E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Ripper Killerküsse und Karossen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-9815155-9-6
Verlag: Verlag Vogelfrei
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Karlo Kölners elfter Fall
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-9815155-9-6
Verlag: Verlag Vogelfrei
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Peter Ripper, Jahrgang 1954, ist selbstständiger Werbefachmann, Gitarrist bei einer Frankfurter Rockband und begeisterter Motorradfahrer und Fotograf. Er lebt in Langenbieber in der Rhön und in Frankfurt am Main.
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Die Morgenluft erwies sich als überraschend kühl. Der alte Herr Birngruber schlug fröstelnd den Mantelkragen hoch, als er die Baumertstraße entlanglief. Er zog den Tragegurt der Einkaufstasche über seiner Schulter wieder zurecht, schaute prüfend nach dem Verkehr und überquerte die Straße. Nach einigen Metern bog er in die Pfortenstraße ein. Kurz vor dem Supermarkt stolperte er und geriet ins Straucheln.
„Verflixt nochmal“, fluchte er erschrocken.
Er ruderte wild mit den Armen, die Tasche rutschte ihm von der Schulter und fiel zu Boden. Ein instinktiver Schritt nach vorn bewahrte den Rentner vor einem Sturz.
„Verdammter Bockmist!“, bekräftigte er seinen Fluch und hielt sich sein verdrehtes Knie.
Schon wieder diese verflixten Stufen!
Wütend betrachtete er seine angestoßene Schuhspitze. Vor einigen Wochen bereits hatte er sein bestes Paar Schuhe an dieser vermaledeiten Stelle ruiniert.
Man hatte hier aus unerfindlichen Gründen versucht, die Steigung des Gehwegs mit zwei Stufen auszugleichen. Technisch betrachtet ein Erfolg, waren die Stufen für Rollstuhlfahrer und ältere Leute ein Ärgernis.
Birngruber schalt sich einen senilen alten Tattergreis, weil er wieder nicht an die Stufen gedacht hatte. Er drehte sich um und streifte die Stolperfalle mit einem grimmigen Blick. Dann marschierte er, mit schmerzendem Knie und verdrossen vor sich hin grantelnd, weiter Richtung Supermarkt.
Die gläserne Schiebetür des direkt neben dem 7. Polizeirevier gelegenen Marktes öffnete sich. Ein Schwall warmer abgestandener Luft quoll Birngruber entgegen, als er den Vorraum betrat. Der alte Herr blies die Backen auf, rümpfte die Nase und wühlte in der Einkaufstasche nach der Geldbörse. Seit die Filiale seiner Bank in Alt-Fechenheim geschlossen hatte, war der Geldautomat im Eingangsbereich des Marktes die einzige ortsnahe Verbindung zu seinem Guthaben. Wenn gerade eines vorhanden war.
Nach der Filialschließung hatte Birngruber überlegt, seine wenigen Bankgeschäfte online zu erledigen. Er wusste durchaus mit einem Computer umzugehen. Was ihn störte, war die Unsicherheit des elektronischen Zahlungsverkehrs.
Er war nicht weit über siebzig Jahre alt geworden, um sein Geld an dubiose Hacker-Freaks oder anderes Gesindel zu verlieren. Viel war es ohnehin nicht, was monatlich auf sein Girokonto überwiesen wurde. Seine kleine Buchhandlung im Frankfurter Norden hatte er schon vor vielen Jahren wegen sinkender Umsätze schließen müssen. Anschließend war er kurze Zeit als Angestellter im Laden eines großen Filialisten in der Innenstadt beschäftigt gewesen. Dann kam die Arbeitslosigkeit, und sein Rentenniveau war in den Keller abgerutscht.
Der Geldautomat saugte die EC-Karte ein, und Birngruber tippte die Geheimnummer und den gewünschten Geldbetrag in die Tastatur. Nervös blickte er über die Schulter, als sich die Tür wieder öffnete. Laut lachend betraten zwei junge Burschen hinter ihm den Vorraum. Birngruber verzog den Mund und rückte noch einige Zentimeter näher an den Automaten, um das kleine Display vor neugierigen Blicken abzuschirmen. Misstrauisch schaute er den beiden nach, wie sie den Verkaufsraum betraten.
Sein Kopf flog erschrocken herum, als die Maschine mit surrenden Geräuschen die angeforderten Geldscheine abzählte. Ein dezentes Klackern begleitete die Herausgabe der gewünschten Banknoten.
Nach einem weiteren argwöhnischen Rundumblick stopfte er tausend Euro in Fünfzigern in seine Brieftasche. Das musste ihm einige Wochen reichen.
Über die beiden Männer, die einige Schritte vor dem Markteingang standen und ihn verstohlen beobachteten, machte sich Birngruber keine weiteren Gedanken. Er hatte sie schlichtweg übersehen.
Zufrieden schlenderte er in den Supermarkt. Er nahm sich einen Einkaufswagen, zog seinen Merkzettel hervor, schaute prüfend darauf und begann, das Angebot von Obst und Gemüse zu begutachten.
Er lud einige Artikel in den Wagen und ging weiter zum nächsten Gang. Sein Blick schweifte unschlüssig die Regale entlang, als ihm ein Mann ins Auge fiel. Er stand in gebückter Haltung vor dem Süßwarenregal und hielt einen Karton mit Schaumküssen in den Händen, drehte ihn, studierte konzentriert den Text auf der Rückseite und stellte ihn zurück ins Regal. Dann zog er den darunter befindlichen Karton aus dem Regal, fummelte daran herum und verfuhr damit wie mit dem ersten.
Birngruber schob den Einkaufszettel gedankenverloren zurück in die Manteltasche und rieb sich grübelnd das Kinn. Was in aller Welt war an dieser Szenerie so ungewöhnlich? War es der voluminöse dunkle Schnurrbart des Mannes, der irgendwie aus der Zeit gefallen wirkte? War es die rötlich gefärbte Sonnenbrille auf der großen Nase? Vielleicht aber auch dieses lächerliche rote Baseballkäppi?
Oder handelte es sich etwa – um einen Dieb? Versuchte der Mann etwas zu stehlen?
Birngruber fischte sein Handy aus der Manteltasche und schaltete die Kamerafunktion ein. Als er den Mann auf dem Bildschirm hatte, zitterten seine Hände. Die Aufregung trieb seinen Blutdruck in die Höhe.
Nun stand der Mann mit dem Rücken zu ihm, und es hatte wenig Zweck, ihn zu fotografieren. Wenige Momente später drehte sich der Mann um.
Birngruber löste aus. Um nicht aufzufallen, hielt er das Handy ans Ohr und simulierte ein Gespräch.
Mit einem Mal schämte er sich.
„So ein Quatsch“, brummelte er.
Ein erwachsener Mann stiehlt Süßwaren? Blödsinn. Und außerdem: Was hatte er damit zu tun?
Vielleicht war es ein Mitarbeiter, der das Verfalldatum der Produkte überprüfte.
Der alte Herr schaute sich ratlos um, dann lud er noch eine Packung geschnittenes Brot in seinen Wagen.
Als er wieder in Richtung Süßwarenregal sah, war der Mann verschwunden. Birngruber schüttelte den Kopf. Nein, dachte er, er fing wohl langsam an zu fantasieren. Er steckte sein Handy ein und ging weiter.
Doch die Schaumküsse – die ließen ihn nicht los. Unwillkürlich leckte er sich die Lippen und schob den Wagen Richtung Süßwaren. Vor dem Regal angelangt, blieb er unsicher stehen.
, dachte er, . Das musste zu der Zeit gewesen sein, als das Wort noch nicht verpönt war und auf der schwarzen Liste stand.
Urplötzlich erfasste ihn eine kolossale Begierde auf die süße Spezialität. Wie ferngesteuert griff er zu und lud sich mit verlegenem Schmunzeln drei Pakete in den Einkaufswagen.
„Man gönnt sich ja sonst nichts“, murmelte er und spickte wieder auf seine Einkaufsliste.
Vor seiner Haustür fast am Ende der Fachfeldstraße angekommen, stellte Birngruber ächzend die schwer beladene Einkaufstasche ab. Der schmale Tragegurt hatte ihm auf den letzten Metern unangenehm in seine rechte Schulter geschnitten.
Schrill quietschende Reifen ließen ihn erschrocken herumfahren. Ein lautes Krachen folgte, das Splittern von Glas verursachte eine Gänsehaut auf Birngrubers Rücken.
Er riss die Augen auf. Ein rostzerfressener Toyota hatte das Heck eines mindestens ebenso klapprigen VW Jetta gerammt.
Einige Sekunden herrschte völlige Stille.
Dann wurden die Fahrertüren aufgestoßen. Zwei aufgebrachte Männer schossen aus den Fahrzeugen und gingen wutentbrannt aufeinander los.
„Haben Sie keine Augen im Kopf?“, brüllte ein vierschrötiger Kerl, dessen knallroter Kopf aus einem hochgeschlossenen schwarzen Lederblouson hervorleuchtete.
„Ich hatte gebremst, Sie Volltrottel! Da sieht man zwei Lichter hinten am Wagen, falls Sie es noch nicht wussten. Die Lichter in Ihrem Hirn hingegen sind schon lange ausgefallen.“
Die Augen seines Kontrahenten verengten sich zu Schlitzen. Sein Mund verzog sich verächtlich. Das schmale Gesicht mit der langen Nase und dem fliehenden Kinn verlieh ihm das Aussehen einer Ratte.
„Verzeihung. Tut mir ja so leid. Ich ahnte nicht, dass Ihre Antiquität überhaupt Bremslichter hat“, blaffte er zurück. „Ich war überzeugt, bei Ihrem Modell funktioniert das mit Rauchzeichen.“
„Das ist ein Oldtimer, Sie Blödmann“, kam prompt die Belehrung. Der stämmige Mann tätschelte das Heck des elfenbeinfarbenen Gefährts liebevoll. „Ein technisch hochwertiger Oldtimer, kein Lagerfeuer.“
„Lagerfeuer?“, quäkte die Ratte giftig zurück. „Da würde die Schaukel aber draufgehören. Halten Sie doch einfach ein Streichholz dran. Oder, noch besser,...




