Robson | Der Stoff der Träume | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

Robson Der Stoff der Träume

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-25284-7
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

ISBN: 978-3-641-25284-7
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Kleid, das ein ganzes Land zum Träumen bringt ...

London 1947: Das ganze Land fiebert der Hochzeit von Kronprinzessin Elizabeth entgegen – allen voran die beiden Freundinnen Ann und Miriam. Sie sind überglücklich, dass sie als Stickerinnen am Kleid der zukünftigen Königin mitarbeiten dürfen. Doch ihr Glück ist nicht von Dauer ...
Toronto 2016: Nach dem Tod ihrer geliebten Großmutter Ann findet die Journalistin Heather kunstvolle Stickereien, die dem Blumenmuster auf dem Hochzeitskleid der Queen entsprechen. Was hat es damit auf sich? Und warum hat Ann nie über ihr Leben in England gesprochen? Heather begibt sich auf Spurensuche nach London und stößt auf eine dramatische Geschichte …

Jennifer Robson hat Literatur und Geschichte studiert und anschließend in Oxford promoviert. Nach mehreren Jahren in der Verlagsbranche konzentriert sie sich inzwischen ganz auf das Schreiben von Romanen. Sie lebt mit ihrer Familie in Toronto und teilt ihr Arbeitszimmer mit einem Schäferhund und zwei Katzen.
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Erstes Kapitel

Ann

Barking, Essex
England
31. Januar 1947

Es war schon dunkel, als Ann um Viertel vor sechs von der Arbeit aufbrach, und noch dunkler, als sie heimkam. Normalerweise machte ihr der Fußmarsch von der Bahnstation nach Hause nichts aus. Es war nur eine halbe Meile und nach dem langen Arbeitstag eine willkommene Gelegenheit, einen klaren Kopf zu bekommen. Doch an diesem Abend war es kein angenehmer Spaziergang. Sie zitterte, die Winterkälte kroch ihr unter den Mantel, und ihre Schuhe waren so durchgelaufen, dass sie ebenso gut hätte barfuß gehen können.

Aber morgen war Samstag. Wenn ihr nach dem Schlangestehen beim Metzger noch Zeit bliebe, könnte sie beim Schuster vorbeigehen und fragen, was der dazu meinte. Für neue Schuhe hatte sie nicht mehr genügend Bezugsscheine, und diese alten hatte sie schon zwei Mal neu besohlen lassen. Vielleicht ließe sich ja auf der nächsten Tauschbörse vom Women’s Institute ein halbwegs anständiges gebrauchtes Paar auftreiben.

Sie bog in die Morley Road ein – schon lange fand sie den Weg auch bei Dunkelheit. Erst in ein paar Tagen würde wieder der Mond am Himmel stehen. Nur noch ein paar Meter, dann war sie an der Eingangstür. Sie schob sich durch den Vorhang, den sie aufgehängt hatten, damit die kalte Luft nicht eindrang, drückte auf den Schalter für die Wandleuchte und war erleichtert, als im Flur das Licht anging. Am Abend zuvor war um acht Uhr der Strom ausgefallen und erst am nächsten Morgen wieder da gewesen.

»Milly? Ich bin’s!«, rief sie ihrer Schwägerin entgegen. Das Wohnzimmer war kalt und dunkel, aber aus der Küche drang ein verlockender Duft.

»Du kommst spät!«

»Ich glaube, es sind weniger Züge als sonst gefahren. Wahrscheinlich, um Treibstoff zu sparen. Und die wenigen waren völlig überfüllt. Ich musste ewig warten, bis ich mich in einen hineinzwängen konnte.«

»Hast du gehört, dass es morgen schneien soll? Stell dir vor, wie es dann erst mit dem Zugverkehr aussehen wird.«

»Daran will ich gar nicht denken. Jedenfalls nicht, bevor ich aufgetaut bin.« Ann hängte ihren Mantel an den wackeligen Garderobenständer hinter der Tür und zog ihre Schuhe aus. »Hast du meine Pantoffeln gesehen?«

»Ich habe sie mit in die Küche genommen, damit sie schon mal warm werden.«

Ann machte das Licht aus, nahm ihre Tasche und ging durch das Wohnzimmer in die Küche.

Milly stand am Herd vor einer kleinen Pfanne. »Ich wärme nur die Kartoffeln und das Gemüse von gestern auf, zusammen mit dem letzten Stück geräucherten Schinken.« Sie wandte den Kopf und lächelte ihr flüchtig zu, dann bückte sie sich, um die Ofentür zu öffnen. »Hier«, sagte sie und reichte Ann die Pantoffeln. »Schön warm und nicht mal angebrannt.«

»Du bist ein Schatz. Oh, das fühlt sich wunderbar an.«

»Das dachte ich mir. Was hast du da?«

Ann wickelte am Spülbecken vorsichtig einen kleinen Tontopf aus einem Stück Zeitungspapier. Sie wischte ein paar Erdkrümel fort, die an seinem Rand klebten, und hielt den Topf so, dass Milly die Pflanze darin sehen konnte. »Das ist Heidekraut. Von der Queen.«

»Die Queen hat dir einen Topf Heidekraut geschenkt?«

»Nicht nur mir. Wir alle haben einen bekommen. Jedenfalls alle, die an den letzten Kleidern mitgearbeitet haben. An denen, die die Königin und die Prinzessinnen mit nach Südafrika nehmen. Es gab so viele mit Perlenstickereien, und eins – das die Queen auf dem Ball zum einundzwanzigsten Geburtstag der Prinzessin tragen wird – bestand nur aus Pailletten. Aus Millionen davon, jedenfalls kam es mir so vor. Deshalb hat sie uns aus Schottland die Pflanzen schicken lassen – als Dank.«

»Sieht ein wenig kümmerlich aus.« Milly rümpfte die Nase.

»Hast du noch nie Heidekraut gesehen, wenn es blüht? Es ist wirklich hübsch. Und das hier ist weißes. Das bringt Glück, hat eins der Mädchen gesagt.«

Milly drehte sich wieder zum Herd und rührte weiter. »Ich glaube, jetzt ist das Essen warm. Kannst du den Tisch decken?«

»Natürlich, und ich mache das Radio an. Dann können wir das Unterhaltungsprogramm und die Sieben-Uhr-Nachrichten hören.«

Die Königsfamilie war an diesem Tag nach Südafrika aufgebrochen, und ihr Abschied würde bestimmt unter den ersten Meldungen sein. Als Königspaar stieg man nicht einfach mit zwei Koffern in ein Taxi. In der Zeitung hatte gestanden, die königliche Reise würde mit einer Wagenparade beginnen, vom Buckingham Palace zur Waterloo Station. Dort würden der König, die Königin, die Prinzessinnen und Dutzende Bedienstete in den Zug nach Portsmouth steigen, natürlich erst nach einer offiziellen Abschiedszeremonie mit wichtigen Honoratioren. Und die Kleider, Kostüme und Roben, an denen Ann mitgearbeitet hatte, würden mit auf diese denkwürdige Reise gehen.

Sie war schon seit elf Jahren bei Mr Hartnell angestellt. Eigentlich lange genug, um kein Herzklopfen mehr bei dem Gedanken zu bekommen, dass die Queen von ihr gefertigte Kleidungsstücke trug. Ihre Freunde und Verwandten ließen sich längst nicht mehr davon beeindrucken. Manche, so wie Milly, stöhnten sogar nur noch, wenn Ann voller Begeisterung und mit leuchtenden Augen nach Hause kam und davon erzählte.

Aber sie konnte es nicht ändern, es war nun mal aufregend. Sie war ein einfaches Mädchen aus Barking. Mädchen wie sie arbeiteten normalerweise ein paar Jahre in einer Fabrik oder einem Laden, bevor sie heirateten und ein Leben als Ehefrau und Mutter begannen. Doch durch irgendeine Laune des Schicksals war sie bei einem der berühmtesten Modeschöpfer Englands gelandet, hatte es in seiner Stickerei zu einer der höchsten Positionen gebracht und half bei dem Entstehen von Kleidern, die Millionen Menschen bewunderten.

Es war aber auch wirklich ein Zufall gewesen. Als sie mit vierzehn mit der Schule fertig gewesen war, hatte sie kein Geld für eine Sekretärinnenschule oder dergleichen gehabt und war deshalb zur Arbeitsvermittlung gegangen. Dort legte ihr eine grauhaarige Frau eine Liste von freien Stellen vor, die sie alle schrecklich fand: Lehrling in der Textilfabrik, Kindermädchen, Kellnerin. Sie drehte das Blatt um, wollte schon aufgeben, als sie es sah:

Ausbildung:

Lehrstelle als Stickerin

im Zentrum von London

»Das hier«, sagte sie schüchtern und deutete auf den Eintrag. »›Lehrstelle als Stickerin‹. Was bedeutet das?«

»Genau das, was da steht. Lass mich mal die Kennzahl sehen. Richtig … Das ist bei Hartnell, wo die Queen ihre Kleider nähen lässt.«

»Die Queen?«

»Ja«, sagte die Frau, jetzt in schärferem Ton. »Bist du nun interessiert oder nicht?«

»Das bin ich. Nur … ich kann nicht besonders gut nähen.«

»Aber lesen kannst du, oder? Da steht ›Ausbildung‹.« Die Frau schrieb eine Adresse auf und schob ihr den Zettel über den Schreibtisch. »Ich rufe dort an und sage Bescheid, dass du kommst. Sei morgen um halb neun da. Pünktlich. Und achte darauf, dass deine Hände sauber sind.«

Sie tanzte förmlich nach Hause, voller Freude über die großartigen Neuigkeiten – London! Die Queen! – , aber ihre Mutter seufzte nur. »Du, Stickerin? Du kannst ja kaum einen Faden in eine Nadel einfädeln. Sie werden bald merken, was für ein Schlamassel du anrichtest, und dann setzen sie dich vor die Tür. Lass es dir gesagt sein.«

»Aber ich habe einen Termin, und die Frau bei der Arbeitsvermittlung wird mir keine weiteren Adressen geben, wenn ich nicht hingehe. Bitte, Mum. Sonst bekomme ich Schwierigkeiten.«

»Wie du willst. Aber danach kommst du sofort wieder nach Hause. Es passt mir gar nicht, dass du einen ganzen Tag in London herumspazierst, wenn es hier so viel zu tun gibt.«

Am nächsten Morgen brach sie in der Dämmerung auf, weil die frühen Züge einen Sixpence weniger kosteten, und saß dann in den Berkeley Square Gardens auf einer Bank, bis Big Ben von Westminster her Viertel nach acht schlug. Dann setzte sie ihren Weg fort, der an einem Hinterhaus in einer ruhigen Straße in Mayfair endete, und drückte mit zitternden Fingern auf die Klingel.

Ein Mädchen in ihrem Alter öffnete ihr die Tür. »Guten Morgen.«

»Guten Morgen. Ich komme wegen der Stelle. Als Stickereilehrling?«

Das Mädchen lächelte, nickte und erklärte, dass sie hier richtig sei, und dann führte sie Ann nach oben zur Leiterin der Stickerei.

Miss Duley sah sie prüfend an und erkundigte sich nach ihrer Erfahrung, was das Sticken betraf, und Ann antwortete ängstlich, aber ehrlich, dass sie keine habe. Aus irgendeinem Grund schien das Miss Duley zu gefallen. Mit leisem Lächeln und einem Kopfnicken teilte sie Ann mit, sie könne am kommenden Montag anfangen und würde in der Woche sieben Shilling bekommen.

»Sieben Shilling?«, spottete ihre Mutter später, obwohl das mehr war, als Anns Freundinnen in ihren neuen Anstellungen als Ladengehilfinnen oder Stenografie-Lehrmädchen verdienten. »Die werden schon für die Zugfahrt draufgehen.«

Am folgenden Montag fing Ann bei Hartnell an, und die ersten Monate vergingen wie im Flug. Später erfuhr sie, dass Miss Duley sie genommen hatte, gerade weil sie noch nichts konnte und deshalb auch keine Gewohnheiten hatte, die sie ablegen musste. Bei Hartnell tat man alles auf eine ganz bestimmte Weise, und zwar auf dem höchsten Niveau. Alles, was nicht perfekt war, wurde nicht akzeptiert. Eine Perle oder ein Stich am falschen Platz oder gar eine Paillette, die...


Robson, Jennifer
Jennifer Robson hat Literatur und Geschichte studiert und anschließend in Oxford promoviert. Nach mehreren Jahren in der Verlagsbranche konzentriert sie sich inzwischen ganz auf das Schreiben von Romanen. Sie lebt mit ihrer Familie in Toronto und teilt ihr Arbeitszimmer mit einem Schäferhund und zwei Katzen.



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