Rilke | Gedichte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 480 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Rilke Gedichte

Fischer Klassik PLUS
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401943-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fischer Klassik PLUS

E-Book, Deutsch, 480 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401943-7
Verlag: S. Fischer
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Mit den Werkbeiträgen aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. »Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, / und auf den Fluren laß die Winde los.« Rilkes Gedichte haben einen ganz eigenen Ton, der sie bei aller Tiefe der Reflexion wunderbar sinnlich und verführerisch macht. Wie nur wenige Lyriker verbindet Rilke die Suche nach Sinn und Zusammenhang mit großer sprachlicher Musikalität und ist nicht zuletzt deshalb bis heute einer der populärsten Dichter der Moderne. Dieser Band enthält sämtliche zu Lebzeiten des Autors publizierten Gedichtzyklen.

Rainer Maria Rilke wurde am 4. Dezember 1875 in Prag geboren. Nach dem Abbruch des Studiums lebte er als freier Schriftsteller, reiste nach Florenz und Russland und hielt sich 1900/01 in der Künstlerkolonie Worpswede auf. 1902 trennte sich Rilke von seiner Familie und zog nach Paris, das in seinem unsteten ?Wanderleben? zeitweilig sein Hauptwohnsitz war. Dort war er 1905/06 auch Privatsekretär Auguste Rodins. Nach mehrfachen Sanatoriumsaufenthalten starb Rilke am 29. Dezember 1926 in der Klinik Val-Mont am Genfer See. Er gilt als der bedeutendste und einflussreichste deutschsprachige Dichter des frühen 20. Jahrhunderts.
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Das Stunden-Buch


Erstes Buch Das Buch vom mönchischen Leben (1899)


DA neigt sich die Stunde und rührt mich an

mit klarem, metallenem Schlag:

mir zittern die Sinne. Ich fühle: ich kann –

und ich fasse den plastischen Tag.

Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,

ein jedes Werden stand still.

Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut

kommt jedem das Ding, das er will.

Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem

und mal es auf Goldgrund und groß,

und halte es hoch, und ich weiß nicht wem

löst es die Seele los …

ICH lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.

ICH habe viele Brüder in Sutanen

im Süden, wo in Klöstern Lorbeer steht.

Ich weiß, wie menschlich sie Madonnen planen,

und träume oft von jungen Tizianen,

durch die der Gott in Gluten geht.

Doch wie ich mich auch in mich selber neige:

Gott ist dunkel und wie ein Gewebe

von hundert Wurzeln, welche schweigsam trinken.

Nur, daß ich mich aus Wärme hebe,

mehr weiß ich nicht, weil alle meine Zweige

tief unten ruhn und nur im Winde winken.

WIR dürfen dich nicht eigenmächtig malen,

du Dämmernde, aus der der Morgen stieg.

Wir holen aus den alten Farbenschalen

die gleichen Striche und die gleichen Strahlen,

mit denen dich der Heilige verschwieg.

Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wände;

so daß schon tausend Mauern um dich stehn.

Denn dich verhüllen unsre frommen Hände,

sooft dich unsre Herzen offen sehn.

ICH liebe meines Wesens Dunkelstunden,

in welchen meine Sinne sich vertiefen;

in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,

mein täglich Leben schon gelebt gefunden

und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, daß ich Raum

zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.

Und manchmal bin ich wie der Baum,

der, reif und rauschend, über einem Grabe

Traum erfüllt, den der vergangne Knabe

(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)

verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

DU, Nachbar Gott, wenn ich dich manchesmal

in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –

so ists, weil ich dich selten atmen höre

und weiß: Du bist allein im Saal.

Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,

um deinem Tasten einen Trank zu reichen:

Ich horche immer. Gieb ein kleines Zeichen.

Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,

durch Zufall; denn es könnte sein:

ein Rufen deines oder meines Munds –

und sie bricht ein

ganz ohne Lärm und Laut.

Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen.

Und wenn einmal das Licht in mir entbrennt,

mit welchem meine Tiefe dich erkennt,

vergeudet sichs als Glanz auf ihren Rahmen.

Und meine Sinne, welche schnell erlahmen,

sind ohne Heimat und von dir getrennt.

WENN es nur einmal so ganz stille wäre.

Wenn das Zufällige und Ungefähre

verstummte und das nachbarliche Lachen,

wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,

mich nicht so sehr verhinderte am Wachen –:

Dann könnte ich in einem tausendfachen

Gedanken bis an deinen Rand dich denken

und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),

um dich an alles Leben zu verschenken

wie einen Dank.

ICH lebe grad, da das Jahrhundert geht.

Man fühlt den Wind von einem großen Blatt,

das Gott und du und ich beschrieben hat

und das sich hoch in fremden Händen dreht.

Man fühlt den Glanz von einer neuen Seite,

auf der noch Alles werden kann.

Die stillen Kräfte prüfen ihre Breite

und sehn einander dunkel an.

ICH lese es heraus aus deinem Wort,

aus der Geschichte der Gebärden,

mit welchen deine Hände um das Werden

sich ründeten, begrenzend, warm und weise.

Du sagtest laut und leise

und wiederholtest immer wieder:

Doch vor dem ersten Tode kam der Mord.

Da ging ein Riß durch deine reifen Kreise

und ging ein Schrein

und riß die Stimmen fort,

die eben erst sich sammelten

um dich zu sagen,

um dich zu tragen

alles Abgrunds Brücke –

Und was sie seither stammelten,

sind Stücke

deines alten Namens.

Der blasse Abelknabe spricht:

ICH bin nicht. Der Bruder hat mir was getan,

was meine Augen nicht sahn.

Er hat mir das Licht verhängt.

Er hat mein Gesicht verdrängt

mit seinem Gesicht.

Er ist jetzt allein.

Ich denke, er muß noch sein.

Denn ihm tut niemand, wie er mir getan.

Es gingen alle meine Bahn,

kommen alle vor seinen Zorn,

gehen alle an ihm verloren.

Ich glaube, mein großer Bruder wacht

wie ein Gericht.

An mich hat die Nacht gedacht;

an ihn nicht.

DU Dunkelheit, aus der ich stamme,

ich liebe dich mehr als die Flamme,

welche die Welt begrenzt,

indem sie glänzt

für irgend einen Kreis,

aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich:

Gestalten und Flammen, Tiere und mich,

wie sie’s errafft,

Menschen und Mächte –

Und es kann sein: eine große Kraft

rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte.

ICH glaube an Alles noch nie Gesagte.

Ich will meine frömmsten Gefühle befrein.

Was noch keiner zu wollen wagte,

wird mir einmal unwillkürlich sein.

Ist das vermessen, mein Gott, vergieb.

Aber ich will dir damit nur sagen:

Meine beste Kraft soll sein wie ein Trieb,

so ohne Zürnen und ohne Zagen;

so haben dich ja die Kinder lieb.

Mit diesem Hinfluten, mit diesem Münden

in breiten Armen ins offene Meer,

mit dieser wachsenden Wiederkehr

will ich dich bekennen, will ich dich verkünden

wie keiner vorher.

Und ist das Hoffahrt, so laß mich hoffährtig sein

für mein Gebet,

das so ernst und allein

vor deiner wolkigen Stirne steht.

ICH bin auf der Welt zu allein und doch nicht allein genug,

um jede Stunde zu weihn.

Ich bin auf der Welt zu gering und doch nicht klein genug,

um vor dir zu sein wie ein Ding,

dunkel und klug.

Ich will meinen Willen und will meinen Willen begleiten

die Wege zur Tat;

und will in stillen, irgendwie zögernden Zeiten,

wenn etwas naht,

unter den Wissenden sein

oder allein.

Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt,

und will niemals blind sein oder zu alt

um dein schweres schwankendes Bild zu halten.

Ich will mich entfalten.

Nirgends will ich gebogen bleiben,

denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin.

Und ich will meinen Sinn

wahr vor dir. Ich will mich beschreiben

wie ein Bild das ich sah,

lange und nah,

wie ein Wort, das ich begriff,

wie meinen täglichen Krug,

wie meiner Mutter Gesicht,

wie ein Schiff,

das mich trug

durch den tödlichsten Sturm.

DU siehst, ich will viel.

Vielleicht will ich Alles:

das Dunkel jedes unendlichen Falles

und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.

Es leben so viele und wollen nichts,

und sind durch ihres leichten Gerichts

glatte Gefühle gefürstet.

Aber du freust dich jedes Gesichts,

das dient und dürstet.

Du freust dich Aller, die dich gebrauchen

wie ein Gerät.

Noch bist du nicht kalt, und es ist nicht zu spät,

in deine werdenden Tiefen zu tauchen,

wo sich das Leben ruhig verrät.

WIR bauen an dir mit zitternden Händen

und wir türmen Atom auf Atom.

Aber wer kann dich vollenden,

du Dom.

Was ist Rom?

Es zerfällt.

Was ist die Welt?

Sie wird zerschlagen

eh deine Türme Kuppeln tragen,

eh aus Meilen von Mosaik

deine strahlende Stirne stieg.

Aber manchmal im Traum

kann ich deinen Raum

überschaun,

tief vom Beginne

bis zu des Daches goldenem Grate.

Und ich seh: meine Sinne

bilden und baun

die letzten Zierate.

DARAUS, daß Einer dich einmal gewollt hat,

weiß ich, daß wir dich wollen dürfen.

Wenn wir auch alle Tiefen verwürfen:

wenn...


Rilke, Rainer Maria
Rainer Maria Rilke wurde am 4. Dezember 1875 in Prag geboren. Nach dem Abbruch des Studiums lebte er als freier Schriftsteller, reiste nach Florenz und Russland und hielt sich 1900/01 in der Künstlerkolonie Worpswede auf. 1902 trennte sich Rilke von seiner Familie und zog nach Paris, das in seinem unsteten ›Wanderleben‹ zeitweilig sein Hauptwohnsitz war. Dort war er 1905/06 auch Privatsekretär Auguste Rodins. Nach mehrfachen Sanatoriumsaufenthalten starb Rilke am 29. Dezember 1926 in der Klinik Val-Mont am Genfer See. Er gilt als der bedeutendste und einflussreichste deutschsprachige Dichter des frühen 20. Jahrhunderts.

Rainer Maria RilkeRainer Maria Rilke wurde am 4. Dezember 1875 in Prag geboren. Nach dem Abbruch des Studiums lebte er als freier Schriftsteller, reiste nach Florenz und Russland und hielt sich 1900/01 in der Künstlerkolonie Worpswede auf. 1902 trennte sich Rilke von seiner Familie und zog nach Paris, das in seinem unsteten ›Wanderleben‹ zeitweilig sein Hauptwohnsitz war. Dort war er 1905/06 auch Privatsekretär Auguste Rodins. Nach mehrfachen Sanatoriumsaufenthalten starb Rilke am 29. Dezember 1926 in der Klinik Val-Mont am Genfer See. Er gilt als der bedeutendste und einflussreichste deutschsprachige Dichter des frühen 20. Jahrhunderts.



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