Rinser / Meiser Reinheit und Ekstase
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-561202-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auf der Suche nach der vollkommenen Liebe
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-10-561202-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Luise Rinser, 1911 in Pitzling in Oberbayern geboren, war eine der meistgelesenen und bedeutendsten deutschen Autorinnen nicht nur der Nachkriegszeit. Ihr erstes Buch, ?Die gläsernen Ringe?, erschien 1941 bei S. Fischer. 1946 folgte ?Gefängnistagebuch?, 1948 die Erzählung ?Jan Lobel aus Warschau?. Danach die beiden Nina-Romane ?Mitte des Lebens? und ?Abenteuer der Tugend?. Waches und aktives Interesse an menschlichen Schicksalen wie an politischen Ereignissen prägen vor allem ihre Tagebuchaufzeichnungen. 1981 erschien der erste Band der Autobiographie, ?Den Wolf umarmen?. Spätere Romane: ?Der schwarze Esel? (1974), ?Mirjam? (1983), ?Silberschuld? (1987) und ?Abaelards Liebe? (1991). Der zweite Band der Autobiographie, ?Saturn auf der Sonne?, erschien 1994. Luise Rinser erhielt zahlreiche Preise. Sie ist 2002 in München gestorben.
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Vorwort
Dieses Buch hat nicht den Ehrgeiz, »Literatur« zu sein und großartig Neues, Philosophisches zu sagen. Es will nur das sein, als was es entstanden ist: ein Gespräch zwischen Menschen, die nach dem »Sinn« suchen und wissen, daß dieser Sinn »Liebe« heißt. Das Buch entstand wie von selbst, so wie sich aus Rede und Gegenrede eben ein Gespräch ergibt. Es hat den Vorteil, spontan zu sein, und den Nachteil, daß es sich mit den angesprochenen Themen nicht mit systematischer Gründlichkeit befaßt. Es ist, was es ist: ein Gespräch in Briefen.
Den Anstoß bildete ein Brief von HCM an mich, die doppelt so alte Frau. Der Autor, mir durch einige seiner Bücher bekannt, stellte mir Fragen, da er mich seinerseits aus meinen Büchern kannte. Wir hatten und haben eine gemeinsame Bildungsbasis, er Philosophie, ich Theologie, er hatte (als Protestant) bei den Jesuiten studiert, mein Lehrer war der Jesuit Karl Rahner – eine solide Basis also, die wir freilich beide durch unsere Beschäftigung einerseits mit östlichen, andererseits mit modernsten westlichen Philosophien überstiegen und durchbrochen hatten. Wir sprechen dieselbe Sprache, ja denselben Dialekt (den Münchnerischen), was unseren Gesprächen eine große Unbefangenheit gab, die, als wir uns Briefe schrieben, ein wenig verlorenging, wodurch die Texte manchmal ein wenig zu literarisch wurden, wie es bei Schriftstellern eben nicht anders läuft. Immer aber sprachen wir nicht nur zueinander, sondern zu unseren Zeitgenossen. Wir hatten immer »den Menschen« im Sinn, oft sogar ganz konkrete Menschen, die uns Beispiel waren oder sind für das von uns Gemeinte – und dieses Gemeinte war und ist immer die Liebe. Die Liebe in all ihren Formen und Miß-Formen. Die Liebe als die große Mangelerscheinung in unserer Zeit-Welt. Eigentlich, das stellten wir nach und nach fest, spielten wir die Rolle der Analytiker und Therapeuten für unsere Mitmenschen, die nicht lieben können. Und vor uns stand ein Bild: das vollkommene Paar. Also nicht etwa die vollkommene Frau (wie Männer sie sehen oder wie die Frauen selbst sein möchten) und nicht der vollkommene Mann, nein: das Paar. Wir schrieben und sprachen immer vom Paar, denn nur das Paar ist der ganze Mensch. Wir reden also weder dem Patriarchat das Wort (wer täte das heute, wollte er ernstgenommen werden!), noch dem Matriarchat, und auch nicht dem Feminismus von heute. Wir reden bewußt vom Paar, von einer uralt-neuen Form des Menschseins, in dem das Männliche und das Weibliche, Yang und Yin, ausgewogen, einen ganzen Menschen darstellen.
Genauer noch gesagt: wir reden nicht von dem Manne und nicht von der Frau, sondern von Phänomenen des Menschlichen, von seinen Erscheinungsformen als Weiblichem und Männlichem, von Phänomenen also, die nicht nur dem Menschen zugehören, sondern den ganzen Kosmos durchziehen und formen. Es ist also nicht so, daß das Männliche identisch ist mit dem Manne und das Weibliche mit dem Weib (der Frau). Wir wissen, daß jeder von uns weibliche und männliche Hormone hat, weibliche und männliche (rudimentäre) Geschlechtsorgane, entsprechend weibliche und männliche Wesenszüge, und entsprechend Lebensaufgaben spezifischer Art über Zeugen und Gebären hinaus. Das Männliche im Mann ist der Krieger, der Seefahrer, der Bergdurchschürfer, der Tempelbauer, der Städtegründer, der Staatenführer, der Zerstörer, der Religionsschöpfer, der Angreifer selbstgeschaffener Feinde … Der Mann, der Herr. Die Frau, die Hüterin des Hauses, die (bisher) physisch Schwächere, darum dem Mann Gehörende, die Hörige.
Die Anthropologen, von ihrer eigenen Wissenschaft dazu gezwungen, wissen heute, daß die uralten Mythen der verschiedenen Kulturen stimmen: Im Anfang war das Wort, und das Wort schuf den Menschen, aber zuerst die Frau, die Muttergöttin, die Fruchtbarkeitsgöttin, das weibliche Fruchtwasser, die Meere, aus denen alles Leben kam.
Man kann sich auch an die griechische Mythe des Platon erinnern: Am Anfang war der Mensch (so sieht es auch die hebräisch-mythische Genesis), der , und er wurde gespalten in zwei Hälften, die männliche und die weibliche. Und seither suchen die beiden Hälften, sich wieder zu vereinigen. Der erotisch-sexuelle Akt als Versuch der Vereinigung. Ein Versuch mit Lust und Sehnsuchts-Schmerzen: er gelingt nur für jeweils kurze Zeit. Was bleibt, ist die währende Sehnsucht, die nie gestillte. (Don Juan nicht als Weiberheld, sondern als tragisch Suchender, nach seiner »legalen« Hälfte suchend; sein Fluch: er findet sie nie und wird dadurch böse und zum Mörder.) Einen positiven Anklang finden wir im Text zu Mozarts (freimaurerischer) »Zauberflöte«: »Und Mann und Weib, und Weib und Mann reichen an die Gottheit an …« Animus und anima, Yang und Yin, Weibliches und Männliches auf der Suche nacheinander, nach der Einheit, nach dem »vollkommenen Paar«, entsprechend dem Ur-Paar: Gott und Göttin in Gott-Person. Dies vorläufig gedacht als Ziel der Evolution des Menschen: der geistig-seelische androgyne Mensch.
Darum soll der Mann seine weibliche Seelenhälfte zum Blühen bringen: die Liebe, die Sanftmut, die Barmherzigkeit, das Mitgefühl, den Friedenswillen. Und die Frau, die immer ein wenig voraus ist (man sieht’s an den kleinen Mädchen, die früher laufen und früher sprechen als die gleichaltrigen Buben) soll immer mehr ihren weiblichen Einfluß geltend machen, aber nicht, indem sie patriarchale Muster übernimmt, sondern neue Formen des »demokratischen« Lebens erfinden und durchsetzen soll: Nachbarschaftshilfe aufbauen, Friedensbewegungen unterstützen, den Fremdenhaß ad absurdum führen durch Integration von Ausländern, Religionsstreitigkeiten beilegen helfen – Irland, Iran, Israel-Palästina –, inner-christliche Dissonanzen in ökumenischen Treffen mindern – es gibt viele Aufgaben, die der »weiblichen« Seele entsprechen, viele Impulse, die auf die »männliche« Seele überspringen als Funken, die zum schönen Feuer werden.
Was wir in unseren Briefen aufschrieben, ist nur ein Teil dessen, was wir bei unseren Treffen und abendlichen Telefonaten durchsprachen. Vieles mag in den Ohren konservativer, fundamentalistischer, moralisierender Leser provokativ, ketzerisch klingen. Aber was erschiene nicht »ketzerisch«, was der Zeit um ein Schrittchen vorauseilte?
Vieles auch blieb ungeschrieben und bleibt ungedruckt: all das, was uns zu persönlich erschien, so auch das Wachsen unserer Freundschaft. Denn diese Freundschaft hat selbst eine Geschichte.
Es ist keine Besonderheit, daß mir junge Menschen, Männer und Frauen, lange Briefe schreiben, über ihre Probleme, meist individueller Art, und doch, insgesamt, die allgemeinen Probleme der verunsicherten, skeptischen, heillos pessimistischen Jugend überhaupt. Briefe der Klage, der Anklage gegen Eltern, Vorfahren, Lehrer, »das System«. Oft sind es ur-philosophische Fragen: Wozu lebe ich? Warum lebe ich überhaupt? Wohin führt das alles? …
Ich habe darüber vor Jahren, als Antwort, ein Buch geschrieben mit dem Titel: »Mit wem reden«. Das hieß soviel: Ich möchte mit jemand reden, aber mit wem kann ich denn reden über das, was mich so verzweifelt umtreibt? Ich bin also an Briefe jüngerer Menschen gewöhnt.
Dieser Brief nun war anders. Der Autor war nicht an seinen privaten Problemen, sondern an einer Sache interessiert: an der Geschichte eines Paares, das ein außergewöhnliches war und darum ein außergewöhnliches Liebes-Schicksal hatte, keines, das exemplarisch wäre, und das doch alle Elemente aller unglücklichen Liebesgeschichten zeigt, jener des frühen Mittelalters und aller Zeiten. Abaelard und Heloïse. Der Briefschreiber hatte meinen Roman gelesen, dessen Titel übrigens, anders als die übrigen in 800 Jahren entstandenen Romane über dieses historische Paar, lautet: »Abaelards Liebe«, was ironisch heißt: »So liebt Abaelard«, nämlich auf Kosten der Frau. Eine glücklose Liebe, die dennoch groß und erfüllt war, was meinen Briefschreiber auch zu der Frage trieb, ob die »vollkommenen Paare«, nach denen er suchte, auch zugleich glücklich waren. Er kommt zu dem Schluß, daß das Paar, das von der Literatur 800 Jahre lang als »Hohes Paar« verherrlicht wurde, in Wirklichkeit zwar ein großes Liebespaar war, aber eines, das vor seinem Schicksal versagte. Ein höchst interessantes Paar, gewiß. Beide aus französischem Adel (aus rivalisierenden Familien), beide schön, leidenschaftlich, beide akademisch hoch gebildet (auch die Frau, wie denn damals im frühen Mittelalter einige Aristokratinnen mindestens ebenso gebildet waren wie die Männer).
Was nicht stimmig war, das war der Altersunterschied: Abaelard, Professor an der Pariser Sorbonne, war vierzig, seine Schülerin etwa achtzehn. Sie verliebten sich, das heißt, der Professor (der schon einige erotische Erfahrung hatte) »begehrte« das Mädchen, das sich ihm nach nicht allzu großem Widerstand ergab, mit dem er einen Sohn zeugte, den er aus dem Licht der Öffentlichkeit verschwinden ließ bei Verwandten auf dem Land. Aber warum die Vertuschung des Kindes? Wieso wollte die Frau, daß der Mann weiterlebte, als hätte er weder Frau noch Kind? Weil beiden (beiden!) die Karriere des Mannes wichtiger war. (Ich habe aus der obskuren Geschichte des versteckten Sohnes meinen Roman gemacht, die Liebesgeschichte seiner Eltern von ihm aus gesehen. Eine neue Problemstellung.)
Nun: mein Briefschreiber findet, das Paar habe bei aller (bis zum Tod währenden) Liebe eben vor der Liebe versagt. Und zu dieser seiner Meinung wollte er die meine wissen.
Aus dieser Frage entwickelte sich unser Briefwechsel, der immer neue Aspekte der Liebe ins Spiel brachte....




