich nicht zu ängstigen. Sasha ist hier in guten Händen.«

»Aber es wird ihr doch wieder besser gehen, oder?«

»Wie ich sagte: Sie ist in guten Händen. Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Solche Anpassungen gehören zum Heilungsprozess. Und wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, wissen Sie. Vieles hat sich geändert.« Heather stand auf, das Treffen war beendet. »Wir halten Sie über jeden einzelnen Schritt auf dem Laufenden.«

Auch Alex erhob sich. »Ich danke Ihnen«, sagte sie, obwohl sie eigentlich nicht wusste, für was.

Wahnvorstellungen. Behandlungsstrategie. Jackie Wood. Die Worte kreisten in Alex’ Kopf, als sie in die klare milde Luft hinaustrat und tief einatmete, um den medizinischen Geruch loszuwerden und sich zu beruhigen. Die Sonne strahlte am wolkenlosen Himmel, der so blau war wie auf einer Kinderzeichnung. Wunderschönes Wetter. An solch einem Tag dachte Alex oft an den kleinen Harry. Von Sasha ertränkt, von Jez ans Ufer geholt. Und auch an Millie, die von den Wellen der Nordsee davongetragen worden war. Ob man die Leiche je finden würde? Noch immer betrachtete Alex junge Mädchen in Millies Alter sehr aufmerksam, hielt noch immer unwillkürlich Ausschau nach ihrer Nichte.

Auf dem Weg zum Parkplatz drehte sie sich noch einmal um. Sasha saß immer noch reglos am Fenster. Alex hatte schon lange gewusst, dass es ihrer Schwester nicht gut ging und sie eigentlich professionelle Hilfe brauchte. Doch in all den Jahren war Alex selbst so belastet gewesen von ihrer Trauer um die Zwillinge und von Schuldgefühlen, weil sie eine Affäre mit dem Mann gehabt hatte, der wegen des mutmaßlichen Mordes an den Zwillingen im Gefängnis gesessen hatte. Aber nun versuchte sie, etwas wiedergutzumachen.

Sie blickte noch einmal zu ihrer Schwester hinauf und wurde mit einer winzigen Bewegung belohnt, die eine Art Winken sein mochte. Seit einer Ewigkeit war so etwas nicht mehr vorgekommen, und Alex spürte eine Aufwallung von Liebe für ihre arme, gequälte Schwester. Nie wieder durfte Sasha...


Riley, Mary-Jane
Mary-Jane Riley hat viele Jahre als Journalistin und Talkmasterin beim BBC gearbeitet und sich in dieser Zeit immer wieder mit spektakulären Verbrechensfällen befasst, bevor sie ihren ersten Roman »All die bösen Dinge« verfasste. Mary-Jane Riley ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Suffolk.



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