E-Book, Deutsch, 576 Seiten
Rivers Die Hoffnung ihrer Tochter
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-96122-170-7
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 576 Seiten
ISBN: 978-3-96122-170-7
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Francine Rivers war bereits eine bekannte Bestsellerautorin, als sie sich wieder dem christlichen Glauben ihrer Kindheit zuwandte. Danach schrieb sie 1986 ihr bekanntestes Buch, 'Die Liebe ist stark', dem noch rund 20 weitere Romane folgten. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Nordkalifornien. © Foto: Elaina Burdo
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Carolyn
Kapitel 2
Carolyn war froh, dass Papa ihr erlaubt hatte, bei Oma Marta in Murietta zu bleiben, bis Oma bei ihnen einzog. Zu Hause hätte sie wieder jeden Tag zu Mrs Haversal von gegenüber gehen müssen, bis Charlie aus der Schule und Papa von der Arbeit kam. Das war schon sehr lange so, seit Mama fortgegangen war.
Aber jetzt kam Mama wieder nach Hause, und Oma würde auch bei ihnen wohnen. Darauf freute sie sich!
Carolyn spielte mit der Stoffpuppe, die Oma ihr geschenkt hatte. Oma packte Kleider in ihren Koffer sowie Bettlaken und bestickte Kissenbezüge, zwei Decken und ein Teeservice mit rosa Rosen und kleine Silberlöffelchen in eine Kiste. Den Koffer und die Kiste verstaute Oma in ihrem neuen grauen Plymouth, dann legte sie noch zwei Kissen auf den Vordersitz, damit Carolyn etwas höher saß und während der langen Heimfahrt aus dem Fenster gucken konnte. Oma erlaubte ihr sogar, die Fensterscheiben herunterzudrehen und die Hand hinauszustrecken.
Sie bogen in ihre Einfahrt ein, als Charlie gerade aus dem Schulbus stieg. „Oma!“ Mit einem Aufschrei kam er angerannt. Oma holte den Hausschlüssel unter dem Blumentopf auf der vorderen Veranda hervor.
Im Haus war alles verändert. Carolyns Bett und ihre Kommode standen jetzt in Charlies Zimmer. Ein kleiner Tisch trennte Charlies von ihrem Bett. Sie ging zurück in ihr altes Zimmer und schaute zu, wie Oma ihren Koffer auf ein neues, größeres Bett wuchtete. Die rosa Wände waren jetzt hellgelb gestrichen, und neue Spitzenvorhänge hingen vor den Fenstern. Es stand auch eine große Kommode mit einem Spiegel in ihrem Zimmer, außerdem ein kleiner Tisch, eine Lampe und ein Schaukelstuhl mit geblümtem Sitzkissen.
„Hier werde ich es sehr bequem haben.“ Oma packte ihre Kleider aus und verstaute sie in der Kommode. Dann trat sie ans Fenster und zog die weißen Spitzenvorhänge zur Seite. „An die Nachbarn in unmittelbarer Nähe muss ich mich erst gewöhnen.“ Sie schüttelte den Kopf und wandte sich ab. „Aber jetzt mache ich mich wohl besser ans Abendessen. Dein Papa kommt bald nach Hause.“
„Kommt Mama auch?“
„Erst in ein oder zwei Tagen.“ Oma öffnete die Tür zu dem kleinen Nebenzimmer. „Hier wird sie wohnen.“
Carolyn blieb in der Tür stehen, während Oma in die Küche ging. Das Zimmer gefiel Carolyn nicht. Es wirkte kalt und fremd ohne einen Teppich auf dem Boden und ohne Vorhänge vor dem Fenster mit dem heruntergezogenen Rollo. Kein Sonnenstrahl drang in das Zimmer.
Carolyn rannte in die Küche. „Das Zimmer wird Mama nicht gefallen.“
„Aber genau so möchte sie es haben. Es ist leicht zu reinigen.“
„Mama liebt Pflanzen auf der Fensterbank. Und Blumen in der Vase.“ Auf Mamas Kommode standen immer gerahmte Fotos.
„Mamas Krankheit mag aber keine Keime.“ Oma schälte Kartoffeln.
„Was sind Keime?“
Oma lachte. „Das musst du deine Mutter fragen.“
Das Abendessen war fertig, als Papa von der Arbeit nach Hause kam. Sie setzten sich an den Küchentisch. „Wann holst du sie nach Hause?“ Oma stellte einen Krug mit Milch auf den Tisch und setzte sich auf Mamas Stuhl.
„Übermorgen.“
„Es gibt vieles, wofür wir dankbar sein können, nicht?“ Oma streckte die Hände aus, und Charlie ergriff die eine, Carolyn die andere. Papa reichte ihnen die Hände, sodass sie einen Kreis bildeten. Seit Mama weggegangen war, hatte er nicht mehr gebetet. Jetzt sprach er ein leises, ruhiges Gebet, sagte Amen und seufzte. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Oma fragte ihn nach seiner Arbeit, und Papa erzählte ein wenig von seinem Tag.
Nach dem Essen stellte Papa die Teller zusammen, aber Oma scheuchte ihn aus der Küche. „Du und die Kinder, ihr könnt spielen oder euch unterhalten oder was ihr sonst so macht. Ich kümmere mich ums Aufräumen.“
Papa ging mit Charlie nach draußen, um Fangen zu spielen. Carolyn setzte sich auf die Treppe und schaute zu.
Oma badete sie. Charlie zuerst, damit er seine Hausaufgaben erledigen konnte. Während Carolyn in der Badewanne spielte, saß Oma auf dem Toilettendeckel. Nach dem Bad drückte Oma Papa ein Buch in die Hand, das er ihnen vorlesen sollte. Carolyn saß auf seiner rechten, Charlie an seiner linken Seite. Als die Geschichte zu Ende war, gab er ihnen beiden einen Kuss und schickte sie ins Bett. Oma betete noch mit ihnen.
Mitten in der Nacht wachte Carolyn auf. Sie hatte sich daran gewöhnt, bei Oma zu schlafen. Leise stieg sie aus dem Bett, schlich durch den Flur zu ihrem alten Zimmer und öffnete die Tür. Oma schnarchte so laut, dass sie mit dem Lärm, den sie machte, bestimmt alle Monster aus dem Haus vertrieb. Vorsichtig schlich Carolyn zu Charlies Zimmer zurück und kroch wieder in ihr Bett. Während sie unter die Decke schlüpfte, schaute sie zu Charlie, der auf der anderen Seite des Zimmers schlief. Mama kam wieder nach Hause! Lächelnd schlief Carolyn wieder ein.
Unmittelbar nach dem Frühstück mit Rührei, Speck und frisch gebackenen Brötchen ging Papa zur Arbeit. Nachdem Charlie zur Schule aufgebrochen war, tippte Oma Carolyn an. „Komm, wir bürsten deine Haare und binden sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. Was meinst du?“
Sie nahm Carolyn an der Hand und führte sie in ihr Schlafzimmer. Carolyn kletterte auf ihr Bett. Während Oma ihre Haare bürstete, beobachtete Carolyn ihre Großmutter im Spiegel. Sie mochte ihre weißen Haare und ihre gebräunten, faltigen Wangen. Oma hatte warme, grün-braune Augen, genau wie Mama.
Oma lächelte sie an. „Du siehst Elise sehr ähnlich. Das war meine kleine Schwester, und sie war sehr, sehr hübsch, genau wie du.“ Nachdem alle Knoten aus den blonden Locken entfernt waren, band sie die Haare mit einem Gummiband zusammen. „So, das sieht doch viel besser aus. Meinst du nicht?“
Carolyn blickte sie an. „Wird Mama sterben?“
„Nein. Deine Mutter wird nicht sterben“, erwiderte Oma lächelnd. Liebevoll strich sie über Carolyns Haare. „Sie braucht viel Ruhe. Das ist alles. Und jetzt, wo ich hier bin, kann sie wieder nach Hause kommen und du wirst deine Mutter jeden Tag sehen.“
Oma wirkte nie unsicher oder traurig wie Papa. Sie schien nie vor etwas Angst zu haben. Oma trug eine Brille, und hinter den Brillengläsern strahlten ihre klaren, warmen Augen sehr viel Zuversicht aus.
Oma wollte eine Spazierfahrt mit Carolyn machen. „Ich muss die Gegend hier kennenlernen und herausfinden, wo alles ist.“
„Was denn alles?“
„Der Supermarkt zum Beispiel. Du und ich, wir werden auf Erkundungsfahrt gehen!“ Das klang, als sei es ein großes Abenteuer. „Wir werden eine Bibliothek suchen und uns genügend Bücher für eine ganze Woche ausleihen. Und ich möchte zur Kirche fahren und den Pastor kennenlernen. Dein Papa sagte, dass ihr schon eine Weile nicht mehr zum Gottesdienst gegangen seid, aber das wird sich jetzt ändern.“
„Wird Mama mitkommen?“
„Nein. Vorerst darf sie das noch nicht.“
Oma fuhr zügig und machte Carolyn auf dieses und jenes aufmerksam, während diese alles in sich aufsog. „Sieh nur, dort drüben. Ist es zu fassen! Eine Käserei! Wir werden ein Stück guten Schweizer Käse oder Gouda einkaufen. Und dort ist ja auch eine Bank.“
Oma führte sie zum Mittagessen in ein kleines Café aus. Carolyn durfte einen Hotdog essen und Cola trinken. Bevor sie nach Hause zurückkehrten, wollte Oma noch ins Kaufhaus. Sie schaute sich die Küchenutensilien an und kaufte ein paar Dinge ein. Dann ging es weiter zum Supermarkt. Oma füllte den Einkaufswagen. „Jetzt müssen wir aber nach Hause. Wir wollen doch da sein, wenn Charlie aus der Schule kommt.“
Oma bog in die Einfahrt ein, als eine Meute lärmender Jungen und Mädchen aus dem Schulbus drängten. „Das passt ja genau!“ Charlie kam johlend angerannt. Lachend reichte Oma ihm eine Tüte mit Lebensmitteln. „Du kannst helfen, das Auto auszuladen.“ Eine kleinere Tüte drückte sie Carolyn in die Hand. Sie selbst nahm auch eine Tüte und das Paket aus dem Kaufhaus. Zielstrebig wie ein Spürhund fischte Charlie die Packung mit den Keksen heraus, riss sie auf, schnappte sich eine Handvoll und verschwand nach draußen, um mit seinen Freunden zu spielen.
Amüsiert schüttelte Oma den Kopf. „Er erinnert mich an die Jungen aus meinem Sommerlager.“ Mit geübtem Griff riss Oma das braune Papier von dem Paket und öffnete eine große weiße Schachtel. „Sieh nur, was ich gefunden habe.“ Sie nahm eine kleine Spitzendecke und passende Servietten heraus. „Du, ich und Mama werden jeden Nachmittag zusammen Tee trinken und Leckereien essen. Seit Jahren habe ich das schon nicht mehr gemacht, aber ich habe alle Rezepte mitgebracht.“ Sie holte ein zerlesenes Buch aus ihrer Tasche und legte es auf den Tisch. Ein träumerischer Ausdruck trat auf ihr Gesicht. „Wir werden dafür sorgen, dass es ein ganz besonderes Nachhausekommen für sie wird.“
Als Papa mit Mama nach Hause kam, hielt Oma Carolyn an der Hand. Mama stieg aus dem Wagen, winkte ihnen lachend zu und verschwand sofort im Haus. Carolyn rief nach ihr und wollte ihr folgen, aber ihr Vater stellte sich ihr in den Weg. „Lass deine Mutter in Ruhe. Sie muss ins Bett.“
Mama ging durch den Flur in das kalte Zimmer mit dem seltsamen Bett und schloss die Tür hinter sich. Carolyn versuchte, ihr nachzugehen, doch Papa hielt sie fest und drehte sie zu sich herum. „Geh nach draußen spielen. Ich muss mit Oma reden. Sofort.“ Er gab ihr einen sanften Schubs.
Verwirrt setzte sich...




