Robertson | Ich schreibe uns ein Happy End | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Robertson Ich schreibe uns ein Happy End

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-21784-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-641-21784-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wenn das Herz Ja sagt, kann der Kopf einpacken

Nina liebt Kuchen, den kleinen Buchladen Love Books und ihren Freund Will. Vor allem aber liebt sie den Film Harry und Sally. Die sympathische, tollpatschige junge Frau hat sich deshalb in den Kopf gesetzt, die Fortsetzung zu ihrem Lieblingsfilm zu schreiben. Als sie herausfindet, dass Will sie betrügt und verlassen will – und ihr dabei noch an den Kopf wirft, sie könne nie etwas zu Ende bringen –, ist klar: Jetzt erst recht! Doch dann wird ihr ein professioneller Drehbuchschreiber zur Seite gestellt, Hipster Ben, den sie auf Anhieb nicht leiden kann. Aber ihr bleibt gar nichts anderes übrig, als sich mit ihm zu arrangieren und natürlich fliegen bald die Funken in jeder Hinsicht …

Annie Robertson hat in London eine Ausbildung zur klassischen Musikerin gemacht und danach als Assistentin für verschiedene Prominente gearbeitet. Ihre wahre Leidenschaft, das Schreiben, entdeckte sie während ihres Medizinstudiums – daraufhin entschloss sie sich, den Master in Creative Writing zu machen, und bestand diesen mit Auszeichnung. Annie Robertson lebt nun mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Schottland.
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1

»Wir haben heute früher geschlossen«, rufe ich, während ich meine Jacke an die Garderobe hänge und den Schlüssel neben Wills auf das kleine Brettchen, das im Flur an der Wand befestigt ist, lege. »Irgendwas mit Astrids Katze, der Waschmaschine ihrer Mutter und der Northern Line, die weshalb auch immer gerade nicht fährt.« Will antwortet nicht. »Hoffentlich ist die Katze nicht in den Schleudergang geraten«, füge ich hinzu und lausche in die Wohnung hinein, wo er sein könnte.

Nicht dass die Möglichkeiten besonders vielseitig wären – zur Auswahl stehen Küche/Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad, die alle von dem sargähnlich schmalen Flur in unserer Mietwohnung in Brixton, London abgehen. Will behauptet gern, dass wir in Clapham leben, aber das tun wir nicht. Wir wohnen in Brixton, nur ein paar Gehminuten von dem McDonald’s entfernt, in dem vor Kurzem ein Mann erschossen wurde, weil er sich in der Schlange vorgedrängelt hatte. Ich höre Rumoren und Murmeln aus dem Schlafzimmer.

»Will?« Als ich die Tür aufstoße, sehe ich ihn neben unserem schmalen Boxspringbett stehen und hektisch seine Jeans zuknöpfen, während eine Frau mit deutlich größeren Titten als meine eigenen ihren Tanga hochzieht.

»Nina!«

Ich starre. Überrascht. Verwirrt.

Will verpasst meinem Halloweenkostüm – Sally Albright in ihrer Annie-Hall-Phase – eine imaginäre Ohrfeige. Die Krempe meines Hutes scheint auf einmal viel zu eng zu sitzen, und ich habe das Gefühl, vom Kragen meiner Bluse erwürgt zu werden. Mit aller Macht versuche ich zu vermeiden, sie anzusehen.

Ich drehe mich auf dem Absatz um und gehe ins Badezimmer, schließe die Tür von innen ab und lasse mich auf den schief sitzenden, wackligen Toilettendeckel fallen. Um nicht länger mit anhören zu müssen, wie sie eilig ihre Sachen zusammensuchen, presse ich mir die Hände auf die Ohren, doch es hilft nichts.

»Ich ruf dich an«, höre ich Will sagen, und sie antwortet: »Es tut mir leid«, bevor die Haustür hinter ihr ins Schloss fällt.

Ohne mich von der Stelle zu rühren, lausche ich, wie Will leise über den Flur geht und nach mir Ausschau hält. Die Wohnung wirkt genauso still und leer wie an dem Tag, an dem wir die Schlüssel bekommen haben. Als wir noch am Anfang standen – ohne Möbel und ohne Erinnerungen –, und bevor wir herausfanden, dass in der Etage unter uns ein Bordell logiert.

Ich höre, wie Will in der Küche den Wasserkocher anstellt, und starre auf die Handtücher, die er achtlos auf den schwarz-weiß karierten Linoleumboden im Bad fallen lassen hat. Auf die Deoroller, Eau de Toilettes und Shampooflaschen, die überall herumstehen. Mir ist schlecht. Tränen laufen mir die Wangen hinunter. Ich wische sie mit dem Handrücken weg.

Im Spiegel über dem Waschbecken starre ich auf meine Achtzigerjahre-Frisur, meine blonden Locken sind ganz verstrubbelt. Das Sally-Albright-Make-up hat schwarze Schlieren in meinem Gesicht hinterlassen. Energisch schminke ich mich ab und rede mir ein, dass es sich um ein Missverständnis handeln muss.

Atme! Das hier passiert nicht wirklich. Alles wird wieder gut.

Auf meiner Seite des Betts, die dem Fenster am nächsten ist, neben der Kleiderstange, wo eben noch sie stand, ziehe ich mein Kostüm aus und schlüpfe in meinen Pyjama und meinen Lieblingscardigan. Den Cardigan, den Will mir vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt hat und den ich immer dann anziehe, wenn ich müde bin und mir nach etwas Kuschligem zumute ist. Ich versuche, nicht auf das zerwühlte weiße Laken und die wunderschöne Häkeldecke meiner Granny zu sehen, die wie ein buntes Bonbonpapier achtlos auf den Boden geworfen wurde. Auf einmal verspüre ich vor allem Wut darüber, dass Will sich noch nicht einmal die Mühe gemacht hat, das Chaos zu beseitigen, das die beiden veranstaltet haben.

Als ich in die Küche komme, sehe ich, dass er Tee aufgebrüht hat. Er reicht mir stumm eine der Mr.-und-Mrs.-Tassen, die wir irgendwann mal geschenkt bekommen haben.

Ich starre darauf und dann ihn an, mit einem Gesichtsausdruck, der sagt: Ist das etwa dein beschissener Ernst?

Er stellt die Tasse zurück auf die Buchenholzarbeitsplatte. »Wir haben uns beim Job kennengelernt. Sie arbeitet im zweiten Stock«, bricht er das Schweigen, als ob die Erklärung in irgendeiner Weise dazu beitragen könnte, meine Gefühle für nichtig zu erklären. Tut sie natürlich nicht.

»Wie lange schon?«, frage ich.

Ich lehne mich gegen das Sofa, das die Grenze zwischen Küche und Wohnbereich markiert, an der das verschrammte Laminat auf den fadenscheinigen grauen Teppichboden trifft, und verschränke die Arme. Früher einmal musste sich hier das Schlafzimmer des kleinen viktorianischen Reihenhäuschens befunden haben.

»Wie lange sie schon im zweiten Stock arbeitet?«, fragt er zurück, eine Hand gegen die weiße Front einer der Kücheneinbauschränke gestützt, und trinkt laut schlürfend einen Schluck Tee.

Ich verdrehe die Augen und starre ihn wütend an. Will hatte schon immer den Hang, bestimmte Situationen ohne den nötigen Ernst zu betrachten. Das war die einzige Sache, die ich witzig an ihm gefunden habe, als wir noch Freunde waren. Jetzt, fünf Beziehungsjahre später, bringt es mich nur noch auf die Palme genau wie seine nervige Schlürferei.

»Wie lange schläfst du schon mit ihr?«, frage ich in einem Ton, der deutlich macht, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt für seinen Bullshit ist.

»Ich weiß nicht genau«, sagt er und lässt sich auf den scheußlichen Wassily Chair vor dem Erkerfenster fallen, den uns die Vormieter für einen Wucherpreis verkauft haben.

»Du weißt nicht genau?«

»Nicht länger als sechs Monate«, sagt er und fährt sich mit einer Hand durch das widerspenstige blonde Haar, das so gerade nach oben wächst wie Kresse in einem Eierbecher.

Sechs Monate!

Verwundet werfe ich mich aufs Sofa.

»Warum?«, frage ich und umarme das Kissen mit den beiden applizierten Turteltauben darauf – ein Andenken an ein langes Wochenende in L’Isle-sur-la-Sorgue, an dem wir tagsüber gemeinsam die Flohmärkte nach billigen Raritäten durchforstet und nachts dunklen Rotwein zu Steaks getrunken haben. Will antwortet nicht. »Ich verdiene eine Antwort«, sage ich und starre auf den viktorianischen Kamin, der als Podest für Wills absurd großen Fernseher dient, während ich versuche, gegen die Tränen anzukämpfen.

»Wahrscheinlich weil wir angefangen haben, uns voneinander zu entfernen.«

»Und du bist kein einziges Mal auf die Idee gekommen, dass es unsere Beziehung eventuell wert sein könnte, das zu besprechen, bevor du jemand anderen flachlegst?«

»Ich hab den Sinn darin nicht gesehen.«

»Du hast keinen Sinn darin gesehen, mit mir darüber zu sprechen, dass unsere fünfjährige Beziehung aus deiner Sicht den Bach runtergeht?«

»Nein«, sagt er und versucht vergeblich, mit seinem langen, schlanken Körper eine komfortable Position in dem Designersessel zu finden. »Es kam mir wie Zeitverschwendung vor.«

»Und das soll heißen?«

»Das soll heißen, dass du immer glaubst, dass alles rosarot ist. Dass auf jeden ein Happy End wartet, genau wie in einem deiner beschissenen Nora-Ephron-Filme.« Angesichts seiner blasphemischen Äußerungen schnappe ich erschrocken nach Luft. »Happy Ends existieren nicht, Nina.«

»Doch, das tun sie.«

»Nicht auf die Art, wie du sie dir vorstellst.«

»Du glaubst also, ich stecke mit dem Kopf in den Wolken?«

»Ich glaube, dass du dir vorgenommen hast, zu einem Charakter aus einem Nora-Ephron-Film zu werden. Du weigerst dich, in der Realität anzukommen.«

»Die Realität wird vollkommen überbewertet«, sage ich trotzig.

Ich pfeffere das Kissen in eine Sofaecke und ziehe den Cardigan fester um meine Schultern. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich ihn auf links angezogen habe. Konzentriert zupfe ich an einem Faden, der sich aus der Naht gelöst hat.

»Du bist eine talentierte Autorin, aber du machst nichts daraus«, fügt er hinzu. Er klingt jetzt sanfter, beinahe taktvoll, was durchaus überraschend ist, wenn man bedenkt, dass ich ihn gerade dabei erwischt habe, wie er es mit einer anderen Frau in unserem Bett getrieben hat. »Du hast einen Abschluss in Drehbuchschreiben, einige deiner Hörfunkstücke wurden produziert, und dann hast du diese geniale Fortsetzung von Harry und Sally geschrieben und sie niemals beendet. Ich finde das frustrierend.«

»Ich weiß noch nicht, wie ich es enden lassen will«, murmle ich eingeschnappt und füge dann hinzu: »Ich wette, sie ist vollkommen in der Realität angekommen und bringt alles, was sie anfängt, auch zu einem erfolgreichen Ende.«

»Carmen ist das genaue Gegenteil von dir. Sie ist ehrgeizig, zielorientiert, und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann zieht sie es auch durch.«

Carmen!

Ihr Name bohrt sich wie ein Messer in meine Eingeweide. »Klingt nach einer beeindruckenden Persönlichkeit«, erwidere ich trocken.

Er ignoriert meinen Kommentar.

Ungläubig schweige ich. Will macht nicht einmal den Versuch, mir die bittere Pille, die er mir da serviert, ein wenig zu versüßen.

Als die Türklingel die unangenehme Stille durchbricht, springe ich auf und laufe zur Gegensprechanlage, die in der Küche an der Wand hängt.

»Hallo?«

Ein undefinierbares Gemurmel ertönt aus dem knisternden Lautsprecher.

»Falsche Wohnung«, knurre ich aggressiver als notwendig. »Erdgeschoss.«...


Karamustafa, Melike
Melike Karamustafa übersetzt seit vielen Jahren zeitgenössische Literatur aus dem Englischen und ist darüber hinaus als freischaffende Lektorin tätig. Sie lebt und arbeitet in München.

Robertson, Annie
Annie Robertson hat in London eine Ausbildung zur klassischen Musikerin gemacht und danach als Assistentin für verschiedene Prominente gearbeitet. Ihre wahre Leidenschaft, das Schreiben, entdeckte sie während ihres Medizinstudiums – daraufhin entschloss sie sich, den Master in Creative Writing zu machen, und bestand diesen mit Auszeichnung. Annie Robertson lebt nun mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Schottland.



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