E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Rimpl Der Fluch der Goldenen Stadt
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7546-6049-2
Verlag: tolino media
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-7546-6049-2
Verlag: tolino media
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Sascha Rimpl schreibt Science-Fiction, Mystery und allerlei Phantastisches und lebt auf einer Insel mitten im Atlantik. Im Juni 2019 veröffentlichte er seinen Debütroman "Der Fluch der Goldenen Stadt". Zurzeit arbeitet er an seinem nächsten Projekt, einem Mystery-/Endzeitthriller, der 2022 erscheinen wird.
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2 Was geht hier vor?
»Ihr Name ist wohl auch ein gut gehütetes Geheimnis«, witzelte ich, nachdem ein großer Schluck Gin meine Nerven etwas beruhigt hatte.
»Ich heiße Nola.«
Wieder dieser Händedruck, dass sich einem die Nackenhaare aufstellten. Ich sollte mich besser vorsehen.
Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Schmutzig grauer Tabakrauch hing in dichten Schwaden wie Nebel unter der Decke.
Urplötzlich erstarrte sie, wandte sich mir zu. In ihren Augen kam etwas an die Oberfläche, das mich an ein gejagtes Tier denken ließ. Dann krallte sie sich an meinem Hemd fest, zog mich zu sich heran und küsste mich mit hitzigem Ungestüm, so als würde sie es gleich hier und jetzt mit mir treiben wollen.
Es war mir nicht möglich, mich zur Wehr zu setzen. Warum auch? Es gab weitaus Schlimmeres, als eine attraktive Frau zu küssen.
Aus den Augenwinkeln bemerkte ich zwei Gestalten, die die Kneipe betraten. Nichts Außergewöhnliches, das Quarters war eine hoch frequentierte Absteige.
Als unsere Lippen sich nach einer geschätzten Ewigkeit voneinander lösten, fühlte ich mich erschöpft und ausgelaugt. Vermutlich hing diese Unpässlichkeit damit zusammen, dass ich schon seit Längerem keinen näher gehenden Kontakt mehr zum weiblichen Geschlecht gepflegt hatte. Ich kam mir vor wie ein pubertierender Junge. Zögerlich betrachtete ich den Schritt meiner Hose – alles in Ordnung.
Aber hatte ich schon jemals so auf eine Frau reagiert?
Ein tonnenschweres Gewicht drückte meinen Brustkorb nieder, sodass mir das Atmen Probleme bereitete. Außerdem stimmte irgendetwas nicht mit meiner Wahrnehmung. Die Zeit schien eine langsamere Gangart eingeschlagen zu haben. Wie zähflüssiger Brei kroch sie vorwärts. Eine Gefahr lauerte, machte sich bereit, aus einer dunklen Ecke hervorzuschnellen.
Die beiden Männer an der Tür!
Ich sah alles ganz genau, von einer unnatürlichen Ruhe erfasst.
Einer war ein Mensch mit feuerrotem Haar. Er hatte das Sagen, das erkannte ich sofort. Der andere, ein Zhorak, überragte seinen Kompagnon um mindestens zwei Köpfe. Er war schlaksig und klapperdürr. Seine lange Zunge leckte über die lidlosen Augen, um sie zu benetzen.
Gemächlich hob der Zhorak eine mehrläufige Flinte. Ich zählte zehn mattschwarze Rohre, deren Mündungen in unsere Richtung zeigten. Ob die schmächtige Gestalt diese gewaltige Waffe unter Kontrolle halten würde, war eine berechtigte Frage. Aus dieser Entfernung, kaum zwanzig Meter …
Nola packte mich mit einer Hand am Hosenboden und mit der anderen an der Schulter. Mit einer Kraft, die man nie und nimmer in dem zierlichen Frauenkörper vermutet hätte, wuchtete sie mich über die Theke, wo ich auf der anderen Seite auf dem Boden landete. Unverzüglich rappelte ich mich hoch, langte über den Tresen, ergriff Nolas Hände.
Keine Anzeichen von Panik oder Angst in ihren Augen. Nur undurchdringliche Schwärze. Auch ihre Stimme war ruhig und gefasst: »Überlebe das hier. Das ist das Wichtigste. Wir werden uns wiedersehen.« Dann drängender: »Finde die Personen! Der Auftrag hat oberste Priorität.« Jetzt lächelte sie auch noch. »Und es soll dein Schaden nicht sein. Außer du versagst …«
Ich musste unwillkürlich an die Erinnerungen des Bombenlegers denken und wie diese mich im Ernstfall belasten würden. Die Scheiße würde mir bis zu den Ohren reichen und letztendlich über meinem Kopf zusammenschwappen.
Ich zerrte an Nolas Armen, versuchte, sie zu mir herüberzuziehen. Doch all meine Kräfte hatten mich verlassen. Ich fühlte mich so atemlos wie eine Ratte auf dem Grund des Ozeans. Ungeachtet dessen zog ich weiter.
Zu spät!
Das Krachen schnell aufeinanderfolgender Schüsse donnerte durch das Quarters. Ein stotterndes Inferno.
Dem unerbittlichen Selbsterhaltungstrieb nachgebend, ließ ich mich fallen und verschanzte mich hinter der Theke, die massiv genug war, um die todbringenden Projektile aufzuhalten. Mit dumpfem Dröhnen schlugen sie auf der anderen Seite in das Holz und zerfetzten die Regale mit den Spirituosen. Es regnete Glassplitter und diverse alkoholische Getränke. Ich hockte auf dem Boden, eingeigelt, die Hände über dem Kopf. Es waren mehr als zehn Schüsse gewesen. Ein automatischer Nachlademechanismus, dachte ich.
So abrupt, wie es ausgebrochen war, verstummte das Donnerwetter wieder. Ein Augenblick Stille folgte, in dem man eine Küchenschabe hätte furzen hören können.
Dann brach das Chaos los. Ein asynchroner Chor aus Schreien, Heulen, Jammern, Fluchen. Darunter, kaum hörbar, das Stöhnen der Verletzten. Jemand rief, man solle die Jandarmerie verständigen. Ein anderer: »Diese verfluchten Separatisten!«
Ich überlegte, ob ich meine Dienstmarke hervorholen sollte, verwarf diesen Gedanken aber rasch wieder. Neben mir starrte mich der Barkeeper aus schockgeweiteten Augen an. Er saß an den Tresen gelehnt, eine Hand an die blutige Stirn gepresst. Ich zog meinen Revolver. Vorsichtig erhob ich mich und lugte über die Theke. Die für das Gemetzel Verantwortlichen bewegten sich auf die Bar zu.
Ich fasste den Zhorak ins Visier.
Der Rotschopf bemerkte meine Absicht und rief seinem Mordgesellen eine Warnung zu. Doch schien das vorherige Abfeuern der Waffe und der damit verbundene Kraftakt, den Rückstoß auszugleichen, nun Wirkung zu zeigen. Der lange Lulatsch bekam seine Kanone nicht schnell genug hoch.
Ich schoss ihm dreimal in die Brust. Eine weitere Kugel ließ die obere Hälfte seines Kopfes explodieren.
Rotlöckchen war offensichtlich an keiner weiteren Auseinandersetzung interessiert. Er machte auf der Stelle kehrt.
Da man aus Toten keine brauchbaren Informationen herausquetschen konnte, zielte ich auf seine Oberschenkel. Und schoss daneben, genau zwischen den Beinen hindurch.
Ein neuer Versuch. Anstelle des erwarteten Krachens ertönte ein Klicken. Mist! Mit der flachen Hand schlug ich gegen die Trommel.
Ein paar Tage zuvor auf Streife hatte ich einen zentauren Hybriden verfolgt, der eine Shulker Prostituierte nach erbrachter Dienstleistung nicht hatte bezahlen wollen. Der Kerl war tierisch schnell unterwegs gewesen auf seinen vier Hufen, und ich hatte bereits so Einiges intus gehabt. Schlussendlich konnte er mir entkommen, als ich kopfüber von einem Schuppendach in eine Müllgrube stürzte. Dabei hatte sich ein Schuss aus meinem Revolver gelöst. Den Zechpreller hatte ich verloren. Und versäumt nachzuladen …
Fluchend stopfte ich sechs Patronen in die Trommel.
Der Attentäter stieß gerade die Flügeltür des Quarters auf und stürmte nach draußen.
Auf der anderen Seite der Bar erwartete mich ein äußerst unschöner Anblick. Nola lag verrenkt und blutüberströmt auf dem Boden. Mehrere Kugeln hatten ihren Körper durchsiebt. Ihr Gesicht schien unversehrt.
Ich ging in die Hocke, legte aller Logik zuwider meine Hand an ihren Hals. Erstaunlicherweise spürte ich einen Puls, ganz schwach zwar, aber eindeutig steckte noch ein Fünkchen Leben in ihr. Wie konnte das sein?
»Hey, ihr da!«, brüllte ich zwei Frauen an, die angesichts der jüngsten Ereignisse nicht die Nerven verloren zu haben schienen. Zumindest liefen sie nicht kreischend und haareraufend durch die Gegend. »Kümmert euch um die Frau! Sie lebt noch. Holt einen verdammten Heiler!«
Um Nola herum lagen weitere Opfer verstreut. Ein Mann stöhnte und hielt seinen Bauch, aus dem Unmengen an Blut flossen.
Ich sprang auf und hastete zur Tür, raus auf die Straße.
Die wimmelnde Masse aus Vergnügungssüchtigen, Pendlern, Prostituierten, Kriminellen, Estersüchtigen, gewöhnlichen Leuten und allerhand Abschaum, die tagtäglich bis spät in die Nacht durch die Gassen Shulks strömte, war ins Stocken geraten und hatte um den Eingang des Quarters einen Halbkreis gebildet.
»Wo ist er hin?«, schrie ich in die Runde.
Jemand zeigte nach links.
Ich rannte los, quälte mich durch den sich träge dahinwälzenden Schwarm der Passanten, schubste, rempelte und boxte mich durch die Menge in Richtung der Hafenanlagen. Nicht einmal die Tatsache, dass ich einen Revolver in der Hand hielt, konnte die Leute dazu bewegen, mir Platz zu machen. Ich wich auf die Straße aus, zwängte mich zwischen den im Schritttempo fahrenden Kutschen, Rikschas und Dampfmobilen hindurch. Letztendlich kletterte ich auf die Ladefläche eines Transporters und hielt Ausschau nach dem roten Haarschopf.
Vergeblich. Ich hatte dem Mistkerl zu viel Vorsprung gelassen. Wahrscheinlich war er in der Masse untergetaucht oder saß bereits in einem Wagen mehrere Blocks entfernt.
Ich sprang zurück auf die Straße, steckte den Revolver weg und spuckte in den Staub zu meinen Füßen.
Zurück im Quarters erwartete mich die nächste Überraschung: Die sterbende Nola war verschwunden! Ich suchte meine Auftraggeberin unter den Leichen und Verletzten, konnte sie aber nirgends entdecken.
Ein glatzköpfiger Mann in einem fleckigen gelben Mantel zog gerade einem der Schussopfer eine blutgetränkte Decke über den Kopf. Danach wandte der Heiler sich einer Verletzten zu, legte ihr seine blass leuchtenden Hände auf den Bauch.
Ich fasste eine der beiden Frauen, die ich gebeten hatte, die tödlich verwundete Nola zu versorgen, auf die Schulter und riss sie herum.
»Wo ist sie hin?«, blaffte ich und zeigte auf die Stelle, wo Nola gelegen hatte.
»Lassen Sie mich los, dammich!«, sagte sie. »Wen zur Hölle meinen Sie?«
»Die junge Frau, die genau hier niedergeschossen wurde! Ich hatte dir doch gesagt, dass du auf sie aufpassen sollst!«
Achselzucken und ein nachdenklicher, allmählich in Verwirrung übergehender Blick....




