E-Book, Deutsch
Riordan Die Sanduhr unserer Liebe
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-19416-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-19416-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
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Kate Riordan lebt in Cheltenham. Sie ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für den Guardian und Time Out.
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ZWEI
Drei Wochen später stand ich auf dem Bahnsteig von Temple Meads, um Bristol zu verlassen. Die Stellung als Gouvernante war mir schriftlich zugesagt worden. Auf dem Bahnhof herrschte reges Treiben. Schnaufende Lokomotiven stießen schrille Pfiffe und zischenden Dampf aus, während ihre blank polierten Kessel angeheizt wurden. Bei dem Getöse war das Stimmengewirr der Reisenden nur noch ein gedämpftes Gemurmel, abgesehen von gelegentlichen Willkommens- oder Abschiedsrufen. Unbeeindruckt von der Geräuschkulisse erhoben sich im Hintergrund die Wände aus rotem Backstein, die über unseren Köpfen mit dem abgerundeten Dach, einem Gebilde aus Eisen und rußverschmiertem Glas, abschlossen.
Für alle anderen Reisenden war der Bahnhof, den Brunel gebaut hatte, ein ganz normaler Ort. Ich aber stand da und nahm alle Eindrücke in mich auf wie ein staunendes Kind. Dabei war ich längst kein Kind mehr. Mittlerweile war ich zweiundzwanzig, genauso alt wie das Jahrhundert. Und obwohl es mir häufig so vorkam, als hätte meine Kindheit am Tag des Eisenbahnunglücks ein jähes Ende gefunden, fühlte ich mich im Gedränge auf dem überfüllten Bahnsteig so weltfremd wie lange nicht mehr.
Bevor ich in den Zug stieg, sah ich mich ein letztes Mal um, als würde ich nie wieder hierher zurückkehren. Ein Gepäckträger, der mein Zögern bemerkt hatte, eilte zu mir, riss mich aus meinen Gedanken und half mir hinauf in den Wagen. Als ich mich bei ihm bedankte, klang meine Stimme heiser, denn vor lauter Aufregung war mein Mund ganz trocken. Das lag nicht nur daran, dass ich alles mir bis dahin Vertraute hinter mir lassen würde, sondern auch, dass ich seit 1910 nicht mehr mit der Eisenbahn hatte fahren dürfen.
Bei den wenigen Tagesreisen, die meine Großmutter in den Jahren seit dem Zugunglück mit mir unternommen hatte – an die Küste nach Weston-super-Mare und einmal nach Bath –, hatte sie stets darauf bestanden, mit einer Reisekutsche zu fahren. So schien mir diese Zugfahrt, die ich ganz allein antreten sollte, das Schicksal geradezu herauszufordern. Die Tatsache, dass meine Großmutter sich darüber keinerlei Sorgen machte, beruhigte mich nicht sonderlich.
»Du bist dazu bestimmt, nach Fenix House zu gehen. Das weißt du doch«, hatte sie in der Woche vor meiner Abreise zum wiederholten Mal gesagt. Ich hatte kaum glauben können, dass sie mir eine Zugfahrkarte gekauft hatte. »Bei unseren Ausflügen hätte ich es niemals darauf ankommen lassen, aber auf dem Weg nach Fenix House wird dir nichts passieren. Glaub mir, Grace! Es soll so sein. Das habe ich vorausgesehen.«
Doch die Überzeugungskraft meiner Großmutter konnte mir das flaue Gefühl im Magen nicht nehmen, als der Zug aus dem Bahnhof rollte. In den vergangenen Wochen hatte ich mir einzureden versucht, von zu Hause wegzugehen sei nun einmal das, was man mit zweiundzwanzig Jahren für gewöhnlich tat, und dass ich, wenn ich es noch länger hinauszögerte, wohl niemals den Absprung schaffen würde. Aber nun, als mich der Zug immer weiter von meiner vertrauten Umgebung fortbrachte, fragte ich mich, ob ich nicht einen furchtbaren Fehler gemacht hatte. Während meine Mitreisenden schon längst durch das eintönige Rattern eingeschlafen waren, regten sich in mir immer mehr Zweifel. Ich hatte auch keinen Appetit auf die Sandwiches, die meine Großmutter mir morgens eingepackt hatte, aber ich aß sie trotzdem – voller Heimweh und mit schlechtem Gewissen, weil ich beim Abschied so abweisend zu ihr gewesen war.
Ich hatte gerade den letzten Bissen heruntergeschluckt, da fuhr der Zug auch schon den letzten Halt an. Gloucester mit der Kathedrale aus Kalkstein, die sich erhob wie ein Schiff aus seichtem Wasser, lag bereits hinter uns. Am nächsten Bahnhof musste ich aussteigen: Cheltenham Spa. Da mich niemand abholen würde, sollte ich mit dem Bus oder einem Taxi weiterfahren. In jedem Fall würde man mir das Fahrgeld erstatten. So stand es jedenfalls in dem Brief, den meine Großmutter mir morgens noch in die Handtasche gesteckt hatte. Ich entschied mich für Letzteres, um wenigstens auf der letzten Etappe meiner Reise ein Weilchen allein sein zu können.
An einen Ort zu kommen, den man in Gedanken schon so oft vor sich gesehen hat, ist sonderbar – wie ein wiederkehrender Traum, dessen Details doch nicht ganz dieselben sind, in dem alles so vertraut und doch leicht verzerrt ist. Die Kuppen der Hügel kamen genau dort in Sicht, wo ich sie erwartet hatte, und die Straße führte ebenso steil bergauf, wie ich vermutet hatte. Aber die Bäume auf der linken Seite, die, wie ich wusste, Kalksteinfelsen verdeckten, kamen mir viel bedrohlicher vor als in meiner Vorstellung.
Das Tor am Ende der kurzen, steilen Auffahrt sah äußerst mitgenommen aus. Ein Flügel hing schief in den Angeln und steckte auf einer Seite im Kiesweg fest. Der andere stand eine Handbreit offen und schlug im Wind hin und her. Dichte Azaleen umwucherten das Tor, und es wirkte, als wären sie kurz davor, es voll und ganz zu erobern. Aber als ich genauer hinsah, stellte ich fest, dass der Strauch innen schon abgestorben war – ein endlos tiefes, dunkles Nichts. Wieder wurde mir flau im Magen. So etwas hatte ich nicht erwartet.
Der Chauffeur wollte die Auffahrt nicht weiter hinauffahren, und ich bestand auch nicht darauf. Wie ich nach dem Aussteigen bemerkt hatte, hatte das Gestrüpp bereits Kratzer an den Türen des Gefährts hinterlassen, und ich fürchtete, er würde verlangen, dass ich für den Schaden aufkam. Er band meinen Koffer los und ließ ihn nachlässig auf den nassen Boden fallen.
Die Ziegelsteine in der Auffahrt waren einst im Fischgrätenmuster verlegt worden, mittlerweile aber so tief im Schlamm versunken, dass sie kaum noch zu erkennen waren. Ob durch Vernachlässigung, den Zahn der Zeit oder beides – jeder zweite Stein hatte Risse oder sich durch das darunter wuchernde Unkraut gelockert. Der Chauffeur hatte Mühe, das Automobil zu wenden, weil die Räder auf dem rutschigen Boden immer wieder durchdrehten. Aber schließlich schaffte er es. Die Autodroschke rollte wieder hinunter zur Straße und ließ mich allein zurück.
Hier oben war der Wind um einiges stürmischer als unten in Cheltenham. Er fegte durch die knarrenden Äste der Bäume und wehte mir fast den Hut vom Kopf. Die Böen zerrten an dem offenen Torflügel, der ein so menschlich klingendes Ächzen von sich gab, dass ich zögernd davor stehen blieb.
Schließlich griff ich nach dem alten eisernen Riegel, der sich trotz meiner Handschuhe eiskalt anfühlte. Genau hier musste auch meine Großmutter vor fünfzig Jahren gestanden haben.
Lange war Fenix House für mich nichts weiter gewesen als der Handlungsort einer Geschichte – unberührt vom Verstreichen der Zeit schien es darauf zu warten, dass meine Großmutter und ich beschlossen, dorthin zurückzukehren. Erst in diesem Moment wurde mir vollends bewusst, dass das Haus die ganze Zeit über dort gestanden hatte, heruntergekommen wie alle Gebäude, die dem Lauf der Zeit und der Natur überlassen werden.
Den Garten konnte man hinter den riesigen Azaleen kaum erkennen. Ich erspähte allerdings ein paar Lorbeerbüsche und Tannen, so hoch, dass sogar das Haus davor klein erschien. Die Lorbeerbüsche schüttelten ihre Blätter und die Tannen senkten ihre Kronen. Ich wusste, es war nur der Wind, aber es kam mir vor, als richtete sich ihr Zorn gegen die Menschen, die den einst so prächtigen Garten derart hatten verkommen lassen.
Auch die Kutscheneinfahrt, von der ich nur einen Ausschnitt sah, bot einen erbarmungswürdigen Anblick: Zwischen den spärlich verteilten Kieselsteinen wuchsen Gras und Unkraut, und der Boden schimmerte hindurch, sodass man sich an einen abgetretenen Flickenteppich erinnert fühlte. Zweifelsohne war der Kies einmal gleichmäßig verteilt und ordentlich geharkt gewesen, aber nun schien er noch unebener als die Ziegelsteine in der Auffahrt, auf der ich stand.
Dahinter stand das Haus. Das Haus, von dem ich schon so viel gehört hatte und von dem ich gehofft hatte, es wäre mir in dieser ungewohnten Situation vertraut wie ein alter Freund. In Wahrheit hatte ich Fenix House nämlich schon erspäht, noch bevor mein Blick auf die Lorbeerbüsche, die Tannen und den ungepflegten Kiesweg gefallen war. Doch ich hatte sofort den Kopf abgewandt – wie vor einem Fremden, der entstellt ist und den man nicht anstarren möchte. Nun musste ich mich überwinden, um mir das Haus genauer anzusehen.
Natürlich war es nicht völlig verfallen. Dach und Fenster waren intakt, und es war auch nicht so, dass Mauern und Schornsteine in sich zusammengestürzt wären. Doch was ich da vor mir sah, war fast noch schlimmer. Dem Verfall preisgegeben und in einem Zustand zwischen morbider Eleganz und Baufälligkeit ließ sich noch erahnen – und umso mehr bedauern –, welchen Charme das Gebäude mit seiner eigenwilligen Schönheit einst verströmt haben musste. An einigen Stellen waren die Mauern schwarz angelaufen, an anderen hatten die verrosteten Schellen der undichten Regenrinnen bräunlich feuchte Flecken hinterlassen. Von der Brüstung vor der Eingangstür war eine Steinkugel herausgebrochen. Wie ein abgeschlagener Kopf lag sie noch dort, wo sie hingefallen war. Und in den brüchigen Stufen, die zum Eingang hinaufführten, klafften tiefe Risse wie offene Wunden.
Aber noch etwas stimmte hier nicht. Und das betraf nicht allein den Zustand des Hauses, sondern auch dessen Ausmaße. Die Architektur kam mir zum Teil bekannt vor – die Giebel, die Ecktürme, die sonderbare Mischung verschiedener Stilrichtungen –, aber ich hatte gedacht, das Haus wäre größer. Ich hatte ein richtiges Herrenhaus erwartet, ein Gebäude mit...




