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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, Band 9, 171 Seiten
Reihe: Krimi-Klassiker
Rodrian Krimi-Klassiker - Band 9: Der Tod hat hitzefrei
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95520-496-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 9, 171 Seiten
Reihe: Krimi-Klassiker
ISBN: 978-3-95520-496-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Irene Rodrian, 1937 in Berlin geboren, wurde u. a. mit dem Edgar-Wallace-Preis für ihren Krimi »Tod in St. Pauli« und dem Glauser Ehrenpreis für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet. Seither hat sie sich mit zahlreichen Bestsellern in einer Gesamtauflage von über zwei Millionen und als Drehbuchautorin (»Tatort«, »Ein Fall für Zwei«) einen Namen gemacht. Irene Rodrian lebt heute in München. Bei dotbooks erschienen bereits Irene Rodrians Barcelona-Krimis über das Ermittlerinnen-Team Llimona 5 »Schöner sterben in Barcelona«, »Das dunkle Netz von Barcelona«, »Eisiges Schweigen« und »Ein letztes Lächeln« sowie die Reihe »Krimi-Klassiker«, die folgende Bände umfasst: »Tod in St. Pauli«, »Bis morgen, Mörder«, »Wer barfuß über Scherben geht«, »Finderlohn«, »Küsschen für den Totengräber«, »Die netten Mörder von Schwabing«, »Ein bisschen Föhn und du bist tot«, »Du lebst auf Zeit am Zuckerhut«, »Der Tod hat hitzefrei«, »... trägt Anstaltskleidung und ist bewaffnet«, »Das Mädchen mit dem Engelsgesicht«, »Vielliebchen«, »Handgreiflich«, »Schlagschatten«, »Über die Klippen«, »Bei geschlossenen Vorhängen«, »Strandgrab« und »Friss, Vogel, oder stirb«. Die Webseiten der Autorin: www.irenerodrian.de und www.llimona5.com Die Autorin im Internet: www.facebook.com/irene.rodrian
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Studienrat Joachim Zauner
Montag, 26. Mai
11.30 Uhr
Auf dem Gang kam ihm Luda entgegen. Er hatte gehofft, mit einem Nicken an ihm vorbeizukommen, aber Luda hielt ihn auf. »Ach, Herr Zauner … Stimmt das?«
»Was denn?« Er spürte, daß seine Stimme nicht ganz gehorchte, und räusperte sich.
»Soll einen Unfall in der Pause gegeben haben. Eschlbeck aus der 9 b. Hat einen Mordsverband.«
Zauner konnte nur nicken. Wenn es ein Bruch gewesen wäre, dann hätten sie ihn doch sicher in eine Klinik geschafft oder heimgeschickt. Vielleicht … Luda beugte sich zu ihm vor; er roch nach Pfefferminz.
»Scheint mir, als hätten Sie gewisse Disziplinarschwierigkeiten.«
»Tut mir leid«, murmelte er, »aber meine Klasse …« Er schob sich an Luda vorbei. Aber je näher er dem Klassenraum 207 kam, um so langsamer ging er. Luda hatte nie Schwierigkeiten. Der zog seinen Stoff durch, und sogar, wenn er Latein hatte, hörte man kaum je einen Mucks in seinen Klassen. Zauner wußte nicht, ob irgend jemand ihn besonders gern mochte, aber Schwierigkeiten hatte er nie. Und so wie der aussah, würde der seine Sonntagabende auch kaum über unkorrigierten Schulaufgaben verbringen. Vielleicht, weil ihm alles wurscht und egal war. Das half. Er hatte beim Bund so einen Typ auf der Stube gehabt. Dem hatte nicht einmal Henrick, dieser Schleifer, etwas anhaben können. An dem war alles abgelaufen. Zauner ging noch langsamer. Blieb vor 207 stehen. Es war vollkommen ruhig hinter der Tür. Auffällig ruhig. Gefährlich ruhig. Seine Hand zitterte so, daß er erst beim zweiten Versuch die Klinke zu fassen bekam und die Tür öffnen konnte.
Sie saßen alle aufgereiht in ihren Bänken, die Hände vor sich, die Gesichter wie glatte Ovale zur Tafel erhoben. Er stolperte zu seinem Tisch und ließ sich auf den Stuhl fallen. Niemand sprach, niemand bewegte sich. Sein Blick blieb wie angezogen an dem leuchtendweißen Fleck hängen, dritte Reihe links von hinten. Bensch oder Hiergeist, der Hausmeister, hatte Eschlbecks Ärmel abgeschnitten und einen dicken Verband angelegt; außerdem trug er den Arm in einer weißen Schlinge, und sein Gesicht schien nur mit äußerster Mühe ein Grinsen zu verbergen.
»Wir kommen heute …« Er mußte sich räuspern und fing noch einmal von vorn an. »Wir kommen heute …«
Ein Arm ging in die Höhe. Randak. Aber er schien ganz friedlich zu sein.
»Ja?«
»Herr Studienrat, wir haben eine Frage.«
Also doch wieder ein Trick. Kein Mensch in dieser Schule sagte Herr Studienrat. Er wartete.
Randak lächelte. »Unsere Aufgabe. Die 14 Tage sind rum.«
Zauner begann zu schwitzen. Der mit eingetrocknetem Kaffee verklebte Stapel steckte in seiner Tasche in einer hellgrünen DIN-A5-Mappe. Er wagte nicht, sich auszudenken, was geschehen würde, wenn er ihn herausholte. Ein Teil der Texte war unleserlich, ein Teil nur verschmiert, aber alles sah grauenhaft aus. Wenn er die Arbeit wiederholen ließ, gab es einen Aufstand, und wenn er sie herausgab, auch. Sie warteten nur darauf. Randak und Genossen. Die, die den Stein geworfen hatten. Und denen er nie etwas beweisen konnte.
»Haben Sie sie dabei?« fragte Randak, immer noch freundlich.
Auch die anderen blieben noch ruhig, aber es konnte nicht mehr lange dauern. Er hatte vorgehabt, die Arbeiten erst am Ende der Stunde herauszugeben, damit er dann gleich verschwinden konnte, aber so, er tastete nach seiner Tasche und hörte schon das leise Murmeln, das einen Sprechgesang einzuleiten pflegte. Und dann begann es zu dröhnen:
»Zu-rück-ge-ben! Zu-rück-ge-ben! Zu-rück-ge-ben …« Immer lauter und immer rhythmischer. »Zu-rück-ge-ben!«
Er konnte nicht anders. Er wußte, daß seine Stimme versagen würde. Stumm öffnete er die Tasche. Sofort wurde es still wie in einer Kirche. Schwerfällig holte er die hellgrüne Mappe heraus. Noch immer war es totenstill. Er klappte den Deckel herunter und nahm die Blätter heraus. Ein Seufzen ging durch den Raum, sonst nichts. Er konnte nicht aufstehen, er konnte nicht unter sie treten.
»Koglmann«, sagte er leise.
Der Junge in der ersten Reihe stand auf und nahm ihm den Stoß mit den Arbeiten aus der Hand, um sie zu verteilen. Er hatte auf einen Sturm der Empörung gewartet, auf Brüllen und Schreien, nichts davon geschah. Nur Murmeln und Tuscheln, einzelne Ausrufe wie: »So eine Sauerei!« oder »Pfui, Teufel!« und unverständliche Kraftausdrücke. Aber die Erleichterung blieb aus. Die Reaktion, auf die er sich eingestellt hatte, wäre normal gewesen; diese unterdrückte Unruhe aber bedeutete Gefahr. Er sah einzelne Gruppen miteinander flüstern, die Arbeiten vergleichen, kurz zu ihm hinschauen, dann wieder die Köpfe zusammenstecken. Sie redeten nicht über die Noten, sondern nur über die braunen Flecken. Und die Sache mit Eschlbeck.
Zauner klappte das Englischbuch auf und beugte sich darüber, um sie nicht länger ansehen zu müssen, diese Ansammlung von hellen Ovalen, von 46 Gesichtern, die sich ähnlicher wurden, je länger sie vor ihm saßen, mit den harten Zügen sehr junger Erwachsener oder zu schnell gealterter Kinder. Es war ihm unmöglich, sich selbst vor 15 Jahren auch nur in einem von ihnen wiederzuerkennen. Und doch sah er sich gleichzeitig mit da unten sitzen, ausgeschlossen und doch einer von ihnen … Der asphaltierte Hof hinter der Kaserne. Der Schmerz in seinen aufgeschürften Händen und die Feuchtigkeit, die langsam durch den Stoff seines Kampfanzuges drang. Fersen runter! Die Stimme von Henrick. Laut, hell, durchdringend, metallisch. Eine Stimme, die den ganzen Zug auf den Boden werfen konnte, in den Schlamm oder in den Sand … Er holte Luft und rollte das r im Hals, um »Ruhe!« zu brüllen, als er merkte, daß es vollkommen still war. Die Ovale waren alle auf ihn gerichtet, exakt hintereinander, nebeneinander. Mehr sah er nicht, er ahnte nur, daß etwas los war, dann fiel sein Blick auf Jutta Ehgartner, weil sie direkt vor dem leuchtendweißen Verband von Eschlbeck saß.
Er sah ihren langen Hals, halb vom Haar bedeckt, ihre etwas vorstehenden Schultern, das knochige Brustbein und dann den hellblau geblümten Büstenhalter. Darunter der flache Bauch. Sonst nichts. Er sah jetzt auch, warum ihre Schultern vorstanden, ihre Ellbogen standen seitlich in spitzen Winkeln ab, ihre Hände waren hinter dem Rücken verborgen, kamen nach vorn, und gleichzeitig senkte sich der Büstenhalter und gab zwei kleine, spitz nach vorn gerichtete Brüste frei, kaum heller als die übrige Haut, mit hellbraunen Augen in der Mitte, die ihn anstarrten.
Er schluckte, spürte ein Würgen im Hals, wollte etwas sagen, schnappte nur nach Luft und schaffte es endlich, den Blick abzuwenden. Sonja Klotz. Ihre Brüste waren größer, aber auch flacher, die Innenhöfe fast rosa.
Sein Kragen drückte ihn, der Bund seiner Hose begann zu spannen. Margit Mytzka. Ihre Brüste waren voll und prall wie bei einer reifen Frau, braungebrannt wie der übrige Körper, leicht nach unten geneigt, wo sich zwischen zwei Bauchfalten eine Kette silbern glitzernder Schweißtropfen gebildet hatte … Kichern, Bewegung; die anderen Mädchen hoben die Arme, zogen sich T-Shirts über den Kopf, knöpften Blusen auf, hakten Büstenhalter ab, wenn sie überhaupt welche anhatten. Kleine Schreie wurden laut.
Seine Erregung wich; an ihre Stelle trat panikartige Angst. »Aufhören!« krächzte er, nachdem er sich zweimal geräuspert hatte.
Es ging unter in den lauter werdenden Ausrufen: »Huch!« – »Loslassen!« Schrill: »Neiiin!«
»Ruhe!« brüllte er endlich. »Sofort wieder anziehen!«
Der Lärm vor ihm steigerte sich zu einem unverständlichen Gewirr von skandierten Rufen »Aus-zie-hen! – Aus-zie-hen!« und dem Durcheinander von theatralisch übertriebenen Angstschreien.
Er wußte, was geschehen würde, und er wußte auch, daß er nichts dagegen unternehmen konnte. Er hörte sich selbst mitbrüllen in dem vergeblichen Versuch, Henrick auf dem Kasernenhof zu imitieren; er hörte seine eigene Stimme umkippen, als wäre er noch im Stimmbruch, und spürte die Hysterie in sich aufsteigen und überhandnehmen.
Er hörte weder das Klopfen noch das Aufgehen der Tür. Erst als er seine eigene Stimme kieksig und unmännlich und völlig allein in der plötzlichen Stille wiederfand, drehte er sich um.
Hiergeist stand in der halboffenen Tür, eine Hand noch auf der Klinke, die andere in der Tasche seines Hausmeisterkittels zur Faust geballt, das Gesicht hochrot unter dem weißen Stoppelhaar, den Mund tonlos Vokale formend.
Zauner fiel in sich zusammen, fühlte jede Energie aus sich herausströmen zusammen mit dem Schweiß, der sein Hemd durchweichte. Er hielt sich am Tisch fest, um nicht darunterzukriechen. Hiergeist bewegte noch immer die Lippen, allmählich kamen Töne heraus, setzten sich zu gestammelten Worten zusammen.
»Äh … wollte nur … wegen dem Lärm … Beschwerde … ähem … Verzeihung!« Er wich zurück, immer noch vor sich hin murmelnd, und zog die Tür fast lautlos hinter sich ins Schloß.
Aus, dachte er. Geschlagen … Als er den Kopf hob, erwartete er die Blicke der Sieger wie ein Märtyrer die heidnischen Pfeile. Nichts geschah. Er sah 46 Schüler, die sich eifrig über ihre Englischbücher beugten, die 18 Mädchen von ihnen hatten Blusen oder T-Shirts an, einige sahen zu ihm her, aber in ihren Gesichtern war nur das scheue Lächeln von Kindern, die nichts anderes erhoffen als ein Lob, eine Anerkennung.
Seine Finger blieben an den Seiten des Buches kleben; seine Stimme zitterte, und es dauerte fast...




