E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Rivers Ein verzehrendes Geheimnis
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96122-442-5
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman.
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-96122-442-5
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Francine Rivers war bereits eine bekannte Bestsellerautorin, als sie sich wieder dem christlichen Glauben ihrer Kindheit zuwandte. Danach schrieb sie 1986 ihr bekanntestes Buch, 'Die Liebe ist stark', dem noch rund 20 weitere Romane folgten. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Nordkalifornien. © Foto: Elaina Burdo
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Kapitel 1
In den Great Smoky Mountains (Appalachen), Mitte der 1850er-Jahre
Das erste Mal sah ich den Sühnemann an dem Abend, an dem sie Oma Forbes in ihr Grab trugen. Ich war damals noch klein und Oma war meine liebste Freundin gewesen und ich war traurig und aufgewühlt.
„Schau den Sühnemann nicht an, Cadi“, hatte mein Papa gesagt, „und frage nichts.“
Es war eine strenge Ermahnung und ich versuchte zu gehorchen. Mama schimpfte immerzu über meine „elende Neugierde“. Auch Papa sagte, dass ich viel zu neugierig war und meine Nase in alles hineinsteckte. Nur Oma, die ein Herz für mich hatte, hatte mich verstanden.
Selbst meine einfachsten Fragen wurden abgewimmelt. Wenn du größer bist … Das ist nichts für kleine Mädchen … Warum fragst du so was Dummes? In dem Sommer, bevor Oma starb, hatte ich aufgehört mit dem Fragen. Wenn ich Antworten finden wollte, musste ich sie mir wohl selber suchen.
Oma war die Einzige, die mich zu verstehen schien. Sie sagte immer, dass ich Ian Forbes’ Forscherkopf hatte. Er war mein Großvater, und Oma sagte, dass sein Kopf ihn über das Meer getrieben hatte. Aber vielleicht war das noch nicht die ganze Wahrheit, denn ein anderes Mal sagte sie, dass er wegen der Landbereinigungen in Schottland ausgewandert war.
Papa sagte das auch. Sie hatten Opa von seinem Land gejagt und auf ein Schiff verfrachtet, damit die Schafe mehr Weideland hatten. Hatte er jedenfalls gehört. Mir wollte das nicht in den Kopf gehen. Wie konnten Tiere wertvoller sein als Menschen? Was Oma betraf, so war sie die vierte Tochter eines armen Kesselflickers aus Wales, und Amerika war ihre einzige Wahl gewesen. Als sie dort ankam, arbeitete sie zuerst für einen reichen Herrn in einem noblen Haus in Charleston; sie pflegte seine schöne, aber kränkelnde Frau, die er aus Caerdydd mitgebracht hatte.
Es war die Frau, die Oma so lieb gewann. Sie kam aus Wales, wie Oma auch, und hatte solches Heimweh. Oma war damals noch jung, wohl siebzehn. Leider hatte sie ihre Stelle nicht lange, denn die Dame starb im Kindbett und nahm ihr kleines Baby mit. Der Herr brauchte kein Kammermädchen mehr, und die Dienste, die er wünschte, wollte Oma ihm nicht leisten. Sie sagte nie, was für Dienste das waren, nur dass der Mann ihren Vertrag löste und Oma mitten im Winter sich selber überließ.
Es waren harte Zeiten. Oma nahm jede Arbeit an, die sie kriegen konnte, um Leib und Seele zusammenzuhalten, und dabei lernte sie Großvater kennen. Sie heiratete Ian Forbes „trotz seiner Art“. Da ich meinen Großvater nie kennengelernt habe, konnte ich diese Bemerkung nicht beurteilen, aber einmal hörte ich, wie meine Onkel über seine Hitzköpfigkeit lachten. Onkel Robert sagte, dass Großvater vor der Tür stand und auf Papa schoss – nicht einmal, sondern zweimal hintereinander. Zum Glück war er damals betrunken, und Papa war flink auf den Beinen, sonst wäre ich nie geboren worden.
Opa Forbes starb in einem Winter, bevor ich geboren wurde. Er verirrte sich in einem Schneesturm. Wo er gewesen war, sagte Oma nicht. Das war so etwas, was ich überhaupt nicht mochte – nur einen Teil der Geschichte erzählt zu bekommen und nicht alles. Ich brauchte Jahre, um mir alles zusammenzureimen, und ich erzähle lieber nicht alles.
Als ich Oma fragte, warum sie solch einen wilden Mann geheiratet hatte, sagte sie: „Er hatte Augen, so blau wie der Abendhimmel, Schätzchen. Du hast sie geerbt, Cadi, und dein Papa auch. Und du hast Ians inneren Hunger, Gott helfe dir.“
Oma sagte dauernd Sachen, die ich nicht verstand. „Papa sagt, ich schlage dir nach“, sagte ich.
Sie strich mit ihrem Handrücken über meine Wange. „Das stimmt.“ Sie lächelte traurig. „Hoffentlich nicht in allem.“ Mehr wollte sie nicht sagen zu dem Thema; manche Fragen beantwortete man wohl lieber nicht.
An dem Morgen, als sie starb, saßen wir zusammen und schauten in das Tal hinein. Auf einmal lehnte Oma sich auf ihrem Stuhl zurück und rieb ihren Arm, als ob er ihr wehtat. Mama war im Haus beschäftigt. Oma kniff die Augen zusammen, sog die Luft ein und sah mich an. „Gib deiner Mama Zeit.“
Wie vier Worte verletzen konnten. Sie ließen all das aufleben, was gewesen war und die Mauer zwischen Mama und mir gebaut hatte. Manche Dinge lassen sich nicht mehr ändern.
Ich war erst zehn Jahre alt und schon sah meine Zukunft grau aus. Ich legte meinen Kopf an Omas Knie, sagte nichts und überließ mich dem tröstlichen Gefühl, dass sie bei mir war; ich wusste nicht, wie bald ich selbst das verlieren würde. Aber wenn ich heute noch einmal zurückgehen und mein Elend von damals ungeschehen machen könnte – nein, ich würde es nicht tun. Denn Gottes Hand war über mir, obwohl ich noch nicht wusste, wer er war, ja, dass es ihn überhaupt gab.
Im letzten Jahr hatte ich gelernt, dass Tränen nichts brachten. Mancher Schmerz ist einfach zu tief. Man kann ihn nicht wegspülen, wie der Regen den Staub vom Dach spült. Kummer kennt kein Abwaschen, kein Besserwerden … kein Ende.
Oma legte ihre Hand auf meinen Kopf und begann, mich zu streicheln, als ob ich einer der Hunde wäre, die unter unserer Veranda schliefen. Ich mochte das. Manchmal wünschte ich mir, einer der Hunde zu sein, die Papa so liebte. Mama rührte mich nicht mehr an und Papa auch nicht. Sie redeten kaum miteinander und mit mir noch weniger. Nur mein Bruder, Iwan, war nett zu mir, aber auch nicht oft. Er musste Papa zu viel auf den Feldern helfen, und in dem bisschen Zeit, das übrig blieb, himmelte er Cluny Byrnes an.
Oma war meine einzige Hoffnung und sie hatte nicht mehr lange zu leben.
„Ich liebe dich, Kind. Denk dran, wenn der Winter kommt und alles kalt und tot aussieht. Es wird nicht ewig so bleiben.“
Im letzten Sommer war der Winter in Mamas Herz gekommen, und was mich betraf, war sie immer noch eine Eiswüste.
„In der Bärensuhle wuchs das Tellerkraut immer wie eine Lavendeldecke. Wenn ich mir jetzt etwas wünschen könnte, dann einen Strauß Tellerkraut.“
Das sagte Oma immer wieder: Wenn ich mir etwas wünschen könnte … Ihre Wünsche hielten mich beschäftigt, aber ich erfüllte sie ihr gern. Sie war zu alt, um weit hinauszugehen. Das Weiteste, was sie sich traute, war Elda Kendrics Haus; sie war unsere nächste Nachbarin und fast so alt wie Oma. Aber Omas Gedanken konnten über Ozeane und Berge und Täler wandern, und sie taten es oft – für mich. Es war Oma, die mir vergessene Pfade und verwunschene Plätzchen zeigte, die ich auf eigene Faust nicht so bald entdeckt hätte. Für sie stöberte ich in unseren hohen Bergen herum, sammelte liebe Erinnerungen. Und es half mir, von zu Hause wegzukommen, weg von Mamas Kummer und verschlossenem Herzen.
Es war Oma, die mich im Frühling auf den Weg nach Bloomfield schickte, um einen Korb Gänseblümchen und Engelsaugen zu sammeln. Sie zeigte mir, wie man einen Kranz daraus flocht, und legte ihn mir auf den Kopf. Sie sagte mir auch, wo der Drachenzahn lag, wo die grünen Steine wuchsen, wie in Schottland – hatte Ian Forbes jedenfalls gesagt.
Mehr als einmal war ich dort gewesen. Ich brauchte den ganzen Tag, um den Berg hinaufzusteigen und ein Stück von dem grünen Stein für Oma zu holen. Ich kam zu Seen, die von Sonnenfischen wimmelten, und zu Senken, in denen die Frösche musizierten. Ich fand sogar die Eiche, die so alt war wie die Zeit – oder zumindest so alt wie Oma.
Oma war voller Geschichten. Sie nahm sich immer Zeit dazu, goss die Worte aus wie Honig an einem kühlen Morgen, süß und schwer. Sie kannte jeden, der sich in den Felsen, Wiesen und Senken unseres hügeligen Landes niedergelassen hatte. Die Familie Forbes war früh in dieses weite graue Hochland gekommen, auf der Suche nach Land und Zukunft. Die Berge hatten Großvater an Schottland erinnert. Laochailand Kai hatte den Treck angeführt. Elda Kendric war mit ihrem Mann gekommen, der schon so lange tot war, dass Oma seinen Namen vergessen hatte. Vielleicht hatte auch Miz Elda ihn vergessen, denn sie sagte immer, dass sie nicht über ihn reden wollte. Dann waren die Odaras und Trents und Sayres und Kents gekommen. Auch die Connors und Byrneses und Smiths hatten Land gerodet. Oma sagte, wenn Opa Ian nicht gestorben wäre, wäre er mit seiner Familie nach Osten weitergezogen, nach Kentucky.
Sie hatten alle einander geholfen, wo sie konnten, hatten gegen die Wildnis, ja, gegen Gott zusammengehalten und sich eine Heimat gebaut. Stets waren sie auf der Hut vor Indianern. Wer nicht zu den anderen hielt, war auf sich allein gestellt und kam meistens um. Ein paar heirateten später hinein, bis wir ein vermischter Haufen waren, lauter Leute, die sonst keiner haben wollte.
„Wir hatten alle unsere guten Gründe, in diesen Bergen Wurzeln zu fassen und den Nebel über unsere Köpfe zu ziehen“, sagte Oma einmal. Einige kamen, um zu bauen, andere, um sich zu verstecken, und jeder tat, was er konnte, um zu überleben.
An diesem Morgen – dem Morgen, als Oma starb – ging ich zur Bärensuhle, um Tellerkraut zu pflücken. Sie wollte so gern welches haben und das war Grund genug für mich zu gehen. Es wuchs tatsächlich wie eine Lavendeldecke, und ich pflückte einen Korb voll und trug ihn zu ihr. Sie schlief in ihrem Stuhl auf der Veranda – so sah es jedenfalls aus, bis ich näher kam. Sie war weiß wie eine Hartriegelblüte, ihr Mund und ihre Augen waren weit offen. Als ich die Blumen in ihren Schoß legte, reagierte sie nicht.
Und da wusste ich, dass sie von mir gegangen war.
Es ist...




