E-Book, Deutsch, 286 Seiten
Reihe: beHEARTBEAT
Roche Die Whiteoak-Saga. Ein neues Leben
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-8790-2
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 286 Seiten
Reihe: beHEARTBEAT
ISBN: 978-3-7325-8790-2
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Finch Whiteoak feiert seinen einundzwanzigsten Geburtstag. Der sensible junge Mann kann damit endlich sein Erbe antreten, das ihm seine Großmutter Adeline hinterlassen hat. Auf einer Reise nach England lernt er die ungewöhnliche Sarah Court kennen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Aber auch sein bester Freund Arthur ist von der jungen Frau verzaubert ...
Die epische Familiensaga schildert das Leben, die Liebschaften und die Intrigen der kanadischen Whiteoak-Dynastie, deren Herz das Jalna-Haus ist.
'Ein neues Leben' ist der dritte Band der Saga, der in einer früheren Ausgabe unter dem Titel 'Jalna-Saga. Finch im Glück' erschienen ist.
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
Weitere Infos & Material
1. Von gleichem Blut
Nicholas und Ernest Whiteoak tranken gemeinsam Tee in Ernests Zimmer. Ernest glaubte, dass eine seiner Erkältungen im Anzuge sei, und fürchtete die Zugluft der Treppen und der Halle unten bei solchem Wetter. So hatte er sich den Tee heraufbringen lassen und Nicholas gebeten, ihm dabei Gesellschaft zu leisten. Sie saßen vor dem offenen Feuer, den Teetisch zwischen sich. Ernests Katze dicht neben seinen Füßen, die Pfoten unter der Brust, die Augen ins Feuer blinzelnd. Und Nicholas’ Terrier Nip lag zusammengerollt neben ihm und zuckte im Traum. Die Brüder teilten ihre Aufmerksamkeit zwischen dem Tee und ihren Lieblingen.
»Er ist nicht ganz in Ordnung«, bemerkte Nicholas und sah auf Nip herunter. »Er hat nicht gebettelt.«
Ernest sah den kleinen Hund kritisch an. »Er hat nicht genug Bewegung. Er geht dir ja kaum von der Seite. Er wird fett. Das ist das Schlimmste bei Terriers. Sie werden immer fett. Wie alt ist er?«
»Sieben. In seinen besten Jahren. Ich finde nicht, dass er fett ist«, sagte Nicholas gereizt. »Es liegt nur daran, wie er daliegt. Vielleicht ist sein Magen etwas aufgebläht.«
»Es ist Mangel an Bewegung«, widersprach Ernest. »Sieh bloß Sascha an. Sie ist vierzehn. Sie ist so elegant wie nur je. Aber sie geht auch auf die Minute spazieren, selbst wenn es geschneit hat. Erst heute Morgen brachte sie eine Maus aus dem Stall. Warf sie sogar in die Luft und spielte damit.« Er reichte hinunter, und seine weißen Finger lagen einen Augenblick auf dem weichen Fell der Katze.
Nicholas antwortete ohne Begeisterung. »Ja. Katzen sind ebenso. Die würden sich beiseitedrücken und Mäuse fangen oder eine ekelhafte Liebesaffäre haben, selbst wenn ihr Herr im Sterben läge.«
»Sascha hat keine ekelhaften Liebesaffären«, antwortete sein Bruder hitzig.
»Na, und das letzte Junge, das sie gekriegt hat?«
»Daran war nichts Ekelhaftes.«
»Findest du? Sie kriegte es auf deiner Bettdecke.«
Ernest spürte, dass er zornig wurde, und das war schlimm für seine Verdauung. Die Erinnerung an den Morgen, wo Sascha mit einem Triumphmaunzen ihr Junges auf sein Bett geworfen hatte (und er lag noch darin), ging ihm auf die Nerven. Er zwang sich, kalt zu antworten. »Ich sehe nicht ein, was Saschas Junges damit zu tun hat, dass Nip fett wird.«
Nicholas hatte sein letztes Stück Zwieback in den Tee gebröckelt. Nun fischte er es mit seinem Teelöffel heraus und schluckte es sofort herunter. Warum tat er das nur, grübelte Ernest. Wie oft hatte ihre alte Mutter sie gerade durch diese Gewohnheit geärgert! Und nun machte es Nicholas genauso! Und er war sich dessen auch ganz bewusst. Um seinen Mund unter dem hängenden grauen Schnurrbart war ein halb humoristischer und halb beschämter Zug. Ernest hatte schon häufig bei Nicholas diese Neigung beobachtet, ihre Mutter nachzuahmen, seit sie vor anderthalb Jahren gestorben war. Und das reizte ihn jedes Mal. Es war etwas ganz anderes, wenn eine uralte Frau – tatsächlich über hundert, was man nie von ihr gedacht hätte – eingeweichtes Brot isst, als wenn ein großer kräftiger Mann, der mindestens noch ein Dutzend eigene Zähne im Mund hat, sich so unpassend benimmt. Wenn Nicholas nur Mamas prachtvolle Eigenschaften nachahmen wollte, die sie wirklich reichlich hatte – aber nein! Er musste immer nachmachen, was er selbst zu ihren Lebzeiten am meisten beklagt hatte. Und dabei hatte er genug Ähnlichkeit mit ihr – die struppigen Brauen, die lange Court-Nase –, um in Ernest ein merkwürdig quälendes Gefühl zu wecken.
Er sah seinen älteren Bruder streng an, um diesen heimlichen Schmerz zu verstecken. »Weißt du nicht, dass dir das sehr schadet?«
Nicholas knurrte: »Muss es tun – Zähne werden wackelig.«
»Unsinn.« Ernests Ton wurde scharf. »Ich sah dich gestern recht zähes Fleisch essen ohne irgendwelche Schwierigkeiten.«
»Würgte es mühsam herunter.«
Sie waren reichlich über siebzig, und der Schatten ihrer herrischen alten Mutter beherrschte sie noch. Schneeflocken trieben gegen die Fensterscheiben und blieben kleben. Sie schlossen die Welt aus und hingen wie dicke weiße Decken um das Haus. Eine Menge Schnee glitt vom Dach herunter und fiel mit weichem Plumpsen auf das Fenstersims.
Eine glühende Kohle rollte aus dem Kaminfeuer auf den Teppich. Ernest stieß sie mit dem Fuß weg, griff dann nach der Feuerzange und packte sie. Der kleine Hund sprang entsetzt aus dem Wege. Marschierte dann mit beleidigtem Gesicht auf Ernests Bett zu und sprang steifbeinig auf die Decke. Sascha jedoch stand nur auf mit einem gleichgültigen Seitenblick nach der Kohle und räkelte sich mit den Vorderpfoten an Ernests Stuhl empor. Ernest legte die Zange hin und kraute sie im Nacken.
»Die fragt gerade viel nach dir«, sagte Nicholas. »Sie lässt es sich nur gefallen, dass du ihr Sklave bist. Genauso gut ließe sie sich von mir den Nacken krauen.«
Ernest murmelte: »Sascha, Sascha!«, und kitzelte sie vertraulich hinter den Ohren.
»Pass auf! Du kriegst Haare an die Finger. Willst du dies Stück Pflaumenkuchen?«
»Sie haart nicht.« Er rieb seine Finger aneinander. »Nicht ein Haar. Nein. Nein. Nimm du den Pflaumenkuchen. Mir bekommt er nicht.« Aber trotzdem sah er verlangend nach dem Stück Kuchen.
Während Nicholas die äußere Ähnlichkeit mit der Mutter geerbt hatte und etwas von ihrem resoluten Eigenwillen, hatte Ernest nur ihre Vorliebe für gutes Essen geerbt, aber ohne ihre glänzende Verdauung.
Nicholas machte gierige Augen.
»Willst du die Hälfte essen?«
»Ja, ich nehme die Hälfte.« Ernest schnitt den Kuchen in zwei Teile. Er brach sein Teil in kleine Stücke. Aber Nicholas stopfte sich gleich ein großes Stück in den Mund und kauend murmelte er: »Die Katze reißt dein Stuhlpolster in Stücke, hör bloß, wie sie daran kratzt.«
Ernest sagte gereizt: »Ich wollte, du riefst Nip von meinem Bett herunter. Er liegt gerade auf meiner neuen Decke. Er könnte doch Flöhe haben.«
»Jedenfalls kriegt er da oben kein Junges.«
Ernest erhob die Stimme: »Ich mag das nicht, bitte, ruf ihn.«
Nips Herr brummelte: »Fang die Spinne, Nip!«
Der Terrier hob den Kopf, blinzelte skeptisch durch seine struppigen Haare und rührte sich nicht.
»Nützt nichts«, sagte Nicholas.
»Versuch’s mal mit Katzen.«
»Katzen!«, schrie Nicholas. »Stallkatzen!«
Nip ertrug Sascha. Aber Stallkatzen ertrug er nicht. In ein wütendes Haarbündel verwandelt, schoss er vom Bett hinunter auf den Fensterstuhl. Er sprang hoch und versuchte durch den Schnee zu sehen, der an den Scheiben klebte. Er sah oder er glaubte zu sehen, dass eine schwarze Gestalt auf dem Bauche über den weißen Hof schlich. Er schoss vom Fensterplatz hinunter und raste an die Tür. Er stieß ein ohrenzerreißendes Geheul aus. Nicholas kraspelte aus seinem Stuhl hoch und hinkte eilig durch das Zimmer. Nip wartete außer Atem, dass die Tür aufgemacht wurde, und attackierte den Türpfosten mit den Zähnen. Und schließlich, als die Tür sich öffnete, schoss er den Gang entlang und die Treppe hinunter.
Die Brüder hörten die Haustür zuschlagen. Jemand hatte ihn hinausgelassen. Sie horchten gespannt, ob es jemand war, der gerade durch die Halle ging, oder einer, der von draußen kam. An diesen langen Winternachmittagen, wo es so früh dunkel wurde, war ihnen das Kommen und Gehen der jüngeren Familienmitglieder von höchstem Interesse.
Sie hörten kräftige Schritte die Treppe heraufkommen. Nicholas, der noch an der Tür stand, sah erfreut der sich nähernden Gestalt entgegen. Es war der älteste der fünf Neffen, Renny Whiteoak, und er brachte eine Welle von so eisiger Luft mit sich, dass Ernest abwehrend die Hand hob.
»Bitte, Renny, komme mir nicht zu nah, eine von meinen Erkältungen ist im Anzug.«
»Soso. Das ist ja schlimm.« Er kam ins Zimmer, ließ zwei schneeige Fußspuren auf dem Teppich und stellte sich auf die andere Seite des Kamins. Er sah mitleidig zu seinem Onkel hinunter. »Wie hast du das nur gekriegt?«
»Ich habe nicht gesagt, dass ich es schon habe«, sagte Ernest gereizt. »Ich sagte nur, dass es im Anzug ist.«
»Was du brauchst, ist eine gute Dosis Rum und heißes Wasser.«
»Das sage ich ihm ja gerade«, stimmte Nicholas zu und ließ sich schwerfällig wieder in seinen Stuhl hinunter, der unter ihm knarrte. »Aber er macht immer mehr Gerede um seine Verdauung als um seine Gesundheit.«
»Meine Verdauung ist meine Gesundheit«, sagte sein Bruder. »Aber lass uns von was anderem sprechen. Du warst es, der Nip hinausgelassen hat, nicht wahr?«
»Ja. Ihr hättet sehen sollen, wie er durch die Schneewehen hinter einer von den Stallkatzen herjagte und dabei heulte wie irrsinnig.« Nicholas lächelte zufrieden....




