Röckle | Die Wehmutter vom Bodensee | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Röckle Die Wehmutter vom Bodensee

Kriminalroman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96041-740-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-96041-740-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein historischer Kriminalroman vor wunderschöner See-Kulisse. Bodensee 1323: Kaum entdeckt die junge Hanna in Konstanz ihre Liebe zum Hebammenamt, schreckt ein heimtückischer Giftmord die Reichsstadt auf. Die Mörderin ist schnell gefunden, ebenso schnell ihr Motiv: Missgunst. Aber Hanna glaubt nicht an die Schuld der Edelfrau und beginnt mit Nachforschungen. Bald schon taucht sie tief in die Intrigen ein, die in den Gassen von Konstanz gesponnen werden. Doch ihre Neugier entgeht auch den wahren Mördern nicht, und Hanna muss um ihr Leben bangen ...

Doris Röckle, geboren 1963, lebt mit ihrer Familie in Vaduz im Fürstentum Liechtenstein. Neben ihrer Tätigkeit im medizinischen Sektor gehört ihre Leidenschaft dem Schreiben historischer Romane. Von der Mystik des Alpenrheintals und seinen Burgen gefangen, lässt sie das Mittelalter nicht mehr los.
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Prolog

Mit gesenkten Lidern saß die Frau am Tisch, demütig, fast schon eine Spur zu unterwürfig. Verstohlen musterte sie den Mann gegenüber. Im Schein der beiden Talglampen wirkte sein Gesicht wächsern. Die Schweißperlen auf seiner Stirn waren nicht zu übersehen. Hin und wieder entfuhr ihm ein Stöhnen, besonders dann, wenn er versuchte, einen Bissen gewaltsam hinunterzuschlucken.

»Soll ich nicht doch den Medicus rufen?«, fragte die Frau. Ihre Mundwinkel zuckten. Die Frau drehte den Kopf zur Seite, damit der Mann ihr triumphierendes Lächeln nicht bemerkte.

»Der Medicus kann bestimmt helfen«, betonte sie noch einmal mit zuckersüßer Stimme. Sie war sich sicher, dass er diesen Rat ausschlagen würde, wie er es immer tat. Er hielt den Stadtmedicus für einen Scharlatan, und daraus machte er auch keinen Hehl. Seit der Medicus seinen Nierenstein für einfaches Bauchgrimmen gehalten hatte, wollte er nichts mehr mit dem angesehenen Gelehrten der Stadt Konstanz zu schaffen haben.

Und in der Tat, die Antwort des Mannes war ein abwehrendes Heben seiner linken Hand. Die Schmerzen drohten ihn zu übermannen, das sah man ihm an, doch er hielt sich noch immer aufrecht. Einzig den Löffel hatte er zur Seite gelegt. Der Hunger war ihm endgültig vergangen, und dies trotz der reich gedeckten Tafel. Seine Finger umklammerten die Kante des Tisches jetzt mit solcher Härte, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten.

»Noch ein wenig vom guten Würzwein?«, lockte die Frau abermals. »Ich habe in der Küche Anweisung gegeben, eine zusätzliche Gabe Kräuter hineinzutun. Kümmel und Anis werden bestimmt helfen.«

Der Mann knurrte und stöhnte gleichzeitig, doch griff er sich folgsam den Weinbecher, der seit einer Ewigkeit unberührt vor ihm stand. Bevor er jedoch einen Schluck nahm, hielt er sich das Gebräu vor die Nase und roch daran.

Die Frau erschrak. Das Lächeln in ihrem Gesicht erstarrte. Hatte sie sich einen Fehler erlaubt? Trotz der aufkeimenden Angst schaffte sie es, eine Träne herauszudrücken, die ihr nun über die Wange lief.

»Die Reise dauerte dieses Mal einfach zu lange«, hüstelte sie mit tränenerstickter Stimme. »Zudem ist doch bekannt, dass es in den Tavernen am Rhein nur so von Wanzen und Flöhen wimmelt.« Die Frau schnupfte. »Bestimmt rührt diese unsägliche Krankheit daher. Man hört ja allerlei Schauergeschichten aus diesen Spelunken.«

»Das Mitgefühl tut gut«, stöhnte der Mann, wobei er sich den schmerzenden Bauch rieb. Ein letztes Zögern, dann gab er sich einen Ruck und leerte den Becher in einem Zug. Das Gebräu linderte die bohrenden Schmerzen tatsächlich.

Er suchte wohl bereits nach Worten des Dankes, als der Schmerz mit solcher Härte zurückkehrte, dass er seinen Unterleib mit beiden Armen umklammerte.

»Es wird besser sein, ich begebe mich heute früher zu Bett«, presste er mit zittriger Stimme hervor. »Sollte das vermaledeite Brennen und Stechen nicht besser werden, befolge ich den Rat wohl doch und werde morgen beim Stadtmedicus vorstellig, auch wenn ich den Kerl noch immer für einen Quacksalber halte.«

Die Frau fühlte seinen Blick auf sich. Es kostete sie erdenkliche Mühe, ihren Schreck hinter einem wehmütigen Lächeln zu verbergen. Sie nickte und erhob sich. »Wir werden gleich morgen früh nach ihm schicken lassen«, sprach sie leise. »Doch jetzt hilft sicher ein wenig wohlverdienter Schlaf.«

Ihre Beine fühlten sich mit einem Mal schwer wie Blei an, als sie auf die Tür zuging. Sie war jetzt überzeugt, dass er etwas ahnte. Nie und nimmer durfte der Medicus das Haus betreten, solange er noch am Leben war. Sie musste es zu Ende bringen, hier und heute, wollte sie nicht im Mörderturm landen.

Als die Frau nach der Magd rief, haftete ihrer Stimme eine Brüchigkeit an, die ihr sonst völlig fremd war. Ihr ganzes Inneres war in Aufruhr. Sie vermochte das Zittern ihrer Hände kaum unter Kontrolle zu bringen.

»Hilf dem Herrn in seine Schlafkammer«, fuhr sie die herbeieilende Magd an, wobei sie den Kopf in den Nacken warf und die Lippen fest aufeinanderpresste.

Als die Magd die Tür zu seiner Schlafkammer mit dem Ellenbogen aufstieß, schlurfte der Mann kreidebleich, doch erleichtert auf seine Bettstatt zu. Stöhnend fiel er auf die Matratze, die Augen starr auf den roten Baldachin aus schwerem Samt gerichtet. Auf ein Zeichen seiner Gattin verließ die Magd die Kammer.

»Ich werde dir aus den Kleidern helfen«, sagte die Frau mit einer Strenge, die keinerlei Widerrede duldete. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Es war ein Kraftakt gewesen, den fülligen Körper die Treppe hochzuschleppen. Sie vermochte den Widerwillen kaum noch zu verbergen, den sie beim Anblick ihres Gatten empfand. Die blutunterlaufenen Augen, die hängenden Tränensäcke und dazu der penetrante Gestank, der ihm seit Tagen aus dem Maul kroch. Sie hielt es keinen Tag länger mit diesem Mann aus. Mit hartem Griff öffnete sie die Hornknöpfe seines Wamses.

Während sich der Mann aus seiner Kleidung schälte, drehte sie sich um und fingerte einen kleinen Leinenbeutel aus der Falte ihres Gewands. Sie schluckte hart, als sie das weiße Pulver in den Weinbecher kippte. Ihre Hände begannen abermals zu zittern, und doch schaffte sie es, sich mit einem Lächeln umzudrehen.

»Trink, mein Lieber. Der Wein wird dir helfen, einzuschlafen. Ich habe Anweisung gegeben, ihn mit etwas Baldrian zu versetzen«, drängte sie. Sie hielt den Becher dicht an die Lippen ihres Gatten.

»Mir ist speiübel«, stöhnte der Mann, wobei er seine Augen schloss und heftig würgte.

Durst war das Letzte, was er in diesem Augenblick verspürte, das wusste die Frau, doch er würde sich ihr nicht widersetzen, und wenn doch, dann würde sie ihm das Gebräu eigenhändig in den Rachen schütten.

Arsenik zu bekommen war leicht und es im Wein aufzulösen noch leichter. Das Gift war geruch- und geschmacklos. Ratten tötete es ebenso wie Menschen. Seit Wochen verabreichte sie ihm nun schon das Gift, stets in kleinen Portionen, um keinen Verdacht zu erregen.

Das Dahinsiechen des reichen Kaufmanns sorgte für Gesprächsstoff in den Gassen von Konstanz, und es ging das Gerücht, dass er diese Krankheit an der Messe in Köln aufgelesen habe. Sie selbst wandelte seit Wochen mit zur Schau getragener Verzweiflung über die Marktplätze der Stadt, jammerte vor den reichen Matronen mit Tränen in den Augen und besuchte jeden Sonntag die Messe im Münster, wo jedermann sie eifrig betend sehen konnte. Das Gesicht hielt sie stets unter einem Schleier verborgen.

Ein Stöhnen vonseiten der Bettstatt holte sie aus ihren Gedanken. Der Mann hatte den Becher artig ausgetrunken und ließ sich eben auf das Kissen zurücksinken. Er zog sich das leinene Laken bis unter das Kinn.

Die Frau wartete. Die Gesichtsfarbe ihres Gemahls glich mittlerweile dem Leinentuch, das seine Blöße bedeckte. Und nun weiteten sich plötzlich seine Augen. Hilfesuchend griff er sich an die Kehle. Die Frau wich einen Schritt zurück– keinen Wimpernschlag zu früh, denn schon ergoss sich ein Schwall Erbrochenes über die Bettstatt. Sie nestelte sich ein Tüchlein aus ihrem Gürtel und hielt es sich vor die Nase. Der säuerliche Gestank brachte sie zum Würgen. Tränen des Ekels liefen ihr über die Wangen.

Sie hasste diesen Mann, seine Vergänglichkeit ebenso wie sein großspuriges Gehabe vor den Stadträten. Einzig und allein wegen des unermesslichen Vermögens hatte sie ihn damals umgarnt. Sie schüttelte den Gedanken an die letzte gemeinsam verbrachte Nacht mit einem angewiderten Lächeln ab. Es würde bald ein Ende haben.

Der Mann krümmte sich mittlerweile wie ein sich windender Wurm. Sein Stöhnen erfüllte die Kammer. Als ihm ein Furz entwich, fraß sich der Gestank in Windeseile in die Ritzen der Wände. Das Gift zeigte Wirkung. Die Frau drehte sich auf dem Absatz um und ging mit erhobenem Haupt aus der Kammer. Draußen lehnte sie sich gegen die Tür und schloss die Augen. Jetzt hieß es warten.

Aus der Gasse drangen kaum noch Geräusche ins Haus. Die Dämmerung war über Konstanz hereingebrochen. Bald würden die Nachtwächter ihre Runden drehen und die letzten Herumtreiber nach Hause scheuchen. Die Frau sehnte sich mit jeder Faser ihres Körpers nach der Dunkelheit.

Ein schepperndes Geräusch aus der Küche ließ sie zusammenfahren. Sie straffte ihren Rock, griff sich die Talglampe von einer der Truhen und ging langsam auf ihre eigene Kammer zu. Da ihr Gatte seit Langem wie ein Berserker schnarchte, hatte er ihrem Drängen nach einer eigenen Kammer bereits kurz nach der Vermählung zugestimmt. Dass dies nicht der einzige Grund für ihre selbst gewählte Einsamkeit war, hatte er nie erraten. Wie dumm dieser Mann doch war.

Als die Tür hinter der Frau zufiel, konnte sie sich eines erlösenden Seufzers nicht erwehren. Dies war ihr Refugium. Langsam wanderte ihr Blick über die schemenhaft zu erkennenden Truhen und Kästen. Die filigranen Schnitzereien waren im schwachen Schein der Talglampe kaum auszumachen, ebenso wenig die kostbar ausgestattete Bettstatt, doch sie waren da und zeigten, dass sie zur besseren Gesellschaft von Konstanz gehörte. Bald würde sie allein über den unermesslichen Reichtum verfügen.

Schwer atmend griff sie sich den Rosenkranz und trat ans Fenster. Morgen würde sie all ihre Kräfte brauchen, um ein eindrückliches Schauspiel zu liefern. Unwillkürlich ertasteten ihre Finger die kostbaren Glasperlen. Erlösung, Erlösung, Erlösung– das Wort wiederholte sie so lange, bis das Jammern aus der gegenüberliegenden Schlafkammer immer leiser wurde und schließlich völlig versiegte.

Lange Zeit stand die Frau nur da und schaute hinaus in die Dunkelheit. Die Stille...


Doris Röckle, geboren 1963, lebt mit ihrer Familie in Vaduz im Fürstentum Liechtenstein. Neben ihrer Tätigkeit im medizinischen Sektor gehört ihre Leidenschaft dem Schreiben historischer Romane. Von der Mystik des Alpenrheintals und seinen Burgen gefangen, lässt sie das Mittelalter nicht mehr los.



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