E-Book, Deutsch, Band 106, 64 Seiten
Reihe: Tom Prox
Robby Tom Prox 106
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-4063-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sättel ohne Reiter
E-Book, Deutsch, Band 106, 64 Seiten
Reihe: Tom Prox
ISBN: 978-3-7517-4063-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eigentlich sind die Indianerkriege längst Geschichte. Und doch geraten Tom Prox und die Ghosts mitten hinein in blutige Auseinandersetzungen - nicht nur zwischen Weißen und Indianern, sondern sie müssen auch hilflos mit ansehen, wie sich die Roten untereinander bis aufs Blut bekämpfen.
Wer oder was aber hat diese furchtbaren Gemetzel ausgelöst? Was bedeutet die geheimnisvolle Botschaft, die Tom und Agentin Ruby Long bei einem ermordeten Indianer finden? Und wer ist der Mann mit dem sanftem Blick, vor dem der Tote den Captain warnen sollte?
All diese Fragen verlangen nach raschen Antworten, und die Suche danach führt die Ghosts bis tief ins Indianer-Territorium ...
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2. Kapitel
Obwohl Professor Raymond Smitton den alten Treckweg aus der Zeit der ersten, durch Arizona weiter nach Westen bis zum Großen Ozean ziehenden Pioniere genommen hatte, war es keineswegs seine Absicht gewesen, auf diesem Weg zu bleiben und bis nach Desert End zu reiten. Im Gegenteil, er legte aus bestimmten Gründen Wert darauf, diesen Ort zu umgehen und überhaupt mit keinem Bewohner dieses Wüstengrenzstriches in Berührung zu kommen.
Als er daher nach einem dreistündigen Ritt eine Wegegabelung erreicht hatte, war er nach Zurateziehung einer mit vielen geheimnisvollen roten und grünen Linien und Kreisen bedeckten Landkarte nach rechts in den Weideweg eingebogen, statt der weiter genau nach Westen laufenden Fahrstraße zu folgen. Kurz vor Sonnenuntergang hatte er dann an einer ihm geeignet erscheinenden Stelle haltgemacht und mit Hilfe seiner Begleiterin die beiden kleinen mitgeführten Zelte aufgeschlagen. Nach dem Abendessen, bei dem nicht gesprochen worden war, hatte ein »Gute Nacht!« gemurmelt und war er in einem der beiden Zelte verschwunden.
Es waren seltsam bunt gefleckte Rundzelte, die mit ihren hoch herausragenden, gekreuzten Stangen stark an die Tipis der Indianer erinnerten. Ihre scheckigen Tarnfarben passten sich der Umgebung mit ihren Baumgruppen und Hecken so vorzüglich an, dass jemand, der dicht daran vorbeikommen würde, das kleine Camp kaum entdecken würde.
Als die ersten Strahlen der Morgensonne auf die Zelte fielen, schossen die auf den Steinen spielenden Eidechsen plötzlich entsetzt ins hohe Gras, da es plötzlich in einem der Zelte merkwürdig zu rascheln begann. Gleich darauf wurde die über den Zelteingang fallende Bahn zurückgeschlagen, und ein brauner, wirrer Lockenkopf lugte vorsichtig heraus. Die nussbraunen Augen eines hübschen jungen Mädchens blickten neugierig zu den drei friedlich grasenden drei Gäulen hinüber, deren Vorderläufe gehobbelt waren. Dann schlüpfte das Girl ganz aus dem Zelt. Die Luft tief einatmend, stand es da und sah verzückt über das heckendurchsetzte, sich weithin dehnende Weideland.
Für die knapp zwanzigjährige Cilly Smitton, die bisher nur selten aus der Stadt herausgekommen war, war diese Expedition ihres Onkels, des bekannten Geologen und Forschers auf dem Gebiet der Hydrographie, ein einmaliges Abenteuer. Sie verstand an sich wenig von dieser Wissenschaft, wusste nur, dass sich dieser Zweig der Erdkunde mit dem Wasser auf der Erdoberfläche, den Meeren, Flüssen und Seen befasst.
Noch unverständlicher waren ihr die Arbeiten ihres Onkels auf dem Gebiet der Hydrologie, jener Lehre von den physikalischen Eigenschaften der Gewässer. Am meisten Interesse brachte sie noch dem entgegen, was ihr Onkel nur als ein Hobby betrachtete, der Völkerkunde. Berichte über die Gebräuche der Ureinwohner Amerikas, ihrer Kulte und Lebensweise konnte sie mit Begeisterung lesen.
Ihrem wortkargen, stets in seinen eigenen Gedanken lebenden Onkel diente sie seit dem Tode ihres Vaters als eine Art Assistentin. Er hatte ihr das Hantieren mit den Geräten zur Überprüfung der Beschaffenheit von Wasserproben beigebracht, zudem führte sie für ihn das Tagebuch und arbeitete die ihr diktierten Untersuchungsberichte aus. Auch die in kaum lesbarer Gelehrtenhandschrift verfassten Manuskripte des Professors übertrug sie in Reinschrift.
An sich waren das für ein junges Mädchen recht langweilige Arbeiten, aber der von seinen Wissenschaften völlig eingenommene Gelehrte wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass er seiner Nichte damit eigentlich zu viel zumutete. Er liebte sie auf seine Art, und diese Liebe fand ihren höchsten Ausdruck darin, dass er sie an seinen Arbeiten teilnehmen ließ.
»Guten Morgen, Onkel!«, rief sie ihm jetzt fröhlich zu, als er ebenfalls seine Plane vor dem Zelteingang zurückschlug. »Sieh nur, als hätten die Engel Tränen vergossen!« Sie deutete mit einer vagen Handbewegung auf das Glitzern in den Gräsern und Büschen.
»Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Was du für Engelstränen hältst, sind die Tröpfchen-Abscheidungen bei Abkühlung wasserdampfgesättigter Luft. Man nennt es Tau. Die Kondensationskerne ...«
»Aber Onkel, du bist doch wirklich zu prosaisch«, unterbrach sie ihn halb lachend, halb enttäuscht. »Bei deinen Tröpfchen-Abscheidungen muss ich immer an Schnupfen denken und ...«
»Du hast dich doch in der Nacht hoffentlich nicht erkältet?«, fuhr er ihr besorgt in die Rede. »Das wäre höchst fatal, denn ich wollte dir gern einen Bericht für das Tagebuch diktieren.«
»Herzlichen Dank für deine Besorgnis um ... dein Tagebuch.« Sie lächelte. »Aber ich kann dich beruhigen, einen Schnupfen habe ich nicht, aber auf jeden Fall einen gewaltigen Hunger. Du wirst doch hoffentlich nichts dagegen haben, wenn wir vor der Arbeit erst einmal an das Frühstück denken?«
»Als ich die Expedition in die Anden unternahm, damals, vor fünf Jahren, da haben wir nur einmal am Tag gegessen, und das genügte uns!«
»Mir genügt das aber nicht!«, erklärte sie energisch. »Außerdem ist es deiner Gesundheit bestimmt zuträglicher, wenn du die Mahlzeiten einhältst.« Sie hatte bereits einen kleinen Petroleumkocher entzündet, Wasser in den Aluminiumtopf getan und diesen aufgesetzt. »Es gibt Kaffee und Eier mit Schinken«, verkündete sie vergnügt.
»Na schön.« Professor Smitton ergab sich in sein Schicksal, setzte sich auf einen kleinen, zusammenklappbaren Hocker und vertiefte sich in sein Notizheft.
»Wäre es nicht richtiger gewesen, in Middlesix auf die Begleiter zu warten, Onkel?«, fragte das Girl, das kochende Wasser in die Kanne gießend.
»Wir haben schon viel zu lange gewartet«, brummte er. »Wie können meine Untersuchungen geheim bleiben, wenn sich die Menschen bereits den Kopf darüber zerbrechen, weshalb ich bei ihnen herumsitze?«
»Aber warum muss das nur alles so sein? Das verstehe ich nicht.« Sie hatte die Pfanne auf den Kocher gestellt, und der geschnittene Speck begann darin zu brutzeln.
»Das ist auch nicht nötig, Cilly. Es muss dir genügen, wenn ich dir erkläre, dass mein Vorhaben unbedingt geheim bleiben muss. Wenn jemand davon erfährt, könnte das böse Folgen haben. Du fürchtest dich doch nicht etwa?«
»Fürchten wäre zu viel gesagt, Onkel.« Sie klopfte die Eier am Pfannenrand auf und ließ den Inhalt in die Pfanne gleiten. »Es ist nur ein, wie soll ich es nennen, ein unbehagliches Gefühl, hier in der unendlichen Natur so mutterseelenallein zu sein.«
»Solange wir allein sind, ist es gut«, erwiderte er, »und ich hoffe, dass das auch so bleibt.«
»Wen und was fürchtest du eigentlich, Onkel?« Sie zog die Pfanne vom Feuer. »Breakfast ready, Sir.« Sie stellte die Pfanne mit dem duftenden Inhalt zwischen die auf dem kleinen Klapptisch stehenden Teller.
Sie aßen schweigend. Auf ihre Frage, wen und was er denn eigentlich fürchtete, hatte er nicht geantwortet. Sie wagte auch nicht, die Frage zu wiederholen. Dabei hatte sie vorhin durchaus nicht die Wahrheit gesagt. Es war nicht nur ein unbehagliches Gefühl, das sie überkommen hatte, sondern sie war in dieser Weltabgeschiedenheit von einer instinktiven Angst befallen worden. Irgendetwas schien irgendwo zu lauern, ohne dass sie sagen konnte, was es hätte sein können.
»Wir werden den Tagesbericht von gestern heute Abend mit dem heutigen zusammenfassen«, meinte Smitton etwas unmutig, als sie gefrühstückt hatten. »Jetzt werden wir rasch alles zusammenpacken und machen, dass wir weiterkommen.« Sein Zeigefinger fuhr über die Karte. »Es geht nun über Weideland bis zu einer größeren Waldung. Dort sollen Korkeichen stehen. Hier, am Bluewaterquell müssen wir dann die Kanister auffüllen. Weiter nach Westen zu wird es kein Wasser mehr geben.«
»Es ist gut, Onkel.« Sie nickte. Ihr lag die Frage auf der Zunge, was später werden sollte, ohne Wasserstellen. Sie unterdrückte aber eine Äußerung ihrer Besorgnis, weil sie wusste, dass ihr Onkel in solchen Fällen sehr unwirsch werden konnte.
Die beiden Zelte waren bald zusammengepackt und auf dem kräftigen Tragtier verstaut. Smitton löste den Pferden die Beinfesseln und sattelte sie. Immer wieder staunte das Mädchen, wie geschickt ihr sonst in praktischen Dingen recht unbewanderter Onkel sein konnte, wenn es darauf ankam, etwas zu tun, was seiner Wissenschaft diente. Er half ihr zuvorkommend in den Sattel, obwohl sie lachend erklärte, dies auch ohne seine Hilfe zu können. Schließlich hatte sie ja auf seine Anordnung Reitunterricht genommen.
Als er selbst im Sattel saß, warf er noch einen Blick in die Runde.
»Vergessen haben wir doch nichts?«, fragte er zur Bestätigung mehr sich selbst als das Mädchen. Dann setzten sich die Pferde in Bewegung.
Der Hufschlag der Pferde war kaum verklungen, als drei Männer aus dem Gebüsch traten und auf den verlassenen Lagerplatz zusteuerten.
Der vorangehende war ein Zambo, ein Nachkomme von Schwarzen und Indianern. Er hatte wulstige...




