E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Ripper Karlo geht von Bord
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-9815155-0-3
Verlag: Verlag Vogelfrei
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karlo Kölners fünfter Fall
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-9815155-0-3
Verlag: Verlag Vogelfrei
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Ripper, Jahrgang 1954, ist selbstständiger Werbefachmann, Fotograf und Gitarrist bei einer Frankfurter Rockband. Außerdem ist er begeisterter Motorradfahrer. Er lebt in Langenbieber in der Rhön und in Frankfurt am Main
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Jeannette trat durch das Hoftor auf die Mittelseestraße und wandte sich nach links. Sie blieb stehen, warf noch einen flüchtigen Blick auf die schmuddeligen Kneipenfenster, die ein diffuses Licht in den Hof entließen, dann trottete sie langsam und nachdenklich los. Es dauerte nicht lange und sie hatte die paar hundert Meter bis zu ihrer Wohnung zurückgelegt. Als sie die Haustür öffnete und ins Treppenhaus trat, verzog sie ärgerlich das Gesicht. Es war doch immer das Gleiche. Das Skateboard von Niklas, dem kleinen Mistkerl, stand schon wieder mitten im Weg herum. Kürzlich hatte sie sich beinahe auf den Hintern gesetzt. Unwillig schüttelte sie den Kopf und wollte weitergehen. Urplötzlich kroch ihr eine Gänsehaut den Nacken empor.
Da war auf einmal noch etwas anderes.
Ohne sich umzudrehen spürte sie die Gegenwart des Fremden. Die Klinke der abrupt aufgestoßenen Tür bohrte sich schmerzhaft in ihren Rücken. Sie stolperte einen Schritt vorwärts, ihr Schlüsselbund glitt ihr aus der Hand und fiel zu Boden. Ein kräftiger Arm legte sich um ihren Hals und nahm ihr die Luft. Als sie die Stimme wiedererkannte, erfasste sie die nackte Angst.
Der Fremde sprach leise, ganz leise und betont sanft. Der behutsame Ton bildete einen beängstigenden Kontrast zu dem brutalen Griff.
"Also zu dir? Auch gut. Du hast bloß vergessen, mich mitzunehmen, das war gar nicht nett von dir. Aber jetzt ist ja alles gut. Jetzt bin ich bei dir."
Die Stimme war etwas lauter geworden, klang nun ölig, ihr erregtes Vibrato mündete in einem hundsgemeinen Unterton.
Jeannette wand sich verzweifelt in dem fester werdenden Griff des Mannes, der sich nun dicht an sie presste. Sie spürte, wie er seinen Unterkörper rhythmisch an ihrer Hüfte rieb. Feuchte Lippen krochen wie zwei schleimige Schnecken langsam über ihren Hals. Jeannette fühlte, wie sich seine Zunge entlang ihres Haaransatzes bewegte. An ihrem Ohr hielt sie inne. Er stöhnte ihr erregt in die Ohrmuschel. Seine nasse Zunge kroch am äußeren Rand ihres Ohres entlang und hinterließ eine kalte feuchte Spur. Panik erfasste Karlos Freundin. Sie drehte den Kopf ruckartig nach rechts und schnappte nach seiner Nase. Der verdutzte Angreifer spürte, wie sich ihre Zähne in sein Riechorgan gruben. Jeannette biss kräftig zu.
"Auuuuu", jaulte der Fremde auf, "du blonde Dreckschlampe, wart nur, ich werd's dir geben, du verdammte kleine Hure."
Sein Griff lockerte sich. Mit einer heftigen Bewegung schaffte sie es, sich aus der Umklammerung zu lösen und stolperte hastig Richtung Treppe. Augenblicklich war er wieder hinter ihr. Sie verkrampfte sich und erwartete, dass er abermals versuchen würde, sie festzuhalten, da hörte sie ein scharfes Rasseln, das von vier kleinen Rädern verursacht wurde.
"Aaah, verdammt ..."
Ein dumpfer Aufprall folgte, etwas rollte ihr mit Schwung in die Hacken.
Das Skateboard. Danke, Niklas!
Der widerliche Kerl indes stand schnell wieder auf den Beinen und steuerte erneut auf sie zu.
Von diesem Moment an handelte Jeannette automatisch. Sie bückte sich, griff nach dem Rollbrett und packte es fest mit beiden Händen. Dann schloss sie ihre Augen und schlug nach Leibeskräften zu. Als sie die Augen wieder öffnete, stand der Kerl leicht schwankend vor ihr. Ein ungläubiger, erstaunter Blick traf sie, als sie in sein Gesicht sah. Aus seiner Nase rann ein dünner Blutfaden und bahnte sich einen Weg um den Mundwinkel in Richtung seiner Kinnspitze. Jeannette bemerkte mit Schrecken, wie sein Erstaunen in rasende Wut umschlug. In panischer Angst setzte sie nach und schlug erneut zu.
Und wieder. Und wieder. Und wieder. Und noch ein letztes Mal.
Nun stand der Kerl nicht mehr.
Jeannette atmete schwer. Ihre langen blonden Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Sie lenkte einen verängstigten Blick auf das blutverschmierte Skateboard in ihren zitternden Händen. Sie würde es reinigen müssen, so konnte sie es nicht liegenlassen, dachte sie verzweifelt. Das Treppenhauslicht erlosch. In der plötzlichen Dunkelheit fühlte sie staunend, wie sich ihre Nerven beruhigten.
Verwundert über ihre plötzliche Gelassenheit stieg sie über den reglosen Mann und drückte den Lichtschalter. Dann suchte sie die Haustürschlüssel, die ihr während des Angriffs zu Boden gefallen waren. Sie fand ihren Schlüsselbund in einer kleinen Blutlache. Mit spitzen Fingern nahm sie ihn an sich, klemmte sich das Skateboard unter den Arm und stieg wie in Trance die Treppe hinauf.
In der Wohnung angekommen legte sie das beschmutzte Rollbrett in die Badewanne, wusch sich die Hände und zog ihre blutbefleckte Bluse aus. Sie griff sich ein altes T-Shirt, das über dem Badewannenrand hing und streifte es über, verließ das Bad wieder, ging in die Küche und setzte sich mit einem tiefen Seufzer an den Küchentisch.
Jeannette saß wie betäubt in der Küche. Schließlich stieg sie fröstelnd in die Duschkabine und schrubbte sich unter dem heißen Wasser, als könne sie das Geschehene einfach von sich abwaschen.
Nachdem sie die Dusche verlassen, sich abgetrocknet und ihre Haare gefönt hatte, fiel ihr Blick auf die Holzkiste mit Wein, die sie für ihren Bekannten Uwe Marks in Empfang genommen hatte. Er hatte diese Lieferung an sie schicken lassen, da er beruflich unterwegs war.
Ein guter Schluck Wein, das wäre jetzt gut. Das würde helfen, dachte Jeannette. Ihre eigenen Vorräte waren jedoch dummerweise ausgetrunken.
Sie lächelte bitter, als ihr ein Sinnspruch aus Wilhelm Buschs Frommer Helene in den Sinn kam: "Es ist ein Brauch von alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör". Busch hatte eigentlich recht. Nur fehlte ihr momentan der Likör.
Wieder fiel ihr Blick auf die Weinkiste. Sie war Jeannette Müller und nicht die fromme Helene. Uwe würde ihr bestimmt verzeihen, wenn sie sich ein Fläschchen davon gewissermaßen "auslieh". Vor allem, wenn sie ihm den seelischen Zustand beschreiben würde, die den Genuss einer guten Flasche geradezu unabdingbar gemacht hatte.
Einen Moment zögerte sie noch, dann verdrängte sie das schlechte Gewissen, öffnete die Kiste und entnahm ihr eine Flasche.
Ohne wirkliches Interesse nahm sie das Etikett in Augenschein. Chateau Haut Brion stand da relativ unauffällig, das sagte ihr gar nichts. Und dann, unter der Jahrgangsangabe 1990, noch die Bezeichnung: Premier Grand Cru Classée.
"Meine Güte", dachte Jeannette, als sie weiterlas. Was hatte sich Uwe da andrehen lassen. Jahrgang 1990. Letztes Jahrhundert. Hoffentlich war diese alte Brühe überhaupt noch genießbar.
Als sie die Flasche geöffnet und das erste Glas eingeschenkt hatte, setzte sie das kleine Radiogerät in Betrieb, das am Küchenfester stand. Sie nippte vorsichtig, im Falle der Wein schon ein essigartiges Geschmackserlebnis für sie bereithalten sollte. Doch der Wein war in Ordnung, befand sie überrascht. Und nicht nur das: Er schmeckte ihr sehr gut. Eine Woge dichter, warmer Würze rollte ihr über die Zunge. Das schien mehr als der benötigte Seelentröster zu sein, vermutete sie erschrocken.
Das schlechte Gewissen wuchs.
Nach dem dritten Glas kamen andere, bessere Gedanken und sie fühlte ihre Beklemmung weichen. Die Dire Straits spielten Sultans of Swing, ein Lied, das sie sehr mochte. Gerade als Mark Knopfler das zweite Gitarrensolo begann, wurde - wie eigentlich immer - der Song ausgeblendet. Ein weiterer Schatten fiel auf Jeannettes Laune. Sie hatte keine große Ahnung von Musik, doch gefiel ihr die Leichtigkeit des Spiels, das sie musikalisch nicht überforderte. Uwe Marks, ein großer Bluesliebhaber und -kenner, von seinen Freunden zuweilen "Platten-Uwe" genannt, hatte die Musik
der Band um Mark Knopfler einmal etwas abschätzig als "Plätscher-Rock" bezeichnet. Doch auch er konnte sich dem locker perlenden, technisch versierten Gitarrenspiel Knopflers nicht vollständig entziehen. Das schöne Solo wurde also vorzeitig beendet und zu allem Übel quoll nun auch noch ein aufdringlicher Werbespot aus dem kleinen Lautsprecher. Dieser pries in biederster schwäbischer Mundart die angeblich verdauungsfördernde Wirkung einer bestimmten Müslimarke auf den Darm eines hartleibigen Schwaben namens "Karle". Jeannette wurde es schlecht.
Und das ungute Gefühl war wieder da.
Was geschehen war, war geschehen. Sie dachte verstört an das viele Blut. Der Mann hatte keinen Mucks mehr von sich gegeben.
Habe ich ihn umgebracht?
Unvermittelt formte sich diese bedrückende Frage. Die Wirkung des Weins schien wieder nachzulassen. Ein fiebriger Zustand ergriff sie. Was sollte sie tun? Hätte sie sofort einen Krankenwagen rufen müssen? Schließlich war sie das Opfer. Sie hatte sich doch bloß gewehrt.
Oder?




