E-Book, Deutsch, 150 Seiten
Ritter Hoffentlich regnet es zu Hause
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95791-113-1
Verlag: Unsichtbar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wenn Deutsche Urlaub machen
E-Book, Deutsch, 150 Seiten
ISBN: 978-3-95791-113-1
Verlag: Unsichtbar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Christian Ritter (Jahrgang 1983) lebt als freischaffender Autor in Berlin und ist außerdem viel unterwegs, als ständiger Vorleser seiner eigenen Geschichten im deutschsprachigen Raum, gelegentlich auch einfach privat auf der ganzen Welt. Er veranstaltet und moderiert Poetry Slams sowie andere Literaturveranstaltungen und ist Teil der Berliner Lesebühne »Zentralkomitee Deluxe«. Ritter war bayerischer Meister und deutschsprachiger Vizemeister im Poetry Slam, hat zwei Romane (zuletzt »Die sanfte Entführung des Potsdamer Strumpfträgers« im Heyne-Verlag) und mit diesem Buch nun sieben Kurzgeschichtensammlungen veröffentlicht und bestückt zudem seinen Podcast »Rittergeschichten« regelmäßig mit neuen Texten.
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MEIN FREUND, DIE FRAU
Ich habe ein für einen schwulen Mann recht außergewöhnliches Problem. Der Mann, mit dem ich zusammenlebe, hat einen Frauennamen. Die Erklärung dafür ist recht unspektakulär. Er ist Italiener. Da heißen Männer gelegentlich so, wie in Deutschland Frauen heißen. Andrea, Kim, Hannelore. So heißen die da. Mit einem von denen bin ich zusammen. Und natürlich hab ich ihm bei unserer allerersten Begegnung gesagt: »Andrea … du weißt schon, dass das ’n Frauenname ist?« Und er hat mich mit seinem Blick getötet, in den ich mich verliebt habe.
Jetzt leben wir, und er vor allem, einfach damit und mit den dazugehörigen Komplikationen. Mit der ständigen Konfusion bei jedem Behördengang, jeder Ausweiskontrolle, sämtlicher schriftlicher Kommunikation. Alle Briefe, die er bekommt, sind adressiert mit »Frau Andrea Hmhmhm«. Weil, ich vermute das nur, irgendwo im Hintergrund eine Person sitzt (vielleicht ist es immer dieselbe, ich weiß es nicht), die denkt, dass sie es vielleicht ein bisschen besser weiß als ihr unsichtbares Gegenüber, die ein Formular auf den Tisch bekommt, sich das anschaut und dann entscheidet: »Aaah, da hat so eine Andrea mal wieder angekreuzt. Kleines Dummerchen. Na ja, korrigieren wir das mal. Andrea ist natürlich immer eine Frau … Spätestens jetzt.« ENTER.
Und diese Vorstellung verwirrt mich. Die Vorstellung, dass andere davon ausgehen könnten, ich könnte tatsächlich mit einer Frau zusammen sein, verwirrt mich. Wofür hab ich denn jahrelang gekämpft und mir bunte Klamotten angezogen und versucht, die Akzeptanz voranzutreiben, indem ich mich auch mal für eine Weile völlig unnötig und übertrieben als »Guten Tag, Christian Ritter, homosexuell« vorgestellt habe? Um zu normalisieren! Eigentlich genau dafür, dass wir dort angekommen sind, wo wir jetzt stehen. Dafür, dass mir Leute ins Gesicht sagen können »Schwulsein ist ja auch ’n bisschen übern Zenit, ne? Bisschen langweilig geworden, bisschen gewöhnlich. Nicht mehr so richtig angesagt. Wenn de heutzutage noch was Besonderes sein willst, musst du dich schon ’n bisschen mehr anstrengen, da gibt’s wirklich Aufregenderes. Ich persönlich bin ja sapio-objektsexuell und fühle mich nur von sehr intelligenten Gegenständen angezogen. Ich lebe in einer polyamoren Beziehung mit drei iPhones, zwei Alexas und einem Kopfkissen aus Memory-Schaum.«
Aber zurück zum Thema, meinem Freund. Eine Situation im Speziellen tritt immer wieder auf. Wir haben ein Hotelzimmer gebucht, unsere Namen sind also bekannt, wir als Person noch nicht, und dann stehen wir plötzlich da, in irgendeiner Garni-Pension in Göttingen an der Rezeption. Und auf geht’s:
| Er: | »Jetzt, wo ich Sie so sehe, ähm, also irgendwas stimmt da nicht.« |
| Ich: | »Warum? Was stimmt denn nicht?« |
| Er: | »Andrea. Das ist doch ein Frauenname.« |
| Ich: | »Ja, das wissen wir.« |
| Er: | »Aber Sie sind zwei Männer.« |
| Ich: | »Das ist uns auch schon aufgefallen.« |
| Er: | »Aber ich dachte, Sie seien Mann und Frau!« |
| Ich: | »Ich respektiere Ihre Gedanken, aber das ist halt nicht so. Und?« |
| Er: | »Das ist jetzt schon ein bisschen problematisch.« |
| Ich: | »Wieso denn?« |
| Er: | »Das Zimmer, äh, wie soll ich sagen, das hat ein Doppelbett.« |
| Ich: | »Ach so, ja, aber das macht doch nix.« |
| Er: | »Ähähähä, also ich schlaf mit meinen Kumpels nicht im Doppelbett.« |
| Ich: | »Wir würden das Wagnis eingehen.« |
| Er: | »Soll ich doch noch mal schauen, ob’s eines mit getrennten Betten gibt?« |
| Ich: | »Nein!« |
| Er: | »Ach sooo. Jetzt versteh ich. Tschuldigung, haben wir hier nicht so oft.« |
| Ich: | »Ist schon in Ordnung.« |
| Er: | »Auf wann sind die Damen denn bestellt?« |
| Ich: | »Was?« |
| Er: | »Oh, dann war’s doch das andere, das ich mir gedacht hab.« |
Wie auch immer, nach der üblichen Rechtfertigung, er habe ja selbst schwule Freunde, das seien alles sehr herzliche Menschen, oder er habe zumindest nix dagegen – danke schön –, haben wir unser Zimmer und sind im ganzen Haus bekannt, das hat auch seine Vorteile. In diesem Fall hat es sich hinter den Hotelkulissen wohl schnell herumgesprochen, dass nun ganz »besondere« Gäste in Zimmer 22 untergekommen sind, und man scheint ein wenig zur Überkompensation des holprigen Empfangs zu neigen. Eine Stunde nach Ankunft wird uns ein Ausdruck unter der Zimmertür hindurchgeschoben, darauf vermerkt alle Göttinger LGBTQ-Szeneevents des Abends. Allerliebst.
Alle LGBTQ-Szeneevents des Abends sind übrigens:
– 20 Uhr: Karaoke-Party in
Leider haben wir schon andere Pläne, man reist ja nicht zum Vergnügen nach Göttingen.
Am nächsten Morgen betreten wir den Frühstücksraum und sind doch einigermaßen erstaunt darüber, dass sehr selbst gebastelt aussehende Regenbogenfähnchen alle Tische schmücken. Die Bedienperson, auf den ersten Blick eine Frau, empfängt uns sehr warmherzig und platziert uns am besten Tisch.
Sie: »Der beste Tisch für unsere besten Gäste. Zur Feier des Tages einen kleinen Prosecco?«
Ich: »So früh am Morgen …«
Sie: »Nur einen kleinen?«
Ich: »Also wenn schon, dann einen großen.«
»Moment, ich hab noch was vergessen«, sagt sie, verschwindet kurz, und aus irgendwelchen versteckten Boxen erschallt Musik: »
»Jetzt übertreibt sie’s aber ’n bisschen«, sagen wir zweistimmig.
Aber andererseits: Ist es nicht auch ein bisschen rührend, wie sie versucht, uns mit Musik aus unserem angenommenen angestammten Kulturkreis ein Zuhause zu bereiten? Ich habe schon mal genau das Gleiche ganz woanders auf der Welt erlebt, nämlich in der Karibik: Bei einem Katamaranausflug saß ich dort inmitten einer recht reservierten deutschen Reisegruppe, die mit der von der Bootsbesetzung laut abgespielten Reggae-Musik nicht wirklich viel anfangen konnte. Plötzlich aber setzte die Magie der Musik ein, als der DJ auf die Idee kam, für sein deutsches Publikum den Welthit »Atemlos« von Helene Fischer zu droppen. Von einer Sekunde auf die nächste: glückliche Gesichter rundum. Auch ich habe, das muss ich zugeben, richtig breit gelächelt, bevor ich über die Reling gekotzt habe.
In diesem Sinne entscheiden wir, dass es unsere Göttinger Frühstücksbetreuerin ja nur gut gemeint hat und weitere Übertreibungen eigentlich unmöglich sind. Wir geben ihr noch eine Chance.
Mit Sektkühler, einem breiten Lächeln und Zeitschriften unter dem Arm kommt sie wieder angerauscht.
»Ich hab hier was ganz Tolles für Sie. Sie mögen doch sicherlich Klatsch und Tratsch? Was frag ich? Sie Leute mögen immer Klatsch und Tratsch. Ich hab Ihnen hier die , die und die mitgebracht. Die News aus Hollywood hab ich Ihnen mit Lesezeichen markiert.«
»Das ist ja sehr lieb von Ihnen, aber wir sind jetzt nicht unbedingt die Art von …«
»Schauen Sie mal, was Jennifer Aniston gesagt hat.«
Unsere Augen leuchten...




